Warten auf die Bahn – Die Krise des öffentlichen Nahverkehrs

Die Politik sagt, der öffentliche Nahverkehr müsse ausgebaut werden. Hilfreich wäre, wenn der noch existente funktionieren würde.

Seit einigen Monaten habe ich die zweifelhafte Freude häufiger Arztbesuche in meiner Nachbarstadt. Dazu nutze ich öffentliche Verkehrsmittel. Was in meinem Ort so circa funktioniert, wird zum Horrortrip, wenn man die Möglichkeiten der Deutschen Bahn nutzt.

Wir erinnern uns eventuell: Das sind die, die lieber in Lkw-Cargo statt in die Schiene investieren [1]. Und so kann es einem passieren, dass man am Bahnsteig steht und hoppla fällt die S-Bahn aus, oder gleich zwei hintereinander, da es wohl nicht genug Gleise gibt eine zu arg verspätete Bahn sicher ans Ziel zu bringen.

Und die Pünktlichkeit … Oje, es ist einfacher, Kreuze in den Kalender zu machen, wenn die Bahn pünktlich kommt, als die Verspätungen zu dokumentieren. Wir schreiben das Jahr 2019 und im Land der Ingenieure kann man sich definitiv nicht darauf verlassen mit der Bahn seine Reise pünktlich anzutreten. Darüber lachen nicht nur die Japaner [2, 3].

Wollte ein wirklich großer Anteil von Arbeitnehmern mit der Bahn zur Arbeit, wären sehr flexible Arbeitszeiten nötig.

Genau so sieht es aus, wenn man nach der Arbeit seinen Nachwuchs von Kita- oder Schulverwahrung abholen muss. Entweder man verlässt den Arbeitsplatz deutlich früher oder erreicht die Einrichtungen verspätet. Dass es da viele Menschen in die Städte zieht, ist nachvollziehbar. Denn wenn Job und Familie schon nicht leicht unter einen Hut zu bringen sind – wenn man auf die Deutsche Bahn angewiesen ist, geht das eigentlich überhaupt nicht mehr.

In der Stadt funktionieren die Straßenbahnverbindungen meistens prima – außer, eine Bahn bleibt im Tunnel liegen oder ein Deppenparker oder Unfall versperrt den Schienenweg. Das zweite Problem ließe sich durchaus lösen, würde man den Individualverkehr so führen, dass der Linienverkehr möglichst unbehelligt von ihm bliebe. Aber man will ja unbedingt immer mehr Pkw durch die Städte schleusen, weil Krach und Gestank den Immobilienwert erhöhen – oder so.

Wenn die Leute auf Bus, Bahn und Rad umsteigen sollen, muss das möglichst reibungs- und gefahrlos möglich sein. Das bedeutet, für Pkw muss der Platz weniger werden.

Wenn einfach nur Verbrennungsmotoren mit Akkus ausgetauscht werden, ergibt das weder mehr Raum noch mehr Sicherheit. Und ob die Umwelt nun durch Verbrennungsmotoren oder Akkuschleudern versaut wird, ist letztendlich Jacke wie Hose. Nur weil etwas nicht mehr direkt wahrnehmbar ist, ist es noch lange nicht verschwunden [4].


Quellen und Anmerkungen

[1] WikiReal: Deutsche Bahn/Strategie. Auf http://wikireal.info/wiki/Deutsche_Bahn/Strategie (abgerufen am 22.09.2019).

[2] Handelsblatt (24.02.2015): Bahnverkehr global – Kein Zug wird kommen. Auf https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/bahnverkehr-global-japan-land-der-legendaeren-puenktlichkeit/11415522-5.html (abgerufen am 21.09.2019).

[3] Statista: Anteil der pünktlichen Züge im Schienenfernverkehr in den EU-Ländern im Jahr 2012. Auf https://de.statista.com/statistik/daten/studie/314368/umfrage/puenktlichkeit-fernverkehr-eu (abgerufen am 21.09.2019).

[4] Utopia: Elektromobilität und Nachhaltigkeit – sind E-Autos wirklich grüner? Auf https://utopia.de/fragen/elektromobilitaet-nachhaltigkeit (abgerufen am 21.09.2019).


Symbolfoto: Golda Falk (Pixabay.com/Lizenz)

Jaqueline Chantalle Müller ist Community-Autorin.

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2 Responses

  1. Ute Plass sagt:

    „Das Desaster der Deutschen Bahn ist kein Versehen“

    https://www.nachdenkseiten.de/?p=55028

  2. gkazakou sagt:

    Ich erinnere mich noch an die Zeiten in Frankfurt-Main, als die Schienen der Straßenbahn rausgerissen wurden, um Platz für den Autoverkehr zu schaffen.Oder an die Stilllegung des Bahnhofs meiner Heimatstadt (Heiligenhafen), die seither nur noch durch Autokraft-Busse un Pkws angefahren wird…. In Griechenland, wo ich lebe, wurde die Eisenbahnlinie Athen-Kalamata aufwändig renoviert und dann stillgelegt, stattdessen eine schöne teure Autobahn gebaut, über die ich mich, mangels Bahn, sehr freue. ;) Früher gab es auch in Athen Straßenbahnen, sogar ein sehr populäres Lied über die „letzte Tram“ – womit allerdings die Tram um Mitternacht gemeint war, die die armen Leute zu ihren armen Quartieren brachte, und nicht die letzte, die aus dem Verkehr genommen wurde…. Überall wurde dem Auto Vorfahrt eingeräumt, und nun heißt es plötzlich: Stopp, Rückwärtsgang, aber dalli!

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