GO! Die Ökodiktatur – Der SciFi-Trip in die Realität

GO! Die Ökodiktatur wurde 1993 veröffentlicht. Beschrieben wird eine ökologisch orientierte Revolution. Dafür schließen sich die reichen Länder des globalen Nordens zusammen. Deren Eliten sind bereit, den höchsten Preis für die Durchsetzung ihrer egoistischen Visionen zu zahlen: Diktatur, Unmenschlichkeit und Barbarei.

Leserschaft und Feuilleton nahmen den Science-Fiction-Roman fast ehrfürchtig auf, zogen gar Vergleiche mit Orwells Meisterwerk ‚1984‘. Jetzt, etwas mehr als 25 Jahre nach Erscheinen von GO! Die Ökodiktatur, kann von Science-Fiction keine Rede mehr sein.

Schon das erste Kapitel ist ein Trip in die nackte Realität – er führt zu den Außengrenzen Europas …


GO! Die Ökodiktatur

Kapitel 1

„Die Menschheit ist in zwei ungleiche Teile zu teilen. Der kleinere Teil, etwa ein Zehntel der Gesamtheit, erhält allein die persönliche Freiheit und das unbeschränkte Recht über die anderen neun Zehntel. Diese neun Zehntel sollen aber ihre Persönlichkeit vollkommen einbüßen und zu einer Art Herde werden, um bei grenzenlosem Gehorsam durch eine Reihe von Wiedergeburten die ursprüngliche Unschuld wieder zu gewinnen, etwa in der Form des alten Paradieses, wenn sie auch, nebenbei bemerkt, werden arbeiten müssen.“

F.M. DOSTOJEWSKI

Martin Heiland stocherte nervös in seinem Essen. „Siehst blass aus,“ bemerkte Peter Buchholz. Als sein Freund nicht reagierte, versuchte er es mit einem Scherz: „Ich werde den Piloten bitten, die Kiste so richtig ins Trudeln zu bringen, das belebt. Die Spanier verstehen sich auf solche Kunststückchen.“

Heiland schob den Teller beiseite: „Du fliegst allein,“ sagte er und stand auf.

„O nein, mein Lieber! Wir sind gemeinsam geladen, also sehen wir uns die Sache auch gemeinsam an.“

„Vergiss es,“ entgegnete Heiland. „Sie wollen, dass wir uns an der Schweinerei beteiligen, also werden wir es tun. Haben wir eine Wahl?“ Er legte dem Schutztruppenminister die Hand auf den Arm: „Keine zehn Pferde kriegen mich in diesen Helikopter…“

„Zu spät“, flüsterte Buchholz. Zwei Herren näherten sich ihrem Tisch, der eine im Anzug, der andere in offener Lederjacke. Buchholz stellte sie vor: „Sénor Vargas vom spanischen Informationsministerium, Miguel, unser Pilot. Na, dann wollen wir mal.“

Der Bell Jet Ranger stand mit hängenden Rotorblättern auf dem Flugfeld wie ein flügellahmes Insekt. Heiland drückte sich neben Buchholz auf die rückwärtige Sitzbank. Der Pilot entfernte den Überzug vom Staurohr und drehte an der Benzinzufuhr. Seine Hand fuhr unter das Kabinendach, wo sie nach einer genau festgeschriebenen Choreographie zwischen Kipp- und Drehschaltern virtuos hin und her tanzte. Heiland vertraute sich dem Piloten an wie einem Arzt, der vor der Operation die Instrumente sortiert. In der Luft war ein Zwitschern, als hätte sich ein Vogelschwarm in der Kabine nieder gelassen.

