Der Geist von Lehman Brothers oder der Niedergang der Deutschen Bank

„Mephistopheles: Ich möcht mich gleich dem Teufel übergeben,

Wenn ich nur selbst kein Teufel wär!“

Johann Wolfgang von Goethe, Faust

Die Deutsche Bank (DB), eine der größten deutschen Banken, hat in den letzten Jahrzehnten mit einer Vielzahl von Problemen zu kämpfen. Dies zwang das Management der Bank, einen radikalen Restrukturierungsplan mit einer Laufzeit bis 2022 aufzulegen, der den Ausstieg aus dem Equities Sales & Trading-Geschäft (Anm. d. Übers.: Aktienverkauf und -handel), den Abbau von 18.000 Arbeitsplätzen und die Verlagerung von Nicht-Kerngeschäften in eine „Bad Bank“, eine separate Einheit, die die unerwünschten Beteiligungen verwalten und schließlich beenden wird, umfasst.

Die Ambition der Deutschen Bank, mit den Wall Street-Banken in allen Bankdienstleistungen zu konkurrieren, die Krisenrisiken nicht richtig einzuschätzen und der Kampf um den Profit nach dem Finanzboom war für die Bank teuer und ruinierte das Vertrauen ihrer Kunden und Aktionäre.

Das Rekordtief bei den Zinssätzen beeinträchtigte die Erträge der Bank. Durch die Verschärfung der Vorschriften für den Bankensektor und die aufsichtsrechtliche Überwachung durch die Zentralbanken nach der Krise wurden Bußgelder in Höhe von mehreren Milliarden Dollar verhängt, was die Rentabilität komplizierter Derivatgeschäfte einschränkte und die DB zwang, ihr weltweites Aktiengeschäft aufzugeben, das jahrzehntelang ein echter Geldautomat gewesen war, aber unterging, als mit der zweiten Markets in Financial Instruments Directive (MiFID II)1Die Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (auch Finanzmarktrichtlinie) ist eine Richtlinie der Europäischen Union (EU) zur Harmonisierung der Finanzmärkte im europäischen Binnenmarkt. neue Regeln für den Aktienhandel eingeführt wurden.

Die massiven Entlassungen in den 60 Wall Street Büros der Deutschen Bank in New York haben den Geist des Konkurses von Lehman Brothers aufleben lassen. Schwarze PC-Bildschirme, gefeuerte Mitarbeiter, die leise mit ihren persönlichen Gegenständen in Kartons gehen, und stille Telefone. Ähnlich wie bei Lehman Brothers entfernte die DB drei riesige abstrakte Gemälde des deutschen Künstlers Gerhard Richter aus ihrer New Yorker Bürolobby. Die Gemälde, die die Bank Anfang der 80er Jahre kaufte, werden auf etwa 12 bis 30 Millionen US-Dollar geschätzt. Die Sammlung moderner Kunst der Lehman Brothers, deren Konkurs 2008 eine globale Krise auslöste, kam damals unter den Hammer.

Die Deutsche Bank, deren Vermögen von 2,2 Billionen Euro im Jahr 2007 auf knapp 1,3 Billionen Euro sank, verlor unter den neuen Bedingungen den Wettbewerb gegen die US-amerikanischen Weltfinanzkonzerne.

Auch „The Magic Money Tree„, eine moderne Geldtheorie, die die Sparpolitik als schädlich angreift, hat für US-Banken und Finanzinstitute himmlische Früchte getragen, während ihre Rivalen auf der anderen Seite des Atlantiks mit Carry Trade2Currency Carry Trade ist eine Spekulationsstrategie. Ein Spekulant nimmt dabei einen Kredit in einer Währung mit vergleichsweise niedrigem Zinsniveau auf, um davon Zinspapiere zu kaufen, die in einer anderen Währung mit höherem Zinsniveau notiert sind. Er hofft dabei, dass durch die höheren Zinseinkünfte nach Rückzahlung des Kredits noch ein Gewinn verbleibt. Die Risiken bei dieser Spekulation bestehen in Wechselkursschwankungen und in Zinsänderungen. und einem Rinnsal von Kapitalströmen auskommen mussten.

Bedeutet dieser Abschwung, dass die DB zusammenbrechen wird und das europäische Finanzsystem in eine Krise gerät? Keineswegs.

Deutschland hat den politischen Willen und die finanziellen Mittel, um die DB zu retten, eine systemprägende Bank, die „too big to fail“ ist. Es handelt sich um eine riesige Finanzorganisation mit zahlreichen Wirtschaftsbeziehungen, deren Konkurs eine wirtschaftliche Katastrophe bedeuten würde.

Der Krieg der globalen Finanzgiganten und Risikospiele mit hohen Zinsen und himmelhohen Ambitionen sind für die Deutsche Bank vorbei. DB-Chef Christian Sewing sagte, die geplante Transformation werde der Bank helfen, zu ihren Wurzeln von vor 150 Jahren zurückzukehren, als sie als Bank für deutsche Großunternehmen eröffnet wurde. Die Rückkehr zu ihren Wurzeln bedeutet, sich von außereuropäischen institutionellen Kunden, einschließlich Hedgefonds, zu trennen, aber auch, die Bank wieder auf festen Boden zu bringen. Disziplin wird der Schlüssel zur Überwindung einer „schlechten Kultur der Kapitalallokation“3Kapitalumschichtungsprozesse im Rahmen der Innenfinanzierung. Bei der Allokation findet im Gegensatz zur Thesaurierung kein Mittelzufluss, sondern lediglich eine Mittelumschichtung statt. sein, stellte Sewing fest. Das alte Sprichwort „Ordnung muss sein“, ein Ansatz, der die deutsche Wirtschaft zuvor gerettet hat, kann durchaus als nationale Säule angesehen werden.

