Meinung als 1 IT-Piece der Selbstverortung

Unsere Sicht auf mediale Beeinflussung hinkt hinter der Evolution des Medienkonsumenten weit zurück. Wenn aus Lesern Nutzer und aus Nutzern Kuratoren des eigenen Lifestyle-Livestreams werden: wer kauft dann noch Meinungen von der Stange?

Das Selbst als DIY-Projekt

Meinungen sind ein Instrument der sozialen Distinktion [1]. Der Konsum und Gebrauch der, diese Meinungen formenden, unterstützenden und rechtfertigenden Informationskanäle und Medienangebote macht hiervor nicht halt. Wir verbinden hochpräzise Erwartungen und Vorstellungsmodelle bezüglich der Frage, wie jemand ist, der dieses oder jenes Medium nutzt – und wie er die Welt sieht.

Dies gehört in nicht unerheblichem Maße zu den so dringend benötigten Sicherungs- und Orientierungsleistungen im Umgang mit Welt und Draußen, denen unser soziales Wesen im evolutionären Grundmodus bedarf, um Konsistenz und Sicherheit herzustellen. Wer bist Du? Kannst Du mir gefährlich werden? Warum tust Du das? Kann ich Dir vertrauen? – die inneren Monologe unserer wacheren Bewusstseinsanteile sind eher schlichter Natur.

Unser in den meisten Situationen bemitleidenswert einfach täuschbares Gehirn hat sich bedauerlicherweise darauf spezialisiert, hocherfreut konsistente Informationen in bestehende Konstrukte einzuarbeiten – und feindliche, das heißt den gefestigten, wohltuend bekannten Überzeugungen zuwiderlaufende Informationen mit Mistgabeln vom Hof zu prügeln.

McAdams Persönlichkeitsmodell beschreibt diesen Prozess auf der Ebene der Ich- und Selbstwerdung anschaulich als Prozess der das Ziel hat, Kohärenz und Einheitlichkeit des eigenen Selbst herzustellen [2]. In diesem „Making of the self“, also der aktiven Konstruktion eines Ich (und perspektivisch eines „Life narrative“) spielen Meinungen und Überzeugungen eine zentrale Rolle.

Fragt E.A. Rauter [3] also, wie eine Meinung in einem Kopf entstünde, muss die Antwort lauten: von Außen, beispielsweise durch Medieninhalte, weniger plan- und steuerbar, als man meinen mag.

Haben uns viele Jahre Beforschung des Gegenstandes der Meinungsbildung entlang der dankbaren Anlässe „politische Wahl“ und „Konsumentscheidung“ doch gezeigt, dass Meinungen mittels gesteuerter Installation nur äußerst schwer in einen Kopf zu bekommen sind, in dem schon eine andere Meinung den angezielten Platz besetzt.

Perfect fit: Meinung maßgeschneidert

Medien kommt in diesem Prozess weniger die Funktion der Meinungsbildung, als vielmehr der Meinungsverstärkung zu: Medien beeinflussen, worüber wir nachdenken – aber haben nur begrenzten Einfluss darauf, was wir darüber denken [4]. Gekauft, gewählt, gelesen, gelikt wird, was am besten zum bereits bestehenden Meinungs- und Überzeugungsinventar passt – und was am ehesten dazu geeignet ist auszudrücken, als welcher Mensch wir wahrgenommen werden wollen [5].

Medienkonsum als Meinungskonsum ist hier keine Ausnahme. Der in Ansätzen bereits im Konzept der Schweigespirale angelegte Umstand der sozialen Akzeptanz von Meinungen hat dabei eine interessante Verschiebung erfahren [6].

Anstelle der einen öffentlichen Meinung, also von in der Breite verankerten, von einer Mehrheit getragenen Überzeugungen, rücken in Folge der aktuellen (beispielsweise technischen) Entwicklung vielzählige, hoch fragmentierte Meinungs- und Medienlandschaften, organisiert in in sich geschlossenen Meinungs- und Überzeugungssystemen, die eben nicht mehr durch rahmende Basisüberzeugungen verbunden sind.

Diese existieren inhaltlich und sozial nahezu voneinander abgeschlossen und speisen sich (siehe: unser Bestreben nach konsistenten Selbst- und Weltbildern) medial nur noch aus passenden, die eigene Überzeugung stützenden Nachrichten, Berichten und medialen Positionierungen.

Das Ende der orchestrierten Themensetzungen

Es wirkt angesichts der neueren Mechanismen, die entscheiden, welches Thema das Thema der Stunde wird, oft beinahe rührend, wie Symbole und als gesichert geltende Instanzen der medialen Meinungsbildung schwerfällig durch die neuen Kanäle und Medien torkeln.