„Helikopter Seawind 2040 ready for take-off.“

„Roger. Altimeter set thirty point ten. Clear for take-off.“

Heiland krallte sich in den Sessel. Trotz aller Angst verursachte der Kurvenflug, in dem Algeciras wie ein Tischtuch unter ihnen weggezogen wurde, ein wohliges Kribbeln im Bauch. Die Schaumkronen auf dem Meer schienen schräg vom Himmel zu fallen, um gleich darauf, dem kippenden Horizont folgend, waagerecht auf sie zuzurollen. Er bekam eine Ahnung davon, wie es sich anfühlte, aus der Welt katapultiert zu werden, und es gefiel ihm. Insbesondere gefiel ihm, dass sich seine Verantwortung für diese Welt dabei in Nichts auflösen würde…

„In einer Stunde wird es dunkel,“ hörte er Vargas sagen, „allmählich dürften sie sich bereit machen da drüben. Die meisten versuchen es nachts. Sie kapieren einfach nicht, dass wir sie genau so gut im Dunkeln aufspüren können.“

„Wie viele sind es inzwischen pro Tag?“ fragte Buchholz.

„Wer weiß das schon. Einige Tausend. Die meisten stammen aus Schwarzafrika. Die Marokkaner gehen nicht gerade zimperlich mit denen um. Erst letzte Woche haben sie an der senegalesischen Grenze ein Flüchtlingscamp bombardiert. Allmählich aber geht ihnen Treibstoff und Munition aus. Wenn wir das Problem im Griff behalten wollen, müssen wir liefern…“

„Die GO!-Staaten haben ein striktes Waffenembargo verabschiedet,“ antwortete Buchholz irritiert.

„Ein Fehler,“ bemerkte Vargas trocken. „Es mag für Sie makaber klingen, aber ohne die Dezimierung im Vorfeld unserer Grenzen wäre Europa verloren. Die Menschen drängen zu Millionen an die nordafrikanischen Küsten. Marokko, Algerien und Tunesien sehen aus wie nach einem Heuschreckenangriff. Was nicht niet- und nagelfest ist, wird geklaut und zu Flößen umfunktioniert.“ Der Spanier reichte seinen deutschen Gästen die Karte. „Wir patrouillieren mit zwanzig Schnellbooten in der Straße von Gibraltar, außerdem sind ständig sechs Hubschrauber im Einsatz. Trotzdem gelingt es einem beträchtlichen Teil von Flüchtlingen, bei uns anzulanden. Womit wir beim Punkt wären: Der spanische Öko-Rat hat beschlossen, eine zusätzliche Pufferzone einzurichten. Der gesamte Küstenstreifen zwischen Huelva im Westen und Benidorm im Osten wird bis zu zwanzig Kilometer ins Landesinnere geräumt. Das macht natürlich nur Sinn, wenn dort genügend Militär präsent ist, um die Eindringlinge aufzuspüren.“

„Und dabei dachten Sie an uns?“ nuschelte Buchholz über die Karte gebeugt.

„An Sie, an die Franzosen, die Engländer, die Schweizer, egal… Alleine schaffen wir es nicht. Die Alternative wäre für niemanden verlockend. Bedenken Sie nur die Ströme von Aids-Infizierten, die sich nach Norden bewegen würden.“

Heiland lauschte den Ausführungen des Spaniers eher beiläufig, er war viel zu sehr damit beschäftigt, Miguels Flugmanöver auszubalancieren. Als der Helikopter unvermutet nieder sackte, um plötzlich mit erhobenem Schwanz in niedriger Höhe stehen zu bleiben, wurde ihm schlecht. Buchholz reichte ihm eine Kotztüte.

„Hier haben wir es mit einem der typischen Flöße zu tun,“ dozierte Vargas im Tonfall eines Museumsführers. „Vier, fünf kräftige Balken aneinander genagelt, das ist es meist schon. Viele werden von der Strömung in den Atlantik gerissen.“

Heiland würgte eine gallige Flüssigkeit hervor und blickte mit tränenden Augen auf die See, die sich unter ihnen kräuselte. Inmitten dieses von peitschenden Rotorblättern entfachten Sturms kauerte eine Gruppe verängstigter Gestalten auf schaukelnden Planken. Fünf junge Männer, eine Frau. Sie saß als einzige aufrecht. Ihre Lippen bewegten sich wie im Gebet.

