Das Mega-Abenteuer Künstliche Intelligenz

Deutschland wartet. Entweder auf irgendeine gesamteuropäische Lösung oder auf das Ende der GroKo oder auf neue Gesichter oder auf neue Ideen. In genau diesem Sinn machte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier gerade eben bei seinem Disney- und Bildungstrip durch das mittlerweile museale Silicon Valley die brandaktuelle deutsche Haltung zum Thema KI deutlich:

„Bevor man Entscheidungen trifft, wie wir den Rückstand aufholen, sollte man sich einen Kompass schaffen [1].“

In Sachen Big Data-Reise haben wir es uns zwischen zwei Polen gemütlich gemacht. Die KI-Lobbyisten nerven mit hohlen Parolen der Sorte: Die digitale Transformation muss ganz oben in Politik und Industrie angesiedelt werden. Man muss den Menschen abholen, denn Angst ist ein schlechter Berater. Einzelne Bullshit Jobs werden sicherlich verloren gehen, aber an anderer Stelle entstehen ja neue.

Demgegenüber fordern Altlinke, Romantiker und Abermillionen sympathisch überforderter Zeitgenossen: weg mit KI, Strahlung, FB- & NSA-Kontrolle, Deppen-Apps und dem drohenden kybernetischen NWO-Sklavenstaat. Wie üblich versucht man bei uns im Dienst der allgemeinen Beruhigung, einen Kompromiss zu finden. Nur bei KI funktioniert das GroKo-Valium nicht.

Nichts illustriert unser Dilemma besser als der Umgang mit dem autonomen Auto, bei dem eine Menge Hightech aus Deutschland kommt. In Kalifornien reagiert man mit ungläubigem Staunen, dass wir im weiteren Verlauf dann ein vorhandenes Auto nehmen und dieses irgendwie mit Radar und Sensoren vollstopfen. Beim autonomen Auto aber geht es darum, in allen Aspekten radikal anders zu denken und zu agieren, und zwar beim Fahrzeugbau, bei Batterien, bei allen Fragen der Technologie bis hin zu Design und Marketing.

In München hat sich Wolf Reiser mit Gernot Brauer getroffen, dessen zu Jahresbeginn erschienenes Buch „Die Bit-Revolution – Künstliche Intelligenz steuert uns alle in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft“ seither für reichlich Diskussionsstoff sorgte.

Wolf Reiser: Der oberste Wirtschaftsmann Deutschlands besuchte eben Palo Alto [2], ohnehin eine Art IT-Akropolis, denn die Musik spielt längst in Israel, London, China. Doch selbst dort hinken wir den abgehängten Bildern hinterher. Befindet sich Deutschland im Zustand digitaler Realitätsverweigerung?

Gernot Brauer: Absolut und das hat Züge von Absurdität. Nun steuert uns längst schon die Künstliche Intelligenz, doch die deutsche Politik nimmt diese digitale Revolution einfach nicht zur Kenntnis. Wir lieben Nebenplätze: Allein für das Ende der Kohleverstromung und ihren Ersatz brauchen wir mindestens 20 Jahre und 40 Milliarden Euro. Unterdessen ist der wahre Umsturz längst im Gang.

Ein kleines Beispiel für die Sintflut, die wir übersehen: Wenn in ein Fußballstadion alle zwei Sekunden Wasser getropft würde, erst ein Tropfen, dann zwei, vier, acht und immer so weiter die doppelte Menge – wie lange würde es dauern, bis die riesige Betonschüssel voll ist? Nicht einmal zehn Minuten. Die digitale Revolution hat aber weder eine Art „Friday for Future“-Lobby noch machen die Parteien den Eindruck, die ganze Dramatik begriffen zu haben.

Was für Chancen haben wir zwischen dem Silicon Valley und China – außer ethischen Beiträgen?

Wir leben in der Tat zwischen America first und China first und haben wenig Aussicht, dass sich das im Zeitalter der künstlichen Intelligenz daran noch irgendetwas ändert. Allein IBM hält mehr als tausend KI-bezogene Patente, Microsoft etwa 500, Google 200, China und Japan rangieren mit je circa 750 KI-affinen Patenten auf Platz 2 annähernd gleichauf.

Wir haben Siemens und SAP, für die ich eine Lanze breche, denn man hat dort KI-eigene Leitlinien entwickelt und für den ethischen Umgang mit KI einen großartigen Beirat geschaffen. Und ja: Auch die seit 2018 gültige europäische Datenschutzgrundverordnung fußt wesentlich auf deutschen Gesetzen. Es hat sich ein Ethik-Kodex entwickelt, auf den sich schon Gerichte bezogen haben.

