Pierleone Porcu – Reise ins Auge des Sturms

Die post-industrielle Metropole zwischen Resignation und neuem Antagonismus.

Der Glaskäfig

Das Antlitz der Metropole hat sich unter dem Schub der laufenden technologischen Revolution allmählich verändert, bis es, als Ort, etwas radikal anderes wurde im Vergleich zu dem, was es für eine Menge Menschen ursprünglich war und bedeutete.

Aus einer riesigen Menschenanballung, die entstand, um den Anforderungen von Produktion und industrieller Entwicklung des Kapitals gerecht zu werden, ist es für die meisten, die darin leben, etwas Unverständliches geworden. Millionen von Menschen, ohne Geschichte, ohne Kultur, ohne ein eigenes Ziel, das über das Überleben hinausgeht, plötzlich aus einem langen Schlaf erwacht, sehen sich heute wie Roboter verloren in diesem riesigen Käfig aus Glas und Stahlbeton umherstreifen, der sie gefangen hält:, und können, wie es scheint, den Grund dafür nicht begreifen.

Es gelingt ihnen nicht, die tiefgreifenden Veränderungen zu verstehen, die erfolgt sind, weshalb sie unbewusst jenes Gefühl von Unbehagen widerspiegeln, das alle Menschen empfinden, wenn sie sich den Strukturen nunmehr fremd fühlen, die sie beherbergen.

Die alte industrielle Zentralisierung

In der industriellen Epoche hatte das Kapital, um zu produzieren, die Arbeitskraft von Millionen von Arbeitern nötig. Diesen gelang es daher, die Gründe für ihr Leben aufeinandergestapelt im Ameisenhaufen der Metropole zu verstehen. Die industrielle Zentralisierung brachte sie dazu, ihre Erwerbstätigkeit in megalithischen Produktionsanlagen zu verrichten: den Fabriken.

In der höchsten Entwicklungsphase der Elektromechanik war der Produktionsprozess des Kapitals ziemlich simpel, gänzlich auf das Montageband gestützt. Die Arbeiter, auch wenn sie Lohnempfänger waren, begriffen die Wichtigkeit ihrer Rolle, sie wussten, dass sie der Motor der Produktion im Akkumulationsprozess des Kapitals sind.

Viele von ihnen verstanden die Gründe ihrer Entfremdung und jener, die ihre Leidensbrüder erlebten, und es gelang ihnen sogar, sich im Klassenkampf gegen das Kapital und den Staat zu motivieren.

Das Ende einer Mentalität

Die post-industrielle Epoche, eingeweiht vom Aufkommen der Basistechnologien (Elektronik, Mikro-Elektronik, Informatik, Bauindustrie, etc.), die auf den Produktionsprozess angewandt werden, ist nicht nur dabei, die alte Produktionsweise zu liquidieren, sondern ist dabei, die Arbeiterwelt, voller Widersprüche und Entfremdungen, zu zerstören, weil sie dabei ist, all ihre auf der Produktionsethik gründenden Werte dem Verfall preiszugeben.

Die menschliche Arbeit, die von Millionen von Arbeitern verrichtet wurde, ersetzt das Kapital in seinen Produktionszyklen durch jene, die jetzt von tausenden mechanischen Armen verrichtet wird, gesteuert von hochentwickelten Robotern und Computern, die fähig sind, alle Aufgaben zu verrichten, die bis anhin1Schweizerisch für bis jetzt. von den Arbeitern verrichtet wurden.

Diese letzteren streifen stillschweigend in der zynischen post-industriellen Metropole umher, nunmehr ohne eine Arbeit, ohne ein zu erreichendes Ziel. Sie leben gleichgültig, fühlen sich ausgeschlossen, wie Schrottteile, die vom Kapital unbenutzt gelassen werden.

Einige von ihnen beginnen unbewusst, mit Wut, zu begreifen, dass sie nie wieder in die Fabrik zurückkehren werden. Sie wissen, dass das Kapital Bedingungen ohne Rückkehr für sie geschaffen hat. Jenseits des schwammigen Geredes der Parteien und Gewerkschaften über die “Vollbeschäftigung” werden sie von dieser Feststellung ausgehen müssen, um, in ihrer ganzen Tragweite, ihre neue Bedingung als soziale Proletarier ohne Arbeit zu begreifen.

Die Arbeiterklasse am Rand

Das Kapital hat die Utopie, den Traum von jenen, die ihre Hoffnungen in die Arbeiterklasse setzten, um eine proletarische soziale Revolution hervorbrechen zu lassen, für immer zerbrochen.

