Das Stadtviertel Raval gegen Blackstone

Das Viertel Raval in Barcelona ist ein weiteres Beispiel für großstädtische Viertel, die von Institutionen verlassen werden, in denen der Druck auf Stadt, Immobilien und Tourismus zunimmt. Ein Viertel wie so viele andere, in dem die Degradierung die Türen für Drogenhandel oder Prostitution öffnet. Werkzeuge, die Teil eines Gentrifizierungsprozesses sind, dessen Ziel es ist, diejenigen aus der Nachbarschaft zu vertreiben, die nicht das Profil einer kosmopolitischen, modernen und investitionsorientierten offenen Stadt wie Barcelona haben.

Investmentfonds, Unternehmen, in die andere Unternehmen investieren, um mittel- oder langfristige wirtschaftliche Vorteile zu erzielen, gehen wie Ratten in diesen Prozess.

Im Allgemeinen kaufen sie, was ein Investor nicht wollen würde, an Orten, die sie in der Gegenwart nicht wollen, aber die eine Projektion auf die Zukunft haben. Mit anderen Worten, es ist eine lebenslange spekulative Praxis, nur auf globaler Ebene. Für sie ist ein Gebäudekomplex in einem beliebten Stadtteil nur ein weiterer Pluspunkt in ihren Wirtschaftsbilanzen. Eigentum, wieder einmal über das Leben.

Diese Dynamik wird in das tägliche Leben durch steigende Mietpreise übertragen, die dazu führen, dass Familien, Migranten oder junge Menschen nicht bezahlen können, was dazu führt, dass sie sich in Not befinden.

Wenn sich der Kampf im Wohnungsbau vor einigen Jahren auf Hypotheken, Missbrauchsklauseln und Banken konzentrierte, hat er sich heute auf Mieten und Investmentfonds verlagert. Die Unfähigkeit der PAH (Anm. d. Übers.: Plataforma de Afectados por la Hipoteca1Die PAH wurde im Februar 2009 in Barcelona als parteiunabhängige Bürgerinitiative im Kontext der tiefgreifenden spanischen Immobilien- und Wirtschaftskrise seit 2007 gegründet. Sie unterstützt vorwiegend von Zwangsversteigerung bedrohte Betroffene der Krise, die ihre Hypotheken nicht mehr bedienen können.) in Barcelona, sich an diese Situation anzupassen, und sich in den Nachbarschaften zu etablieren, hat zur Entstehung einer (alten) neuen Organisationsform geführt: dem Gewerkschaftsgeist in der Nachbarschaft.

Von Quartieren organisierte Einrichtungen, die sich um die direkten Bedürfnisse der sie bewohnenden Nachbarn kümmern und gleichzeitig als Damm dienen, um die urbanen Prozesse einzudämmen, die die Quartiere zu touristischen Promenaden machen.

In Raval haben wir das Sindicat Habitatge Raval (SHR), in Poble Sec das Sindicat de Barri oder in Sants die Grup de Habitatge. Eine Konstellation von Gruppen, die in den Nachbarschaften arbeiten, die einen neuen Trend in den sozialen Bewegungen Barcelonas bilden und versuchen, den täglichen Konflikten eine größere strategische Projektion zu geben und daraus ein Gemeinschaftsnetzwerk aus Widerstand, Kampf und Koexistenz zu generieren.

Hospital 99

Das jüngste Beispiel dafür ist der Kampf gegen die Räumung des Gebäudes in der Hospital Straße 99. Ein ehemaliges illegales Hotel, das 2012 von der Banco Popular gekauft und an Blackstone (Anm. d. Übers.: The Blackstone Group L.P. ist eine börsennotierte US-amerikanische Investmentgesellschaft.) verkauft wurde, den größten Immobilienfonds der Welt und der größte Vermieter in Spanien mit über 20.000 Wohnungen.

Schon vor dem Verkauf an Blackstone war das Gebäude von Familien und jungen Menschen bewohnt, die erfolglos versuchten, ihre Situation zu regeln, indem sie den Stadtrat baten, das Gebäude zu kaufen und damit soziale Mieten zu erhalten.

Im Februar 2019 gab es den ersten Räumungsversuch, der mit Hilfe von SHR erfolgreich gestoppt wurde. Ein weiterer Meilenstein in dieser Zeit der Besetzung war die Vertreibung einer „Narcopiso“ (Anm. d. Übers.: Eine Wohnung, in der Dealer Drogen verkaufen.) aus dem Gebäude durch die Nachbarn, auf einem Stockwerk, das später von der SHR besetzt wurde, um Missbrauch zu vermeiden.

