Die kulturelle Wüste und die neue Avantgarde

Gefühlt liegen die Zeiten leichter Orientierung Lichtjahre zurück. Die Erinnerung, die suggeriert, es hätte noch funkelnde Ideen und Helden gegeben, die diese umsetzten, ist im kollektiven Gedächtnis verblichen.

Die Avantgarde

Ob es sich tatsächlich um eine Illusion handelt, dass es so etwas einmal gab? Die Meinungsmacher dieser Tage behaupten es. Und sie treffen dort auf Zustimmung, wo man berechtigterweise die Verklärung des Alten anzweifelt. Damit ist der Kuchen aber nicht gegessen.

Verklärt werden soll gar nichts, die Stupidität, der Zynismus und die Gefräßigkeit des Jetzt sind jedoch weder normal noch attraktiv.

Zu allem, was die Geschichte der Menschheit beflügelt, gehört eine Avantgarde. Die bei allem Triumphalismus über den Status quo zu finden, ist nicht möglich. Die These: Sie ist dabei, sich zu formieren, allerdings jenseits der gepflegten Öffentlichkeit, da sie an einem gesellschaftlichen Gegenentwurf arbeitet.

Die Wüste

Dabei wären wir bei dem Zustand, den Totalitarismen hinterlassen. Es handelt sich um eine soziale wie kulturelle Wüste. Wie beeindruckt waren die zeitgenössischen Leser, als ein Milan Kundera1Milan Kundera (Jahrgang 1929) ist ein tschechisch-französischer Schriftsteller. Durch Werke wie ‚Das Buch der lächerlichen Liebe‘ oder ‚Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins‘ wurde er bekannt. das Prag hinter dem Eisernen Vorhang beschrieb – die Zeit ohne Humor und Kultur, die Kälte, und das Schwinden intellektueller Helden. In seinem 1983 veröffentlichten und kaum noch wahrgenommenen Aufsatz „Un occident kidnappé ou la tragédie de l’europe centrale“ [1] hatte Kundera diese Wüste beschrieben. Diesmal die im Reich der UdSSR.

Der Teufel wohnt auch im Westen …
Letztere existiert seit 1991 nicht mehr. Der Westen, die selbst gefühlte Freiheit, übernahm und mit ihr der neue Totalitarismus des Marktes. Was dieser bewirkt hat, ist momentan überall zu beobachten: Die Zerstörung der Gemeinwesen, desolate Mentalitäten, das Reüssieren von irren Typen in der Politik und der gefühlte Tod der Kultur. Es ist, als säßen wir in einer Zeitmaschine und liefen mit Milan Kundera und seinem Freund durch die leeren Straßen des nächtlichen Prags in den Zeiten des Kalten Krieges.

Der „Westen“ hat es fertiggebracht, ein Déjà-vu über einen Zustand herzustellen, der längst überwunden zu sein schien und für den kein böser Gegenspieler verantwortlich zeichnet. Die Zeit, als man glaubte, sich zusammenreißen zu müssen, weil sonst die Attraktivität des ideologischen Gegenübers zunehmen könnte, ist seit Jahrzehnten vorbei. Und es ist zu verzeichnen: Der Teufel wohnt auch im Westen und fühlt sich hier recht heimisch.

Der Ramsch

Walter Benjamin2Walter Benjamin (1892 -1940) war Philosoph und Kulturkritiker. Er wird zum Wirkungskreis der Frankfurter Schule gezählt unter anderem wegen seiner Freundschaft zu Theodor W. Adorno. hatte in seinem berühmten Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ [2] unter anderem auf die Fähigkeit des Verwertungssystems hingewiesen, genuin3Das Adjektiv genuin steht laut Duden für echt, eigentlich, natürlich, originell, richtig, tatsächlich, unverfälscht, ursprünglich, wahrhaftig, waschecht, wirklich, authentisch. rebellisches Gedankengut zu einer Ware zu machen und ihm durch die Vermarktung die soziale Brisanz zu nehmen. Hoppla, sind wir da nicht bei dem, was wir massenhaft erleben?

Die Avantgarde entsteht momentan in anderen Teilen der Wahrnehmung.
Das vermarktete Abfeiern einer politisch wie künstlerisch agierenden Avantgarde, die entstanden war gegen die imperialistischen Kriege in Vietnam und in verschiedenen Ländern Afrikas, und die den Kapitalismus auf die Anklagebank setzte und ihm den Spiegel vorhielt? Die Traditionen verfremdete und Neues schuf? Nostalgisch verklärt und geriatrisch verbrämt liegt das alles als Ramsch auf dem Warentisch zum Schlussverkauf des Wirtschaftsliberalismus.

Die Zone

Mit Avantgarde hat das wiederum nichts mehr zu tun. Die Avantgarde entsteht momentan in anderen Teilen der Wahrnehmung. Es sind die verbotenen Zonen, gegen die so gerne gewettert wird als die Foren des Mobs. Schön, dass sich die Vertreter der kulturellen Friedhofsruhe so outen. Aber außer der Nostalgie gegenüber einer Avantgarde, die sie, wäre sie noch voller Leben und präsent, tief verachtet hätte, haben sie nichts zu bieten. Was bleibt, ist abgedroschene Fahrstuhlmusik.

Die anfangs zitierte Tragödie Zentraleuropas wirkt mittlerweile im ganzen Wirkungsgebiet des selbst ernannten freien Westens. Ohne Camouflage hat dieser seine Attraktivität längst eingebüßt. Durch die Vermarktung einer historischen Avantgarde wird er nicht gerettet. Und in den Katakomben der kontrollierten Öffentlichkeit formiert sich bereits ein neuer, konstruktiver und demokratisch verstandener Gegenentwurf.


Quellen und Anmerkungen

[1] Milan Kundera in Le Débat (1983/5): Un Occident kidnappé, ou La tragédie de l’Europe centrale. Auf https://ekladata.com/GIyRJA_0u_Bvc0o2nTWWT-4tzTs.pdf (abgerufen am 13.09.2019).

[2] Walter Benjamin verfasste den Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ 1935 im Pariser Exil. 1936 wurde eine überarbeiteten und gekürzte Fassung unter dem Titel L’œuvre d’art à l’époque de sa reproduction mécanisée in der Zeitschrift für Sozialforschung publiziert.


Symbolfoto: Jacob Nizierski (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

1 Comment

  • Aus jeder Zeile lese ich die tief liegende Verzweiflung einer sehnsuchtsvollen, linkssozialistischen, enttäuschten Seele, immer noch mit Resthoffnung auf die irgendwann kommende, echte und wahre Revolution, wie einst Marx und Engels, Gott hab sie seelig, prophezeiten. Wird wohl nichts. Jedwede Avantgarde ist, und nicht zuletzt jene, welche sich für links, grün, weltoffen, bunt, tolerant, genderkonform, etc. etc., hält, Teil des globalen, herrschenden Mainstreams, welcher nur ein Ziel hat : die Welt so formen, dass die Geschäfte laufen und keiner aufmuckt. Das geht am besten in einer oneworld, von der UNO überwacht, ohne Grenzen und Nationen, wo alle möglichst gleich aussehen und ticken. Alles logo, moralisch überhöht mit Bienenrettung, Klimarettung, Dieselverbot. Was fürs Herz halt.

Wie ist Deine Meinung?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.