Die ganze verschwommene und abgenutzte, theoretische und ideologische Ausrüstung, worauf diese Hypothese gestützt wurde, wird in den Mülleimer geworfen werden müssen. Die heutige Realität zeigt uns, wie das Kapital in seinem neuen Produktionsprozess die Arbeiterklasse an den Rand verbannt hat. Sie ist ein bloßer innerer Anhängsel seiner Produktionszyklen geworden, nunmehr reduziert auf eine geringfügige Minderheit. Diese Tatsache bezeichnet unumkehrlich das Ende des alten, auf den operaistischen Ideologien2 Als Operaismus (italienisch operaismo) bezeichnet man sowohl eine neomarxistische Strömung als auch eine soziale Bewegung, die in den frühen 1960er Jahren im industriellen Norditalien entstanden ist. Der Begriff ist von dem italienischen Wort operaio (für „Arbeiter“) abgeleitet. geschmiedeten proletarischen Antagonismus.

Das Kapital und die qualitative Kontrolle

Das neue Produktionsmodell des Kapitals hat, durch den massiven Einsatz der Basistechnologien, mit der territorialen Aufstückelung des Produktionszyklus die produktive Dezentralisierung ermöglicht.

Das Kapital stellt heute nicht mehr bloß das Konzept der Kontrolle der Zyklen und Zusammenhänge der quantitativen Warenproduktion ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Es strebt nun qualitativ danach, eine völlige Kontrolle zu besitzen, die von der Produktion bis zum Transport, bis zum Konsum der produzierten Waren reicht.

So versucht es einerseits, sich gegen alle möglichen Überproduktionskrisen abzusichern, sowohl auf Ebene des nationalen wie des internationalen Marktes; andererseits versucht es, den Konsum zu verwalten, zu programmieren und zu planen, indem es durch seine unzähligen Informations- und Verteilnetzwerke die Formen der sozialen Reproduktion gestaltet.

Dies ist die Linie, worauf das Kapital in der Metropole seine neuen Orte der Entfremdung kreiert, Fastfoodketten, Diskotheken, Studios für Körperkultur, schwachsinnige Moden für Rezyklierte und Vorausdatierte.

In diese Warenlogik des Kapitals fügen sich die Öffnungen von Bierhäusern und alternativen Lokalen für die Zurückgespülten der Linken ein. In der Metropole sprießen diese sozialen Lazarette auf der ökonomischen, politischen und sozio-kulturellen Zersetzung, die von der technologischen Veränderung erzeugt wurde, die alle Bereiche der Gesellschaft befallen hat.

Proletarische Entwurzelung aus dem Zentrum der Metropole

Die Rolle der staatlichen Institutionen in der Metropole ist bedeutend größer geworden, vor allem durch die Prozesse einer kompletten Neuorganisierung ihrer Apparate, gestützt auf die massive Einführung der Prozeduren der informatisierten Kontrolle. Die administrativen und politischen Sitze, vom Rathaus bis zur Regionalregierung, bis zur Provinzialverwaltung, residierten schon immer im historischen Zentrum der Stadt, mit Ausnahme von jenem Teil der Büros, der ins kommerzielle Verwaltungszentrum verlegt wurde.

Diese Strukturen haben sich durch den breiten Informatisierungsprozess territorial ausgeweitet, ein Prozess, der zur Kreierung von einer Myriade von Mikro-Strukturen beigetragen hat (Ableger dieser Büros in den verschiedenen Stadtvierteln, wie das Einwohnermeldeamt, die Stadtteilvereine, die Bezirksräte, die Fürsorgestrukturen, etc.), welche die Kontrolle in der Metropole politisch und sozial organischer und rationaler machen.

Beispielsweise hat man dem Slogan “Milano, Europastadt” die massive urbanistische Umstrukturierung dieser lombardischen Metropole initiiert.

Die allmähliche Entfernung der Proletarier aus dem historischen Zentrum, die von den städtischen institutionellen Kräften realisiert wurde, hat dazu gedient, oppositionslos einen Prozess der aktiven Zersetzung aller alten sozialen Zusammenhänge einzuleiten. Diese Entfernung, während sie die Proletarier aus dem entwurzelte, was ihr soziales Netzwerk war, entwurzelte auch all jene antagonistischen Zusammenhänge, die es den kämpferischeren proletarischen Sektoren mit Mühe aufzubauen gelang.

