Short Story: In geheimer Mission unterwegs

Er hatte die Botschaft, mit der er vor Jahren losgeschickt worden war, inzwischen weitgehend entschlüsselt. Das heißt: Er glaubte es. Sicher sein konnte man da nie. Aber es machte Sinn. Und die Route, die er seit Erhalt des Auftrags gewählt hatte, war wohl grundsätzlich richtig, wenn er auch weite Umwege gegangen war.

Ihn hinderte inzwischen eine nur schwer, vielleicht nie ganz heilende Verletzung, die er sich bei einer Flucht zugefügt hatte. Sie kostete unnötig Zeit, in der er hätte vorankommen können.

Die Gruppe, mit der er auf dem Weg war, war außer Sichtweite. So war es ausgemacht, damit sie schwerer gefasst werden konnten. Das erschwerte aber natürlich die Absprachen und das gemeinsame Vorgehen. Die Verständigung klappte einigermaßen. Die veraltete Technik, mit der sie ausgerüstet waren, behinderte allerdings immer wieder den Datenaustausch.

Er war der Dienstälteste in der Gruppe, also am erfahrensten. Aber das war nur teilweise nützlich. Denn die anderen hatten andere Aufträge. Alles sollte zwar aufeinander abgestimmt sein. Aber die Entschlüsselungen waren ja unzuverlässig, und nicht jeder war gleich weit damit.

Zweimal war er während der Expedition sehr weit abgekommen. War desorientiert gewesen. Hatte möglicherweise gefakte Verbindungen. Trotz des massiven Zeitverlustes entstand aber gerade da seine Gruppe, mit der er sich sonst nicht zusammengefunden hätte. Die Rückkehr zum Kurs und zum Auftrag war dann mit hohen Kosten in jeder Hinsicht verbunden. Aber es war letztlich gut so.

Das Gelände, in dem sie sich derzeit befanden, war nur oberflächlich in einem begehbaren Zustand. Immer wieder merkte man die Spuren rodender Horden, die mitten in der Landschaft Unrat, zerbrochenes Glas oder schneidende Blechdosen hinterlassen hatten. Das hieß, bei jedem Tritt auf der Hut zu sein. Denn neue Verletzungen konnten wieder viel Zeit kosten. Und keiner konnte wissen, wie viel er davon hatte.

Und natürlich musste man darauf achten, nicht einer solchen Horde in die Hände zu fallen. Man wusste nie, was sie mit einem machten, auch wenn unter seinen Utensilien nicht viel war, was sie gebrauchen konnten.

Doch die immer eindeutigere Entschlüsselung des Auftrags machte von Tag zu Tag eher noch mutiger. Er war sich inzwischen so sicher, dass es die richtige Mission war.

Er kannte den Auftraggeber nicht persönlich. Es war eine Art Organisation. Sie machte hier überall Vermessungen, wollte Erd- und Pflanzenproben. Teilweise konnte er sie selbst analysieren und die Daten einschicken, teilweise konnte er die Proben einfach mit sich nehmen. Es musste einfach Sinn machen, diese großartige, aber auch teilweise unheimliche Landschaft zu erforschen, um vor den Horden zu schützen, was noch zu schützen war.

Überall zogen sie herum, hinterließen ihre zerstörerischen Spuren. Brände, Kadaver, Fallen, Reste ihrer wohl maßlosen Gelage. Es schien immer mehr und gefährlichere davon zu geben. Im Laufe des Wegs konnte er immer sicherer unterscheiden, ob er einer Horde oder Verbündeten begegnete. Denn seine Richtung war immer eindeutiger und unterschied sich vom Hin und Her der ziehenden Horden.

Wahrscheinlich hatten die auch Botschaften bekommen, mühten sich aber nicht mit Entschlüsselung ab. Wenn sich die Horden durch ihre ziellosen Streifzüge selbst erledigt hatten, würde ein umfassender Wiederaufbau beginnen können.

