Das Opfer der Freiheit

Die Begegnung mit dem Begriff Öko-Diktatur ist für ihn mehr als ein Déjà-vu, sie ist gespenstisch. Vor 26 Jahren, als sein Roman „GO! – Die Ökodiktatur“ erschien, mochten die Kritiker das „böse“ Wort nicht einmal mit der Kneifzange anfassen. Der Spiegel riet sogar dazu, das Buch mitsamt seinem Autor Dirk C. Fleck in die gelbe Tonne des Dualen Systems zu treten. Heute ist die Öko-Diktatur in aller Munde – vom Stern, über den Freitag, die taz bis hin zum besagten Spiegel wird die Frage aufgeworfen, ob wir angesichts des drohenden Ökozids nicht radikal gegensteuern müssten, was aber letztlich die Gefahr in sich berge, dass wir uns in einer Öko-Diktatur wiederfinden könnten.

Ich frage mich, warum eine notwendig gewordene radikale Kehrtwende in der Umweltpolitik unsere Mainstreammedien dazu verleitet, sofort die ärgsten Ängste zu schüren. Vor uns liegt die größte Aufgabe, der sich die Menschheit je gegenüber gestellt sah. Wir alle – jeder Einzelne von uns – ist gefragt, die Herausforderung im Rahmen seiner Möglichkeiten anzunehmen.

Es macht keinen Sinn, auf die Politik zu warten, die ohnehin nur am Gängelband einer giergesteuerten Wirtschaft agiert. Nehmen wir das Heft des Handelns doch selbst in die Hand. Es beginnt, wenn wir anfangen zu handeln. Nach diesem Motto haben sich bereits Abertausende Menschen überall auf der Welt neu organisiert. Sie alle haben Folgendes realisiert: Wenn die Zerstörungen unserer Lebensgrundlagen so radikal und schnell vonstattengehen, wie wir es gerade erleben, dann muss der Versuch, sie einzudämmen, ebenso radikal und schnell sein, sonst greift er nicht!

Es muss doch Spaß bringen, unseren verschmutzten Wohnraum Erde gemeinsam aufzuräumen. Je mehr Menschen das verstehen, desto größer ist die Chance, die scheinbar unverrückbaren Strukturen eines alten Machtgefüges von innen heraus zu unterminieren und zu Fall zu bringen. Die Menschen wollen es nicht mehr hinnehmen, dass jede ihrer produktiven Handlungen in ein globales Wirtschaftssystem gepresst wird, um einen Wert zu bekommen. Sie sehnen sich nach Identität. Ihre Identität finden sie nur, wenn sie ihre Probleme vor Ort angehen. Der einzige Weg, das globale Desaster in den Griff zu kriegen, sind weltweite lokale Lösungen. Und an ihnen – das ist das Gute daran – kann jeder mitwirken.

Was wollen wir? Wer sind wir? Was brauchen wir? Indem wir uns dies fragen, schulen wir nicht nur unsere Wahrnehmung, wir formulieren auch unsere Bedürfnisse neu. Wenn es uns gelingt, eine positive Zukunftsvision in uns erblühen zu lassen, dann werden wir sie in der praktischen Politik auch umsetzen können. Denn es wird nichts Neues durch uns in die Welt kommen, was nicht vorher in unserem Bewusstsein Gestalt angenommen hat.

Als Rubikon mich bat, einen Beitrag für die Doppel-Ausgabe zum Thema Umwelt zu schreiben, lehnte ich zunächst ab. Ich gebe mich schon längst keinen falschen Hoffnungen mehr hin. Zumal die halbherzigen Bemühungen von Politik und Wirtschaft, der finalen Katastrophe entgegen zu wirken, eher daran erinnern, als würde man an einer von einem Tsunami bedrohten Küste noch schnell ein Bündel Seegras pflanzen, um ihm Einhalt zu gebieten. Aber dann dachte ich an die Aufbruchstimmung, die in der jungen Generation mehr und mehr anzutreffen ist und die sich wie ein positives Virus über den Globus verbreitet.