Heiland kam sich in seiner Glaskuppel wie ein Alien auf Stippvisite vor. Der Pilot zog die Maschine behutsam hoch, als sei ihm der Anblick peinlich. Von Backbord näherte sich in rasender Fahrt ein Schnellboot. Es hielt direkt auf das Floß zu und pflügte es unter. Sekunden später stob der Helikopter mit gesenktem Haupt auf die afrikanische Küste zu. Heiland erbrach sich erneut. „Es sind Hunderte!“ schrie Vargas, „zählen Sie mal mit.“

„Ab wo werden sie angegriffen?“ fragte Buchholz, um Kontenance bemüht.

„Sie werden gestellt, wo immer wir ihrer habhaft werden, Sénores! Was dachten Sie denn?“

„Auch vor ihrer eigenen Küste?“

Dem Spanier ging die Empfindlichkeit des Deutschen auf die Nerven. „Natürlich,“ knurrte er, „je eher, desto besser.“

„Und wenn es sich um Fischer handelt?“ hakte Buchholz nach.

Vargas starrte ihn fassungslos an. Auch Heiland warf seinem Kabinettskollegen einen abschätzigen Blick zu. Fischen war in allen Anrainerstaaten seit der Choleraepidemie von 2024 unter Todesstrafe gestellt. Die ökologischen Zeitbomben tickten in solcher Menge im Meer, dass auch in hundert Jahren keine Besserung in Sicht sein würde. Fast die Hälfte der europäischen Industrieabfälle war hier über Jahrzehnte kostenneutral entsorgt worden. Der Massentourismus, der am Ende auf 340 Millionen Besucher pro Jahr angewachsen war, hatte die Gewässer zwischen Gibraltar und der Südtürkei endgültig zugeschissen.

Sie folgten der Küste nach Melilla. „Ich denke, wir haben genug gesehen“, sagte Heiland, als sie wieder einmal in geringer Höhe über die Köpfe der Flüchtlinge donnerten. Vargas gab dem Piloten das Zeichen zur Umkehr.

„War ne blöde Bemerkung, das mit den Fischern“, entschuldigte sich Buchholz, als sie eine Stunde später im Gästehaus des spanischen Öko-Rats zu Abend aßen.

„Sagen wir mal so,“ antwortete Heiland, „sie hat unseren Sachverstand nicht gerade unter Beweis gestellt. Wie viel Soldaten können wir ihnen bewilligen? Zwanzigtausend?“ Er schnupperte am Vino Tinto und blickte den Schutztruppenminister über den Rand seines Glases belustigt an.

Buchholz verschwand auf sein Zimmer. Er wurde einfach nicht schlau aus diesem Mann. Im Helikopter hatte Heiland Höllenqualen gelitten beim Anblick der verzweifelten Menschen, und jetzt erteilte er mit einem Augenzwinkern Unterstützung für dieses Schlachtfest an Europas verwundbarster Stelle.


Informationen zum Buch

GO! Die Ökodiktatur – Erst die Erde, dann der Mensch

GO! Die Ökodiktatur wurde 1993 erstmals veröffentlicht und erschien 2013 in Neuausgabe. (Cover: p.machinery Verlag)

GO! Die Ökodiktatur wurde 1993 erstmals veröffentlicht und erschien 2013 in Neuausgabe. (Cover: p.machinery Verlag)

Erstveröffentlichung: 1993
Neuausgabe: 2013
Verlag: p.machinery Verlag
ISBN: 978-3-942533-79-9

Der Science-Fiction-Roman GO! Die Ökodiktatur von Dirk C. Fleck (Homepage: www.dirk-c-fleck.de) erschien 1993 und wurde 1994 mit dem deutschen Science-Fiction-Preis ausgezeichnet. Jutta Haitel schrieb in ihrer Laudatio:

„(…) In einer zunächst spielerisch verlaufenden Handlung wird dem Leser eine positive Welt vorgestellt, in denen die handelnden Personen glücklich und mit einer hohen Eigenverantwortung ausgestattet, in einer zwar strapazierten, aber geläuterten und auf dem Wege der Besserung befindlichen Welt leben. Daß diese Besserung nur mit radikalen Mitteln von Seiten des Staates realisiert, teilweise auch nur vorgetäuscht werden kann, wird erst nach und nach bewußt. Und mit diesem Bewußtsein verbindet sich, daß jede Diktatur, egal welche positiven Ziele sie sich gesetzt hat, die uneingeschränkte Macht einiger weniger Menschen über ganze Völker bedeutet.“

Das GO! Die Ökodiktatur ist in Deutschland mittlerweile in der dritten Auflage erschienen. Außerdem gibt es Ausgaben in Türkisch und Vietnamesisch.