Konzeptionell wird sich die Bank auf das Ziel konzentrieren, das sie seit ihrer Gründung im Jahr 1870 verfolgt: die Finanzierung der deutschen Industrie. Aber sie wird auch weiterhin auf dem weltweiten Fremdkapitalmarkt sowie bei gewerblichen Immobilien, auch in den USA, arbeiten, denn die DB wird ein Global Player bleiben.

Das Management geht davon aus, dass die Bank bis 2022 Verluste reduzieren und sogar leicht profitabel werden wird.

Es wird immer noch Risiken geben, weil ein Weltkonzern überall auf Probleme stoßen kann. Die Deutsche Bank wird wegen möglicher Verstöße gegen ausländische Korruptions- oder Geldwäschegesetze in ihrer Arbeit für den staatlichen Fonds 1Malaysia Development Berhad (1MDB)41Malaysia Development Berhad ist ein insolventes malaysisches strategisches Entwicklungsunternehmen. Es befindet sich zu 100 % im Besitz des Finanzministers. Seit 2015 wird das Unternehmen auf verdächtige Geldtransaktionen sowie Hinweise auf Geldwäsche und Betrug untersucht. überprüft. Zwischen 2009 und 2014 wurden Milliarden von Dollar aus der Bank abgezogen, was zu mehreren Regierungsuntersuchungen und dem Scheitern des ehemaligen malaysischen Premierministers Najib Razak5Najib Razak (Jahrgang 1953) war von April 2009 bis Mai 2018 Premierminister Malaysias. 2009 gründete er u.a. mit Staatsgeldern, auf die er als Finanzminister Zugriff hatte, den Fonds 1MDB. Durch missglückte Spekulationen büßte der Fonds bis Ende 2013 rund 11 Milliarden US-Dollar ein. Rund 680 Millionen Dollar, die sich auf einem Privatkonto von Razak fanden, sollen aus dem Fonds stammen. Im Mai 2018 wurde er abgewählt und Anfang Juli 2018 verhaftet. Ihm werden Geldwäsche und Veruntreuung vorgeworfen. führte.

Da sich das gestohlene Geld auf rund 4,5 Milliarden Dollar beläuft und der Fall auch Goldman Sachs betrifft, führt das US-Justizministerium eine eigene Untersuchung über die Rolle der Deutschen Bank bei Transaktionen mit 1MDB durch.

Die Anschuldigungen gegen die DB sind sehr ernst, aber dies ist nicht das einzige oder letzte Problem der Bank im Zusammenhang mit dem US-Recht. Im Juni 2019 forderten hochrangige Senatsdemokraten die Federal Reserve auf, das Verhältnis der Deutschen Bank zu Präsident Trump und seinem Schwiegersohn Jared Kushner zu untersuchen.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Entscheidung der Bank, globale Ambitionen aufzugeben und zu ihren Wurzeln zurückzukehren, als eine kluge Strategie, die der DB helfen könnte, ihr Bankgeschäft sowie die Handelsbeziehungen der deutschen Industrie mit dem Rest der Welt zu retten.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag von Alexander Losev erschien unter dem Titel „The Ghost of Lehman Brothers or The Downfall of Deutsche Bank“ beim Valdai Discussion Club. Er wurde von Neue Debatte übernommen und vom ehrenamtlichen Team von Neue Debatte aus dem Englischen übersetzt. Der Valdai Club wurde 2004 gegründet und arbeitet heute mit Meinungsbildnern aus Bereichen wie internationale Beziehungen, Weltpolitik, Wirtschaft, Sicherheit, Energie, Soziologie und Kommunikation zusammen. Wir danken dem Valdai Club für die Zustimmung zur Übernahme und Veröffentlichung.


Symbolfoto: Kelli McClintock (Unsplash.com)

Alexander Losev studierte an der Staatlich Technischen Universität Bauman in Moskau. Er war von 1997 bis 2010 Leiter des Geschäftsfelds Kapitalmärkte bei der Raiffeisen Bank. Seit Oktober 2010 ist er Generaldirektor von Sputnik Asset Management.

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1 Response

  1. Michael sagt:

    Keine Bank, so auch die „Deutsche“, kann 10 Jahre Null und Negativzinsen überstehen. Das hat mit Lehman wenig zu tun. Wir wollen auch nicht vergessen, dass es die US-Politik seit Clinton war, die ihre Banken incl. Lehman zwang Schrottkredite zu vergeben. Ebenso, dass es die Politik war, die den Handel mit extrem gefährlichen Finanzprodukten erst erlaubte. die Dinger sind nach wie vor nicht verboten. Nicht ohne Grund wurden keine Banker in den Knast gesteckt. Vielmehr ist die EZB als Büttel der französisch-italienischen Politik zu bewerten. Diese im Dienste ihrer bankrotten Realwirtschaften. Nicht die Deutsche Bank ist gescheitert, sondern der Euro wird in dem Augenblick scheitern, in dem die deutsche Politik es geschafft hat die deutsche Wirtschaft total zu ruinieren und das Eigentum der bundesbürger weitestgehend an den Finanzmärkten zu verpfänden. Da ist unser aller Merkel enorm vorangekommen. Leider ist es auch nicht möglich die „Politik“ auszutauschen, weil da eine „Nationale Front“ mit Ausnahme von Teilen der CDU, der FDP und der AfD am Werkeln ist.

    Wenn man mal „Energiewende“ auf Windmühlenbasis zum Maximalpreis kontra „E-Mobilität“ und solche Auswüchse wie „Klimaschutz“ allein nimmt, sieht man schon, dass in den Medien und in der Politik nur noch geistig Minderbemittelte irgendwas absondern dürfen.

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