Im Rauch des Feuers – Notizen und Gedanken über den Aufstand

[…] Dieser Text ist eine Auseinandersetzung und einige Gedanken über den Aufstand, mit der Intention, den Aufstand als anarchistische Methode wieder zu schärfen, und dies ist meiner Meinung nach nur möglich, wenn man den Aufstand in und mit der Realität bewaffnet.

Das Wort das manchmal aus unseren Mündern kommt

Das Wort „Aufstand“ ist entwaffnet worden, es verirrt sich nur noch manchmal in diverse Münder. Aufstand ist heute lediglich ein Begriff für ein konkretes Ereignis. Das Wort beschreibt eine Situation und nicht eine Gelegenheit für eine Subversion – etwas abgeschlossenes und nicht der Beginn von etwas. Das Wort beschränkt sich auf das Passierende, nicht auf das, was möglich ist, mit dem Unmöglichen vor Augen. Das meine ich damit, wenn ich sage, das Wort Aufstand wurde entwaffnet.

Die Macht schaffte es sogar, den Anarchisten das Wort zu rauben und entleert wieder in den Mund zu legen. Nicht allen, denn in manchen Teilen der Erde wurde das Wort wieder, unter anderem von Anarchisten, in der Praxis gefüllt – der Aufstand als Wort geschärft. Aber stimmt es nicht, dass wir, die heutigen Anarchisten und Anarchistinnen, selbst nicht genau wissen, was wir meinen, wenn wir von Aufstand reden? Das Wort, zu dem wir mit solch einer Intensität aufrufen. Das Wort, in das wir so viel hinein interpretieren und verwenden, um das zu beschreiben und anderen zu erklären, was wir wollen.

Ein Wort, das von solcher Wichtigkeit für uns Anarchisten und Anarchistinnen zu sein scheint. Die Frage nach dem Wort Aufstand, lässt einen erröten, sofern man sich nicht der Fülle an Ideen aus der Geschichte oder einem weit entfernten Teil der Erde bedient. Und zeigt dies nicht die Schwäche der heutigen Anarchisten, unsere gegenwärtige Schwäche? Wie können Menschen außerhalb des anarchistischen Milieus das verstehen, was wir Anarchisten sagen, wenn wir selbst nicht wissen, was das Wort bedeutet, das manchmal aus unseren Mündern kommt?

Darum geht es mir, um die Schärfung des Wortes „Aufstand“, damit es nicht nur ein Wort bleibt, sondern ein Wort wird, das man subversiv füllen kann und das Wort alleine dann auf eine gewisse Weise einen Angriff gegen die Macht darstellt.

Die Füllung (oder Wiederfüllung) von Wörtern erachte ich als wichtig und notwendig. Einerseits, um seine Gedanken mit seinem Handeln zu verknüpfen und so klarer zu machen, sprich die Theorie und Praxis stärker zu verbinden. Anderseits, um subversive Texte aus dem anarchistischen Milieu zu verbreiten, ohne, dass sie ihre Wirkungskraft oder eben Subversion verlieren. Worte füllen heißt auch, dass sich vermeintliche Komplizen, Gefährten oder Kameradinnen nicht mehr hinter Worten verstecken können.

Ich mache hier eine Klammer und eine andere, aber damit zusammenhängende Diskussion auf. Im deutschsprachigen anarchistischen Milieu wird häufig „Insurrektion“ als Synonym von Aufstand verwendet. Was hat das für einen Zweck? Sich vom herkömmlichen Aufstandsbegriff zu distanzieren, weil dieser von Menschen oder Gruppen verwendet wurde oder wird, in dessen Aufstandsbegriff man sich nicht wiederfindet?

Vielleicht liegt es auch daran, dass durch Übersetzungen aus dem Italienischen, Englischen oder Französischen das Wort „insurrection“ oder „insurrezione“, einfach mit dem nahe liegenden Wort Insurrektion übersetzt wurde und sich so in den Sprach- und Schreibgebrauch deutschsprachiger Anarchisten eingenistet hat. Aber ich frage mich dennoch, was der Sinn ist, einen eigenen Aufstandsbegriff zu verwenden? Um einen anarchistischen Aufstand zu kennzeichnen?

