Das Haus der russischen Literatur

Das Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau ist ein einzigartiger Ort in Russland, in Europa und vielleicht sogar der einzige Ort solcher Art auf der ganzen Welt. Hier kann jeder in fünf Studienjahren den Beruf eines Schriftstellers, Dichters oder Literaturübersetzers erlernen.

Der Wille muss da sein!

In Russland gibt es seit Langem zwei gegensätzliche Meinungen über die Angemessenheit einer solch ungewöhnlichen Bildungseinrichtung. Manch einer sagt: Zeitverschwendung! Weder Leo Tolstoi noch Anton Tschechow oder Fedor Dostojewski hatten Diplome von Schriftstellern und Dramatikern. Sie alle erlernten ihr Handwerk selbst. Das Genie werde von oben durch einen Gotteskuss gegeben, das Talent könne man daher nicht erlernen…

Der Schriftsteller des Proletariats Maxim Gorki hingegen glaubte, ein Schriftsteller sei einfach genauso ein Beruf wie der eines Schusters oder Schreiners. Jeder könne lernen, wie man gute Gedichte oder Romane schreibt – nur der Wille muss da sein!

Gorki selbst erlernte sein Talent auf eigene Faust. Er absolvierte keine Universitäten, er wurde berühmt, gerade weil er aus den unteren gesellschaftlichen Schichten kam.

Maxim Gorki (Foto: Bibliothek des allgemeinen und praktischen Wissens 1905)

Maxim Gorki. Seine Anregung führte 1933 zur Gründung des Literaturinstituts als berufsbegleitende Arbeiteruniversität. (Foto: Bibliothek des allgemeinen und praktischen Wissens, 1905; gemeinfrei)

Er reiste viel durch die Gegend, fast wie eine Art Hippie, denunzierte den Kapitalismus durch die Kraft seines Wortes und wurde der erste proletarische Schriftsteller im neuen Sowjetrussland.

Gorki unterstützte die Oktoberrevolution 1917 und war mit ihrem Anführer – Wladimir Lenin – bis zu seinem Tod befreundet. Nach der Revolution gelang es ihm, in den Kreis der sowjetischen Elite aufzusteigen. In den 1930er Jahren des letzten Jahrhunderts erhielt Gorki als Geschenk von Stalin das Herrenhaus vom Kaufmann Rjabuschinski, der zuvor aus dem roten Moskau fliehen musste.

Die Gründung des Instituts für Literatur war auch eine Art Geschenk von Stalin, der sich 1933 entschied, solch eine Hochschule zu gründen – zu Ehren des 40-jährigen Jubiläums von Gorkis literarischem Weg. Zu diesem Zeitpunkt wurde die neue Hochschule nach dem ersten proletarischen Schriftsteller benannt. Ein Erfolg, den weder Goethe noch Hugo oder Tolstoi zu ihren Lebzeiten hatten!

Das Literaturinstitut hieß dabei ursprünglich berufsbegleitende Arbeiteruniversität für Literatur. Von nun an konnte jeder Arbeiter und jeder Bauer, falls er oder sie es wünschte, in die Reihen von proletarischen Schriftstellern eintreten und Romane verfassen. Es war nicht mehr notwendig, ein Adliger und Blaublütiger zu sein wie etwa Puschkin oder Bunin.

Das Haus der russischen Literatur

Seit seiner Gründung befand sich das Institut im Zentrum von Moskau auf einem ehemaligen Gutshof aus dem späten 18. Jahrhundert. Dieses Gebäude ist bekannt als das „Herzen-Haus“. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verbrachte der russische Adlige und Schriftsteller Alexander Herzen, der erste Dissident seiner Zeit, seine Kindheit und Jugend hier.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde auf dem Gut ein literarischer Salon organisiert, den die Stars der russischen Poesie – Alexander Puschkin und Michail Lermontow – besuchten. In den 1920er Jahren wurde das Haus an Schriftsteller übergeben.

Zu verschiedenen Zeiten wohnten in den beiden Flügeln des Hauses Schriftsteller, die keine eigene Unterkunft in Moskau hatten, wie etwa Ossip Mandelstam, Juri Olescha und Andrei Platonow. Hier befand sich auch das Hauptquartier der linken proletarischen Schriftsteller, und im Erdgeschoss ein legendäres Restaurant, das man ausschließlich mit einem Mitgliederausweis des Schriftstellerverbandes betreten durfte.

