Alfredo M. Bonanno: Ein Hoch auf die Meinung

Die Meinung ist die meist verbreitete Ware. Alle besitzen sie und alle gebrauchen sie. Die Produktion von Meinungen interessiert eine breite Schicht der gesamten wirtschaftlichen Produktion, ihr Konsum nimmt einen Großteil der Zeit der einzelnen Personen ein. Die hauptsächliche Qualität der Meinung ist ihre Klarheit.

Lasst uns gleich sagen, dass es keine unklaren Meinungen gibt. Man ist entweder dafür oder man ist dagegen. Die Nuancierungen und die Ambivalenzen, die Widersprüche und die schmerzhaften Eingeständnisse von Unsicherheit sind ihr fremd. Daher die große Stärke, welche die Meinung demjenigen verschafft, der sie gebraucht, der sie für seine Entscheidungen konsumiert, der sie den Entscheidungen von anderen auferlegt.

In einer Welt, die immer schneller auf die Binäre des positiv/negativ, des roten Knopfs und des schwarzen Knopfs zusteuert, ist die Reduzierung auf diese vereinfachte Logik ein wichtiger Entwicklungsfaktor, vielleicht des zivilisierten Zusammenlebens selbst. Was würde aus unserer Zukunft werden, wenn wir uns weiterhin auf die ungelösten Grausamkeiten der Ambivalenzen stützten? Wie könnten wir gebraucht werden, wie könnten wir produzieren?

Die Klarheit tritt genau dann hervor, wenn sich die wirkliche Möglichkeit zur Wahl reduziert. Nur wer klare Ideen hat, weiß genau, was zu tun ist, aber die Ideen sind nie klar, und so sieht man jene hervortreten, die sie uns klären, die einfache und verständliche Instrumente liefern: nicht Diskurse, sondern Frage- und Antwortspiele, nicht Vertiefungen, sondern binäre Alternativen. Der Tag oder die Nacht, keine Dämmerungen oder Morgenröten.

Auf diese Weise fragen sie uns danach, uns für oder gegen etwas zu erklären. Sie führen uns nicht die Aspekte des Problems vor Augen, sondern nur eine grob vereinfachte Konstruktion. Es ist eine einfache Sache, sich für das Ja oder für das Nein zu erklären, aber von der Einfachkeit, die die Komplexität vertuscht und verschwinden lässt, nicht die sie versteht und sie erklärt.

Keine Komplexität kann, korrekt verstanden, tatsächlich erklärt werden, ohne auf andere Komplexitäten zu verweisen. Es gibt nicht Lösungen von Problemen, sondern Gelegenheiten zur Reflexion, zur Erkenntnis, zur Begegnung. Freuden des Intellekts und des Herzens, die der schlichte binäre Vorschlag austilgt und durch die Nützlichkeit des richtigen Entscheidens ersetzt.

Und weil niemand so dumm ist, zu glauben, dass sich die Welt auf zwei logische Stelzen stützt, die positive und die negative, da es ja doch einen spezifischen Ort der Vertiefungen geben muss, einen Ort, an dem die Ideen wieder die Oberhand nehmen und die Kenntnis das verlorene Terrain zurückgewinnt, so sieht man, wie das Verlangen aufkommt, jegliche Vertiefung an andere zu delegieren, an jene, die, da sie uns einfache Lösungen vorschlagen, die Ausarbeitung der Komplexität als bereits geschehene Tatsache zu wahren scheinen, und die sich, folglich, zu Bezeugern und Hütern der Wissenschaft ernennen.

So schließt sich der Kreis. Die Vereinfacher selbst präsentieren sich als Garanten der Fundiertheit der Meinung, worum gefragt wird, ihres korrekten Auftretens in binärer Form. Sie scheinen sich der Tatsache bewusst zu sein, dass die Meinung, hat sie sich einmal abgesetzt, jegliche Fähigkeit zerstört, das verwickelte Gefüge, das ihr zu Grunde liegt, die komplexe Entwicklung der Probleme der Kenntnis, die hektische Interaktion der Symbole und der Bedeutungen, der Bezüge und der Intuitionen zu verstehen.