Während die große Samstagabendshow durch Streamingsdienste abgelöst wird, Themen immer häufiger nicht als Ergebnis journalistischer Arbeit in Redaktionen, sondern in hoch diversifizierten Teilöffentlichkeiten mit komplizierten Codes und hoher Reichweite entstehen, reagieren tradierte Medienkonzerne auf den Relevanzverlust beinahe beleidigt und verweisen trotzig auf ihre Twitter-Accounts und schlecht inszenierte Instagram-Stories.

„Hoodiejournalismus!“ empören sich die einen, während die anderen schnell noch ein animiertes Neuland-Meme der Kanzlerin in ihre Timeline schieben.

Während die einen sich täglich ihren Nachrichtenstream mit Anbietern wie Blendle [7] selbst kuratieren, schimpfen die anderen hinter Paywalls darüber, gute Medienangebote würden eben Geld kosten. Resigniert muss man konstatieren: Die Zeiten der medial orchestrierten Themensetzungen, in denen Beiträge nationaler Leitmedien (späteren Generationen wird man diesen Begriff ebenso erklären müssen, wie Telefone mit Wählscheibe) die Gespräche auf Schulhöfen, in Kantinen und an Bushaltestellen dominierten, sind vorbei.

Kommunikation als Spaßbremse

Koordinierte mediale Ereignisse finden sich in jüngster Zeit fast ausschließlich mit dem Einsatzzweck der politischen Willens- und Meinungsbildung und bedienen sich längst nicht mehr nur des geschriebenen oder gesprochenen Wortes, sondern des Algorithmus in juristisch schlecht beleuchteten Ecken des Netzes.

Ebenfalls nicht neu sind die hochfliegenden Erwartungen an Medium und Mensch, die seit jeher jede mediale (häufig auch schlicht: technische) Veränderung begleiten. Was böten sich nicht für Möglichkeiten, was ließe sich nicht Gutes, Wahres, Schönes (oder im Narrativ der Horrorszenarien: Perfides, Pragmatisches, Vergiftendes) anfangen mit all den neuen Geräten und Anwendungen, allein: der Mensch nutzt den ganzen schönen Fortschritt eben doch lieber, um sich über das Staffelfinale von GoT [8] zu empören, biologischen Bedürfnissen nachzugehen oder sich unter Verwendung lustiger Rechtschreibfehler mit anderen zu streiten.

Dabei formulierte schon Luhmann, es sei ein Missverständnis anzunehmen, Kommunikation ziele auf Verständigung und Konsens ab:

„(…) selbst wenn man endlich einen Parkplatz gefunden hat und nach langen Fußmärschen das Café erreicht hat, wo es in Rom den besten Kaffee geben soll und dann die paar Tropfen trinkt – wo ist da Konsens oder Dissens, solange man den Spaß nicht durch Kommunikation verdirbt?“ [9]

Avocadobowls, Selfies und ratloses Schulterzucken

Verwaist, aber überall zugänglich liegen die prallen Wissensspeicher, politischen Beteiligungs- und Bildungsmöglichkeiten, irgendwo kommt immer eine Nachricht irgendwo rein oder raus, irgendjemand will immer eine Meinung oder ein Stück Zeitgeist verkaufen. Kommunikation fungiert in diesen Zusammenhängen längst nicht mehr nach dem Primat der Mitteilung, sondern nach den Regeln der Einteilung.

Über Kommunikation und ihre verschiedenen Mittel und Instrumente wird (parallel zum Mitgeteilten, Kommunizierten) soziale und immer häufiger auch intellektuelle Zugehörigkeit vermittelt. Allein die Wahl von Namen und Avataren bei unterschiedlichen Diensten transportiert komplexe Botschaften der sozialen, politischen und intellektuellen Selbstverortung.

Verbunden mit dem aus der empirischen Sozialforschung in Onlinemedien bekannten Phänomen der sozialen Entkontextualisierung, also vereinfacht gesagt einer Vernachlässigung der sozialen Faktoren in einer Kommunikation bei gleichzeitiger Überbetonung der eigenen Person, mag sich hier durchaus ein wenig hoffnungsfrohes Bild ergeben.

Was bleibt, sind zeitgeistig inszenierte Avocadobowls bei Instagram, Politiker, die bei Twitter angeben „hier nur privat unterwegs zu sein“, Unboxing-Videos eines Lipkit von Kylie Jenner [10] bei YouTube, Selfies in Prypjat [11] – und wahlweise ratloses Schulterzucken oder Resignation bei den tradierten Medien und Medienproduzenten, die gehofft hatten, mit einer Facebook-Pinwand den Schritt in ein neues Zeitalter getan zu haben.

Ein neuer Gatekeeper: Skepsis

Finden wir uns damit ab: Es ist unendlich komplizierter geworden, eine Meinung in einen Kopf (oder gar: aus diesem wieder heraus) zu bekommen. Die Mittel, mit denen man dies in Zeiten eines Fernsehsenders und zweier Tageszeitungen erreicht haben möge, sind auf neuere Medienlandschaften und –nutzer nicht mehr anwendbar. Was wir trotz allem neu gewonnen haben, ist das hohe Gut der Skepsis.