Ich teilte der Redaktion mit, dass ich vor 25 Jahren in der Wochenzeitung DIE WOCHE vor einer Öko-Diktatur gewarnt hatte, falls wir uns nicht entscheidend bewegen. Wer sich die Entwicklung betrachtet, die die kränkelnde Erde unter der Knute des Menschen seitdem genommen hat, kann beim besten Willen nicht davon ausgehen, dass wir das Blatt noch wenden werden.

Jedenfalls dachte ich das bis vor kurzem. Bis ich von der „Fridays for Future“-Bewegung erfuhr und von dem rasanten Zulauf, den sie weltweit erfährt. War dies der berüchtigte Schmetterlingsflügelschlag, der alles Statische zum Einsturz zu bringen vermag und auf den ich so lange gewartet hatte? Jedenfalls sehe ich nicht mehr ganz so skeptisch in die Zukunft. Denn die Generation, der wir ein schreckliches Erbe hinterlassen, scheint aufzuwachen und sich einen Dreck um unser Rechtfertigungsgestammel zu kümmern. Gut so!

Ob dies noch entscheidend Wirkung zeigt, sei dahin gestellt. Aber selbst auf die Gefahr hin, dass es längst zu spät ist: Lasst uns gemeinsam und entschlossen handeln – für den Planeten und damit für unsere eigenen Lebensgrundlagen! Das allerdings setzt voraus, zu erkennen, dass ohne die Systemfrage, ohne die Überwindung von Kapitalismus und Tiefenstaat eine andere Welt nicht zu haben sein wird.

Um unser aller Zukunft willen brauchen wir Mut zur Radikalität – damit sich WIRKLICH etwas ändert. Wir dürfen dem Kapitalismus-Monster nicht länger gestatten, unsere Rebellion ein weiteres Mal zu vereinnahmen und zu missbrauchen – frei nach dem Motto: „Macht ruhig, Hauptsache wir verdienen daran!“

Als Rubikon-Herausgeber Jens Wernicke von meinem WOCHE-Artikel erfuhr, kam ihm eine Idee, mit der ich sehr einverstanden bin: Jens schlug vor, den Artikel von damals in Auszügen noch einmal zu veröffentlichen, um auf diese Weise zu verdeutlichen, was uns im schlimmsten Fall und zu Recht droht, falls wir nicht zur Besinnung kommen.


„Öko-Diktatur. Dirk C. Fleck über die rücksichtslose Ausbeutung der Erde – bis zum bitteren Ende“

Auszüge aus einem Artikel in DIE WOCHE vom 24. Februar 1994

Unser Leben wird sich dramatisch ändern. Und zwar auf den unterschiedlichsten Ebenen: im politischen, im sozialen, im medizinischen Bereich ebenso wie im kulturellen Leben. Die Phänomene der Endzeit werden unseren Alltag sozusagen auf natürliche Weise durchdringen, auch wenn das Wort natürlich in diesem Kontext aberwitzig anmutet. Aber es ist nun einmal ein Naturgesetz, dass auch einstürzende Systeme ihre Dynamik besitzen. Der von den Menschen längst eingeleitete Ökozid geht an den Nerv allen Lebens. Nichts wird mehr so sein, wie wir es heute vorfinden. Wir sehen also: Man muss gar nicht radikal denken und handeln, um es mit radikalen Ergebnissen zu tun zu bekommen. Für gewöhnlich reicht die pure Ignoranz einer Gefahr, um sich ihr unversehens gegenüberzusehen.

Versuchen wir also, die bittere Pille, die ich uns verabreichen möchte, so gelassen wie möglich zu schlucken. Denn wenn wir nicht lernen, vorhandene Fakten anzuerkennen, haben wir überhaupt keine Chance, auf Dinge Einfluss zu nehmen, die uns gerade aus dem Ruder laufen. Dann sollten wir jedenfalls so ehrlich sein, unser globales Zerstörungswerk mit Verve zu Ende zu führen und uns nicht mit lächerlichen Reparaturarbeiten begnügen, die sich früher oder später doch nur als Selbstbetrug herausstellen werden.