Der Manipulator der Klarheit zerstört das Gefüge der Differenzen, er verwässert es im binären Universum des Codes, wo die Realität nur in zwei Lösungen möglich scheint: das angestellte Lämpchen und das ausgestellte Lämpchen.

Das Modell fasst die Realität zusammen, tilgt die Nuancierungen von dieser letzteren und schlägt sie in vorgefertigten statistischen Formeln vor, zum Konsum bereit. Es gibt nicht mehr Lebensprojekte, sondern bloße Symbole, die die Verlangen ersetzen und die Träume [ital.: sogni] duplizieren und in Bedürfnisse [bi-sogni] verwandeln.

Das quantitative Anwachsen der Informationen, worüber wir verfügen, erlaubt es nicht, den Rahmen der Meinungen zu verlassen. Genauso wie eine größere Menge an Waren in einem Laden, mit allen möglichen und unnützen Variationen desselben Produkts, nicht Reichtum oder Fülle bedeutet, sondern einzig Warenverschwendung, so lässt die Vermehrung von Informationen die Meinung nicht qualitativ wachsen, das heißt, erzeugt sie nicht eine wirkliche Fähigkeit, zwischen dem Wahren und dem Falschen, dem Guten und dem Schlechten, dem Schönen und dem Hässlichen zu wählen, außer jeden von diesen Aspekten auf die erstarrte Repräsentation eines vorherrschenden Modells reduzierend.

In der Realität gibt es nicht auf der einen Seite das Gute und auf der anderen Seite das Schlechte, sondern eine ganze Nuancierung von Bedingungen, von Fällen, von Situationen, von Theorien und von Praktiken, die nur eine Verständnisfähigkeit erfassen kann, also eine Fähigkeit, den Intellekt zu gebrauchen, mit den gebührenden, vom Wahrnehmungsvermögen und von der Intuition gelieferten korrektiven Präsenzen.

Kultur ist nicht eine Anhäufung von Informationen, sondern ein lebendiges und oft widersprüchliches System, auf Basis von dem wir die Welt und uns selbst kennenlernen, ein Prozess, der manchmal schmerzhaft ist, und fast nie zufriedenstellend, mit dem wir jene Beziehungen realisieren, die unser Leben und auch unsere Fähigkeit, zu leben, darstellen.

Wenn wir all diese Nuancierungen austilgen, finden wir uns mit einer statistischen Kurve in den Händen wieder, ein illusorischer Hergang, produziert von einem mathematischen Modell, nicht eine fraktionierte und überwältigende Realität.

Die Meinung verschafft uns also, auf der einen Seite, Sicherheit, aber auf der anderen verarmt sie uns und beraubt sie uns der Fähigkeit, zu kämpfen, indem sie uns letzten Endes davon überzeugt, dass die Welt einfacher ist, als sie ist. Das alles liegt im Interesse von jenen, die uns beherrschen. Eine Masse von Untertanen, zufriedengestellt und überzeugt davon, die Wissenschaft auf ihrer Seite zu haben: dies ist es, was sie brauchen, um die künftigen Herrschaftsprojekte zu realisieren.


Redaktioneller Hinweis: 2014 wurde der Beitrag Ein Hoch auf die Meinung von Alfredo M. Bonnano als Übersetzung aus dem Italienischen in „Aufruhr – Anarchistisches Blatt“ (Zürich, Nummer 14, Jahr II) publiziert. Der Originalbeitrag war erstmals in der anarchistischen Wochenzeitung Canenero, die in den 1990er Jahren während der Zeit der sogenannte Marini-Prozesse in Italien gegründet wurde, veröffentlicht worden. Die Anarchistische Bibliothek hat den Beitrag archiviert. Neue Debatte veröffentlicht den Text von Alfredo M. Bonanno, um eine umfassende und kritische Diskussion über die gegenwärtige Kommunikationskultur in der digitalen Gesellschaft zu ermöglichen. Zur besseren Lesbarkeit im Netz wurden Absätze eingefügt und einzelne Absätze hervorgehoben.


Symbolfoto: Steve Johnson (Unsplash.com)

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