(M)Eine Reise – Teil 3

Ich falle, ich stürzte immer tiefer, immer weiter ins scheinbar Bodenlose, aber ich öffne meine Augen und sehe ihn immer näher kommen. Sehr schnell wird alles Kleine unter mir größer und größer, bis der graue Asphalt direkt vor meinen Augen liegt und kurz bevor ich nichts andere mehr sehe, schließe ich wieder meine Augen und erwarte den Schmerz, ein lautes Krachen meiner Knochen oder das vollkommene Nichts. Sterben.

Ich höre tatsächlich etwas splittern und brechen, wie wenn ein Ball ein Fenster durchschlägt, aber ich spüre alles noch. Mein Körper ist es nicht, was zerbrochen ist. Ich öffne wieder meine Augen und sehe das Grau in großen Stücken neben mir mit fallen. Ich spüre, wie ich weiter falle, höre das Rauschen der Luft in meinen Ohren und sehe das helle Loch über mir immer kleiner werden. Die Ränder sind bröckelig zerfetzt von meinem Durchbruch. Ich falle weiter, kopfüber; nun in ein schwarzes Nichts.

Ich könnte meinen: „Hey, ich kann fliegen!“ Wenn nicht dieser weiße Punkt wäre, der mir, wie die Nadel eines Kompasses, den Richtwert der Richtigkeit dieser Welt anzeigt. Alles richtet sich nach diesem Punkt und wer nicht folgt, steht eben Kopf.

Plötzlich drehe ich mich, meine Beine kommen ins aufrechte Stehen, mein Fall wird gebremst und ich lande auf einem Boden, wie wenn ich gerade von einer kleinen Mauer gesprungen wäre. Ich nehme meine Knie von der Straße, stehe auf und wische die kleinen Steinchen aus meinen Handflächen. Es ist stock finster.

Mir fallen die Worte ein: So dunkel, dass man die eigene Hand vor Augen nicht sieht. Kaum zu glauben, dass es solche Orte gibt, aber hier ist es so. Ich sehe nichts von mir oder um mich herum. Meine Augen reißen sich auf, um vielleicht ein kleines Bisschen Licht zu erhaschen, um zumindest rohe Kontraste meiner Umgebung zu sehen. Nichts.

Ich bleibe eine Weile stehen. Fühle meinem rasenden Herzschlag nach, höre die harten Schläge in meinen Ohren und versuche, noch mal vergeblich etwas durch meine Augen zu erkennen. Da das nun endgültig nichts bringt, konzentriere ich mich auf meine anderen Sinne. Meine Ohren sind noch von Angst blockiert, daher konzentriere ich mich auf meine Nase. Rieche ich etwas?

Irgendetwas? Nein nicht wirklich. Die Luft, die ich atme, trägt keine Gerüche außer meinen eigenen. Mein Schweiß ist stressgeschwängert und beißend, ebbt aber ab. Sonst lässt sich über die Luft nur sagen, dass sie absolut unauffällig zu sein scheint. Nicht zu kalt, nicht zu warm. Kein Wind weht. Es scheint sich gar nichts hier zu befinden oder zu bewegen. Nur ich bin hier. Meine Haut nimmt auch nichts wahr. Kein Haar stellt sich auf.

‚Okay, hier weiter dumm rum stehen bringt dich auch nicht weiter.‘ Ich beginne mich vorzutasten. Mache einen vorsichtigen Schritt nach dem anderen, halte dazu meine Arme vor mir ausgestreckt und beginne so diesen Weg.


Foto: Tobias van Schneider (Unsplash.com)

Autorin und Künstlerin bei | Webseite

Alex Ross emi­g­rie­rte aus den schwäbisch-bayrischen Bergen in die Lüneburger Heide. Nach dem Abitur zog sie nach Hamburg, um ein Handwerk zu erlernen. Alex gibt sich als Autorin dem Schreiben hin und als Künstlerin der kreativen Malerei. Ihre Essays unterzieht sie dem Urteil der eifrigen Leserkultur. Sie schreibt über die kleinen Schönheiten und die großen Gemeinheiten des Alltags. Alex lebt im Norden Deutschlands.

Wie ist Deine Meinung?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.