Das Warten auf den Kollaps – unsere einzige Hoffnung?

Allen Ignoranten, die angesichts der globalen Ausrottungsaktion, die unsere Spezies auf diesem Planeten betreibt, nicht einmal ein Gefühl des Verlustes empfinden, sei gesagt:

Keine Sorge, der Zenit ist überschritten, bald wird sie wieder kürzer werden die Liste, bald gibt es immer weniger bis gar nichts mehr zu retten.

Keine Arktis, die Bienen nicht, keinen Spatz in der Hand und uns selbst wohl auch nicht mehr. Wen wundert es da, dass die Stimmen der Mahner und Warner immer lauter, immer radikaler werden?

Hoffnung im Konjunktiv

Es trauten sich in den letzten Jahren zunehmend auch diejenigen mit schrillen Tönen aus der Deckung, die sich bisher verzweifelt an die Hoffnung geklammert hatten, dass genügend intensiv betriebene Aufklärung das Blatt schon wenden werde. Die folgenden Zitate mögen verdeutlichen, wie hilflos wir inzwischen in dem Wunsch geworden sind, der verhängnisvollen Entwicklung, deren Ursprung mit dem Begriff Gier treffend beschrieben ist, noch erfolgreich zu trotzen.

Dabei kommt es zu den merkwürdigsten und teilweise unglaublichsten Statements, die man vor Kurzem nicht einmal zu denken, geschweige denn auszusprechen wagte. Es sind allesamt Hilfeschreie. Gedankenspiele im Konjunktiv. Wenn wir das und das täten, würde sich dies und jenes noch verhindern lassen.