In dem berühmten Roman von Michail Bulgakow „Der Meister und Margarita“ wurde genau dieses Restaurant von teuflischen Gehilfen – dem Kater Behemoth und dem Satan-Narren Korowjew – in Brand gesteckt. So rächte sich der russische Schriftsteller Bulgakow an seinen neidischen Kollegen, die sein ganzes Leben lang sein Genie verfolgt hatten.

Im Roman brannten das Restaurant und das Haus bis auf die Grundmauern nieder. In der Wirklichkeit überlebte das Haus der Schriftsteller jedoch alles und steht immer noch.

In seinem Inneren war das Haus bis zur jüngsten Sanierung eine sehr seltsame und chaotische Ansammlung von Räumen. Dort, wo einst Schlaf- und Arbeitszimmer, Räume für die Diener, ein Billardzimmer und ein Tanzsaal des Adels waren, befanden sich auf einmal enge Klassenzimmer, Lehrstühle, ein Versammlungssaal und eine Bibliothek, an den Wänden hingen Porträts von Klassikern der russischen Literatur …

Kreative Studienberatung. Rektor Alexej Warlamow beantwortet im Sommer 2018 Fragen von Bewerbern. (Foto: Literaturinstitut Maxim Gorki)

Kreative Studienberatung. Rektor Alexej Warlamow beantwortet im Sommer 2018 Fragen von Bewerbern. (Foto: Literaturinstitut Maxim Gorki)

Auf der einen Seite waren der Archaismus und die Enge für die Universität ein großer Nachteil. Auf der anderen Seite verlieh die Aura des Herrenhauses dem Institut einen besonderen Charme wegen der alten Gravuren oder der sächsischen Bestecksammlung.

Im Jahr 2018 veränderte sich das Institut. Die groß angelegte Sanierung des Hauptgebäudes wurde abgeschlossen: Alles wurde umgebaut, die Klassenzimmer umgestaltet, neue Institutsgebäude sind im Bau, alte werden repariert.

Im Prinzip ist im Zentrum von Moskau so eine eigene kleine Cambridge-Universität entstanden – eine russische Eliteuniversität, an der etwa 500 Studenten in fünf Jahrgängen Präsenz- oder Fernstudium an der Philologie-Fakultät absolvieren. Hinzu kommt das kreative Studienprogramm, das mittlerweile sehr prestigeträchtig geworden ist.

Allein in diesem Jahr gab es zehn Bewerber für einen Studienplatz!

Nach diesem Indikator ist das Literaturinstitut in die erste Reihe der gefragtesten Universitäten Moskaus aufgestiegen – gleich neben der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität, der Staatlichen Technischen Universität Moskau oder der Higher School of Economics.

In den sozialen Netzwerken kursiert immer noch das Bild der riesigen Schlange von Leuten, die einen Studienantrag stellen möchten – die Schlange war fast so lang wie das Stadtviertel.

Die Hochschule ist auch in der russischen politischen Führung bekannt und beliebt. Die Gehälter der Hochschullehrer gehören zu den höchsten des Landes, bald könnte das Institut den Status des nationalen Kulturerbes verliehen bekommen.

Fantasy, Erotik, Satire und Überleben

Die amerikanische Regisseurin Sarah Winter am Maxim Gorki Institut. (Foto: Literaturinstitut Maxim Gorki)

Die amerikanische Regisseurin Sarah Winter im Austausch mit Studenten des Maxim Gorki Instituts. (Foto: Literaturinstitut Maxim Gorki)

Ich unterrichte seit zwölf Jahren am Literaturinstitut und leite auch einen Prosa-Workshop. Mein Ziel ist es, die Fähigkeiten meiner Studenten zu fördern und hochkarätige Fachleute ihrer Zunft vorzubereiten. Doch leichter gesagt als getan …

Im Laufe der Jahre haben 37 Studenten meinen Workshop abgeschlossen und sie alle sind in verschiedene Richtungen gegangen: Nastja Galkina wechselte ins Kino, drehte mehrere brillante Kurzfilme und sucht nun einen Produzenten für ein großes Drehbuch. Timur Tatarinzew komponiert minimalistische Musik im Geiste von Cage, Elena Stanislawskaja ging in die Welt der Werbeproduktion, Witali Gudanovitsch und Roman Tretjak produzieren Videospiele, Sascha Mojzych beschäftigt sich mit Segeln und Bergsteigen, Kristina Bova lernte Koreanisch und unterrichtet nun Russisch in Südkorea.