Er kannte die Gruppe, mit der er gemeinsam vorging. Aber er kannte nicht die einzelnen Aufträge. Das war nicht erlaubt und wurde durch die Verschlüsselungen unmöglich gemacht, damit sie einander im Falle einer Folter nicht verraten konnten. So wusste er aber auch nie, ob ihn jemand im Stich ließ, der sich absetzte. Vielleicht war es so vorgesehen und im Dienste des Ganzen nötig. Es konnte aber auch sein, dass sich der Ausscherende absetzte und einer Horde zugesellte. Wenn man ihn zurückrufen wollte, war also nie eindeutig, ob das im Sinne des Ganzen angebracht war.

Manchmal suchte er die Verständigung mit Vögeln. Sie schienen mit ihrem Weitblick so überlegen. Aber er verstand ihre Botschaften nicht. Ob sie überhaupt welche hatten?

Mitten im manchmal mühevollen Vorankommen genoss er einfach die Natur. Den Gesang der Vögel, ohne über ihren Sinn zu rätseln. Das Gesumme von Insekten. Farben der Pflanzen in Sonne und Halbschatten. Mitten im Genießen wurde er aber immer wieder hellwach. Denn durch beiläufige Wahrnehmungen verstand er plötzlich weitere bisher unentschlüsselte Teile der Botschaft.

Wieder einmal drang Lärm zu ihm von der anderen Seite des Tals, in dem er sich gerade befand. Das hatte nie Gutes zu bedeuten. Er warnte die Gefährten kurz per Funk, verwischte notdürftig seine Spuren und versteckte sich dann. Ganz in der Nähe machte die Horde Rast. Die meisten schienen betrunken. Es war wohl ein Dutzend Leute.

Laut stritten sie sich über Kleinigkeiten. Trotz der Entfernung konnte er das entnehmen. Denn sie sprachen seine Sprache. Er schlich sich näher, um sie zu belauschen. Schließlich reimte er sich die ganze Geschichte zusammen.

Sie hatten sich von einer größeren Gruppe abgesondert. Oder waren sogar von ihr vertrieben worden. Man stritt sich um Beute. Sie waren leer ausgegangen, mussten rasch neue Möglichkeiten zum Plündern finden. Denn inzwischen gingen sogar die Vorräte an alkoholischen Getränken zur Neige. Die Stimmung war gereizt. Man suchte das nächste Dorf, wusste aber nicht, ob man noch in der Lage war, es zu überfallen.

Plötzlich verstand er wieder einen Teil seiner Mission, über den er bisher gerätselt hatte. Er sollte diese Horde eine kurze Zeit unauffällig begleiten, um das nächste Dorf rechtzeitig zu warnen.

Aber dann musste er zurück und an seinem Hauptauftrag weitermachen. Er wusste noch nicht, wie lange er hier aufgehalten war. Aber er musste es tun. In den nächsten Tagen war der Weg für ihn mühsam. Durch Erkundungen legte er eine viel größere Strecke zurück als die Horde. Seine Verletzung war hinderlich, aber er ließ sich nicht aufhalten. Bis er endlich Zeichen eines nahen Dorfes erkannte: wohl rascher als die Horde.

Er informierte die Wachen des Dorfes ohne direkten Kontakt und kehrte zu seiner eigentlichen Route zurück. Er war erleichtert, dass er die Position seiner Gruppe wieder fand und noch alle wohlauf waren. Erschöpft fiel er in den ruhigsten Schlaf seit Langem.


Symbolfoto: Markus Spiske (Unsplash.com)

Gerhard Kugler (Jahrgang 1946) ist Psychologischer Psychotherapeut im Ruhestand. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) und der Gesellschaft für kontextuelle Verhaltenswissenschaften (DGKV), deren Therapieansatz die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist. Auf seiner Homepage www.erlebnisoffen.de finden sich weitere Informationen und Blog-Einträge.

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