Ein Schloss – Teil 3

Ich bin schon eine Weile nicht mehr zum Fluss gegangen. Ich hatte keinen Antrieb dazu. Ich, mich in Ketten haltend, war meinen Gespenstern lange nicht entkommen. Ich sage, dass ich mich halte, aber ich stelle mir oft die Frage, wer hier wen versklavt. Es ist leicht gesagt, vor allem sich selbst: „Du bist schuld. Was lungerst du hier auch rum?!“ Das können auch die anderen sagen; tun sie auch. Aber sie sehen nur das Äußere und fühlen nicht das Innere …

Aber jetzt stehe ich wieder hier am Fluss, rieche die Feuchtigkeit des Ufers und versuche nicht zu denken. Denken heißt für mich momentan in die große Gefahr des Grübelns zu geraten. Sie kennen sicher das „sich zu viele Gedanken machen“. Etwas ganz natürliches für uns Menschen. Wir haben uns zum bewussten Denken hin entwickelt. Wir können sehr gut denken. Aber wenn sich die Gedanken anfangen zu drehen, wie ein Kind im Karussell und das Kind nicht mehr aussteigen kann, dann beginnt das Grübeln. Und momentan stellt sich mir nur die Frage: Einsteigen oder gar nicht erst anfangen zu denken. Und wenn Sie selbst schon mal versucht haben, nur mal fünf Minuten, nichts zu denken, dann wissen Sie wie anstrengend das ist.

Menschen können nicht nichts denken. „Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten!“ An was haben Sie gedacht? An einen rosa Elefanten … Das Gehirn kann sich, wenn überhaupt, nur auf einen Standby-Modus runterfahren lassen. Ausschalten, wie ein elektronisches Gerät, lassen wir uns nicht. Wenn wir schlafen, also im Standby-Modus sind, verarbeitet das Gehirn das, was es im Wachzustand aufgenommen hat. Und das ist verdammt viel. Vor allem, was wir alles unbewusst aufsaugen; wie ein Schwamm.

Also lenke ich mein Gehirn ab. Beschäftige es mit leichten Mathematikaufgaben, Farben/Formen finden und Tastaufgaben für meine Hände. Ich erstelle ein anderes Grundrauschen in meinem Gehirn, was mir näher ist als mein Umfeld. Versuche, das Grundrauschen der anderen Menschen so gedämpft wie möglich zu halten, dass die stechenden Spitzen meines Umfelds im weichen Fell meiner Seele nicht ganz so schmerzhaft spürbar sind. Dass das Fiepen des Karussells nur nicht schmerzhaft durchschlägt. Die Krux ist, das stärkste Grundrauschen, was in eine gegenteilige Spirale, eine Aufwärtsbewegung führt, ist der Kontakt mit Menschen. Aber es müssen schon die „richtigen“ Menschen sein. Und wer sind schon die „Richtigen“ für uns?! Und in solchen Momenten/seelischen Zuständen Menschen aufzusuchen und dann auch die „richtigen“, ist so schwer wie NICHT ins Karussell einzusteigen.

Wie Sie es selbst kennen, ist Veränderung ein schweres Feld. Je länger wir ein Verhalten „einstudiert“ haben, desto energischer sind wir darin, es automatisch zur Perfektion zu bringen. Bei Talenten ist es Segen, bei zerstörerischem/lähmendem/destruktivem Verhalten ist dieser Drang der Fluch. „Wieso soll ich auf meine Cola verzichten?!“ „Weil es dir Sodbrennen verursacht, über das du dich immer bei mir beschwerst.“ „Da … na ja … aber … arcccchhh … hmpf.“

So kann’s gehen im Kopf, wenn Veränderung anfängt zu wirken. Dann kannst du zuhören und …

„Hallo.“ Jetzt bin ich doch ins Grübeln gekommen. So tückisch. Durch den kleinen Schreck in mir, den die zarte Stimme ausgelöst hat, merke ich die Spannung in meinen Muskeln und vor allem in meinem Kopf. Ich kann meine Augen aus der Starre lösen und sehe zu ihr auf. „Schön dich wieder zu sehen“, sagt sie und nicht: „Du warst aber lange nicht mehr hier“. Mein Gesicht überrascht mich mit einem Lächeln. Meine Hände fangen an sich zu kneten. „Möchtest du ein Stück spazieren gehen? Nur bis zur Kreuzung da vorn und zurück?“


Foto: Casey Horner (Unsplash.com)

Autorin und Künstlerin bei | Webseite

Alex Ross emi­g­rie­rte aus den schwäbisch-bayrischen Bergen in die Lüneburger Heide. Nach dem Abitur zog sie nach Hamburg, um ein Handwerk zu erlernen. Alex gibt sich als Autorin dem Schreiben hin und als Künstlerin der kreativen Malerei. Ihre Essays unterzieht sie dem Urteil der eifrigen Leserkultur. Sie schreibt über die kleinen Schönheiten und die großen Gemeinheiten des Alltags. Alex lebt im Norden Deutschlands.

1 Comment

  • Zitat:
    Zitat:
    “ Sie kennen sicher das „sich zu viele Gedanken machen“. Etwas ganz natürliches für uns Menschen. Wir haben uns zum bewussten Denken hin entwickelt.“

    Zu viele Gedanken machen ist nichts natürliches und fördert nur das ständige Geplapper in unserem Kopf, oder auch das unbewusste Denken, das meist überwiegt. Wir sind wieder Herr im eigenen Haus, wenn wir unsere Gedanken nur beobachten(ohne Wertung), wie sie kommen und gehen. Dann kehrt Ruhe ein. Sobald wir uns an einen Gedanken klammern, uns damit identifizieren, geht das Kopfkino wieder los.
    Gedanken erscheinen aus dem Nichts und verschwinden dorthin auch wieder – wenn wir sie lassen.
    Wir sind nicht unsere Gedanken.

    Wenn der Gedanke aus der Leere kommt, so muss der Gedanke leer sein.
    (Buddhistische Weisheit)

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