Skepsis angebracht: Merkel in China und die deutschen Journale

Der Besuch von Angela Merkel in China hat in der hiesigen Berichterstattung höchste Priorität. Es geht, ginge es zumindest nach den Polit-Journalen der öffentlich-rechtlichen TV-Stationen, dabei vor allem darum, dass die deutsche Bundeskanzlerin der chinesischen Administration wegen Hongkong so richtig den Marsch bläst.

Kolonialzeit als Ideal?

Isoliert betrachtet und unabhängig von den noch zu dechiffrierenden Inhalten, dokumentiert dieser Anspruch die ganze Hybris einer nicht mehr ernst zu nehmenden Branche. Es sei denn, man stellt den Bezug her zu der Mitgliedschaft der meisten verantwortlichen Redakteure in amerikanischen Ostküsten-Thinktanks und erkennt in der Disruption1Als Disruption wird ein Prozess bezeichnet, bei dem ein bestehendes Geschäftsmodell oder ein gesamter Markt durch eine stark wachsende Innovation abgelöst oder zerschlagen wird. des deutsch-chinesischen Verhältnisses ein amerikanisches Interesse.

Der Anlass, die Protestbewegung in Hongkong, kann unter verschiedenen Vorzeichen diskutiert werden.

Aufstände gegen autoritäre Staatsgewalt sind immer nachvollziehbar und in den meisten Fällen auch zu unterstützen. In Hongkong machen jedoch verschiedene Aspekte skeptisch: Der Anlass zur Gesetzesänderung über Auslieferungen waren Kapitalverbrechen von Hongkong-Bürgern in Taiwan und Macao, die von Hongkong nicht ausgeliefert werden können – übrigens ein Relikt aus der Kolonialzeit. Und die Bezugnahme der Protestbewegung auf die alten Zeiten der Kronkolonie. Da gab es allerdings nicht einmal freie Wahlen, alles wurde in London bestimmt. Diesen Zustand als Ideal einer Protestbewegung zu formulieren, hat allerdings frivole Züge.

Dechiffrierte Interessen

Die Berichterstattung eben jener Medien – die nun Merkel zu einem harten Kurs gegenüber der Volksrepublik China drängen – über die Ereignisse in Hongkong, ist eindimensional und hat nur ein Ziel: die Volksrepublik China politisch zu diskreditieren.

Das weiß auch die chinesische Führung. Hätte irgendjemand ein wenig mehr Vorstellungskraft über bestimmte politische Prozesse, dann wäre sehr schnell klar, dass gerade die chinesische Führung überhaupt kein Interesse an einer Eskalation hat. Sicher ist, dass die öffentliche Meinung innerhalb der Volksrepublik alles andere als den Protesten in Hongkong wohl gesonnen ist und eine Mehrheit es begrüßen würde, wenn die chinesische Administration dem Treiben in Hongkong ein Ende bereiten würde.

Aus der Perspektive vieler Chinesen ist der Sonderstatus Hongkongs längst ein Relikt aus der Zeit eines überkommenen Kolonialismus und die dort sozialisierte Bevölkerung wird in hohem Maße skeptisch betrachtet.

Die chinesische Administration könnte sich – analog wie bei dem Verhältnis Wladimir Putins zur russischen Bevölkerung im Falle der Ukraine – bei der eigenen Bevölkerung Bestnoten erwerben, wenn sie als Ordnungsmacht in Hongkong intervenierte. Dieser Versuchung hält sie bis dato stand. Dass das den selbst ernannten Stimmen der Demokratie und der freien Welt nicht passt, ist deutlich zu spüren und dechiffriert deren Interesse und Charakter.

In einem Falle jedoch kann die Öffentlichkeit entspannt bleiben. Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland wird auch in diesem Falle alles dafür tun, dass die Wirtschaftsbeziehungen der ansässigen Industrie nicht unter politischen Irritationen leiden.

Skepsis ist angebracht!

Das Kalkül ist jedoch nicht so krisenfest wie gedacht. China ist kein Schwellenland mehr, sondern der große Herausforderer der Weltherrschaft der USA. Deshalb wird permanent und überall versucht, China als einen gefährlichen, undemokratischen und despotischen Moloch erscheinen zu lassen.

Einmal abgesehen davon, dass die Zuckerseiten des amerikanischen Modells seit geraumer Zeit radikal geleckt sind, steckt hinter vielem, worüber und wie hierzulande berichtet wird, als Unikat nur ein Interesse, nämlich dass der moralischen Entrüstung.

Doch kaum ein Skandal in diesem Portfolio, sei es Tibet, seien es die Uiguren, seien es die Infrastrukturprojekte in Afrika oder sei es die Seidenstraße, hält bei näherer Recherche dem Bild stand, das erzeugt wird. Große Skepsis ist angebracht!


Symbolfoto: Daniel Mingook Kim (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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