Tatsache ist, dass wir Menschen dabei sind, jegliches Leben auf diesem Planeten auszulöschen – wissentlich. Das ist vorsätzliche Tötung. Es bedarf wenig Phantasie, um sich vorzustellen, dass wir es mit Verhältnissen zu tun bekommen, die man getrost als diktatorisch bezeichnen darf. Auf der Strecke blieben sämtliche demokratischen und humanistischen Prinzipien, derer wir uns so selbstgefällig rühmen. Diesen Preis haben nicht wir als die Schuldigen, sondern unsere Nachkommen zu bezahlen.

Eine Öko-Diktatur, wie ich sie notgedrungen kommen sehe, ist nicht mit herkömmlichen moralischen Maßstäben zu messen. Moral taugt nichts angesichts des kollektiven Untergangs. An dieser Stelle wird Politik zum Notwehrreflex.

Die freie Gesellschaft hat demnächst ausgedient. Unsere Kinder drohen zu Überlebensmonstern zu mutieren, die es durch straffe Herrschaftsstrukturen unter Kontrolle zu halten gilt. Und wer wollte leugnen, dass der totale Überwachungsstaat bereits deutliche Formen angenommen hat.

Die Öko-Diktatur wird nicht als Ideologie daher kommen, die genügend Ressentiments bedient, um eine Volksbewegung zu werden. Sie wird auch nicht durch eine Revolution über uns kommen, sondern scheibchenweise installiert. Ihre Machtergreifung wird durch die schlechter werdenden Bedingungen diktiert, sie wird nichts zu tun haben mit grünen Idealen, sie wird sich als Entseuchungskommando in einer ganz und gar kaputten Welt verstehen. Letztlich muss man sich fragen, was denn besser ist: eine Demokratie zur Ausbeutung der Erde oder eine Diktatur zu ihrem Schutz.

Lassen Sie uns im Geiste eine jener so beliebten Computersimulationen anwenden: Wir jagen die letzten 100 Jahre, also die Zeit, in der das Industriezeitalter ökologisch voll zu Buche schlug, durch den Zeitraffer, verdichten sie auf eine Stunde. Angenommen, wir starteten 1895 vor der amerikanischen Westküste in eine Umlaufbahn um die Erde. Pusteln bildeten sich entlang der Pazifikküste, die an der Ostküste bereits zu bedenklichem Ausschlag herangewachsen wären.

Nach der Atlantiküberquerung stellten wir fest, dass ganz Europa befallen ist. Es sind die Städte, die wie Metastasen ins Land greifen. Schmutzige Schlieren ergössen sich in Flüsse und Meere. Unterdessen schrumpften die gigantischen Waldflächen in sich zusammen und machten braunen Wüsten Platz. Ein immer dichter werdendes Netz von Straßen und Schienen legte sich um den Globus, ganze Kontinente verschwänden unter einem diffusen Grauschleier. Endlich an den Ausgangspunkt zurückgekehrt, stellten wir fest, dass die Erde zu einer Geschwulst verfault ist, die von den Rauchschwaden unserer Brandschatzerei vielerorts gnädig verdeckt wird.

Wie geht man mit einer Spezies um, die sich derart blind in den kollektiven Untergang wühlt und dabei alles andere Leben aus dem Gleichgewicht reißt? Lässt man sie gewähren, oder versucht man sie mit Gewalt daran zu hindern, ihren tödlichen Wahn auszuleben? Die Ökodiktatur wäre so ein Versuch. Man möchte sie sich fast wünschen.

