Für eine Rationalisierung des Diskurses!

Der Rationalismus ist das Ergebnis der Aufklärung. Er führte dazu, den Verstand und die Logik zu den Instrumenten zu machen, die sich mit den Phänomenen der Welt auseinanderzusetzen haben. Davor lagen Jahrhunderte der Finsternis, die vor allem von Glaube und Religion geprägt waren.

Die Schlüsselschrift

Visionen, Wunschvorstellungen und vor allem Ängste prägten die Erklärungsmuster für die Herausforderungen, vor denen Menschen standen. Macht, das Instrument von Herrschaft, legitimierte sich durch die Bezugnahme auf emotionale Größen. Historisch betrachtet sind alle Debakel der Entwicklung darauf zurückzuführen.

Nicht, dass der Rationalismus dazu geführt hätte, die Menschheit von dieser Last zu befreien. Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ war die Schlüsselschrift, die den Beitrag des Rationalismus bei den Zerstörungs- und Vernichtungswerken des Faschismus freilegten.

„Religion statt Laizismus, Moral statt Ethos und Emotion statt Logik sind die zentralen Bezugspunkte eines politischen Diskurses geworden.“
Wer die Ratio bemüht, um seinen irrationalen Willen durchzusetzen, kann beim industriellen Mord landen. Insofern ist der, ja, der Glaube an die unbedingte heilbringende Wirkung des Rationalismus ein Relikt aus der vor-aufklärerischen Zeit. Der Wille, der hinter allem steht, bedarf einer scharfen Analyse des von Emotionen gereinigten Geistes, um in Bezug auf seine gesellschaftliche Legitimität bewertet zu werden.

Letzteres ist die Aufgabe, vor der die Menschheit heute steht. Die Verheerungen des von Machtinteressen vollgesaugten Rationalismus haben jedoch nicht dazu geführt, sich mit diesem Phänomen auseinanderzusetzen. Ganz im Gegenteil.

Nahezu gänzlich von dem Schrecken der Instrumentalisierung des Rationalismus durch die Machtansprüche spezifischer Herrschaft traumatisiert, hat eine Bewegung zurück zu den vor-aufklärerischen Verhaltensmustern geführt. Religion statt Laizismus, Moral statt Ethos und Emotion statt Logik sind die zentralen Bezugspunkte eines politischen Diskurses geworden, der das Etikett des 21. Jahrhunderts nicht verdient.

Die große Ablenkung

Die großen Fragen unserer Zeit sind in eingebettet in Fragen von Religion, Glauben, Moral, Angst und Gefühl. Wohl gemeint, es hat nicht zu der Erhellung geführt, die geboten wäre. Die Dimension der Bedrohung ist mit der durch die Technokratie hervorgebrachten Potenzierung tatsächlicher Macht immens.

Statt sich mit Fragen von Ursache und Wirkung zu beschäftigen, ist der Diskurs in eine Spirale geraten, in der zwar Pros und Contras existieren, die sich allerdings auf Gefühle, Glaubensbekenntnisse und Ansichten stützen.

„Es wird getäuscht, gefälscht und emotionalisiert, was das Zeug hält, um dem Verstand keine Chance zu geben.“
Keine Debatte, die nicht ertränke an überhitzten Bemühungen, und die mit dem ganzen Arsenal vor-aufklärerischer Mythen zu nichts anderem führte, als zu einer emotionalen Aufladung aller Beteiligten. Weltklima, Armut, Krieg, Diskriminierung und Bedürftigkeit – alles wird im Orkan der Gefühle angeheizt. Das große Problem, welches diese emotionale Aufladung verursacht, ist die Ablenkung von den tatsächlichen Ursachen dessen, was als die große Herausforderung der Zeit beschrieben werden kann.

Bei der Betrachtung der Institutionen und Gruppen, die diese Form des Diskurses speisen, wird deutlich, dass es durchaus in ihrem Sinne ist, den Rationalismus aus der Welterklärung fernzuhalten. Es handelt sich um den Mechanismus der Mystifikation. Die Mystifikation ist das Repertoire aller Mittel, um den Rationalismus daran zu hindern, an der Erklärung zu arbeiten. Es wird getäuscht, gefälscht und emotionalisiert, was das Zeug hält, um dem Verstand keine Chance zu geben.

Die dringende Rationalisierung

Diejenigen, die sich nicht beirren lassen und mit dem Verstand zu Werke gehen, werden in regelrechten Kampagnen attackiert, diffamiert und diskriminiert. Die jüngste Geschichte bietet Hunderte von Beispielen, wie diese vor allem medial getragene Maschine wirkt. Alles das ist die beste Referenz für die Notwendigkeit des Rationalismus, wenn es darum geht, die Motive des Handelns freizulegen und an Konzepten zu arbeiten, wie die Destruktion gestoppt werden und die Gestaltung beginnen kann. Es bedarf dringend der Rationalisierung des Diskurses!


Symbolfoto: Daniel Jensen (Unsplash.com)

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

5 Comments

  • Richtig. Eine große Mitschuld haben die >Medien,die nciht mehr objektiv berichten, sondern hauptsächlich auf ihre Einnahemen aus der Werbung (vor allem des Großkapitakls) fixiert sind. Bestes Beispiel ist das Hochloben der neueren Freihandelsabkommen. Das dabei z..B. Verbraucherschutz und Arbietnehmerrechte keine Rolle spielen, wird nicht berichtet. Noch ienBeispiel. Ausser bei Publk-forum habe ich bisher keine Zeitung gefunden, die über die Verfassungsbeschwerden von Frau Grimmenstein gegen CETA.JEFTA, Singapur berichtet hat.

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  • So, also es funktioniert mit dem Kommentieren.
    ;-)
    Voraussichtlich bin ich mit dem Autor nicht einverstanden, dass Kant und die deutsche Dialektik etwas mit dem Rationalismus haben. Für sie gilt:
    „Die Ideologie der Gebieter ist umso gefährlicher, als sie einen rigorosen Rationalismus für sich in Anspruch nimmt. Sie arbeitet mit einem Taschenspieltrick, der glauben machen soll, dass zwischen wissenschaftlicher Objektivität und der Objektivität der „Marktgesetze“ Äquivalenz besteht. ‚Der Obskurantismus ist wieder auf dem Vormarsch’, konstatiert Bourdieu. ,Aber diesmal haben wir es mit Leuten zu tun, die sich durch Vernunft empfehlen.’“
    (Ziegler 2003: 53)
    Ich bin aber mit dem Autor absolut einig, dass nur die Ratio die einzige Hoffnung der Menschheit ist. Eine Kritik des Irrationalismus (wieder Kant als schlechtes Beispiel) ist da völlig nutzlos, man muss neue Denksysteme und Modelle entwerfen. Unter anderem für die WiWi:
    Marktwirtschaft neu denken
    http://marktwirtschaft-neu-denken.de/

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