Die Uhr steht auf „Zwei vor Zwölf“: Frieden! Jetzt! Überall!

„Frieden! Jetzt! Überall!“ bietet eine erlesene Auswahl an unterschiedlichen Beiträgen zum Thema Frieden. Obschon die anfänglich apokalyptische Untergangsstimmung den ein oder andern Leser abschrecken mag, lautet das Fazit: Lesen lohnt sich!

Obschon der Vietnamkrieg 1975 endete, die Mauer 1989 fiel, sich die Beziehungen zwischen den USA und Russland entspannten: Seit Januar 2019 steht die Washingtoner „Doomsday Clock“, die Weltuntergangsuhr (Atomkriegsuhr), wieder auf „Zwei vor Zwölf“.

Von einer außenpolitisch recht entspannten Lage wie noch im Jahre 1991 („Siebzehn vor Zwölf“) kann nicht mehr die Rede sein. Dass der Aufstieg Chinas zur Weltmacht für diesen kritischen Uhrstand einen wichtigen Faktor darstellt, ist unbestritten, ebenso wie die treibende Rolle der US-amerikanischen und europäischen Wirtschaftspolitik.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Peter Brandt (Professor für neuere Geschichte), Reiner Braun (Co-Präsident des Internationalen Friedensbüros) und Michael Müller (Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschlands) den Sammelband „Frieden! Jetzt! Überall! – Ein Aufruf“ mit 50 Beiträgen von Michail Gorbatschow über Daniel Ellsberg bis hin zu Ernst Ulrich von Weizsäcker herausgeben. Es ist eine inhaltliche Melange unterschiedlicher Sichtweisen, Herangehensweisen und Schlussfolgerungen, die sich mit dem Frieden auseinandersetzen.

Linker Populismus?

Dementsprechend überrascht nicht der inhaltlich sozialdemokratische Grundtonus mit einer gewissen Sentimentalität für die Zeiten Willy Brandts der einzelnen Beiträge, ebenso, mit Verlaub gesprochen, die anfänglich hysterische Weltuntergangsstimmung.

Das lässt die Frage aufkommen: Versuchen sich hier die Herausgeber in Anlehnung an das rechte politische Spektrum an einem „linken Populismus“? Wenn ja, so glückte dieser Versuch nicht wirklich. Greta Thunbergs „Panik“-Aufruf ist kein guter Berater für solch einen komplex zu verstehenden Problemaufriss wie die Stabilisierung des Friedens. Hierfür bedarf es eines kühlen Kopfes.

Doch was alarmistisch-populistisch beginnt, pendelt sich mit den folgenden Beiträgen in einen überwiegend sachgerechten Diskurs ein. Für hitzige Gemüter die notwendige Chance, sich abzukühlen. So erfährt der Leser, dass sich die Autoren nicht nur kurzsichtig und monothematisch mit der Abrüstung auseinandersetzen, sondern den Frieden aus einer vielschichtigen, themenübergreifenden Perspektive betrachten.

Friede als Friede im weiten Sinne

Neben geschichtlichen Umrissen, die die Beziehungen zwischen Europa, den USA und Russland verständlicher machen (Krumeich, Brandt, Biermann), sich ebenso auf die Friedenspolitik Willy Brandts mit seinem „Wandel durch Annäherung“ fokussieren (Hofmann), ergänzen außen- und sicherheitspolitische Perspektiven (so etwa van den Heuvel, Voges) das Bild.

Die Themenschwerpunkte zum Klimawandel (wie Scheffran, Weiger), zum INF-Vertrag (Gorbatschow, Biermann, Arbatov), zum Selbstverständnis von Europa (so etwa Barley, Hofreiter, Hoffmann) sowie zum Verhältnis Europas zu Russland (wie Platzeck, von Lucke) ergänzen das Gesamtpaket.

Obschon manche Beiträge enttäuschenderweise wie eine Kurzfassung des ideologischen Parteiprogramms (Hofreiter, Trittin, Wagenknecht) wirken, zeichnen sich überraschenderweise andere Politiker (Gabriel, Wieczorek-Zeul) durch ihre geglückt distanzierte Darstellungsweise aus. Wissenschaftliche Stimmen (Dörre, Krumeich) und aktivistische Beiträge (van Ooyen, Biermann/Zimmermann) runden diesen Wechsel von rationaler und emotionaler Melodie ab.

Abwechslungsreiche Beiträge

Ein ähnliches Muster zeigt sich auch bei der inhaltlichen Qualität der Beiträge. Manche Standpunkte mit Sätzen wie „Wäre es zu dem äußerst knappen Brexit-Votum gekommen, wenn das Gedächtnis 2014 für einen großen Akt europäischer Gemeinschaft genutzt worden wäre, (…)?“ wirken im Gesamtkontext undurchdacht und spekulativ (de la Croix). Andere Positionierungen hingegen nehmen kein Blatt vor den Mund, benennen die Dinge beim Namen, stützen sich auf gut begründete, argumentativ schlüssige Aussagen.