Gedankenspiele

Ist nicht der Kollaps der industrialisierten Welt die einzige Hoffnung für den Planeten? Liegt es nicht in unserer Verantwortung hierfür zu sorgen?Maurice Frederick Strong, Gründer des UN Environment Programme und Initiator des ersten Klimagipfels in Rio.
Dass der deutsche Faschismus seine enorme Destruktivität entfalten konnte, hängt auch damit zusammen, dass die Mehrheit eines Volkes die Wirklichkeit, die sich vor der eigenen Haustür ereignete, ins Unbewusste abspaltete. Ähnliches wird vermutlich die kommende Generation über unser Verhältnis zu den natürlichen Ressourcen der Erde sagen.Ingo Benjamin Jahrsetz, Initiator und Ehrenvorsitzender des Spiritual Emergence Network e.V. (SEN). Er betreibt eine Psychotherapeutische Praxis in Wittnau unweit von Freiburg im Breisgau.
Die Klimakrise ist kein politisches Thema, sie ist eine moralische und spirituelle Herausforderung für die gesamte Menschheit. Sie ist auch unsere größte Chance das globale Bewusstsein auf eine höhere Ebene anzuheben.Lester Russell Brown, 26 Jahre Leiter des Worldwatch Institute. 2006 veröffentlichte er das Buch „Plan B 2.0: Rescuing a Planet Under Stress and a Civilization in Trouble“. Lester R. Brown wurde von der Washington Post als einer der einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.
Eine massive Kampagne muss gestartet werden, um die USA zurück zu entwickeln. Zurückentwicklung bedeutet, unser wirtschaftliches System mit den Wirklichkeiten der Ökologie und der Situation der weltweiten Rohstoffressourcen auf Linie zu bringen.Paul R. Ehrlich, Professor für Biologie an der Stanford-Universität. Er erforscht den Einfluss menschlicher Aktivitäten auf die Artenvielfalt.
Wir müssen dies zu einem unsicheren und ungastlichen Ort für Kapitalisten und ihre Projekte machen. Wir müssen die Straßen und das umgepflügte Land zurückfordern, den Dammbau anhalten, existierende Dämme einreißen, eingezwängte Flüsse befreien und zur Verwilderung von Millionen von Hektar gegenwärtig besiedeltem Land zurückkehren.David Foreman, Mitbegründer der radikalen Umweltbewegung Earth First!
Komplexe Technologie jeglicher Art ist ein Angriff auf die menschliche Würde. Es wäre – wegen dem was wir damit anstellen könnten – fast schon desaströs für uns eine Quelle sauberer, billiger und überreichlicher Energie zu entdecken.Amory Lovins, US-amerikanischer Physiker und Umweltaktivist vom Rocky Mountain Institute.
Die Aussicht billiger Fusionsenergie ist das schlimmste was dem Planeten passieren könnte. Jeremy Rifkin, US-amerikanischer Ökonom, Publizist, Gründer der Foundation on Economic Trends, skizziert die Vision einer Wasserstoffwirtschaft und beschrieb bereits Mitte der 1990er Jahre das Ende der Arbeit und das Potential im Nonprofitsektor.
Menschen auf der Erde sind in vielen Dingen wie pathogene Mikroorganismen oder wie Zellen eines Tumors. Sir James Lovelock (Healing Gaia), unabhängiger britischer Wissenschaftler. Er gilt als Vordenker der Ökologie-Bewegung.
Eine vernünftige Schätzung für eine industrialisierte Weltgesellschaft bei aktuellem materiellen Standard von Nordamerika wäre 1 Milliarde Menschen. Bei dem genügsameren Lebensstandard der Europäer wären 2 bis 3 Milliarden möglich. Aus: United Nations, Global Biodiversity Assessment.
Eine Gesamtbevölkerung von 250 bis 300 Millionen Menschen, ein Rückgang um 95 % der heutigen Zahlen, wäre ideal. Robert Edward “Ted” Turner, Gründer von CNN und einer der größten Spender der Vereinten Nationen.
Es ist schrecklich das zu sagen, aber um die Weltbevölkerung zu stabilisieren, müssen wir 350.000 Menschen pro Tag auslöschen. Es ist schrecklich das zu sagen, aber es ist genauso schlimm dies nicht zu tun. Jacques-Yves Cousteau, Meeresforscher. Quelle: UNESCO Courier
Alle potentiellen Eltern sollten verpflichtet sein, empfängnisverhütende Mittel zu verwenden. Die Regierung gibt dann Gegenmittel für Bürger aus, die für das Entbinden von Kindern ausgewählt wurden. David Ross Brower, First Executive of the Sierra Club.
Es ist egal, ob die Wissenschaft der globalen Erwärmung komplett an den Haaren herbeigezogen ist: gibt uns der Klimawandel doch die größte Möglichkeit Gerechtigkeit und Gleichheit in die Welt zu tragen.Christine S. Stewart, ehemalige kanadische Umweltministerin.
Demokratie ist kein Allheilmittel. Sie ist nicht in der Lage alles zu organisieren und sie ist sich ihrer eigenen Grenzen nicht bewusst. Diesen Fakten müssen wir offen ins Augen schauen. So frevelhaft es sich auch anhören mag, Demokratie ist nicht länger für die vor uns liegenden Aufgaben geeignet. Die Komplexität und die technische Natur vieler unserer heutigen Probleme erlaubt es nicht immer, dass gewählte Vertreter zur rechten Zeit kompetente Entscheidungen treffen.Aus: 'The First Global Revolution' von Alexander King und Bertrand Schneider (1991). Das Buch knüpft an den 1972 veröffentlichten Bericht des Club of Rome mit dem Titel 'The Limits to Growth' an. Das Buch war als Blaupause für das 21. Jahrhundert gedacht, in dem eine Strategie für das Überleben der Welt zu Beginn der so genannten ersten globalen Revolution vorgestellt wurde.
Das Konzept der nationalen Souveränität ist ein unveränderliches, in der Tat heiliges Prinzip der internationalen Beziehungen gewesen. Es ist ein Prinzip, welches nur langsam und zurückhaltend den neuen Notwendigkeiten einer globalen Umweltkooperation weichen wird.Aus: UN Commission on Global Governance Report
Meiner Ansicht nach, nach 50 Jahren Dienst im System der Vereinten Nationen, gibt es die dringende und absolute Notwendigkeit einer ordentlichen Weltregierung. Es gibt keinen Hauch eines Zweifels daran, dass das aktuelle politische und wirtschaftliche System nicht mehr angemessen ist und zum Ende der Evolution des Lebens auf diesem Planeten führen wird. Wir müssen daher unbedingt und umgehend nach neuen Wegen Ausschau halten.Dr. Robert Muller, Stellvertretender UN-Generalsekretär.
Unser Heil hängt von unserer Fähigkeit der Schaffung einer Naturreligion ab. René Jules Dubos, Mediziner, Mikrobiologe und Umweltaktivist.
Es bedarf einer profunden Neuorientierung der gesamten Menschheit, so wie sie die Welt noch nie gesehen hat – eine große Veränderung der Prioritäten bei Regierungen wie auch dem Einzelnen und einer bisher noch nicht dagewesenen Umverteilung von Finanzmitteln. Diese Veränderung wird es abverlangen, dass die Sorge über die Umweltkonsequenzen einer jeden menschlichen Aktion in die individuellen und kollektiven Entscheidungen auf jeder Ebene integriert wird.Aus der von US-Präsident Jimmy Carter 1977 in Auftrag gegebenen Studie 'Global 2000'.

