Von Ketten, Wireless-Verbindungen und dem digitalen Paradies

In der bestehenden Gesellschaft ist Wissen ein Machtinstrument. Das Wissen über komplexe technische Abläufe, das Wissen über Menschen, das Wissen über Wissen. Google geht genau in dieser Entwicklung der Herrschaft auf. Dabei ist Google letztendlich nur die Speerspitze in dieser Entwicklung.

Eine bloße Kritik an Google verfehlt somit die Totalität der Herrschaft. Google verkörpert jedoch als Paradebeispiel die vermeintlichen „guten Absichten“ im Interesse einer versteckten Logik von Staat und Kapital: Die simple „Google Search“ als Projekt zur massenhaften Ansammlung von Daten zur Ausbeutung derer.

Man sagt: Wissen ist Macht. Und genau dieses Wissen weitet sich durch die Technologisierung auf die Berechnung von Menschen, Umwelt und allem anderen aus. Der Wille zur Kontrolle ist diesem immanent.

Menschen berechenbar und somit kontrollierbar zu machen speist aus einem politischen Interesse, und zwar der Verwaltung durch Dritte und der Fremdbestimmung. In diesem Punkt unterscheiden sich die politischen Sichtweisen, von demokratisch über faschistisch und liberal zu sozialistisch, nicht. Die neuen Möglichkeiten der Kontrolle und Verwaltung durch die Technologisierung waren für jegliche Couleur von Politikern von Bedeutung, da sie das „Wissen zur Kontrolle“ auf weitere Ebenen öffnete.

Dass die linken Theoretiker, von Psychologen, über Philosophen und Soziologen, eine zentrale Rolle im technologischen Fortschritt spielten, lässt sich nur erklären, da sie sich nie von dem Willen zur Kontrolle und Verwaltung befreiten.

Die Technik hatte und hat fälschlicherweise für die Linke immer eine „Neutralität“. Der Fehler ist jedoch, dass die Technik in einem Diskurs entsteht und die Technologie als eine Ideologie begriffen werden muss. Dies bedeutet wiederum, dass keine Technik neutral ist, sondern sie einen beschränkten Nutzen und Wert hat, der nicht willkürlich verändert werden kann. Oder anders: die Technik ist an die Macht und die Herrschaft gekoppelt.

Für die Linke kann somit die Frage der Technik und Digitalisierung nur eine Frage der „Grenzziehung“ sein (die Frage nach der Privatsphäre, einer Smart City von Unten, …) und nicht die Verwerfung eine Maschinerie der Kontrolle. Jedoch verfehlt genauso eine „Technologie-Kritik“ die sich lediglich auf die „Geräte“ bezieht die Herrschaft.

Auch wenn sich die Technologie sicherlich u. a. in Konsumgütern manifestiert, beschränkt sich eine „Konsumkritik“ lediglich auf eine begrenzte Ebene der Technologie. Die primitivistische Kritik an Technologie entlarvt sich als eine Idealisierung des Vergangenen. Alles „Alte“ wird glorifiziert (vom „edlen Menschen“, primitiven Arbeitsverhältnissen, soziale Beziehungen), und eine revolutionäre Analyse der Technologie besteht nicht, da die Vergangenheit, die Konservation, die Perspektive ist.

Als Anarchist*innen, die somit einen anti-politischen Kampf verfolgen, ist jede generalisierte Kontrolle abzulehnen. Eine anarchistische Kritik an der Technologie sollte sich auf die Ideologie und die Herrschaft beziehen, und den „Willen zur Kontrolle“ zerstören.

Im letzten Jahrhundert riefen die Anarchist*innen: „Zerschlagt eure Ketten!“ Und nun? Heute würden wahrscheinlich viele antworten: „Welche Ketten, ich sehe sie nicht!“

Also: Welche Ketten sollen wir zerschlagen, wenn sie nicht mehr sichtbar sind? Welche Gitterstäbe zersägen, wenn dies bedeutet, sich bloß in einem anderen, größeren Gefängnis wieder zu finden? Warum Forderungen stellen, wenn diese immer wieder vereinnahmt werden?

Es geht darum, die Monstrosität der Herrschaft zu erkennen und anzugreifen, nicht blind, sondern ausgehend von einer revolutionären Analyse. Dort zuzuschlagen, wo es die Macht trifft, auch und gerade wenn sich diese hinter einer technologischen Vereinfachung, „Fortschritt“ oder einem „digitalem Paradies“ versteckt.

Die Verhinderung des Google Campus Berlin ist sicherlich nur ein Stich in das Herz der Herrschaft und ihrer Kontrollfreaks, aber einer mit sicherlich großen Schmerzen für diese.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag „Von Ketten, Wireless-Verbindungen und dem digitalen Paradies“ erschien in SHITSTORM – Anarchistische Zeitung Berlin (Januar 2019 – #3), wurde von der Anarchistischen Bibliothek archiviert und von Neue Debatte übernommen, um eine kritische Diskussion über Energie- und Technikabhängigkeit und die Einschränkung von Selbstbestimmung und Freiheit zu ermöglichen. Der Text wurde redaktionell bearbeitet. Einzelne Abschnitte wurden durch Absätze ergänzt und Absätze hervorgehoben, um die Lesbarkeit im Netz zu verbessern.


Symbolfoto: Wesley Gibbs (Unsplash.com)

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