Ist der absehbare Verlust von Millionen Jobs hierzulande ein Thema oder ist es besser, die Bevölkerung nicht zu verunsichern?

Bis 2035 wird die KI in den USA jeden zweiten Job kosten, im Finanzbereich, der Verwaltung, Logistik und dem Speditionswesen. Höher noch ist der Wegfall bei Datenerhebung und Datenverarbeitung, bei Maschinenbedienern und vergleichbaren Routinejobs. Wer immer behauptet, dass der Anteil der Hochqualifizierten von 40 auf 50 Prozent steigen wird, weiß, dass das den gewaltigen Aderlass nicht wettmacht.

In China wird der Jobverlust in dieser Zeit fast 400 Millionen Menschen betreffen, in Indien 230 Millionen, in Japan und Russland sind es jeweils 35 und in Deutschland wird es 18 Millionen Stellen betreffen. Dass es ein Klimakabinett gibt, aber kein Digitalkabinett ist für mich ein unfassbarer Skandal.

Wenn so viele Jobs wegfallen: Wer steuert den Ablauf? Wer finanziert ihn und was bedeutet das für uns?

Es gibt – leider – nur eine Antwort: lebenslanges Lernen. Nahezu jeder wird künftig einige Zeit des Jahres auf der Schulbank oder in Seminaren verbringen. In dieser Zeit wird er kein Geld verdienen und deshalb wird jenseits aller ideologischen Debatten an einer Art staatlich garantiertem Grundeinkommen kein Weg vorbeigehen. Ob man dazu Roboter zur Steuerpflicht heranzieht, ist zweitrangig. Wenn man sie richtig programmiert, werden sie 100-prozentig zustimmen.

In Finnland hat man schon vor Jahrzehnten das Kultusministerium und die Schulverwaltungen abgeschafft. Alle frei gewordenen Planstellengelder kamen so den Schülern zugute. Den Rest entscheidet jede Schule im Dialog mit den Eltern und Schülern. Schulen sind dort nebenbei den ganzen Tag bis spät in den Abend geöffnet und fördern einen gesunden Wettbewerb, der dazu führt, dass finnische Schüler regelmäßig zur Spitze Europas gehören.

Dass sich unser deutsches Bildungssystem völlig unzureichend für die nahe Zukunft erweist, ist der nächste Skandal. Und zuletzt: Von Freizeit gebeutelt werden wir Menschen im Zeitalter lebenslangen Lernens kaum sein. Es gilt für jeden von uns, je früher, desto besser, sich umgehend aus der Komfortzone zu begeben.

Wie bewerten Sie das Vordringen von KI in die Schulen und was raten Sie im Umgang mit dem massenhaften Datenzugriff auf die ganz jungen Menschen?

Ob man es mag oder nicht: Der massenhafte Datenzugriff auf die ganz jungen Menschen beginnt mittlerweile schon lange vor der Schule und prägt den Alltag von Kindern und Jugendlichen. Sie zu einem zugriffsfreien, also datenfreien, also computerlosen Leben zu verdonnern, wäre idiotisch.

Die Schule muss die Kids kategorisch für alle Belange des realen Lebens ertüchtigen. Früher wurden ja auch Rechenschieber und Logarithmentabellen verteufelt. Wer 2019 lebenstüchtig sein will, muss mit den Tools umgehen können und dürfen und genau dadurch auch die Gefahren und Grenzen erkennen.

Wenn sich Google und Co. in den Schulen einnisten, erleichtert ihnen das tabugestützte Wegschauen die subtile Unterwanderung. Ich appelliere dafür, sich alles genau anzuschauen, das Nützliche zu nutzen, die Angebote zu studieren und zu lernen, den Verführungen der Krake standzuhalten. Das gilt für die Zeit vor der Schule, in der Schule, neben der Schule und für das ganze weitere Leben.

KI hat auf dem Sektor Gesundheit enorme Pluspunkte gesammelt. Sehen Sie das auch so?

Der echte Wert von KI existiert auf viel mehr Gebieten, als ich sie aufzählen könnte. In der Tat steht das Gesundheitswesen dabei ganz weit oben. Was die Datentechnik dort ermöglicht, kann man als die nächste Weltveränderungsidee definieren. Die Entschlüsselung der Biologie und das Verständnis von Krankheiten kann man auf einer gewissen Ebene als ein Datenfaktum wahrnehmen. Und auf dieser Ebene ist der Mensch eben eine Rechenaufgabe.

Facebook entwickelt derzeit einen menschlichen Atlas, der alle Körperzellen kartografiert und so neue Medikamente ermöglicht. Google untersucht auf Fotos Hautkrebspunkte und den Zusammenhang zwischen Depressionen und vorhersehbaren Herzinfarkten. Amazon arbeitet an virtuellen Arztbesuchen und Patientendatenbanken.