Traurig aber wahr:

Unsere Situation auf der Erde ist offenbar so trostlos geworden, dass wir gedanklich nur noch an den Krücken des Konjunktivs in eine lebenswertere Zukunft zu schreiten vermögen. Dabei wäre es so einfach, dem drohenden Ökozid noch zu entkommen (Konjunktiv!), denn wie hatte schon Sokrates1Sokrates (469 v. Chr. – 399 v. Chr.) war ein griechischer Philosoph. Er lebte in Athen zur Zeit der Attischen Demokratie. Sokrates entwickelte er die philosophische Methode eines strukturierten Dialogs (Maieutik) zur Erlangung von Menschenkenntnis, ethischen Grundsätzen und Weltverstehen. gesagt:

„Nicht das Leben ist von Bedeutung, sondern die Lebensführung.“

Es beginnt, wenn wir anfangen zu handeln. Jeder für sich und an seiner Stelle. Oder ist, wie Seneca2Lucius Annaeus Seneca (etwa im Jahre 1 bis 65 n. Chr.) war ein römischer Philosoph, Dramatiker, Naturforscher, Politiker und Stoiker. Er war Erzieher und Berater des späteren Kaisers Nero. Seneca soll einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit gewesen sein. einst vermutete, alles bereits ein Überbleibsel eines schrecklichen Mahls, das sich die Menschheit in ihrer kollektiven Dummheit kurzfristig gönnte?

Dann halte ich es lieber mit Friedrich Nietzsche3Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900) war ein klassischer Philologe. Seine Schriften machten ihn als Philosophen erst nach seinem Tod weltberühmt., der gesagt hat:

„Und wollt ihr denn durchaus zugrunde gehen, so tut es denn jetzt und auf einmal, damit von euch jedenfalls erhabene Trümmer übrig bleiben.“

Sorry für diesen „Mutmacher“, aber wie sagen die Engländer so schön: Face it, Harry!


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag von Dirk C. Fleck erschien in einer älteren Version bei KenFM im Mai 2016 unter dem Titel „Unsere Hoffnung geht an den Krücken des Konjunktivs“. Er wurde für Neue Debatte aktualisiert.


Symbolfoto: Alex (Unsplash.com)

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

2 Comments

  • Lieber Dirk C. Fleck – ja, danke für den Mutmacher, denn „face it“ kann dazu beitragen endlich einmal den Mut zur Handlung, bzw. ein Herz zu fassen!!
    Denn der größte Teil der Problematik besteht ja darin, sich alles mögliche im Kopf auszuschmücken – dann entstehen die konjunktivistischen und passiven Satzkonstruktionen auf die Sie ja mit Recht hinweisen. Sie entlarven das Bewußtsein der Redner und Schreiber … und schließlich unseres ganzen Bildungssystems, was einzigst die Aufgabe zu haben scheint, den Menschen von der äußeren und inneren Natur wegzusperren, um ihm dann in 4 Betonwänden von kopfgesteuerten Menschen (die nie wirklich draußen oder drinnen in der Natur oder Schöpfungsrealtiät waren) über diesen Kopfkanal Infos einzuflößen.
    Dabei kann also gar nichts anderes herauskommen, als das, was wir hier gesellschaftlich vorliegen haben in: man könnte, man müßte, ich wünsche, ich fordere usw. …

