Politik und Gesellschaft: Im Eldorado der Apologetik

Was mit den Diskursen Platons im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung1Etwa um 200 n. Chr. verfasste der Advokat und Schroftsteller Tertullian (eigentlich Quintus Septimius Florens Tertullianus) von Karthago sein Apologeticum. Eine Art Verteidigungsschrift richtet er an die Obrigkeit von Karthago und Africa gerichtet. Tertullian konstruiert darin das Postulat der Freiheit der Religion und das Ende der Verfolgung der Christen. Mehr in „Freiheit und Menschenwürde im ethischen und politischen Diskurs der Antike„. begann, hat einen langen Weg genommen.

Apologetik der Antike

Ursprünglich beschrieb der Begriff der Apologetik den Versuch, Theorien oder einzelne Thesen durch die Untermauerung mit rationalen Argumenten gegen Angriffe oder Zweifel zu verteidigen. Das war, wie so oft beim antiken Vorbild, ein Unterfangen, das auf Vernunft beruhte und einen Streit befördern sollte, der produktiven Charakter haben sollte. Wie gesagt, es ging um einen Diskurs.

Das Christentum übernahm den Begriff und machte aus ihm eine Verteidigungsstrategie. Zunächst ging es den christlichen Apologeten um den Versuch, den Glauben durch rationale, vernünftige Argumente zu untermauern. Dass es sich dabei eo ipso2Lat.: durch sich selbst. um eine Aporie, eine Unauflösbarkeit handelte, denn Glaube und Verstand und Wissen sind unterschiedliche Qualitäten, musste dazu führen, dass mit der Apologetik etwas schlimmes passierte: aus einer edlen intellektuellen Technik der Antike wurde ein propagandistischer Straßenköter.

Die christlichen Apologeten wurden zunehmend hysterischer und propagandistischer, je weniger es ihnen gelang, den Glauben durch kalkulierte Rationalität zu untermauern. Dass ihnen bei diesem Dilemma auch noch der Begriff der Fundamentaltheologie in den Sinn kam, spricht für sich. Nicht umsonst haben alle Theorien und Ansätze, die für sich das Fundamentale reklamieren, die Aura eines totalitären Irrweges.

Apologeten der Gegenwart

Aus jener befremdlichen Entwicklung der Apologetik entstammt die negative Konnotation, die heute mit ihr einhergeht. Einfach ausgedrückt gelten heute als Apologeten diejenigen, die an einer Sache festhalten und sie verteidigen, gerade wenn diese Sache in der Krise ist. Ohne rationale Untermauerung wird daran festgehalten, eine kritische Reflexion findet nicht statt. Eigentlich sind die heutigen Apologeten unflexible Gestalten, die an Verhältnissen festhalten, die sich überlebt haben.

Und damit wären wir an einem Punkt angelangt, der das scheinbar in der Philosophie- und Religionsgeschichte liegende Thema zu einem akut zeitgemäßen macht. Wir leben, wenn wir die vorhergehende Geschichte genau nehmen, in einem Zeitalter der massenhaft auftretenden Apologetik. Denn der gesellschaftliche Diskurs ist gewaltig ins Stocken geraten.

Nach Argumenten wird nicht mehr gesucht. Die Herrschenden und Mächtigen sind getragen von einem Momentum, das sich unter dem Begriff der Alternativlosigkeit zusammenfassen lässt. So ist es nur folgerichtig, dass die herrschenden Verhältnisse im wahren Sinne des Wortes apologetisch verteidigt werden.

Politik als Eldorado der Apologetik

Der antike Diskurs lebte vor allem davon, dass ein Streit um die Betrachtungsweisen, Positionen, Inhalte und die sich hinter ihnen verbergende Logik in der Öffentlichkeit stattfand. Das trug zu den großen Erkenntnisgewinnen bei, die mit dieser Epoche assoziiert werden. Verglichen damit leben wir in einer Zeit, in der allenfalls in kleinen, fachlich abgekapselten oder elitär definierten Kreisen noch so etwas wie ein Diskurs stattfindet. Darunter leidet die gesamte Kultur, und es ist die Ursache für die gesellschaftliche Krise, die überall zum Ausdruck kommt.

Kein Bereich dokumentiert diese Krise besser als der der Politik. Sie hat sich zu einem Eldorado der Apologetik entwickelt, in dem der Status quo als die Ultima Ratio3Die Ultima Ratio bezeichnet den letzten Lösungsweg (auch das letzte Mittel oder den letzten Ausweg) in einem Interessenkonflikt, wenn zuvor alle sonstigen im ethischen Sinne vernünftigen Lösungsvorschläge verworfen wurden, da mit ihnen keine – oder angeblich keine – Einigung erzielt werden konnte. angepriesen wird.

Trotz immer stärker werdender Zweifel, trotz wachsender Proteste und einem energischen Verlangen nach Erklärung wird das Bestehende verteidigt. Man sieht sich nicht mehr bemüßigt das eigene Handeln vernünftig zu begründen, sondern greift zur flachen Zustandsbeschreibung und gleitet zunehmend herab in das Polemisieren4Polemik bezeichnet einen meist scharfen Meinungsstreit im Rahmen politischer, literarischer oder wissenschaftlicher Diskussionen. gegen die kritische Nachfrage. Schlimmer kann das Wesen des Diskurses nicht ramponiert werden. Und selbst die Apologetik ist verkommen zu einer schlechten Kopie des Originals.


Symbolfoto: Christian Lischka (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

1 Comment

  • Soll dieses materialistische Denken uns voll beherrschen. Existiert heute eigentlich kein „Goethe“ mehr. Wollen wir unsere Sucht nach immer mehr Technik und Unterhaltung so fortsetzen. Wollen wir die Natur nur ausbeuten, statt in Demut und Hochachtung mit ihr umzugehen. Wir könnten sicher das Zusammenleben schaffen, wenn wir alle uns bescheiden. Wann findet diese Gier nach Besitz und Geld, diesem an sich Wertlosestem, ein Ende Wann hat das Streben nach mehr Menschlichkeit wieder Vorrang. Nur dann hat die Menschheit ein Recht aufs Dasein.

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