Weiterhin: Dass es drei Formen der Diabetes gibt, ließ sich nur maschinell aus Big Data ermitteln. Ein IBM KI-System hat kürzlich die DNA-Sequenzierung eines Gehirntumors korrekt und schneller interpretiert als ein ganzes Team menschlicher Experten. Und die Biological Computation Group in Cambridge [3] sagt voraus: Am Ende könnte ein molekularer DNA-Computer stehen, der Krebs in einer Zelle erkennt und ihr den Selbstmord befiehlt.

Richtungswechsel: die dunkle Seite von KI bedeutet Bespitzelung und Plünderung. Wie umgehen mit der Krake, vor der uns selbst deren Ex-Manager warnen?

Was legal ist, ist noch längst nicht legitim und nicht alles, was erlaubt ist, gehört sich auch. Dass Facebook süchtig macht, wurde von einigen Ex-Managern des Unternehmens als Teil der offiziellen Firmenpolitik bezeichnet. Ein Social-Media-Junkie wird stets antworten, dass jeder Post und jedes Like freiwillig geleistet wird.

Süchtige können zwischen Selbstvermessung und Selbstversklavung so wenig unterscheiden wie das Alkoholiker machen. De facto blicken die Kids täglich bis zu 5000-mal auf ihr Smartphone und hängen in etwa acht Stunden am Haken – was schon an eine Sucht erinnert. Solange wir uns nicht konsequent einmischen, klatschen sich die Big-Five-Konzerne [4] in die Hände und verteilen ihren Stoff weiter im Pausenhof.

Wollen wir überhaupt noch Intimes? Und was ist „wir“? Und könnte die Freigabe, alles zu offenbaren auch eine Erlösung bedeuten von all diesen doppelten Moralen?

Der Wunsch nach Privatheit scheint in der Tat zu einer Generationenfrage zu werden. Die Älteren, die auch die Europäische Datenschutzgrundverordnung erarbeitet haben, fordern sie ein und versuchen, die Schürfrechte am eigenen Leben zu behalten. Die Generation Smartphone zuckt eher die Achseln. Sie kennt das Vorgefundene nicht anders und es ist ihr auch egal. Edward Snowden sagte 2014: „Ein heute geborenes Kind wird nicht mehr wissen, was Privatleben ist.“

Ein amerikanischer Kollege sagte neulich zu mir: „Seit 2006 veröffentliche ich auf meiner Webseite jede Vorlesung und Rede, die ich hielt, halte und halten werde und jeden Flug, den ich buche bis zur Nummer meines Sitzplatzes. Ich mache das inzwischen aus der Überzeugung heraus, dass der reale und greifbare Mehrwert, den wir aus der Mitteilung von Daten über uns ziehen, die Risiken überwiegt und dass die Prinzipien der Transparenz und selbstbestimmten Handlungsfähigkeit am vielversprechendsten sind, um uns vor dem Missbrauch sozialer Daten zu schützen.“ Ich lass das mal so stehen.

Bei aller Skepsis gegenüber dem deutschen KI-Phlegma – wieso gewinnen Sie Prisma Analytics aus München …

Prisma Analytics hat meines Erachtens unbeirrt von äußeren Hindernissen in langer Entwicklungsarbeit Methoden der Echtzeit-Datenerfassung erkannt und KI at it’s best produziert. Der Kopf, Frank Otto Schlör (*) ist kein Nerd, sondern eine Art Odysseus, studierte als Autodidakt Mathematik, Psychologie, Soziologie und die Philosophie der Griechen, Kant, Hegel, Schopenhauer und Wittgenstein und erst auf dieser Basis entstand im Sinne angewandter Philosophie sein Ansatz für KI .

Sein Fazit, „Kein Computer wird jemals so unberechenbar und gefährlich agieren wie Menschen“, teile ich. KI ist sicherer, verantwortlicher, berechenbarer und humaner, als es der Mensch jemals in der Geschichte war. Nicht umsonst kam es zu der Fusion von Prisma Analytics und Thomson & Reuters und der Entstehung eines Pools mit Billionen öffentlich zugänglichen, sprich Open-Source-Daten, die nach meinem Wissen in der globalen Szene niemand so clever zu nutzen versteht wie diese kleine Firma.

Und was gibt es dagegen zu sagen, wenn sich diese in etwa so definiert: Bedingungsloses Engagement für einen intelligenten Planeten via global über zig Milliarden Sensoren vernetzter Supercomputer und kooperierender Wissenszentren auf der Basis einer einheitlichen Sprache, kostenlos zugänglich und politisch-ideologisch unabhängig.