Wenn es der Grund ist, dass das Wort „Insurrektion“ schöner und poetischer klingt, dann kann ich das verstehen, weil ich dies auch finde. „Insurrektion“ hat auch einen Hauch von Nostalgie, was dazu passen würde, weil, wenn man von Insurrektion spricht, man sich dann meistens auf Erfahrungen aus Büchern aus längst vergangenen Zeiten beschränkt, ein Träumen, nein, ein Nachtrauern einer vergangenen turbulenteren Zeit, einer Zeit wo Anarchisten wussten, was sie meinten und auf was sie sich einlassen, wenn sie von Aufstand sprachen.

Mit der Verwendung dieses alten Begriffes oder der Aneignung dieses Begriffes, verschwindet bei mir nicht das unwohle Gefühl, durch die Verwendung des Wortes „Insurrektion“ eine Spezialistenrolle einzunehmen. Wörter aus den Klauen der Macht zu reißen und sie wieder zu schleifen, finde ich gut und wichtig – Worte sich wieder anzueignen, die das Unbeschreibliche beschreiben können, weil sie einmal mit Subversion gefüllt worden sind. Gerade weil die Macht versucht, Wörter abzustumpfen und zu leeren, damit sie nicht mehr als scharfe und stechende Waffen dienen.

Aber bei dem Wort „Insurrektion“ scheint es mir nicht, dass es um eine Aneignung geht. Es wäre besser unter Komplizen und Kameraden zu diskutieren, was Aufstand (also auch das Wort Aufstand) heute bedeutet, und für uns selbst als Anarchisten und Revolutionäre bedeutet, als sich zu einem „neuen“ Begriff zu flüchten, zum Beispiel, weil das benutzte Wort von Menschen verwendet worden ist, die nicht vom gleichen Aufstand reden wie man selbst, und anstelle sich mit dem Wort Aufstand oder Insurrektion zu beschäftigen, was das bedeutet und damit auseinanderzusetzen, um sich die Frage zustellen, warum Menschen, die etwas ganz anderes meinen wie man selbst, diesen Begriff verwenden.

Ich bleibe dabei, für mich beinhaltet alleine das Wort Aufstand einen Angriff gegen die Macht, gegen jegliches Programm, Warten und Kontrolle. Insurrektion klingt ästhetisch, lädt zum Träumen ein, hat was von Poesie; Aufstand klingt wild, direkt und zerstörerisch und das kommt dem näher, was ich mit Aufstand oder Insurrektion meine.

Dies soll keine Verabschiedung von dem Begriff „Insurrektion“ sein oder gar ein Schlussstrich unter diese Debatte setzen, im Gegenteil, dies soll Diskussionen öffnen, die, wie ich glaube, sehr interessant werden können und uns heutige Anarchisten über die Bedeutung von Aufstand oder Insurrektion gegenseitig klar werden lassen könnte. […]


Redaktioneller Hinweis: Der Text ist ein Auszug aus dem Beitrag Im Rauch des Feuers – Notizen und Gedanken über den Aufstand“. Er wurde von einem anonymen Autor verfasst und erschien erstmals im November 2014 in der Zeitschrift „Die Erstürmung des Horizonts“ (Nr. 1, Seite 5 bis 14). Der Beitrag wurde von der Anarchistischen Bibliothek archiviert und von Neue Debatte übernommen, um eine kritische Diskussion über das Zeitgeschehen zu ermöglichen. Der Text wurde redaktionell überarbeitet. Einzelne Absätze wurden eingefügt und Abschnitte zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.


Symbolfoto: EV (Unsplash.com); Einsatz von Tränengas gegen Demonstranten im französischen Lyon in der 25. Woche der Gelbwestenproteste.

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Ein Gedanke zu “Im Rauch des Feuers – Notizen und Gedanken über den Aufstand”

  1. Brief an alle, die wie unterdrückte und ausgebeutete Menschen um ihr Dasein kämpfen müssen!

    Je nach Charakter der Gesellschaftsverhältnisse unter denen Politik stattfindet, geschieht dies überwiegend kontrovers oder konstruktiv, herrscht mehr oder weniger Toleranz, wird Macht und Gewalt tendenziell im mehrheitlichen Konsens oder in diktatorischer Einseitigkeit ausgeübt. Politik ist die Art und Weise, wie ein Gemeinwesen geführt und gestaltet wird.

