Die reale Angst vor dem Hanswurst aus der bürgerlichen Mitte

Erschrecken Sie nicht: Die Zeit der repräsentativen Demokratie läuft ab. Sie wird verformt zu einer repressiven Parteien- und Technokratendiktatur der bürgerlichen Mitte, deren Maskenfall kurz bevorsteht. Ausstaffiert mit breiter demokratischer Legitimation sitzt ihr nach rechts outgesourctes Gedankengut nun in den Parlamenten von Sachsen und Brandenburg. Die Partei der Unaussprechlichen wurde in beiden Ländern zur zweitstärksten Kraft.

Jens Berger (NachDenkSeiten) schreibt in seinem Essay „Glückliche Menschen wählen nicht die AfD“ über die Alternative für Deutschland:

„Die AfD ist der Schraubenschlüssel, den man ins Getriebe des Systems wirft – nicht, um es nach seinen Vorstellungen zu reparieren, sondern um es zu beschädigen, ja vielleicht sogar zu zerstören. Es geht hier um keine konstruktive politische Teilhabe, sondern um die destruktive Ablehnung eines Systems, das auf politischer Ebene die Interessen einer kleinen ökonomisch überprivilegierten Minderheit gegen die ökonomisch unterprivilegierte Mehrheit vertritt, dies auf medialer Ebene zu verschleiern versucht und dann „Demokratie“ nennt und sich dafür in selbstgerechten Sonntagsreden beweihräuchert.“

Macht. Demokratie. Herrschaft.

Damit ist vieles gesagt. Ein paar Nuancen gilt es der Debatte beizufügen, auch wenn die Beschäftigung mit Wahlen wenig Sinn macht, weil es nichts zu wählen gibt. Eine Wahl wäre gegeben, würden unterschiedliche Vorstellungen von der politischen, kulturellen, sozialen und ökonomischen Ausgestaltung der gesellschaftlichen Konstruktion einer öffentlichen Diskussion unterzogen, das Für und Wider der Argumente erörtert und das Extrakt, überführt in konkrete Zukunftspläne und Sofortmaßnahmen, der Bevölkerung zur Abstimmung, also zur finalen Entscheidung vorgelegt. Das wäre eine gute Portion Volksherrschaft, eben echte Demokratie. Schon an dieser Stelle wird es eintönig.

Zwar wird beständig von Demokratie geredet, doch von einer Herrschaft des Volkes kann in der repräsentativen Demokratie, dem Stützkorsett der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, keine Rede sein. Alle Macht geht vom Kapital aus. Der Wähler, um dessen Willen es angeblich geht, legitimiert diese Machtstrukturen per Wahl und wird selbst mittels Wahl entmachtet. Spätestens nach der Stimmabgabe und der Auszählung selbiger, also der mathematischen Erhebung der ausgestellten Blankovollmachten, übernehmen Parteiapparate, die über Lobbyisten, Wirtschaftsverbände und Medienkonzerne an den Fäden des Kapitals hängen, die Geschicke.

Der Wähler ist staunender Zuschauer, überrascht, nichts unternehmen zu können, wenn Wahlversprechen nicht eingehalten oder schlicht über seinen Kopf hinweg entschieden wird, wohin die Reise geht – selbst wenn es der Abgrund ist.

Natürlich gilt die Richtung nie für alle, der sich abzeichnende ökologische Kollaps mag die Ausnahme von der Regel sein. Die Klassengesellschaft pflegt und hegt ihre Unterschiede auf dem Acker der neuerdings moralisch verordneten Unteilbarkeit.

Da stellt man sich „Good old Germany“ ohne Armut und Obdachlosigkeit vor: Pfui, Spinne. Glatter Kommunismus. Armut und Wohnungsnot gehören zum hiesigen Programm wie der Urinstein zum Pissoir. Dass diese Unterschiede bleiben, weil sie dem Kapital nutzen, dafür sorgen die Parteien. Deren Kader, darunter viele Ja-Sager, einige professionelle Spalter, Illusionsverkäufer und ein paar geistige Brandstifter, sind aber nicht das wirkliche Problem für die streitbare und wehrhafte Demokratie, so schlecht diese auch ausgestaltet sein mag. Die Gefahr lauert in den Institutionen.

Widerstand nicht zu erwarten

Die Subkultur der Apparatschiks muss gefürchtet werden. Warum? Weil dieser Sorte Mensch Widerspruch, Befehlsverweigerung oder gar Aufstand gegen systembedingtes Unrecht oder Barbarei praktisch fremd ist. Die wenigsten bekommen das Maul auf. Kaum einer von ihnen baut auf den Straßen Barrikaden gegen das Unrecht.

