Entscheidungen als Indiz

Oft wird thematisiert, dass Entscheidungen nicht oder zu spät getroffen werden. Es handele sich dabei, so die These, um ein Indiz für den schlechten Zustand der Organisation. Und tatsächlich fand man in den nachgelassenen Werken des Soziologen und Systemtheoretikers Niklas Luhmann1Niklas Luhmann (1927 – 1998) war Soziologe, Gesellschaftstheoretiker und Vertreter der soziologischen Systemtheorie und der Soziokybernetik. zahlreiche Hinweise auf eine derartige Betrachtungsweise.

Entscheidungen und Organisation

In der postum veröffentlichten Schrift „Organisation und Entscheidung“ kann man das nachlesen. Wer gewillt ist, kann zu der Auffassung gelangen, dass die Dauer wie die Güte getroffener Entscheidungen etwas aussagt über den Zustand der Organisation, in der das Phänomen beobachtet wurde.

Nähme man den Maßstab und übertrüge ihn auf die Politik, dann käme zumindest das Gefühl auf, es handele sich hier um den beschriebenen Kontext. Das stimmt nicht in toto, denn manche Sachen gehen gewöhnlich sehr schnell über die Bühne, oft ohne großartig angelegten Diskurs. Dann handelt es sich zum Beispiel um Stellschrauben hinsichtlich der wirtschaftspolitischen Ausrichtung wie zum Beispiel die Niedrigzinspolitik.

Eigenartigerweise wurde die nicht im öffentlichen Diskurs betrachtet. Ihre Folge war im Hinblick auf Investitionen und Export genauso gewaltig wie in Bezug auf die Verbrennung der kleinen Rücklagen unzähliger abhängig Beschäftigter und Rentner.

Die falsche Fährte

Andere Zusammenhänge, wie der der Verwendung bestimmter, ökologisch schädlicher Stoffe in der Massenproduktion, werden breit diskutiert, führen aber seitens der Politik zu keiner klaren Haltung. In solchen Fällen bleibt es bei Appellen an die Konsumentinnen und Konsumenten, ohne dass ein Gesetz entstünde, das die Produktion regeln würde.

Übrigens eine besonders in Deutschland beliebte und immer wieder probate falsche Fährte. Da wird eifrig diskutiert, was jeder Einzelne tun kann und die Massenproduktion geht weiter, als wäre nichts geschehen.

Die zu treffende Schlussfolgerung legt nahe, genau hinzuschauen, bevor es zu der Diagnose kommt, Entscheidungen würden nicht oder zu langsam getroffen. Manches geht schnell, anderes soll nicht zum Ende kommen. Dass dennoch ein Gefühl vorherrscht, vieles würde nicht finalisiert, kommt nicht von Ungefähr.

Die Entscheidungen, die für die breite Mehrheit der Bevölkerung von essenzieller Bedeutung und Brisanz sind, kommen nicht zustande. Womit die Indizien für die These steigen, dass wir es mit politischen Entscheidern zu tun haben, die ihrerseits zwar das Mandat aus Wahlen haben, jedoch tatsächlich im Auftrag derer handeln, deren Mandate im Verborgenen liegen.

Die Fährte führt dabei zu den Nutznießern der Beschlüsse, die schnell getroffen werden und die den Interessen derer dienen, die da im Verborgenen operieren. Der große Besitz lässt grüßen.

Angst versus Leichtigkeit

Das beschriebene Phänomen der Entscheidung und ihres Zustandekommens ist zwar nicht einfach zu beantworten, aber es führt zu erhellenden Rückschlüssen. Das kann in der hier beschriebenen Weise geschehen, indem zwischen schnell getroffenen und ewig herausgehörten Entscheidungen unterschieden und ihre jeweilige Interessenzugehörigkeit beschrieben wird.

Es kann aber auch in einer unverfänglicheren Analyse in anderen Kontexten geschehen. Oft landet die Analyse dann bei einzelnen Psychogrammen, die etwas aussagen über die Befindlichkeit und die Sozialisation der handelnden Personen. Warum tun sich manche Menschen mit dieser oder jener Entscheidung schwer, und bei anderen wiederum ganz leicht? Was hat sich getan im Leben der handelnden Personen, dass sie im einen Fall von großen Ängsten beeinflusst sind und im anderen mit der unerträglichen Leichtigkeit des Seins zu einem Ergebnis kommen?

Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen lohnt sich in vieler Hinsicht. Die Art und Weise, wie, wann und zu welchen Anlässen Entscheidungen getroffen werden, sagt viel aus über Verhältnisse wie Menschen.


Symbolfoto: Deniel Fazekas (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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