    „Während in Europa Friede herrschte, 1900 inszeniert von der hoffnungsvollen Weltausstellung zu Paris, werfen mehrere Ereignisse auf den anderen Kontinenten ihre Schlagschatten in die Zukunft“, beginnt Reinhart Kosellek seine Betrachtungen über das 20. Jahrhundert. Die Vereinigten Staaten seien, nachdem sich ihre offene Grenze im Westen geschlossen hatte, 1898 hinaus in die Weltpolitik getreten. Im Pazifik wurden die Philippinen, in der Karibik Kuba, wo sie Stützpunkte errichteten, erobert. 1901 begannen sie mit dem Bau des Panamakanals. Zu einem Prestigestreit zwischen Deutschland und den USA, kam es, um eine europäische Intervention in Südamerika zu verhindern. Hier beanspruchten die Vereinigten Staaten, unter Berufung auf die Monroedoktrin, ihr Monopol für Kontrolle oder Intervention. In Afrika kommt es 1899 zu einer kritischen Konfrontation der beiden imperialen Kolonialmächte England und Frankreich, die durch ein Teilungsabkommen für Afrika beigelegt wird. So gewann Großbritannien freien Rücken für einen der blutigsten Kolonialkriege, den ersten totalen Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts überhaupt: den Burenkrieg. „Es war der erste moderne Krieg, der nicht nur um Land geführt wurde“, erkennt Kosellek, da es um Gold und Diamantenfelder ging, „sondern schon gegen das ganze Volk“, und, „die Buren wurden allesamt für den Krieg haftbar gemacht.“ Doch es habe nicht lange gedauert, bis sich Briten und Buren einigten, die Bürde des weißen Mannes gegen die Mehrheit der Schwarzen, der Mischlinge und der Inder zu schultern. Auch in Asien tauchen rassische Feindbestimmungen auf, als die „Faustkämpfer für Recht und Einigkeit“ Chinas, die sogenannten Boxer, in einem blutigen Aufstand gegen die Ausbreitung der Kolonialmächte deren militärische Invasion hervorrufen (1900). Die Vereinigten Staaten forderten, die berühmte „offene Tür“, um den chinesischen Markt insgesamt erschließen zu können. Der totale Krieg der Briten, der universale Anspruch der Amerikaner, die rassischen Diskriminierungen aller Nichtweißen, der Vernichtungsfeldzug der Deutschen gegen die Hereros im damaligen Deutsch-Südwest Afrika, der Aufstand der Chinesen und der rasante Aufstieg der Japaner weisen schlagartig auf Probleme hin, deren Lösung noch heute allen Kontinenten zu schaffen macht. Das 20. ist das Jahrhundert des Scheiterns Deutschlands und Japans in der ersten Hälfte, und des Scheiterns Russlands in der zweiten. War es deshalb das Jahrhundert Amerikas und ist das einundzwanzigste das dessen Scheiterns, historisch überholt durch China? Oder ist dieses nun das Jahrhundert der Katastrophen und des humanitären Versagens der technisch-industriellen Revolution? Und das der sich fortsetzenden Massenmorde und Exilierungen in millionenfacher Steigerung? Oder ist es das der Erschließung des planetarischen Raums und der Gentechnik? (Kosellek – in Das Jahrtausend – C. H. Beck Frankfurt 1999)

    Friedrich Engels sagte in seiner Grabrede für Karl Marx: „Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Karl Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: die bisher unter ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, dass die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können; dass also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnittes die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben, und aus der sie daher auch erklärt werden müssen – nicht, wie bisher geschehen, umgekehrt. Damit nicht genug. Marx entdeckte auch das spezielle Bewegungsgesetz der heutigen kapitalistischen Produktionsweise und der von ihr erzeugten bürgerlichen Gesellschaft. Mit der Entdeckung des Mehrwerts war hier plötzlich Licht geschaffen, während alle früheren Untersuchungen, sowohl der bürgerlichen Ökonomen wie der sozialistischen Kritiker, im Dunkel sich verirrt hatten.“

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