Die CDU und die Rückkehr der politischen Gosse

Was erfrischt, ist die Impertinenz, die nach langer Zeit endlich wieder unverblümt in die CDU eingekehrt ist. Viele werden es vermisst haben.

Die Konkurrenz auf der rechten Seite hat nun dazu geführt, dass die im öffentlichen Diskurs von Frau Merkel an den Tag gelegten Tischsitten mit einer Geste abgelegt worden sind.

Nicht, dass die Politik sich geändert hätte: Die war in den ganzen Jahren immer reaktionär und vor allem auf Stillstand gebürstet, was weit mehr – ja, so schlimm ist es! – als die jetzige Klimafrage als Hypothek für die Nachgeborenen wirken wird.

In einer Zeit des permanenten, rapiden Wandels der Produktions- und Lebensverhältnisse hängte sich dieses politische Ensemble buchstäblich kollektiv an den Uhrzeiger, um die Zeit anzuhalten. Bewirkt hat es nichts, außer, dass der Gemütszustand der Gesellschaft pathologische Züge erreicht hat.

Die CDU und die politische Gosse

Doch zur wiedererlangten, unvergleichlichen Dreistigkeit zurück: In diesen Tagen hatte der als juvenil und kritisch bezeichnete Generalsekretär im TV die Möglichkeit, ausführlich zur Person Ursula von der Leyen Stellung zu beziehen.

Zum einen brachte er es fertig, die in allen Ämtern, die sie bisher bekleidet und in denen sie einen grottenschlechten Job gemacht hat, als eine geniale Überfliegerin darzustellen, die wir leider verlören, sollte sie das Amt der EU-Präsidentin erlangen. Er klang schon wie ein professioneller Grabredner.

Zum anderen appellierte er an den Nationalstolz, den er leider vermisse, wenn zu der Personalie kritische Stimmen aufkämen. Besser geht es nicht! Die politische Gosse ist zurück, und zwar direkt in der Chefetage.

Das rechte Blendwerk

Der zweite Fall klang für ungeübte Ohren subtiler, kam ja auch von einer Frau, war aber ebenso tolldreist die des Jokers Paul Ziemiak. Er kam von der Parteivorsitzenden mit dem Schnellfeuerkürzel AKK direkt. Sie warnte die SPD davor, eine Verfassungskrise heraufzubeschwören, wenn sie die abgehalfterte und von den Nationalisten in der EU abhängige Kandidatin nicht mit stützten. Was sie damit meinte, ist klar: Unterstützt ihr das rechte Blendwerk nicht, dann bricht die Regierungskoalition.

Verfassungskrise hieße, Neuwahlen stünden an. Das soll die SPD das Fürchten lehren, weil die gegenwärtigen Prognosen genauso schlecht sind wie die CDU-EU-Spitzenkandidatin.

AKK weiß anscheinend, wie man die SPD bedroht, das hatte selbst das eigene Mitglied und Präsident von Angela Merkels Gnaden Frank-Walter Steinmeier bereits getan, um sie zurück in diese Regierung zu drängen. Wie die SPD damit umgeht, bleibt ihr überlassen.

Fresst das Brot der Opposition

Kürzlich schrieb ein Kolumnist in einem der alten Blätter, auch die FDP existiere seit Jahrzehnten mit Margen zwischen 5 bis 10 Prozent und habe es immer wieder in die Regierung und zu Ministerämtern gebracht. Wer das will, der soll jetzt von der Leyen auch noch unterstützen, vielleicht kommt es dann ja auch einmal zu einem Einigungsparteitag mit der FDP.

Wer das nicht will, der bereite sich endlich einmal darauf vor, das harte, aber süße Brot der Opposition zu fressen, um nach alter Haltung und politischen Feingespür zurückzufinden.

Die CDU hat sich hingegen endlich von innen heraus reformiert. Sie ist wieder das, was sie zum Ende der 1960er Jahre bereits war: ein Verein von Revanchisten [1], der für die Großindustrie alles tat und sich in der Sittenlehre von unzüchtigen, aber gut verkleideten Kanzelpredigern leiten ließ. Es ist ihr zu danken. Denn endlich bekommen aufrichtige Menschen wieder Feindbilder, die die Rage nähren. Das hat etwas Gutes, weil es das Phlegma in Bedrängnis bringt.


Quellen und Anmerkungen

[1] Revanchismus bezeichnet eine politische Einstellung, die die gewaltsame Rache (frz. revanche) für militärische und politische Niederlagen oder die Annullierung von Friedensbedingungen oder -verträgen zum Ziel hat. Vertragsrevisionismus bezeichnet das Streben nach friedlichen und einvernehmlichen Veränderungen von Friedensbedingungen.


Foto: Joanna Kosinska (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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1 Response

  1. Claus Meyer sagt:

    Hat nicht diese Art Demokratie ausgedient. Da zeigt das Postengeschacher der EU, dass es sich doch um eine Scheindemokratie handelt. Wollen wir wirklich, dass alles gegen die Wand gefahren wird. Wir sollten endlich feststellen, das wir so viele sind und so die Macht hätten, wieder mit Hochtung gegenüber der Natur das Miteinander selbst in die Hand zu nehmen. Dazu ist nur die direkte Demokratie in der Lage. Dann hat das Parteiengezänk ein Ende und jeder Abgeordnete entscheidet nur nach seinem Gewissen. Eine Mehrheitsentscheidung Vieler erzeugt sicher bessere Lösungen als die Macht Einzelner, wie heute täglich sichtbar. Das verständnis dafür muss wie bei einem Schneeballsystem vervielfältigt werden.

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