Zum einen wäre da die klare Ausweisung Deutschlands als Gewinner der europäischen Politik: „Die EZB-Politik des billigen Geldes und der Run auf deutsche Staatspapiere im Zuge der Eurokrise ermöglicht die deutsche Politik der Null“ (Voges); zum anderen wären dort klare, umsetzbare Lösungsvorschläge für notwendig radikal-gesellschaftliche Veränderungen, wie

  1. eine soziale Umverteilung innerhalb von Nationen,
  2. „Zeit für mehr Muße und Arbeit an der Demokratie“,
  3. die Veränderung des Wachstumsbegriffs und
  4. eine globale Ausweitung einer demokratisch-nachhaltigen Transformation (Dörre).

Aber das sind nur ausgewählte Auszüge.

Fazit zu Frieden! Jetzt! Überall!

Obschon der Leser aufgrund der Auswahl der Autoren weiß, was ihn erwartet, selten eine Überraschung erlebt, lohnt sich die Lektüre des Buches. Die einzelnen Beiträge bieten eine ganze Palette unterschiedlicher Ansichten und Herangehensweisen, wie der weltweite Frieden bewahrt und erweitert werden kann.

Dass mancher Autor mal mehr, mal weniger lösungsorientiert und zielführend berichtet, kann getrost übersehen werden, so bietet es dem Leser kurze, durchaus notwendige, intellektuelle Verschnaufpausen.

Festzuhalten bleibt: Herausgekommen ist eine lesenswerte, bunte Melange von Beiträgen, die sich auf eine vielfältige, multiperspektivische, ganzheitliche Art und Weise mit der Bewahrung des Friedens auseinandersetzen. Wer sich nicht vor konträren Ansichten scheut, sein außenpolitisches Wissen auffrischen möchte und mit anfänglicher Hysterie umgehen kann, dem sei diese Lektüre wärmstens empfohlen.


Informationen zum Buch

Frieden! Jetzt! Überall! – Ein Aufruf (Buchcover: Westend Verlag)

Frieden! Jetzt! Überall! – Ein Aufruf
Seiten: 336
Erscheinungsdatum: 1. Auflage: 2. Juli 2019
Herausgeber: Michael Müller, Peter Brandt, Reiner Braun
Autoren: Unter anderen Michail Gorbatschow, Stephan Hebel, Katarina Barley, Frank Bsirske, Daniela Dahn, Reiner Hoffmann, Götz Neuneck, Daniel Ellsberg, Sigmar Gabriel, Horst Teltschik, Sahra Wagenknecht, Ernst Ulrich von Weizsäcker, Willy van Ooyen, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Hubert Weiger
Verlag: Westend Verlag
ISBN: 978-3-86489-249-3


Symbolfoto: Katy Anne (Unsplash.com) und Westend Verlag

Deborah Ryszka (Jahrgang 1989), M. Sc. Psychologie. Nach universitär-berufspsychologischen Irrwegen in den Neurowissenschaften und Erziehungswissenschaften nun mit aktuellem Lager in der universitären Philosophie. Sie versucht sich so weit wie möglich der gesellschaftlichen Direktive einer hemmungslosen öffentlichen Selbstdarstellung bis hin zur Selbstaufgabe zu entziehen. Mit Epikur ausgedrückt: „Lebe im Verborgenen. Entziehe dich den Vergewaltigungen durch die Gesellschaft – ihrer Bewunderung, wie ihrer Verurteilung. Lass ihre Irrtümer und Dummheiten und gemeinen Lügen nicht einmal in der Form von Büchern zu dir dringen.“

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2 Responses

  1. Morgentau sagt:

    Zitat:
    „Die einzelnen Beiträge bieten eine ganze Palette unterschiedlicher Ansichten und Herangehensweisen, wie der weltweite Frieden bewahrt und erweitert werden kann.“

    Entweder habe ich nicht aufgepasst, oder in einer anderen Welt gelebt.
    Wann hatten wir denn mal weltweiten Frieden, der bewahrt werden konnte?

    Hier mal zum Nachlesen die JÄHRLICHEN Kriege des 20.Jahrhunderts.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Kriegen_und_Schlachten_im_20._Jahrhundert

    An die des 21.Jahrhunderts werden sich hoffentlich noch einige erinnern?
    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Kriegen_und_Schlachten_im_21._Jahrhundert

    Bemerkenswert dabei, wie ein Online Lexikon die Kriegsverbrechen des Westens im 21. Jahrhundert dabei geschickt herausfiltert und als Bürgerkriege tarnt!

    Aber selbst die „geistlichen Führer“ waren nicht friedlich. Wie schlecht muss es dann um des Volkes Geist bestellt sein, im ewigen Kampf um gut und böse? Wird es je gelingen sich mit dem eigenen Dämon zu versöhnen, oder werden wir auf ewig im Kampf der Schatten unterliegen?
    Und genau da liegt auch die Lösung: Versöhnung statt Kampf. Erst die Versöhnung mit sich selbst und dann mit denen, die eigentlich nur unser Spiegelbild sind.

  2. Claus Meyer sagt:

    Frieden ist wohl nur zu schaffen unter einer direkten Demokratie. Es sind doch immer die einzelnen Machthaber, die Kriege angezettelt haben. Leider sind alle Bürger immer so in die Abhängig gedrängt worden, sodass sie den eigentlichen Krieg führen mussten, wogegen die Anführer von ihrem Sessel aus den Fortgang verfolgen konnten. Wir alle müssen uns für die direkte Demokratie einsetzen.

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