Jeden Tag verschwinden 140 Tier- und Pflanzenarten von der Erde, stündlich werden 685 Hektar Böden versiegelt. Im gleichen Zeitraum krepieren 1.800 Kinder an Unterernährung, während alle sechzig Minuten 120 Millionen Dollar für militärische Zwecke verschleudert werden. Jeden Tag sterben 25.000 Menschen an Wasserknappheit, produzieren wir zehn Tonnen Atommüll, fallen 250.000 Tonnen Schwefelsäure als saurer Regen herab. Eine ungeheure Vernichtungsarbeit. Sie wird nicht kleiner, wenn man bedenkt, dass die Erdbevölkerung pro Woche um zwei Millionen Menschen wächst. Netto, also Geburten minus Sterbefälle.

Demnächst haben wir ein weltumspannendes Elend von unvorstellbaren Ausmaßen zu konfrontieren. In fünfzig Jahren wird die ultraviolette Strahlung derart intensiv sein, dass kaum noch Pflanzen wachsen. Das betrifft auch die Grundnahrungsmittel wie Gerste und Reis. Biologisch gesprochen sind wir dabei, aus der Zeit der Bäume in die Zeit des Gestrüpps zu wechseln.

Die immer drastischer werdende Erderwärmung beginnt bereits die Windrichtungen zu ändern. Je mehr Energie in die Atmosphäre gepumpt wird, desto hochtouriger läuft die planetarische Windmaschine. Die Stürme der Zukunft haben eine bis zu siebzig Prozent größere Vernichtungskraft. Versicherungsmeteorologen halten es nur noch für eine Frage der Zeit, wann die „Größtkatastrophe“ einsetzt. Super-Zyklons mit Geschwindigkeiten von 360 km/h könnten die Innenstädte von New York oder Tokio mit einem Schlag zerschmettern.

Ein derartiger Wirbelsturm würde sämtliche für Naturkatastrophen zurückgelegten Reserven der Rückversicherer – weltweit etwa 160 Milliarden Dollar – mit einem Schlag aufzehren und die internationalen Finanzmärkte erschüttern.

Nun sollte man meinen, dass angesichts der verheerenden und einzusehenden Faktenlage zumindest ein Konsens über deren Bedeutung herzustellen sei. Weit gefehlt. 800 Billiarden Wörter feuert die Medienmaschine aus Fernsehen, Radio, Zeitungen, Computernetzwerken und Werbung jährlich auf den durchschnittlichen Konsumenten ab. Rund um die Erde spannt sich ein Netz aus Sendern, Kabeln und Satelliten. Dieses Trommelfeuer macht unsere Köpfe und Herzen taub. Die Informationsflut führt also nicht zu mehr Aufklärung, sondern zu mehr Zynismus und Gleichgültigkeit.

Natürlich haben die unablässig fließenden Informationen auch etwas Gutes. Der Umweltschutzgedanke hat, zumindest in Europa, erheblich an Terrain gewonnen. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir im selben Zeitraum eine Automobilmachung um das Doppelte erleben mussten, dass sich die größtmöglichen Unfälle aus der Nuklear- und Chemieindustrie aneinanderreihen wie Perlen auf einer Kette ohne Ende, dass wir im Abfall zu ersticken drohen, dass Böden und Meere nahezu gesättigt sind von Giften, dass durch rege Bautätigkeit das vernetzte Ökosystem weltweit am seidenen Faden hängt (wobei die Landnahme überhaupt noch nicht diskutiert wird), dass wir ein unlösbares Atommüllproblem vor uns herschieben, dass Wissenschaft und Forschung als die vermeintlichen Retter einen Freifahrtschein für Genmanipulationen erhalten haben.

All dies widerspricht der These, wir seien mit aufklärerischen Mitteln in der Lage, auf demokratischem Wege Mehrheitsverhältnisse zu schaffen, die auch nur das Schlimmste verhüten mögen.

