Vollbremsung – Massenvernichtungswaffe Automobil?

Mit „Vollbremsung“ ist Klaus Gietinger ein leidenschaftliches Pamphlet gegen das Automobil gelungen. Doch leider schafft es der Autor nicht, seinen autofeindlichen Fuß vom ideologisch-dogmatischen Gaspedal zu nehmen und einen Gang herunterzuschalten.

Leidenschaftliche Animositäten

Obschon hierzulande viele neue, alte soziale Konflikte in (neuem) Gewand auftreten, die Spannung zwischen Kapitalismus und Demokratie, zwischen Freiheit und Gleichheit die Gemüter elektrisiert, grassiert ein exaltierter1Exaltiert bedeutet aufgeregt, künstlich übersteigert, hysterisch., überwiegend auf das Klima fixierter Hype.

Diese Durchdringung des Klimas in jegliche Bereiche spiegelt sich nicht nur in der Jugendbewegung „Fridays for Future“ wider, sondern auch in der medial-öffentlichen, politischen und kulturellen Auseinandersetzung, bei der dem Klimawandel in Deutschland die höchste Priorität zuteil wird. Gerechtfertigterweise? Das ist ein anderes Thema.

Dass sich also der Literaturbetrieb mit Klimathemen auseinandersetzt, verwundert kaum. So wie das jüngste Werk des Drehbuchautors, Filmregisseurs und Sozialwissenschaftlers Klaus Gietinger „Vollbremsung – Warum das Auto keine Zukunft hat und wir trotzdem weiterkommen“, ein Pamphlet zur Verbannung des Autos.

Was er offensichtlich nicht auf der Straße loswerden kann, lässt der „Verkehrsrowdy“ auf Papier aufblitzen. Schon im Vorwort „outet“ sich Gietinger mit Aussagen wie „Das Auto ist eine Massenvernichtungswaffe“ als Automobilverachter.

Mit seinen Beschreibungen der „protestantischen Physikerin Merkel“, der „katholischen deutschnationalen Kramp-Karrenbauer und dem „Alkoholjunkie Junker“ geizt der in Frankfurt lebende Autor nicht mit seinen persönlich-leidenschaftlichen Animositäten, die er nicht nur gen Automobilindustrie richtet.

Informative Einbahnstraße?

Dem aufmerksamen, nach Erkenntnis strebenden Leser stellt sich schon hier die Frage: Ist der Autor imstande objektiv, sachlich, nach wissenschaftlichen Kriterien seine Argumentation gegen das Automobil zu richten, oder fährt er mit seinem ideologisch-dogmatischen Autokampf gegen die Wand der Vernunft?

Das motiviert zumindest auf das Gaspedal einer kritisch-bedachten und nicht leichten, seichten Lektüre zu drücken, die da heißt: Volle Fahrt voraus, volle Fahrt für jede Gehirnzelle!

Bereits das erste Kapitel „Massenvernichtungswaffe Auto“ ermutigt geradezu den Leser, öfters Mal die kritische Hupe zu drücken. Auch oder gerade weil Gietinger sich Statistiken bedient, um die Destruktivität des Automobils darzulegen: Sei es bei den Unfalltoten, dem Flächenverbrauch oder der Umweltverschmutzung.

Dem Laien scheinen diese statistischen Argumente objektiv, stichhaltig und glaubwürdig, der wissenschaftlich versierte Leser fühlt sich jedoch von der Spur gedrängt.

Dass die Auswahl der Studien eine entscheidende Rolle spielt, die eigene Einstellung die Studienwahl verzerrt, können Nichtwissenschaftler wissen; dass die in den einzelnen Studien verwendeten statistischen Methoden ebenso das Ergebnis in die eine oder andere Richtung lenken können, wissen schon weniger.

Ob es sich bei der Auswahl Gietingers um eine selektive Auswahl, einer Einbahnstraße für Autoächtung handelt oder doch um eine mit wissenschaftlichem Gegenverkehr kann nur eine tiefgreifende Recherche nach abgeschlossener Lektüre ergeben. Also: Scheibenwischer an und weiter!

Antrieb zum eigenständigen Hinterfragen

Gietingers ungebremst diffamierenden Aussagen, in denen er Autofahrer als ‚befreite Faschisten?‘, SUV-Besitzer als „normalbekloppte Schizo-Stadteinwohner“ und Henry Ford als „Faschisten“ bezeichnet, lassen zunehmend an seiner wissenschaftlich-objektiven Glaubwürdigkeit zweifeln.

Seine sich durch das ganze Buch ziehenden Auto-Hitler-Vergleiche („Die Motorisierung des gemeinen Mannes qua Auto – die Hitler versprochen, aber nicht mehr ausgeführt beziehungsweise in den Vernichtungskrieg umgeleitet hatte, wurde weltweit und in Deutschland bislang nie wirklich infrage gestellt.“) verstärken nur noch diesen tendenziösen Eindruck und lassen die seriösen Punkte in Flensburg erklingen.

Das impliziert noch lange keinen Totalschaden des Buches. Vielmehr muss sich der Leser kritisch-reflektierend mit dem Text auseinandersetzen und immer wieder das intellektuelle Gaspedal betätigen, um zu überdenken, bis zu welchem Grad persönliche Meinungen des Autors wissenschaftliche Erkenntnisse steuern und wann nicht.