Zudem hat man dadurch, dass die Proletarier an die Ränder der Metropole verbannt und in Ghettovierteln eingeschlossen wurden, das Ziel erreicht, das Schaufenster einer vom subversiven Abschaum gesäuberten, normalisierten und disziplinierten Metropole zu zeigen, während, fern von indiskreten Blicken, der schmutzige und zynische Aspekt dieser technologischen Veränderung versteckt gehalten wird, die auf dem Rücken von Millionen von Proletariern geschah, die mit den Entlassungen, als Opfer, den Preis dafür bezahlten.

Die städtischen Institutionen haben in diesem Kontext die sozialen Zentren, alternative Gemeinschaften und den Großteil der Musik- und Theatergruppen rezykliert, die einst von den Kreisläufen der kulturellen Vermarktung unabhängig waren.

Die politische Dynamik

Die Parteien und Gewerkschaften erfüllen ihre Aufgabe als Hüter und Beschützer der sozialen Befriedung gut, und innerhalb der oben geschilderten Strukturen versuchen sie, jene Zustimmung zu erzeugen, die zur Aufrechterhaltung der gegenwärtigen institutionellen Ordnung notwendig ist.

Das Ganze tun sie, während sie sich hinter einem zynischen politischen Diskurs über die administrative Dezentralisierung verhüllen, die den Bürgern breite Verwaltungsräume von unten zugestehen sollte. Diese letzteren bilden sich ein, ihre Autonomie zu vergrößern, weil sie, indem sie sich beteiligen, ihren Entscheidungen ein Gewicht geben und jene, die von der Macht getroffen werden, beeinflussen können.

Parteien und Gewerkschaften, als moderne Marketingagenturen der Zustimmung, rezyklieren mit Hilfe der katalysierenden Bewegungen der künstlichen Massenopposition (Grüne, Pazifisten, Umweltschützer, etc.) alle Themen, worauf sich der soziale Antagonismus konzentrieren könnte.

Somit wird alles wieder zu Instanzen konvertiert, die im institutionellen Rahmen bleiben, und wird alles vom System der Parteien rekuperiert3Der Begriff Re­ku­pe­ra­ti­on steht für die Rückgewinnung von Territorien aufgrund verbriefter Rechte.. Diese politische Dynamik erdrosselt gegenwärtig jede Regung von Autonomie und alternativer antagonistischer Aktion der proletarischen Massen außerhalb der Schienen, die von den Parteien abgesteckt werden.

Die Zwangssozialisierung

Die militarisierte Metropole ist das offenkundigste Zeichen dieser Veränderung mit ihren unzähligen Informationsnetzen, den Datenbanken und den Kontrollprozeduren mit entsprechenden Massenfichierungen4Fichieren ist ein schweizerischer Ausdruck für das (unrechtmäßige) Anlegen einer Dokumentation beziehungsweise das Sammeln von Informationen über jemanden oder über etwas.. Ein Ganzes, das sich im Vergleich zur Vergangenheit verhundertfacht hat. Es gibt kein öffentliches Gebäude oder Handelsinstitut, das nicht von den Ordnungskräften besetzt ist, und wo, in seinem Innern, nicht Kontrollprozeduren erfolgen.

Wer in den Metropolen lebt, findet sich in Praxis eingezwängt zwischen Privatpolizei im Dienste des Kapitals und öffentlicher Polizei im Dienste des Staates. Die Ordnungskräfte sind nicht nur zahlenmäßig erhöht sondern auch umstrukturiert und der Zeit angepasst worden.

Wie es überall geschieht, so wird auch an den Polizeischulen Informatik unterrichtet, oder zumindest soviel, wie ausreicht, um jene Prozeduren zur Kontrolle der Bürger in Gang zu setzen, die einst nach Monaten abgeschlossen werden konnten, während sie heute innert weniger Stunden Realisierung finden. Außerdem gibt es heute die Figur des Stadtteilpolizisten nach englischer Art oder die Polizeipatrouille nach amerikanischem Modell. Mit ihnen kollaborieren in den Ghettos der Metropole aktiv Psychologen, Soziologen und Richter; allesamt der Repression des “abweichenden” Subjekts geweiht.

Das Ganze zeigt sich in einer Zwangssozialisierung, die sich in präzisen Einschränkungen der Freiheit des einzelnen Individuums ausdrückt, bemessen am Grad seiner Zustimmung oder Ablehnung gegenüber dem System.

Das Recht, zu demonstrieren, wird auf Basis der Bürger, die es ausüben wollen, sozial und politisch diskriminiert. Wer nämlich auf künstliche Weise im Rahmen der Institutionen kämpft, hat kein Problem, zu demonstrieren. Wer dies aber in einer anderen Perspektive tut, autonom und gegen die Institutionen, wird in Praxis präventiv unterdrückt. Die Demokratie verwirklicht ihren Sozialisierungsprozess der Politik durch die Ausweitung neuer Kontrolleinrichtungen, die ihre unbestrittene Herrschaft über jede Falte des sozialen Körpers anwachsen lassen.