Solange wir nach dem Motto verfahren: „Mein Kind schielt nicht, es soll so gucken“, solange wir die Tatsachen leugnen, anstatt eine radikale Problemlösung zu suchen, können wir bei künftigen Generationen kaum auf Verständnis hoffen. Sie werden uns als Verbrecher outen, ihre Ökodiktatur brocken wir ihnen gerade ein.

Je eher wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass es zwingend notwendig geworden ist, die heiligen Kühe unserer auf Gewinnmaximierung bedachten Unkultur zu schlachten, desto größer ist die Chance, den Frieden zwischen den Generationen einigermaßen zu retten. Die Freiheit des Einzelnen, die wir ja ohnehin nur noch als Konsumfreiheit definieren, darf es in dieser Form in Zukunft nicht mehr geben. Wenn der Soziologe Ulrich Beck also fordert, dass die Umweltschutzbewegung ein Stück Machiavellismus braucht, so meint er im Grunde nichts anderes, als dass demokratische Entscheidungsfindung, die heute über das Diktat der Unaufgeklärten und Manipulierten zustande kommt, durch das Diktat der Vernunft ersetzt werden muss.

Wir haben die Erde schwer verwundet, das beginnt sich zu rächen. Die Ökodiktatur wird zur historischen Wahrheit, damit ist sie per se gerecht. Dass es ein Schweinesystem wird, ist doch klar. Auch auf dem Gebiet der Staatskunst will uns nämlich schon lange nichts Erhebendes mehr gelingen …

Es interessiert die Erde nicht, ob wir über ihren Zustand verschiedener Meinung sind. Im planetarischen Jahreskalender ist die durch den Menschen verursachte Umweltkatastrophe gerade eine Minute alt. Aber auch diese Minute ist so gut wie verstrichen. Wir befinden uns heute in der allerletzten Sekunde. Entweder brechen wir so radikal mit der Wachstumsdynamik, dass wieder Energie- und Stoffkreisläufe entstehen, oder wir bleiben bei unserer Lebensweise, dann werden wir untergehen. Welche Diskussion glauben wir uns vor diesem Hintergrund eigentlich noch leisten zu können?

Kommen wir noch einmal zurück auf das von mir propagierte „Ökologische Diktat“. Zum Verständnis des Begriffes sind einige Klarstellungen nötig. Wer die zahllosen Bücher zum Thema Ökologie überblickt, bekommt leicht den Eindruck, es handele sich hier um eine Art Geheimwissenschaft für Erleuchtete. Nachvollziehbar wird Ökologie nur, wenn sie in den konkreten Zusammenhang von Wissenschaft und Politik gestellt ist. Die ethischen Fragen bleiben bei dieser Betrachtungsweise außen vor.

Es geht aber im Leben nicht nur um Sachwerte. Die Forderung, der natürlichen Mitwelt Respekt zu bezeugen, ihren Eigenwert anzuerkennen, ist das Kernstück einer Ethik, die zur Leitlinie gesellschaftlichen Handelns werden muss. Ansätze einer solchen Entwicklung sind vorhanden. In verschiedenen Ländern und auf übernationaler Ebene gibt es inzwischen viele Initiativen, die den Paradigmenwechsel für sich vollzogen haben und in der Lage sind, den Charakter staatlicher Politik zu verändern.

Wer von der ökologischen Apokalypse redet, gilt vielen ja noch immer als Schwarzmagier. Die Atombombe schien einer ganz anderen Kategorie anzugehören – hier war das Reich des Bösen ausgemacht und so konnte man sich so leichter über die eigene Aktie am Wettrüsten hinwegtäuschen. Beim drohenden Ökozid tun wir so, als handele es sich um eine Art ideologischer Epidemie. Die Indizien, welche auf die totale Katastrophe hinweisen, werden keines Blickes gewürdigt, wenn es gilt, der angeblichen „Panikmache“ entgegen zu treten.

Kommen wir zum praktischen Teil. Was müsste nach den Versäumnissen der Vergangenheit politisch dringend umgesetzt werden, wenn wir unsere Welt einigermaßen lebenswert erhalten wollen?

