Die Technologisierung sozialer Fragen

Die Technologie hat in der post-industriellen Gesellschaft eine elementare Stellung eingenommen. Sie wurde gar „göttlich“. Der Glaube, die Hoffnung, alles wird in sie projiziert. Sie zu kritisieren wird unvernünftig und ist Blasphemie1Blasphemie bezeichnet das Verhöhnen oder Verfluchen bestimmter Glaubensinhalte (meist bezogen auf Religionen)..

Für die Macht hat die Technologie eine zentrale Rolle eingenommen, da es durch sie ermöglicht wird, alle sozialen Fragen (noch besser) in technische Fragen umzuwandeln.

Die Frage nach Armut als Beispiel, ist keine grundlegende Frage nach Eigentum, sondern wird eine technische Frage, eine Frage nach Verwaltung und Regulierung. Die Frage nach der Umweltzerstörung führt nicht zu einer allgemeinen Kritik an Staat und Kapital, und deren Fortschritt und Interesse, sondern wird eine Frage nach „grüner“ Energie. Technische Lösungen, wie mehr Kameras, schnellere Bahnen, künstliche Intelligenz, Polizei, Sozialarbeiter*innen, besseres WLAN, Apps, Google Assistant, usw. auf die gesellschaftlichen Fragen nach Stress, Armut, Gewalt, Obdachlosigkeit, …

In der laufenden Umstrukturierung der Herrschaft nehmen immer mehr Tech-Unternehmen und Experten, Programme und Algorithmen eine größere Rolle als Agenten der Macht ein. Die Vertreibung von Unerwünschten aus dem öffentlichen Raum, durch u. a. Kameraüberwachung, Gesichtserkennungssoftware als Ausbau der staatlichen Überwachung, die (ungefragte) Erhebung von Daten zur Optimierung von Werbung und Konsumeinfluss, Soziale Medien als vermeintliche Ablenkung der Einsamkeit, usw.

Die technologischen Entwicklungen seit der Industrialisierung hatten immer die Funktion der Optimierung und Stabilisierung der Machtverhältnisse – dies ist bei der Industrie 4.0 nicht anders.

Ein Beispiel: Eisenbahnstrecken wurden nicht gebaut, um dem Menschen eine größere Mobilität zu ermöglichen, sondern hatten primär einen militärischen und industriellen Zweck. Das Gleiche gilt für die Erfindung der Dampfmaschine und des -schiffes in einem kolonialen Kontext. Mit dem Telefon und Computer wurde es möglich, über den ganzen Erdball zu kommunizieren. Die Absicht dieser Erfindungen liegt jedoch im Wesentlichen in dem Willen zur Macht, der Vorstellung einer „globalen Weltordnung“, sowie die Beschleunigung des Kapitals.

Bei jeder (post-)industriellen technologischen Entwicklung standen das Kapital und der Staat im Mittelpunkt, nie der Mensch und die Natur. Die bestehenden technologischen Forschungsfelder fallen nicht aus diesem Rahmen, was nicht zuletzt die Verstrickung von Google mit dem Militär und den Geheimdiensten zeigt.

Mit der „Technologisierung von sozialen Fragen“ gehen mehrere Entwicklungen einher. Eine ist es, den Menschen in Daten und Metadaten umzuwandeln, um ihn berechenbar zu machen. In u. a. GPS-Daten, „Likes“, „Klicks“, … Das Ziel ist es, den Menschen auf die Ebene der Programmierbarkeit und computertechnischen Erfassung zu bringen. Die Abwesenheit von einem ethischen oder „menschlichen“ Verständnis bei der kalten Berechnung der Computer von Menschen ist nur ein Effekt.

In der „pulsierenden“ Smart City – ob einer von oben organisierten oder einer Smart City von unten – wird der Einzelne ein Element im Computersystem. Das Individuum gleichbedeutend als Computer, kalkulierte Bewertung statt Sympathie, die Kälte der Maschine statt menschliche Wärme, Effektivität als treibende Kraft, kein Platz für Gefühle und Empfinden.

Dies soll keine Dystopie einer technologischen Entwicklung beschreiben, sondern aufzeigen was es bedeutet, den Menschen als Computer zu verstehen – der Mensch als herlaufende Datensätze. Es geht um die Entlarvung der bestehenden Entwicklung, die Negierung einer „Neutralität der Technologie“ und dem Aufzeigen, was in den „Tech-Laboren“, wie u. a. der Google-Campus einer sein sollte und der Tech-Campus von Siemens in Berlin einer sein soll, entwickelt werden soll.

Die bestehenden Verhältnisse, die auf Ausbeutung, Entfremdung und Unterdrückung beruhen, erzeugen soziale Spannungen, die sich durch soziale Rebellionen und Aufstände ausdrücken und die Herrschaft infrage stellen können. Diese Potenzialität einer Subversion wird ausgelöscht, wenn die sozialen Fragen als technische Fragen akzeptiert werden oder versucht wird, die soziale Spannung zu befrieden (was die Aufgabe der Politiker*innen, Polizei und Sozialarbeiter*innen ist). Wenn die Frage nach gesellschaftlich (produzierten) Problemen eine Frage der Optimierung bzw. besseres Funktionieren des technologischen Netzes ist.

Bessere Kameraüberwachung, intelligentere Technologien, … Die Soziale Frage in eine technische umzuwandeln ist fatal. Der „göttliche“ Glaube an die Technologie zum Beispiel Armut zu bekämpfe, zu verhindern, dass Menschen verhungern, die Welt zu verbessern, läuft zwangsläufig in eine Sackgasse, denn es bedeutet: immer wieder neue Technologien auf produzierte Probleme.

Dabei wird immer mehr vernebelt, inwieweit das technologische Netz Teil der Herrschaft ist.

Die körperliche wie psychische Ausbeutung, die Entfremdung von uns selbst und unserer Umwelt, dem verzerrten Verständnis von Freiheit und Selbstbestimmung (welche Unternehmen wie Google ihren Mitarbeitern garantiert), der Umweltzerstörung und Armut, liegt nicht eine Frage der technischen Verwaltung oder Kalkulierung zugrunde, sondern die bestehenden Verhältnisse selbst; diese gilt es anzugreifen.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag „Die Technologisierung sozialer Fragen“ erschien in SHITSTORM – Anarchistische Zeitung Berlin (Januar 2019 – #3), wurde von der Anarchistischen Bibliothek archiviert und von Neue Debatte übernommen, um eine kritische Diskussion über Energie- und Technikabhängigkeit zu ermöglichen. Der Beitrag wurde redaktionell überarbeitet. Einzelne Abschnitte wurden durch Absätze ergänzt und Absätze hervorgehoben, um die Lesbarkeit im Netz zu verbessern.


Symbolfoto: Yi Liu (Unsplash.com)

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