Der Tod ist kobaltblau!

Frei nach der Bibel könnte die Formulierung lauten:

Wer sich von den folgenden Ausführungen nicht betroffen fühlt, trete zurück und danke in Demut für das Privileg, nicht von erdrückender Schuld beladen zu sein.

Worum es geht? Um den von einer Gesellschaft, die in Selbstgerechtigkeit versinkt, mit zu verantwortenden Krieg gegen Mensch und Natur. Und um eine Gesellschaft, der es gelungen ist, durch das Instrument der Symbolpolitik das kollektive Gefühl zu erzeugen, selbst Gutes zu tun, während der Rest der Welt schlecht ist.

Täuschung, Vertuschung, Vergewaltigung

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Wer freute sich nicht beim Anblick von Elektroautos, Elektrorädern oder Elektrorollern über die angenehme Geräuschlosigkeit und die ausbleibende Emission. Das Letztere woanders, vielleicht sogar aus dem lokalen Kohlekraftwerk in die Atmosphäre entweicht, ist der eine Aspekt der Täuschung. Der andere ist auf einem anderen Kontinent zu suchen und deshalb, soweit man Interesse daran hat, sich an der Vertuschung zu beteiligen, auch gut zu verbergen.

Eine Information, die sich als Ausgangspunkt gut eignet, weil sie es im wahren Sinne des Wortes auf den Punkt bringt: Seit 2016 ist der Preis für Kobalt von 21.000 Euro je Tonne auf zwischenzeitlich über 86.000 Euro gestiegen1Aktuelle und historische Höchstpreise sind auf www.kobaltpreis.eu abrufbar.. Momentan bewegt sich der Preis bei 32.000 Euro – und er steigt.

Kobalt, das in der Republik Kongo abgebaut wird, hat seinen Wert nicht deshalb vervierfachen können, weil die Maler, die zu den Pionieren seiner Entdeckung gehörten, nun die Nachfrage so gesteigert hätten. Nein, Kobalt ist, neben Lithium, der Rohstoff, der benötigt wird, um Smartphones und Batterien für E-Mobilität herzustellen2Laut einem Bericht der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe stammen im Jahr 2017 rund 60 Prozent des weltweit genutzten Kobalts aus dem Kongo. Siehe: www.bgr.bund.de .

Um an die Gegenden zu kommen, in denen unter Tage nach dem teuren Gut geschürft wird, bedarf es der territorialen Hoheit darüber. Da dies so ist, wird ein permanenter Krieg darum geführt.

Dieser Krieg gehört zu den schmutzigen, das heißt, es kämpfen Soldaten und Söldner gegen die dort lebende Zivilbevölkerung. Eines der Mittel, um die Menschen dort zu demoralisieren, ist das Mittel der Massenvergewaltigung. Wenn es um Kobalt geht, werden Frauen systematisch und nahezu flächendeckend vergewaltigt.

Das Schürfen nach dem edlen Stoff besorgen Kinder, die durch die schlechten und gefährlichen Arbeitsbedingungen wie die schädlichen Gase gesundheitlich so ruiniert werden, dass sie, wenn sie überhaupt das Erwachsenenalter erreichen, es als Vollinvaliden betreten, ohne dass jedoch irgendeine Versicherung oder Kasse parat stünde, um das kümmerliche Restdasein zu unterstützen.

Die Realität des globalen Daseins

In den Straßen begegnen die Prototypen des kritischen Zeitgeistes den Exemplaren der E-Mobilität und den Produkten der Digitalisierung mit einem milden, teils selbstzufriedenen und auch, das sei eingestanden, tolerantem Lächeln. Warum? Weil es komplett gelungen ist, die synthetische Welt, in der man lebt, als ein Abbild der realen Lebenswelt „da draußen“ zu verkaufen. Die urbane, innovative Intelligenz geht davon aus, sie befände sich in Kongruenz zum globalen Dasein.

Und, ebenfalls ein Massenphänomen des modernen Trugs, man spricht von „sauberen“ Technologien, die den gleichen Dreck, den gleichen Schweiß, das gleiche Blut und die gleiche Demütigung an sich kleben haben wie die verspotteten Technologien, die sich fossil zu ernähren hatten.

Stellen wir uns der Realität: Digitalisierung und E-Mobilität funktionieren, weil Krieg, Massenvergewaltigung und Kinderarbeit einen Rohstoff liefern, der die Instrumente des wohligen Selbstbetruges schafft. Und: Ist es tatsächlich so, dass die Ankündigung einer CO2-Steuer und das Verbot von Plastiktüten über den brutalen Kolonialismus hinwegtäuschen, auf dem die Epoche basiert?

Der Tod ist kobaltblau!

Auf jeden digital-urbanen Hipster kommen unzählige Verdammte dieser Erde!


Grafik: Neue Debatte

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

1 Comment

  • Das Schizophrene daran ist, um diesen Wahnsinn auch noch zu kommunizieren, gebrauchen nicht nur Hipster täglich Smartphones, Tablets, Laptops, Desktops und Handys die fast alle weltweit über riesige Serverfarmen mit dem Internet verbunden sind.

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