Beinahe keiner meiner ehemaligen Studenten beschäftigt sich mit Literatur, wahrscheinlich ist ihre Welt jetzt breiter und vielfältiger, größer und heller …

Ab und zu veröffentlichen meine Absolventen Bücher, aber leider veröffentlichen sie sie nur auf eigene Kosten. Das letzte Buch, das von meiner ehemaligen Studentin Tatjana Zhestkowa geschrieben und in einer umfangreichen Auflage in einem großen Verlagshaus der Hauptstadt veröffentlicht wurde, ist der „Reiseführer auf Moskauer Friedhöfen“.

Leider bringt der Beruf eines Schriftstellers und Dichters heute kein Geld mehr ein. Zu Zeiten meiner schöpferischen Jugend in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts konnte ich vom Honorar für mein erstes Buch fast drei Jahre lang (!) leben. Heute ist das unmöglich.

Hier ist noch eine Beobachtung eines Institut-Oldtimers. Vor zwölf Jahren schrieben meine zukünftigen Studenten bei den Aufnahmeprüfungen Fantasy, fünf Jahre später schrieben sie Erotik, mein letzter Workshop liebte Satire, und als ich dieses Jahr einen neuen Kurs aufnahm, las ich über hundert kreative Werke – und zum Schlager wurde das Thema des Überlebens eines Individuums im Abgrund der sozialen Netzwerke.

Im Juli dieses Jahres wurden aus 700 Bewerbern 112 Studenten ausgewählt. Davon nehmen 25 an meinem Prosa-Workshop teil – so wollte ich das. Die meisten Studenten kommen aus der Provinz.

Nun, im September werden wir uns bei der ersten Titelvorlesung treffen: „Fehler von literarischen Anfängern und Probleme des Schriftsteller-Ansehens“.

Wir werden den Gorki-Weg fortsetzen.


Weiterführende Informationen

Maxim-Gorki-Literaturinstitut

Gründung: 1933 als berufsbegleitende Arbeiteruniversität auf Anregung des Schriftstellers Maxim Gorki (1886 – 1936). Nach seinem Tod in Maxim-Gorki-Institut für Literatur umbenannt.

Studierende: Rund 740 (500 im normalen Studium und 240 im Fernstudium)

Ausbildung: U.a. Schriftsteller, Dichter und Übersetzer von Literatur.

Namhafte Absolventen: U.a. Anatoli Andrejewitsch Kim (Autor zum Beispiel von „Das Zwiebelfeld“ und „Lotos“), Ak Welsapar (Schriftsteller und Journalist), Jurij Andruchowytsch (Dichter, Essayist und Übersetzer), Renata Verejanu (Schriftstellerin), Polina Daschkowa (Krimiautorin).

Anschrift: 123104 Moskau, Tverskoy Boulevard 25

Homepage: www.litinstitut.ru


Fotos: Neue Debatte mit Material von Hannah Grace (Unsplash.com), Maxim Gorki Literaturinstitut sowie Bibliothek des allgemeinen und praktischen Wissens. Bd. 5 (1905), Abriß der Weltliteratur, Seite 85. (Wikipedia; gemeinfrei).

Schriftsteller, Dramatiker, Dozent bei | Webseite

Anatoli Korolew ist ein Schriftsteller und Dramatiker aus Russland. Er wurde unter anderem mit dem italienischen Penne-Preis, dem Moskauer Regierungspreis, dem Apollo-Grigorjev-Kritikerpreis und zahlreichen anderen Preisen ausgezeichnet. Korolew ist in Moskau als Dozent am Maxim-Gorki-Literaturinstitut tätig. Er ist außerdem emeritierter Professor an der Wissenschaftsuniversität der Stadt Perm und Mitglied des Russischen P.E.N.-Verbandes.

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