So stellt sich etwa die Frage, inwiefern die Darstellung stimmt, dass das Elektro-Automobil nicht dazu da sei, „um CO2 zu reduzieren, sondern um die Profite des Autokartells zu retten“.

Oder, dass das Elektro-Automobil mehr Energie als ein Diesel- oder Benzingefährt benötigt, daher schwerer und weniger effizient ist und letztendlich optimistisch gesehen durchschnittlich 400 Kilometer ohne Klimaanlage zurücklegen kann bis zur nächsten Batterieaufladung. Und inwiefern die Angaben zu Dieselgate, dem Dieselskandal mit Betrugssoftware, stimmen.

Autofreie Utopie und ziviler Ungehorsam

Trotz dieser kurvenreichen, mit reichlich „Speed“ unterlegten Informationen beschreibt der Autor zum Schluss seiner Ausführungen den realisierbaren Weg zu seiner ganz persönlichen Utopie, einem autofreien Deutschland in zwei Phasen, beginnend im Jahr 2020.

Bei aller Genauigkeit der einzelnen Schritte, von einer Reduktion des motorisierten Individualverkehrs über die Einführung eines Tempolimits bis hin zu Freizeitparks für Motorsportler, bringen zumindest die einzelnen Vorschläge zum zivilen Gehorsam den Leser zum Schmunzeln.

So empfiehlt der Autofeind Gietinger Schildchen mit der Aufschrift „Parke nicht auf unseren Wegen!“ an Autoscheiben anzubringen, auf Automobile, die auf dem Fahrradweg stehen, die weißen Streifen des Fahrradweges mit Rasierschaum nachzuzeichnen oder ein „Kidical Mass“ zu veranstalten, bei dem die Kinder hinterher „Briefe an die Staatsoberen schreiben und Maßnahmen fordern, damit sie in Zukunft sicher zur Schule fahren können“.

Fordert hier der Automobilbekämpfer die Instrumentalisierung der Kinder für seinen eigenen Kampf gegen die „Massenvernichtungswaffe“, das Automobil, sozusagen eine Kinderguerilla?

Fakten zur Umweltverschmutzung

Ebenso fraglich scheint die Fokussierung für eine „Autorevolution“ in Deutschland zu sein sowie Gietingers feste Überzeugung, dass eine Verbannung des Automobils in Deutschland das Klima retten würde.

Zum Teil stimmt dies, aber eben nicht ganz. Schaut man sich Studien zur Umweltverschmutzung an, wie den Climate Change Performance Index 2019, stehen an erster Stelle der Umweltverschmutzer Länder wie (1) Saudi-Arabien, (2) die USA und (3) der Iran.

Glaubt man gar Studien, wie derjenigen des US-amerikanischen Wissenschaftlers Richard Heede, der sich seit 30 Jahren mit der Umweltverschmutzung auseinandersetzt, sind für 63 Prozent des CO2-Ausstosses und der verursachten Methan-Emissionen 90 Unternehmen verantwortlich. Hierbei teilen sich Platz 1 der saudi-arabische Ölriese Saudi Aramco und der US-Konzern Chevron, danach folgen auf Platz 2 der Mineralölkonzern ExxonMobil (USA), der britische Ölkonzern BP (Platz 3) und auf dem 4. Platz das russische Erdgasförderunternehmen Gazprom. Das zeigt: Ein autofreies Deutschland bedeutet noch lange kein Land der Klimarettung.

Fazit

Im Großen und Ganzen überzeugt Gietingers „Vollbremsung“ den an Erkenntnis interessierten Leser kaum, zu sehr von persönlichen Interessen gelenkt, wirkt die Auswahl der Studien und ihre Interpretationen. Wer die Frage beantworten möchte, ob er sein Leben zukünftig autofrei gestalten will oder nicht, sollte daher besser rechtzeitig abbiegen. Und wer beim Lesen dem Motto folgt „Ich will Spaß, ich geb‘ Gas!“, gerne im Kreisverkehr seine Runden mit viel PS dreht, der sollte mit „Vollbremsung“ hupen.


Informationen zum Buch

Vollbremsung – Warum das Auto keine Zukunft hat und wir trotzdem weiterkommen

Autor: Klaus Gietinger
Seiten: 192
Verlag: Westend Verlag
ISBN: 978-3-86489-280-6



Symbolfoto: Jan Fillem (Unsplash.com) und Westend Verlag (Buchcover)

Deborah Ryszka (Jahrgang 1989), M. Sc. Psychologie. Nach universitär-berufspsychologischen Irrwegen in den Neurowissenschaften und Erziehungswissenschaften nun mit aktuellem Lager in der universitären Philosophie. Sie versucht sich so weit wie möglich der gesellschaftlichen Direktive einer hemmungslosen öffentlichen Selbstdarstellung bis hin zur Selbstaufgabe zu entziehen. Mit Epikur ausgedrückt: „Lebe im Verborgenen. Entziehe dich den Vergewaltigungen durch die Gesellschaft – ihrer Bewunderung, wie ihrer Verurteilung. Lass ihre Irrtümer und Dummheiten und gemeinen Lügen nicht einmal in der Form von Büchern zu dir dringen.“

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