    Aber es gibt trotzdem Mutmacher, die bewiesen haben, daß sie handeln – auf diese habe ich schon oft hingewiesen auch hier in der Neuen-Debatte …

    Ob die seit ca. 8 Wochen laufende neue Aktion wirklich in dem Sinne eine AKTION werden könnte, hängt wieder mal von jedem von uns ab – ob wir in die Handlung kommen oder nicht.

    HIer sei´s auch mal genannt, schaut es euch an, Stichwort auf youtube: „Peter Weber“

    Und schaut euch bitte das Grundgesetz an Art. 133, Art. 120 und Art. 146. Wer dann immer noch nicht weiß, was zu tun ist, der sollte dann auch nicht mehr darüber reden, was zu tun sein KÖNNTE … es sei denn, er wandelt gerne weiter als Sprechblase …(Goethes Märchen läßt grüßen)

  • Geht es wirklich noch um Klima- oder Umweltschutz? Oder geht es vordergründig um Menschenschutz, ums eigene Überleben?
    Hatten wir denn nicht genug Zeit dafür? Seit Jahrzehnten „spielt die Umwelt verrückt“, sterben Arten aus. Mindestens seit den 1970er Jahren gibt es Umweltschutzbewegungen, aber niemanden hat es interessiert, fast niemanden. Die wenigen „Spinner/Individualisten“ hat doch sowieso keiner ernst genommen, oder?

    Und die, die sich jetzt als Gutmenschen aufspielen, Gemeinschaft einfordern, denken die wirklich an den Planeten und an den Rest von fast 8 Milliarden Menschen? Denn sie gehören ja zu der fast eine Milliarde Menschen, denen es gut ging und noch gut geht, im kapitalistischen Zeitalter. Natürlich war/ist man politisch/religiös aktiv und hat ständig gemahnt, so wie die „Propheten“ im obigen Artikel mit ihren klugen Sprüchen. Dabei hatten (haben?) sie doch nun wirklich die Macht etwas zu verändern, zumindest im eigenen Umfeld?!

    Ja es ist einfacher, kurz bevor sich die Geschichte selbst begräbt, noch einmal zu betonen: „Ich habe es ja immer gesagt…“, um dann selbstgefällig den Kopf in den Sand zu stecken und zu sterben.

    Haben diese „Gutmenschen“ jemals zu den >< 6 Milliarden „Überlebenskünstlern“ gesprochen, die nicht am üppigen Gabentisch sitzen konnten, sondern ihn decken mussten, um irgendwie zu überleben. Und als Dank haben wir dann unsere Soldaten zum noch mehr Beute machen geschickt.
    Haben sie die Schreie von Mutter Erde gehört, wenn sich die Bagger und Bohrer kilometertief in ihren Leib rammten, um Fortbewegungsmittel mit ihrem Blut zu betanken, um es selbstfindungsmässig, globusweit und aus der Luft zu „survivaln“ ?
    All die Klagelieder von den zubetonierten, chemisch, radioaktiv kontaminierten Pflanzen- und Tierwelten. Und die entsetzlichen Angstlaute aus den Tierkonzentrationslagern und Laboren. Wurden/Werden die auch gehört?

    Nun ist es an der Zeit den (Stammtischbier-)Deckel zu bezahlen. Von einer selbstberauschten Gesellschaft die sich an den Kapitalismus verkauft hat und ihre Kinder nach Evolutionen immer noch in Kriege verheizt.
    Besteht dennoch Hoffnung? Für wen? Nur für uns Menschen, oder wirklich für den Planeten mit ALL seinen Lebewesen, – OHNE Eigennutz/Kapital?

    Diese Frage sollten wir wohl zuerst klären, anstatt uns nur auf hohem Niveau zu bemitleiden und wieder versuchen uns freizukaufen.

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