Wir beklagen den Vertrauensverlust in traditionelle Medien, sicher häufig zurecht. Mit diesem Verlust geht jedoch etwas einher, was E.A. Rauter freuen würde: Skepsis, Misstrauen, Nachfragen, Innehalten vor dem Schlucken einer Information.

Das ist unbequem, zwingt zur Auseinandersetzung mit Positionen, die man nicht lesen oder hören will – und damit zur Kommunikation zwischen geschlossenen Systemen, die sehr lange Zeit nicht miteinander kommuniziert haben.


Quellen und Anmerkungen

[1] Wörtlich: Abgrenzung. Hier: soziale Bedingtheit von Abgrenzungstendenzen und –mechanismen mit dem Ziel, die Zugehörigkeit zu einer sozialen (finanziellen, intellektuellen, kulturellen) Schicht zu transportieren. Konkret selbstkritisch: Die Verwendung des Wortes „Distinktion“ weist die Autorin hoffentlich als Kennerin der Werke Bourdieus, die auch vor Verwendung eines Kant-Zitats nicht zurückschreckt, aus. Denken Sie sich gern ein passendes Milieu, gegen das die Autorin sich abgrenzen möchte, dazu.

[2] Dan P. McAdams: The Psychological Self as Actor, Agent, and Author; in: Perspectives on Psychological Science, 2013.

[3] Für Angehörige der Generation, für die frühe Politisierung durch parteiliche oder gewerkschaftliche Jugendorganisationen nicht mehr zu den vorgegebenen Stationen auf dem Weg zum Erwachsensein dazugehört, ist E.A. Rauter jemand, den man erst mal durch eine Suchmaschine jagen muss: Sprachkritiker, Autor, Schriftsteller, zorniger, lauter „Kommunist ohne Parteibuch“ war er. Rauter in a nutshell: Sprache soll aufklären – und Ideologie nicht (re-)produzieren, sondern sichtbar machen.

[4] Maxwell E. McCombs und Donald L. Shaw: The Agenda-Setting Function of Mass Media, Oxford, 1972.

[5] Dan M. Kahan: Culture and Identity-Protective Cognition: Explaining the White Male Effect in Risk Perception, Yale, 2007.

[6] Elisabeth Noelle-Neumann: Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut, Zürich/München, 1980.

[7] Blendle verkaufte zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Textes auf „pay-per-article“-Basis Leseberechtigungen großer und kleiner Tageszeitungen und Zeitschriften in einem Kiosksystem. Das lief wohl nicht so gut, denn Blendle stellt seit August 2019 sein System kontinuierlich auf „Premium-Abo-Content“ um – schade für alle, die nur den Sportteil lesen wollten.

[8] Abkürzung für die allseits beliebte Serie Game of Thrones und ein schönes Beispiel für die vielfältigen Mechanismen der Distinktion.

[9] Niklas Luhmann: Was ist Kommunikation?; in: Luhmann, Niklas: Short Cuts, Frankfurt 2001.

[10] Mitglied des von der Verfasserin hochverehrten Kardashian-Clans. Obwohl ein Großteil der deutschen Medienlandschaft Kylie weiterhin wahlweise abfällig als „Sternchen“ oder „Internetphänomen“ bezeichnet, hier zum allerletzten Mal: Die junge Dame  wurde im zarten Alter von 21 Jahren laut Forbes zur jüngsten Self-Made-Milliardärin. In einem Land, das Wolfgang Grupp als Experten für Wirtschaftspolitik auf Talkshowsofas setzt, hat das etwas mehr Respekt verdient.

[11] Auch Pripyat, Prypiat oder Tschernobyl. Neueste Destination für Reisende, die dem „Dark Tourism“ frönen.


Foto: Randy Jacob (Unsplash.com)

Atari nennt man im Go-Spiel den Zustand, nur noch über eine Freiheit (oder Möglichkeit) zu verfügen. Übertragen auf das Schreiben und Exponieren im Netz heißt die letzte Freiheit Anonymität (darüber hinaus bin ich zwanghaft paranoid). Geboren zum letztmöglichen Zeitpunkt der Etikettierung als Mitglied der Generation X, im ausklingenden real existierenden Sozialismus enkulturiert, aber eigentlich ganz preußisch. Nach Studium der Psychologie und längerer Episode im Kulturbetrieb unverhoffter Honeymoon in der amtlichen Statistik und allem, was man zählen und messen kann. Denkt mitteloriginell und okay schnell, hätte Kant gern den Schirm gehalten und verfolgt exzessiv das Leben der Kardashians. Um die drei K vollzumachen: insert random Schwärmerei über Kurosawa.

Wie ist Deine Meinung?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.