Kulturelle und mediale Hegemonie

Um ihn und seine Thesen kam und kommt es immer zu Auseinandersetzungen, die sich mehr aus dem Phänomen des Dogmatismus erklären lassen als aus der Sache. Er kam seinerseits aus der Literatur und fand durch sein Gerechtigkeitsgefühl und seine Vorstellung vom Kampf gegen die Armut in die Politik. Jung, wie er war, zählte er zu den Mitbegründern der Kommunistischen Partei Italiens, deren Vorsitzender er sogar für drei Jahre war. Er starb 1937 mit gerade einmal 46 Jahren und hinterließ der Nachwelt vor allem eines: sein Theorem von der kulturellen Hegemonie.

Ideen und Visionen

Die Rede ist von Antonio Gramsci (1891 – 1937). Die wenig fruchtbare Debatte aus dem historischen kommunistischen Umfeld ist heute nicht mehr von Interesse. Was sich jedoch aufdrängt, das ist der Aspekt den seine These von der kulturellen Hegemonie ausleuchtete. Denn da ging es um etwas, das heute, in einem Zeitalter, das sich das der Kommunikation nennt, unbedingt Beachtung finden muss.

Gramscis Kernaussage ist leicht zu umschreiben. Kulturelle Hegemonie bedeutete für ihn, in der Lage zu sein, mehrheitsfähige Ideen zu produzieren.

Das sympathische an Gramscis Theorem ist seine auf die geistige Auseinandersetzung fokussierte Betrachtung. Es dabei zu belassen und nicht die waffenstarrenden Machtverhältnisse zu beachten, wäre ein schwerwiegender Fehler. Aber deshalb die Kernthese zu verwerfen, hätte den gleichen verwerflichen Charakter. Es geht darum, sich in die Lage zu bringen, Ideen und Visionen zu entwickeln, die geeignet sind, Mehrheiten zu mobilisieren.

Kulturelle Hegemonie

Gegenwärtig entwickelt sich eine mehrheitsfähige Vorstellung vom Umgang zwischen menschlichen Produktions-, Konsumtions- und Eigentumsverhältnissen. Der Konsens besteht jedoch in einer Ablehnung dessen, was geschieht und es liegen noch keine oder kaum mehrheitsfähige Vorstellungen von der Perspektive vor, die zu entwickeln ist.

In Bezug auf Gramscis Hegemoniebegriff ist das zu wenig. Kulturelle Hegemonie bedeutet nicht die kollektive Ablehnung des Bestehenden, sondern die Verfügbarkeit eines Planes für die Zukunft, der ebenfalls auf große Zustimmung stößt.

Zudem sind wesentliche Themen noch nicht oder nicht mehr im Fokus. Der wohl gravierendste Bereich, die Führung von Aggressionskriegen, liegt in der Ablehnungslinie weit hinter dem Ökologiegedanken zurück, obwohl das Phänomen aktuell lebensbedrohlicher ist als das genannte.

Das Medium ist die Botschaft

Wenn es also darum geht, die kulturelle Hegemonie zu erlangen, um eine Politik der notwendigen radikalen Veränderung mehrheitsfähig zu machen, dann liegen noch große Aufgaben auf dem Tableau. Es gilt, neben Enthüllung und Ablehnung, das positiv Neue konkret zu benennen. Und, im Rekurs auf das Kommunikationszeitalter gilt es, sich mit den Technologien der Kommunikation en détail zu befassen.

Neben der Lektüre Gramscis sei in diesem Kontext auf den kanadischen Philosophen Marshall McLuhan (1911 – 1980) verwiesen, der mit seinen Thesen über die kommunikative Moderne Bahnbrechendes lieferte und der wie kein anderer das, was in diesem Zusammenhang am besten als mediale Hegemonie beschrieben werden kann, antizipiert hat.

McLuhans Kernsatz, das Medium ist die Botschaft, hat exakt das beschrieben, was die globalisierte Moderne beherrscht und die meisten Beobachter nahezu fassungslos macht.

Eine Dechiffrierung der medial-technischen Wirkung ist Vorbedingung für den Erfolg von den Ideen, die fähig sind, um die kulturelle Hegemonie zu erreichen. Denn wenn das Medium die Botschaft ist, dann ist der Besitz der Medien wichtiger als die Produktion guter Ideen. Es herrscht also eine essentielle Korrelation zwischen Medienverfügbarkeit und inhaltlich mehrheitsfähiger Ideen. Die Aufgaben, die sich daraus ergeben, sind anspruchsvoll, aber sie zu bewältigen ist nicht aussichtslos.

Die Entwicklung medialer Verfügbarkeit scheint gegenwärtig weiter zu sein als die Positivfolie für die kulturelle Hegemonie. Aber wie heißt es so schön? Einem Zustand relativer Ruhe folgt eine Phase rascher Veränderung!


Foto: Neue Debatte

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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