  • Als erstes ein absolutes Verbot des Individualverkehrs
  • Ein Bau- und Reiseverbot
  • Rigide Geburtenkontrolle (Ein-Kind-Familie)
  • Umstrukturierung der Landwirtschaft
  • Rationierung von Strom und Wasser
  • Sofortiger Ausstieg aus der Kernenergie
  • Umstellung auf Sonnen-, Wind- und andere Energieträger
  • Verbot von Genmanipulationen

Alles Maßnahmen, die wir auf demokratischem Wege garantiert nicht zustande bringen. Also muss man sie per Gesetz beschließen. Und Gesetze sind Diktate. Sie sind nötig, um uns von unserem zivilisatorischen Suchtverhalten zu heilen.

Bisher reden wir ausschließlich von Beständen, wenn wir von der Natur sprechen. Wir machen in allem unsere Rechnung auf. Dieses Denken ist nicht dem Leben verpflichtet, sondern einer Haushaltsphilosophie.

Es geht darum, die Brille des alten Umweltschutzes, der eigentlich nur Menschenschutz bedeutet, abzunehmen und durch die Brille der ganzheitlichen Ökologie zu ersetzen. Sie erst lässt uns erkennen, dass die Umwelt nichts ist, was außerhalb von uns existiert, sondern dass wir Teil einer einzigen und einzigartigen Welt sind.

Es ist schon ein erbärmliches Zeugnis, wenn man das den Menschen in Erinnerung bringen muss. Weit vor unserer angeblich so aufgeklärten Zeit haben ganze Kulturen in dem Bewusstsein gelebt, dass alles Seiende beseelt ist. Und wir streiten allen Ernstes darum, ob Tiere Schmerz empfinden oder nicht. Die Pueblo-Indianer hatten nicht einmal ein Wort für Religion. Das ganze Leben war Religion für sie. Sie glaubten, wer Tiere und Pflanzen nicht achtet, verliert die Achtung vor den Menschen. So ist es ja auch gekommen …

Wenn ich also in meiner grenzenlosen Naivität einer Ökodiktatur das Wort rede, so deshalb, weil ich den Traum nicht aufgeben will, dass wir eines Tages zurückfinden werden zu einem Verständnis, das nicht nur uns selbst, sondern auch unserer Mitwelt nützt. Sein oder Nichtsein ist zur aktuellen Alternative der Menschheit geworden.

Gelingt es ihr nicht, innerhalb kürzester Zeit zur Besinnung zu kommen und radikal umzusteuern, ob freiwillig oder mit Gewalt, wird sie überhaupt keine Chance mehr haben, die Folgen ihres kurzfristigen Konsumrausches zu überleben. Die eigentliche Frage lautet daher: kollektiver Selbstmord oder geistige Erneuerung?

Es wird wohl auf den kollektiven Selbstmord hinauslaufen. Also vergessen Sie meine Fiktion einer Ökodiktatur. Sie müssen schon von selbst darauf kommen, dass man die notwendige Operation auch wollen muss, wenn man am Leben hängt. Ich danke Ihnen.

PS: Der Schweizer Historiker Carl J. Burckhard (1891 bis 1974) brachte es auf den Punkt, als er schrieb:

„Es gehört zum Schwierigsten, was einem denkenden Menschen auferlegt werden kann: wissend unter Unwissenden den Ablauf eines historischen Prozesses miterleben zu müssen, dessen unausweichlichen Ausgang er längst mit Deutlichkeit kennt. Die Zeit des Irrtums der anderen, der falschen Hoffnungen, der blind begangenen Fehler wird dann sehr lang.“


Redaktionelle Anmerkung: Der Beitrag „Das Opfer der Freiheit“ von Dirk C. Fleck erschien erstmals auf Rubikon – Magazin für die kritische Masse und wurde von Neue Debatte übernommen. Dieses Werk ist unter einer Creative Commons Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.


Grafik: Neue Debatte

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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