Gleich wie die Zustimmung, stützt sich die Partizipation, die von den Parteien und Gewerkschaften gefördert wird, auf eine Kette von Diskursen, die falsche Alternativen präsentieren und deren Mündungen bereits geschickt in dieser oder jener vorgefertigten Lösung berechnet sind. Alles dient dazu, jeder möglichen Organisierung einer antagonistischen Opposition gegenüber dem System Raum zu entziehen.

Entpolitisierung und sozialer Verfall

Die politisch-sozialen Szenarien werden auf den großen gläsernen Fernsehbildschirmen, aus Erfordernissen von Kontrolle und Zustimmung, von den Manipulatoren der Massenkommunikation montiert und demontiert. Die auf dem ganzen Gebiet verstreuten Informationsapparate übertragen tausende Informationen, die rund um die Uhr die Gehirne von Millionen von Fernsehzuschauern bombardieren. Niemand entkommt der mehr oder weniger verhüllten Überredung ihrer Nachrichten.

Das Ganze, wenn es einerseits den ideologischen Informationskonsum ins Unermessliche steigert, erzeugt andererseits einen Sättigungsprozess, der zu Ablehnungsphänomenen führt. Viele suchen Zuflucht in der Religion, andere treten den verschiedenen auf orientalisch machenden mystisch-esoterischen Sekten bei oder ziehen sich ins Privatleben ihrer Familie oder ihres Freundeskreises zurück. In der Metropole sind sie alle integrierte Subjekte, die keineswegs unter Problemen von mangelndem Anpassungsvermögen und sozialer Ausgrenzung leiden.

Dies ist, mehr oder weniger, das verfallene Bild der heutigen Metropole. Die große Masse der Proletarier stagniert, regrediert, während sie sich entpolitisiert, und das ist gewiss nichts Schlechtes, auch wenn all dem keine autonome Fähigkeit zu einer auf dem Gebiet verstreuten sozialen Opposition entspricht.

Für einen qualitativen Sprung des verstreuten Antagonismus

Jenes Bisschen an antagonistischer Bewegung, das sich zurzeit in der Metropole regt, mit Hausbesetzungen, selbstverwalteten sozialen Räumen und Kämpfen gegen die Atomkraft, besteht zu breiten Teilen aus sehr jungen Gefährten, denen es an einem ausreichenden theoretischen Gepäck und an angemessener kritisch-analytischer Fähigkeit mangelt.

Da es ihnen nicht gelingt, die Gründe zu verstehen, die den sozialen Körper zur Aufstückelung und Zersetzung gebracht haben, enden diese Gefährten darin, sich völlig überholten Kampfhypothesen und Projekten anzuschließen, wie jenen, die von einigen überlebten Grüppchen der Arbeiterautonomie in Gang gesetzt werden.

In der antagonistischen Bewegung, jenseits von erklärt libertären Parolen wie “direkte Aktion” und “Selbstverwaltung der Kämpfe”, tummeln sich alte Modelle, von der Proto-Parteiherrschaft bis zu verkalkten theoretischen Schematisierungen, die in der heutigen Realität keine Bestätigung finden. Zum Beispiel die ständige Bezugnahme auf ein nicht vorhandenes Arbeitersubjekt.

Diese Unfähigkeit, die soziale Frage heute in theoretischer und praktischer Hinsicht neu zu überdenken, endet darin, die Aktion in einem voraussehbaren und abgedroschenen Straßenprotest versiegen zu lassen, der sich, jenseits der Hartnäckigkeit und der gerechten Gewalt, die ausgedrückt wird, als isolierter und daher vom sozialen Gefüge getrennter Akt erweist.

Diese Beschränkung erlaubt es der reformistischen Bande und den Polizeikräften umso mehr, uns ungestraft niederzuschlagen. Gleichermaßen gestattet sie den Massenmedien, uns nach einem recht bewährten Klischee terroristisch zu kriminalisieren, um die Leute zur institutionellen Zustimmung anzutreiben.

Der Großteil der anarchistischen und libertären Gefährten hat bisher den Eindruck erweckt, sich nicht für die laufenden Kämpfe zu interessieren. Anstatt sich an ihnen zu beteiligen und ihnen einen persönlichen und aktiven Beitrag in einem immer radikaleren und theoretisch fundierten Sinne zu geben, haben sie sich anderen Dingen gewidmet.