Mit der bereits mit dem Gebäude verbundenen SHR beginnt der Prozess der endgültigen Räumung. Mitte Juli wurde eine vollständige Räumung des Gebäudes innerhalb einer Frist von 15 Tagen angekündigt. In dieser Situation bereitet sich die SHR auf die Verteidigung des Blocks vor.

Heftige Verteidigung, multifunktionale Strategie

Der Countdown für die Räumung beginnt mit den Vorbereitungen: die Ausarbeitung eines Plans, um die Vertreibung von Familien aus der Nachbarschaft zu verhindern. Dieser Plan wird die Essenz dessen zeigen, was Unionismus ist und was ein Nachbarschaftskampf ist.

Die Verteidigung wird auf mehreren Achsen aufgebaut sein: kulturelle, kommunikative, vermittelnde und physische Verteidigung. Vier Achsen im Prinzip, die Wohnung für denjenigen, der sie bewohnt, die Nutzung auf dem Grundstück. Mit einer flexiblen, vielfältigen und kollektiven Strategie, die die authentische revulsive2Repulsiv bedeutet „abstoßend“. Kraft dieses Kampfes sein wird.

Für die 15 Tage des Widerstandes wurde ein Festival mit Dutzenden von Konzerten in der Hospital Straße vorbereitet.

Renommierte Künstler wie Bad Gyal oder Hardgz zeigten ihre Unterstützung aus der Ferne oder Kulturjournalisten spiegelten das Geschehen wider, projizierten den Kampf auf ein neues Publikum, überschritten die Grenzen der Nachbarschaft und den Aktivismus.

Die SHR tut den Rest, indem sie den Raum mit Präsenz in den Medien Kataloniens verteidigt, den Stadtrat zwingt, mit Blackstone zu vermitteln, und die Fraktionen des Parlaments von Katalonien bewegt, sich für eine Lösung für Familien einzusetzen.

Erster Sieg für die SHR: Niemand zweifelt an der Legitimität dieser Familien, das Gebäude zu bewohnen, die Familien müssen bleiben und Blackstone muss verhandeln. Mieterverbände in anderen Städten sind solidarisch mit der Sache: London, Berlin, Portugal, Amsterdam … Wenn Blackstone eine transnationale Einheit ist, warum nicht auch der Kampf eines Stadtteils? Mitten in dieser ganzen Kampagne wird Eduard Mendiluce, Direktor von Blackstone in Spanien, auch noch für ein Drehbuch genutzt.

All dies veranlasst Blackstone zu handeln. Der erste Versuch ist der Verkauf des Gebäudes an die Stadt, die keine Möglichkeit sieht, es zu kaufen. Nach der Abschlussverhandlung wurden die Sozialmieten für die sieben bedürftigen Familien, die sich im Gebäude aufhielten, festgeschrieben auf 30 % ihres Einkommens. Die Grundmiete ist auf 700 Euro festgeschrieben. Mit anderen Worten: Die Familien zahlen für ihr Zuhause eine Miete von etwa 250 Euro unter dem Marktpreis. Und nicht nur das, die Wohnungen und das Gebäude werden von Blackstone komplett saniert.

Força Sindicat!

Dieser Kampf ist ein Sieg, der einen Präzedenzfall schafft. Einer Nachbarschaftsunion ist es gelungen, einem finanziellen Riesen soziale Mieten für Familien, die Sanierung des Gebäudes und unterdurchschnittliche Grundmieten abzuringen. Ein Kampf, der auf einer gemeinsamen Sicht der Realität basiert und nach den effektivsten konkreten Wegen sucht, um eine Lösung für den Konflikt zu finden.

So zeigt sich das Sindicato de Barrio als autonomes Instrument mit der Fähigkeit, mit den Unternehmen und Institutionen, an die es Forderungen stellt, auf individueller Basis zu verhandeln. Eine neue Übung im kollektiven Ungehorsam, die nicht von der institutionellen Dynamik mitgerissen werden muss, um die Realität zu verändern.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag erschien unter dem Titel „El barrio del Raval contra Blackstone“ auf Todo por hacer. Er wurde von Jairo Gomez übersetzt. Wir danken Todo por hacer für die Zustimmung der Veröffentlichung auf Neue Debatte, um eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen und sozialen Entwicklungen, die in der EU zu beobachten sind, zu ermöglichen.


Foto: Todo por hacer / Sira Esclasans i Cardona

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