Foto und Cover: Beckett Ruiz (Unsplash.com) sowie p.machinery Verlag

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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3 Responses

  1. H Mueller sagt:

    Mit Dirk C Fleck pp. ist diese Seite ja nicht gerade „Journalismus und Wissenschaft von unten“.
    Aber mit interessantem Untertitel.
    Also, die Leseprobe aus dem Science Fiktion-Buch ist subjektiv und fuer mich eher maessig interessant. Kenne von Herrn Fleck weitaus zwingendere Textpassagen.
    Was mir von Fleck bis Graetta Thunbergs und neuerdings der CO2-Finanzprodukte-Kampagnen auffaellt, ist, das nach meinem Kenntnisstand ein wesentlicher Gesichtspunkt aus der Meeresforschung, ich nenne es mal hoeflich uebersehen wird: dass die uns bekannte Biosphaere in 10 Jahren an einem point of no return ankommen duerfte und in 25 Jahren der Weltsauerstoff unserer Atmosphaere nicht mehr hinreicht, das 6. blackout einer irdischen Biosphaere noch aufzuhalten. (Quelle: Vortrag von Howard Dryden, kenfm.v.38432.goserver host).
    Hiesse: wer heute um die 75 ist, wird noch anders sterben duerfen, bevor er ersticken wird.
    Alle anderen, einschliesslich jedem, der noch nicht siebzig Jahre alt ist, wird noch den Erstickungstod erleiden. In 25 Jahren. Alle unsere Kinder, Enkelkinder, Katzen, Fuechse, Rehe, Elephanten pp. ebenso.
    Erich Thomas Waelder werden allerdings mehr werden aber die reichen nicht hin fuer unsere Atmungsaufrechterhaltung. Nehmen wir mal an, Howard Dryden liegt richtig.
    Also wir haetten noch 10 Jahre. Um die globale Chemoindustrie noch umzusteuern. Glaubt da etwa irgendjemand, das ginge noch?
    Angesichts der Regierungsverbrecherclicue in den USA oder bei uns? Angesichts eines KZ-Doktoranden Muenkner, der spaeter bei Gruenenthal bewusst den Conterganskandal provozierte (weiss ich, weil ich auch mal in der Branche war).
    Angesichts Bayer-Monsantoverbrecher, Rheinmetalldepletedplutonium, Korallenkiller in Zahnpasta und Sonnenschutzmittel samt Giftbooster Microplastik in Oceanen.
    In 10 Jahren von heute gerechnet womoeglich das ganze Falschsystem weg und umgesteuert, wenn wir uns und die Biosphaere noch wirklich retten wollten?
    Ihre und unser aller science fiction in Ehren: wir spinnen doch schon allesamt. Wird nix mehr, sorry und hasta la vista.

    • Morgentau sagt:

      Ja, es steht sehr schlimm um unseren Planeten. Aber am schlimmsten ist die Spaltung und dass man sowieso nichts mehr tun kann. Und genau das ist auch der Schlüssel. Wenn ich mich nicht auf andere verlassen kann, so doch dann auf mich selbst, oder?!
      Also kann die Lösung doch nur lauten: Jeder Mensch muss endlich bei sich selbst anfangen, nur so kann das Schneeballsystem funktionieren! Der grösste Feind des Menschen ist der Mensch selbst!

  2. H Mueller sagt:

    Spaltung?
    Ist nicht auch jeder Grashalm ein Spalt des Lebens?
    Und zugleich ein Lebensversuch, also Hoffnung, bis zu allerletzt?
    Hoert sich idiotisch an: aber jeder davon ist bis zuletzt immer ein Hoffnungstraeger fuer alles.
    Er waere sonst nicht. Und natuerlich faengt er immer mit sich an und hoert auch mit sich auf, mit oder ohne Restwiese.
    Ihre Empfehlung ist also wohlfeil.

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