Letzte Frage: Werden wir durch KI Risiken reduzieren oder verfestigen? Oder bleibt einfach alles beim Alten nur auf einer anderen Ebene der Hierarchie?

Herr Schlör sagt: „Eine Antwort, die auf 500.000 Datensätzen beruht, ist genauer, verlässlicher und damit besser als eine, die nur 5000 Fälle verarbeiten konnte.“ Unbestreitbar bringen Datenmengen mehr Präzision. Ihre Frage betreffs der KI-Machtkonzentration ist insoweit irrelevant, weil auch der Widerpart die gleiche Maschinenintelligenz einsetzen kann. Es geht also für ein erfolgreiches Unternehmen letztlich eher darum, wer für bessere Entscheidungsempfehlungen die besseren Daten besitzt.

Zu den enormen Risiken von KI habe ich in meinem Buch [5] deutlich Position bezogen: Kluge Forscher sehen die konkrete Gefahr, dass Maschinen eines Tages so intelligent und selbstständig werden, dass sie sich die vergleichsweise dümmeren Menschen halten wie wir unsere Haustiere.

Nicht minder ernst sollte man die Prognose nehmen, dass die Künstliche Intelligenz ab 2035 so viel leisten wird wie die menschliche. Dann wird der Zeitpunkt gekommen sein, an dem man das menschliche Wissen, Denken und Fühlen, also die Essenz des Menschseins ausgemacht hat und in Computer-Clouds auslagern wird und damit das computerisierte ewige Leben erzeugt.

Machen wir uns nichts vor: Beim Alten bleibt nichts. Ob man das besser oder schlechter als die Gegenwart finden mag, muss jeder für sich selber entscheiden oder empfinden. Ja: Es gehört zu diesem unfassbaren Abenteuer, dass keiner, auch Peter Altmaier nicht, weiß, wie der kommende Tage ausgeht, falls er überhaupt noch kommt.

Vielen Dank.


Zur Person

Gernot Brauer war viele Jahre Unternehmenssprecher in der Automobilindustrie, Vizepräsident der Deutschen Public Relations Gesellschaft und lehrte an verschiedenen Universitäten und Akademien. Er leitete eine PR-Agentur in München und ist Fachautor für Kommunikationsmanagement und Buchautor.


Informationen zum Buch

Gernot Brauer
Die Bit-Revolution – Künstliche Intelligenz steuert uns alle in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft
Umfang: 340 Seiten
Verlag: UVK Verlag München (2019)
ISBN-10: 373980470X
ISBN-13: 9783739804705


Quellen und Anmerkungen

[1] Die Welt (09.07.2019): Dass Altmaier beim ersten Fehler aufschreit, ist typisch deutsch. Auf https://www.welt.de/wirtschaft/article196558369/Peter-Altmaier-im-Silicon-Valley-Dass-er-beim-ersten-Fehler-aufschreit-ist-typisch-deutsch.html (abgerufen am 10.07.2019).

[2] Palo Alto ist eine Stadt mit rund 67.000 Einwohnern (Stand: 2013) im Santa Clara Valley (Silicon Valley) im US-Bundesstaat Kalifornien. Die liegt etwa 50 Kilometer südlich von San Francisco. Palo Alto ist der Sitz der Stanford University sowie Hauptsitz von bekannten Unternehmen der Computerindustrie wie zum Beispiel Hewlett Packard Enterprise, HP, Nanosys sowie der Hauptsitz von Mercedes-Benz Research and Development North America Inc. und auch Unternehmen wie Tesla Motors und VMware. Facebook hatte bis 2011 in Palo Alto seinen Hauptsitz. Heute befinden sich zudem Forschungseinrichtungen (Palo Alto Research Center, Foresight Institute), Risikokapitalunternehmen und die Verwaltungssitze von Firmen der Solarindustrie in Palo Alto.

[3] Cambridge Computational Biology Institute Homepage: www.ccbi.cam.ac.uk

[4] Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft werden als Big Five bezeichnet.

[5] Neue Debatte (22.05.2019): Buchbesprechung – Die Bit-Revolution von Gernot Brauer. Auf https://neue-debatte.com/2019/05/22/buchbesprechung-die-bit-revolution-von-gernot-brauer/ (abgerufen am 10.07.2019).


(*) Der Name wurde nach der Veröffentlichung redaktionell berichtigt.


Symbolfoto: Edwin Andrade (Unsplash.com)

Reporter und Essayist | Webseite

Wolf Reiser ist Reporter und Essayist und pendelt zwischen München und Athen. Er schreibt für alle nennenswerten Blätter im deutschsprachigen Raum und ist Autor mehrerer Bücher, Hörspiele und Filmskripte. Weitere Informationen unter www.wolf-reiser.de.

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