Yes, it’s the fucking Economy

Manchmal liegt die Wahrheit auch im Falschen. Boris Johnson, der neu entdeckte Teufel in der internationalen Politik, der sich aufgemacht hat, Großbritannien in einen ungeregelten Brexit zu treiben, hat mit der Instinktsicherheit eines Demagogen den Slogan gefunden, mit dem er große Teile der Bevölkerung fangen kann: Fuck the Economy.

Die neoliberale Interpretation

Mit diesem Satz, der alle, die von der bestehenden Wirtschaftslogik vereinnahmt sind, in das blanke Entsetzen treiben muss, hat er den Nerv der Zeit getroffen. Denn die Wirtschaft und die in ihr dominierenden Maximen sind verantwortlich für viele Erscheinungen, die die Menschen zunehmend in Angst und Schrecken versetzen.

Machen wir uns nichts vor: Die Globalisierung wird vorangetrieben von der neoliberalen Interpretation des Wirtschaftens.

Überall und immer geht es um Bodenschätze, Treibstoffe und billige Arbeitskräfte. Und es geht um die Schaffung neuer Märkte und die Eroberung anderer, noch unberührter Märkte.

Das, was funktioniert oder funktionieren könnte, wird durch eine anonym erscheinende Kapitalmasse niedergemacht und für die Maximierung der großen, globalen Player sturmreif geschossen. Entweder über den Schuldenknüppel oder mit ballistischem Werkzeug.

Und so kommt es, dass lokale Märkte zerstört werden und die Menschen, die dort ihre Arbeit verlieren und keine neue mehr finden, sich aufmachen, um woanders ihr Glück zu versuchen.

Die Zerschlagung von Staaten

Dass das allerdings mit Glück nichts zu tun hat, merken sie sehr schnell, wenn sie dort ankommen, wohin man sie treibt. Sie unterbieten die Preise derer, die dort noch Arbeit haben, und sie merken schnell, dass das auch so kalkuliert war. Und die, die im neuen Paradies ihre alte Arbeit verlieren, sind entsetzt über die, die zu niedrigen Preisen hinzugekommen sind.

Wir reden hier nicht nur über Afrikanern, die in Süditalien oder Andalusien nun in der Landwirtschaft unterwegs sind, weil EU-Zölle die Produkte aus ihrer eigenen Heimat unverkäuflich gemacht haben.

Wir reden hier auch und vor allem über Polen, die es nach Großbritannien und Deutschland trieb, wir reden über Portugiesen die in Frankreich, Deutschland und England ihre Arbeitskraft anbieten, über die Rumänen in Italien und all die aus dem Balkan, die nach Zentraleuropa kommen. Manchmal, wie im letzten Fall, war nicht die Zerstörung der Märkte die Ursache, sondern die Zerschlagung ihre Staates.

Fuck the Economy

In einem Land wie Großbritannien, das seit der wenig glorreichen Inszenierung des Wirtschaftsliberalismus aus der Zeit einer Margaret Thatcher zudem darauf setzte, sich endgültig aus der Wertschöpfung zu verabschieden und sich exklusiv auf die Finanzmärkte zu konzentrieren, können circa 4 Millionen ehemalige Proletarier, deren Arbeitskraft niemand mehr braucht, ein Lied davon singen, was „The Economy“ ihnen in den letzten Jahrzehnten angetan hat.

Ihnen zuzurufen, „Fuck the Economy“, ist ein kluger Schachzug, weil es aus ihrem eigenen Munde stammen könnte.

Dass ein Boris Johnson1Alexander Boris de Pfeffel Johnson (Jahrgang 1964) ist ein britischer Publizist und Politiker der Conservative Party. Seit Juli 2019 Premierminister des Vereinigten Königreichs. Johnson, der in New York City geboren wurde, fordert einen EU-Austritt des Vereinigten Königreichs. genau zu der Klasse gehört, die Großbritannien auf diesen Weg der sozialen Zerstörung geführt haben, schert den Demagogen wenig. Und es sollte nicht dazu führen, ihm für diese Äußerung Applaus zukommen zu lassen.

Nichtsdestotrotz hat er Recht. Es sind nicht die armen Teufel, die, getrieben von dem Zerstörungswerk der internationalen Kapitalmärkte aus ihren Ländern vertrieben und auf neue Arbeitsmärkte getrieben werden; die das Leben derer, die bereits dort ihr Leben finanzieren wollen, bedrohen.

Es ist tatsächlich die Ökonomie, dieses abstrakte Unwesen, das die Lebensgrundlagen systematisch zerstört. Die Art und Weise, wie diese Ökonomie funktioniert, wurde zum Leitmotiv von Politik. Das zu ändern, darum geht es.


Symbolfoto: Sascha Matuschak (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

3 Comments

  • Ist die allgemeine Ausbildung und Bildung so oberflächlig oder so schlecht geworden, dass der größte Teil des Volkes nicht mehr merkt, wie unser Denken und Verhalten sich immer weiter vom eigentlichen Menschlichen entfernt. Ist nicht das heutige unsinnge Geldsystem der Grund für so vieles Fehlverhalten.

  • Das Geldsystem läßt sich durch internationale Verflechtungen nicht mehr ändern. Zu ändern ist jedoch das absolute neoliberale Wirtschaftsdenken, das auch Kernpunkt des Staatenverbundes Europa ist. Ein oedp-Slogan bringt es auf den Punkt: Mensch vor Profit. Ein Ausweg wäre die von mir angedachte Verfassung eines föderativen Bundesstaates Europa. Dazu wäre in vielen Staaten ein Volksentscheid notwendig. Dazu gehört dann zwangssläufig eine Bürgerbeteiligung. Dies könnte die Arroganz vieler Europapolitiker beenden.

  • Eine Frage der Freiheit. Mensch sein und Bürger sein sind zwei Paar Schuhe. So auch Menschenrecht und Bürgerrechte. Das Erste steht für menschliche Freiheit, die einfach zum Menschsein gehört. Das Zweite steht für bürgerliche Freiheiten, welche Untertanen gewährt werden. Mit Menschenrecht ist die Lehre der bürgerlichen Ökonomie undenkbar und unvereinbar. Es kommt also darauf an, wie die Gemeinschaft ihre Wirtschaft organisiert. Menschlich oder ökonomisch.
    Nur ein Beispiel – frei nach Friedrich List:
    In einer humanistischen Gemeinschaft wäre eine Vollzeit-Mutter, die drei Kinder versorgt, ein angesehenes wertvolles Mitglied. Sie wäre nicht von der Verteilung der erzeugten Waren und Dienstleistungen ausgeschlossen und müsste nicht betteln.
    In einer bürgerlichen Gemeinschaft wäre die gleiche Mutter ohne Wert, weil sie sich nicht selbst vermietet. (Ein Arbeitsvertrag ist ein Mietvertrag und beinhaltet ein Dauerschuldverhältnis.) Sie hat nach bürgerlichem Recht keinen Anspruch auf erzeugte Waren und Dienstleistungen. Sie muss betteln und bekommt Almosen wie HartzIV.
    Das gilt natürlich auch für einen Vollzeit-Vater.

    Wenn Umdenken, dann von Grund auf.

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