Die liebe Zeit

Im reichen globalen Norden treiben uns die „Vereinfachungen des Lebens“ dazu, dass wir auf der Suche nach Glück und Wohlbefinden Unmengen von Energie und Zeit fürs Geld verdienen und ausgeben aufbringen. Seien es die Fließbänder von Ford in der Vergangenheit oder die Chips der Cyborgwelt der Zukunft.

Uns wird vorgegaukelt, dass uns durch die gigantischen technologischen Fortschritte weitere grandiose Möglichkeiten und Zeitgewinn beschert werden. Doch scheint uns dieses Diktat im gleichen Moment die Gewinne wieder abzuschwatzen. Denn wir sind die ganze Zeit damit beschäftigt, Zeit einzusparen, und vertreiben sie uns zusehends, indem wir stundenlang im Netz surfen, Serien suchten oder ein YouTube-Video nach dem anderen glotzen.

(MOMO hat uns gewarnt vor den grauen Männern)! Wir rüsten uns mit Schnellkochtöpfen, Hochleistungsautos, Smartphones und Internet aus und produzieren nur noch auf Hochleistungsstraßen. Wir streichen Pausen und schaffen das Warten ab, wo immer die Nonstop-Aktivitäten behindert werden könnten.

Wir arbeiten rund um die Uhr, konsumieren was das Zeug hält und die Ladenöffnungszeiten verlängern sich. Es gibt schon Schokoweihnachtsmänner im Sommer und die Osterhasen im Winter. Wir machen im Winter Sommerurlaube und im Sommer Winterurlaube. Wir essen während des Serienglotzens, telefonieren während des Autofahrens. Wir tun einfach viele Dinge gleichzeitig. Wir werden simultan mit den Computern. Bei aller Einsparung von Zeit fragen wir uns, wo sie bleibt.

Der meist gesagte Satz „Ich habe keine Zeit“, bedeutet für uns Ausfälle, Stress, Depression. Der Raubbau an unseren Körpern serviert uns jetzt schon die Rechnungen: Rückenschmerzen, Haltungsschäden vom Computer oder Smartphone, Stress und Depression.

Dem Jagen und Hetzen von Menschen, Tieren und Pflanzen und der Missachtung ökologischer Kreisläufe und ihrer Konsequenzen kann nur Einhalt geboten werden, indem wir uns mehr Zeit lassen. Also nicht Verzicht ist angesagt. Wir sollten mit dem Verzichten endlich aufhören. Holen wir unsere Lebendigkeit wieder zurück.

Denn letztendlich bleibt von der rastlosen Suche nach kostspieligen Genussquellen nicht mal mehr die Zeit und Nutzung von Eigenschaften, die wir gratis mitbekommen haben und uns wahrscheinlich am ehesten gesund halten. Nämlich das, was mir wirklich lieb und teuer ist: lesen, miteinander kommunizieren und diskutieren, Freunde besuchen, sich lieben und chillen, sich streiten und das Leben organisieren, das Lebendige auf diesem Planeten und die Menschen um uns herum wahrzunehmen oder den großen Fragen des woher und warum nachzugehen.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag „Die liebe Zeit“ wurde von einem anonymen Autor verfasst. Er erschien erstmals in SHITSTORM – Anarchistische Zeitung Berlin (Januar 2018 – #2), wurde von der Anarchistischen Bibliothek archiviert und von Neue Debatte übernommen, um eine kritische Diskussion über Energie- und Technikabhängigkeit zu ermöglichen. Einzelne Abschnitte wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.


Symbolfoto: Matthew Henry (Unsplash.com)

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1 Comment

  • Allein der Hinweis auf „Momo“ „rechtfertigt“ schon diesen Artikel, denn jeder Mensch, der etwas hinter die Kulissen – auch seines eigenen Bewußtseins – schauen will, sollte Momo so laaaaange gelesen haben, bis er es nicht nur verstanden, sondern auch begriffen hat. Denn wer etwas begreift handelt auch danach.

    Dann wird klar, daß die wirkliche Zeit im Herzen entsteht – und die Zeiträuber die „grauen Herren“ – was nichts anderes als die „grauen Zellen“, also der Verstand, ist.
    Dann wird klar, daß jeder Verstand den Eigentümer desselben stündlich korrumpieren will – seine „Zeit“ stehlen will, in dem er den Menschen dazu veranlaßt etwas zu tun, was nicht seinem eigenen Herzen entspricht – und damit nicht SEINE Zeit ist.

    So kann es sogar sein, daß ein Mensch 50 Jahre etwas lebt – gesellschaftliche Normen usw. – ohne sich selbst dabei gelebt zu haben – ohne wirklich an SEINE Entwicklungsmöglichkeiten angeknüpft zu haben.

    So ist er zu einem MITTEL (im Sinne eines funktionierenden Mittels) mäßigen Gänseblümchen hingebogen, obwohl in ihm der Keim von Beifuß steckte (man erkundige sich über die „Wunderwirkungen“ dieser Pflanze!!!).
    Also im Außen ist er bei Fuß gelaufen, im Inneren dabei zeitlos (seine Zeit los) geworden …

    Nun bin ich wirklich auf den Tag gespannt, an dem eine genügend große Anzahl von Menschen erkannt hat, daß hier ein „graues Herren System“ am Werke ist und es nur eine Möglichkeit gibt, das zu beenden:
    eine gewisse Anzahl an Menschen tut sich zusammen und ruft ein neues Herz-Organisation-Gebilde aus, welches wie eine junge Pflanze sich neben das „graue System“ stellt und immer mehr Funktionen übernimmt, die das „graue System“ zunehmend nur mehr vorgaukelt – als da wäre ein souveränes Geldwesen (schuld- und zinsfrei – nur eine Staatsbank = „Volksbank“), ein an Gesundheit interessiertes Gesundheitswesen (statt pharmagesteuerte Kassenvorschriften unter denen sich die Ärzte ducken müssen) – ein wirklich freies Bildungswesen (statt eine „Graue Herren“ Schule) usw.

    Der Mut ist in uns – Momo zeigt es: Mut ist es und die Werte von Empathie, Vertrauen und geistige Offenheit, welches fließt in solche Handlungen, die nämlich Herzenszeit bilden …

    Leute macht euch auf – macht eure Herzen auf und HANDELT … sonst habt ihr höchstens etwas verstanden aber nichts begriffen …

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