Sie handeln nach den Vorgaben eines Etwas. So verschiebt sich die persönliche Verantwortung, ausgedrückt in unverhandelbaren moralischen und sozialen Werten und Normen, die keiner Verschriftlichung bedürfen, auf Paragrafen, Verordnungen oder auf Vorgesetzte. Gewollt oder ungewollt wird dadurch individuelle Verantwortungslosigkeit kultiviert, die Grundlage von Entmenschlichung und Tyrannei.

Das zentrale soziale Bezugssystem des Apparatschik ist der organisatorische Überbau der Staatskonstruktion, dem er seine gehobene Stellung in der Gesellschaft verdankt – und dem er dankbar dient.

Solche Gestalten, der bürgerlichen Mitte zugeordnet, haben nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten den industriellen Massenmord vorbereitet und ermöglicht, und dieser Typus ist Garant für den Abriss der Demokratie.

Ob in diesem Land ein Kaiser thront, demokratische Parteien der Bevölkerung Waffenhandel und Krieg als wirtschaftliche oder humane Notwendigkeit verkaufen oder die Nationalsozialisten ein Comeback feiern, ist dem Apparatschik gleichgültig. Er geht in der Demokratie ins Bett und wacht am Morgen im Faschismus auf, um pünktlich im Büro zu erscheinen, um seinen Job zuverlässig zu erledigen. Der Beamtenschädel ohne eigene Meinung und Haltung im System des großen Ganzen ist der perfekte Untertan jedes Regimes.

Ein realer Hanswurst

Erkennen Sie Parallelen zum Hambacher Forst, zu Hartz-IV-Sanktionen oder Kriegseinsätzen in Afghanistan? Egal, wer den politischen Taktstock schwingt, der Apparatschik würde seine Uniform anziehen, die Opposition in die Kerker werfen, sie verprügeln oder gleich erschießen. Die Bürohengste würden in ihren Amtsstuben hocken, ihre digitalisierten Akten anglotzen und abzeichnen, was ihnen gesagt wird – auch sinnlose Befehle sind schließlich Befehle und selbst das sozialfeindlichste Gesetz ist Gesetz. Widerstand ist nicht zu erwarten. Warum auch?

Apparatschiks sind als Subjekte extern und intern vorauseilend entschuldigt, ebenso, wie es der Schreibtischmassenmörder Adolf Eichmann war, dessen Charakter die Publizistin Hanna Arendt mit einem Wort beschrieb: Hanswurst.


Symbolfoto: Shahab Yazdi (Unsplash.com)

Gunther Sosna studierte Psychologie, Soziologie und Sportwissenschaften in Kiel und Hamburg, und arbeitete im Bereich Kommunikation, Werbung und als Journalist für Tageszeitungen und Magazine. Er lebte über zehn Jahre im europäischen Ausland und war international in der Pressearbeit und Werbung tätig. Er ist Initiator von Neue Debatte. Regelmäßig schreibt er über soziologische Themen, Militarisierung und gesellschaftlichen Wandel. Außerdem führt er Interviews mit Aktivisten, Politikern, Querdenkern und kreativen Köpfen aus allen Milieus und sozialen Schichten zu aktuellen Fragestellungen.

You may also like...

1 Response

  1. Morgentau sagt:

    Vielleicht gibt es noch Hoffnung? CDU und AfD sollten zusammen in Sachsen regieren. So unterschiedlich sind die Ideologien dieser beiden Parteien nun auch nicht, zumal, wenn man sich (nochmal) alte Reden von Franz-Josef Strauss anhört.
    Die Hoffnung liegt darin begründet, dass beide Parteien zusammen den Karren erst recht im braunen Dreck versumpfen lassen und der Pöbel entsetzt feststellt: Nie wieder (wählen gehen)!

    Nein, natürlich nicht. So weit wird es nicht kommen, denn der Staat hat die Macht nun endgültig an sich gerissen und Wahlen wird es eh nicht mehr geben. Warum auch noch das Feigenblatt hoch halten (wann hatte man je einen Wahl?), wenn Geschichte sich doch nur wiederholt und der Mittel(mässigkeits)stand sich auch im „neuen“ Faschismus einzurichten weiss und die Apparatschicks die Früchte ihres Gehorsams nun ernten können.
    Der Pöbel wird seine Armut wieder mit Sold kaschieren und moralisch die Demokratie in fremde Länder prügeln.

    Aber seid getröstet, ihr müsst euch nicht mehr verstecken, denn Faschismus und Kriegsverbrechen sind kein alleiniges deutsches Phänomen, es ist ein menschliches, weltweit.

    Nur schade um die, die sich nun (wieder) verstecken müssen, denn das wäre die Hoffnung gewesen…

Wie ist Deine Meinung?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.