Trotzdem sind einige Gefährten in den Aktionen der antagonistischen Bewegung präsent gewesen. Aber man ist wenige, zu wenige, um so einwirken zu können, wie es sich gehören würde, im Vergleich zu unseren Kräften. Hoffen wir, dass sich die gegenwärtige Tendenz ändern wird. Einige anarchistische Affinitätsgruppen haben, auf viel radikalere Weise, informell damit begonnen, den Weg der revolutionären Aktion einzuschlagen, indem sie sich daranmachten, die Käfigstrukturen aus Stahlbeton zu sabotieren, die die Ghettos der Metropole umgeben. Aber das sind Spuren, Zeichen, die, wenn auch positiv, noch kein laufendes Projekt von möglichen sozialen Veränderungen umreißen.

Wir denken, dass mit der Wut, mit der ehrlichen Lust, tätig zu werden, etwas mehr als bloß der gute Wille vereint werden muss. Wir sind überzeugt, dass sich keine revolutionäre Perspektive auf das Arbeitersubjekt stützen kann, angesichts der tiefgreifenden ökonomischen, politischen und sozio-kulturellen Veränderungen, die in der Gesellschaftsstruktur erfolgt sind, wie es in der hier in groben Zügen dargelegten Analyse aufgezeigt wurde.

Wir müssen daher von dieser Tatsache ausgehen, um die heutige proletarische Bedingung in der Metropole umfassend neu zu betrachten. Die Lösung des Problems, wie wir dafür sorgen können, das, was wir als geringfügige Minderheit an Positivem realisieren, nicht rekuperierbar zu machen, liegt in der Wahl der Kampfziele auf dem Gebiet. Wenn wir in unserem sozialen Handeln bestrebt sind, die Logiken der institutionellen Integration umzukippen, müssen wir uns über die immer gegenwärtige Notwendigkeit des Angriffs in einer Situation von permanenter Konfliktualität gegenüber allen, ob großen oder kleinen, Strukturen des Staates und des Kapitals, die auf dem Gebiet, worauf wir leben, verstreut sind, im Klaren sein.

Dieselbe Haltung muss gegenüber den Massenmedien eingenommen werden, ohne in die Falle ihrer Überzeugungsmacht zu geraten, und zwar, um nicht selber auch als Opfer des produzierten Spektakels zu enden.

Mit der Lust, zu kämpfen, muss eine zerstörerische und konstruktive Logik vereint werden, die die verschiedenen Ziele von Mal zu Mal abzuwügen weiß und jene ermittelt, die fähig sind, die Strukturen der Herrschaft zu erschüttern. Wir müssen also diese Ziele angreifen, während wir, gleichzeitig, unter den Gefährten und Proletariern dafür sorgen, jenes Gespür für eine verstreute und horizontale Projektualität zu entwickeln, das es nicht zulässt, dass sich auf dem Gebiet Führungszentren bilden. Das Ganze, während gleichzeitig die Prozeduren entkräftet werden, die bezwecken, in den Kämpfen parteiliche Merkmale zu reproduzieren, Kämpfe, die stets ihren selbstverwalterischen Charakter bewahren müssen.

Zudem ist es wichtig, sich die unentbehrliche Information und Kenntnis anzueignen, um dafür zu sorgen, dass sich die subversive Kommunikation in einen Verbindungsmoment zwischen den verschiedenen Bruchstücken der antagonistischen Bewegung übersetzt, die einheitlich bestrebt ist, ihre revolutionäre Aktion einen qualitativen Sprung machen zu lassen.

Mit dem Verfassen dieser Analyse beabsichtigen wir, einen Beitrag zur laufenden Debatte in der antagonistischen Bewegung zu liefern. […]


Redaktioneller Hinweis: Der Text von Pierleone Porcu ist ein Auszug aus dem Werk „Reise ins Auge des Sturms“ (Konterband Editionen, Zürich, Januar 2014). Es wurde in Italien unter dem Originaltitel „Viaggio nel occhio del ciclone“ in der Zeitschrift Anarchismo (Nr. 56) im März 1987 publiziert. Die erste italienische Ausgabe als Buch erschien unter dem gleichen Titel im November 2013 bei Edizioni Anarchismo in der Reihe Opuscoli provvisori (Nr. 31). Die deutsche Übersetzung wurde von der Anarchistischen Bibliothek archiviert und von Neue Debatte übernommen, um eine kritische Diskussion über das Zeitgeschehen und die Zunahme von Protesten, Aufständen und Revolten zu ermöglichen. Der Text wurde redaktionell überarbeitet. Einzelne Absätze wurden eingefügt und Abschnitte zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.


Symbolfoto: Alexander Popov (Unsplash.com)

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