Errico Malatesta – Ein wenig Theorie

Der Text „Ein wenig Theorie“ wurde bereits im August 1892 unter dem Titel „Un peu de théorie“ in der französischen Zeitschrift L’Endehors publiziert. In ihm spiegelt sich eine Zeit wider, die geprägt war durch soziale Kämpfe, Aufruhr und Revolten.

Es geht in jeder Lebenssituation darum, die Handlung zu wählen, die so wenig Böses wie möglich impliziert; es geht darum, so wenig Böses und so viel Gutes wie möglich zu tun.Errico Malatesta

Ein wenig Theorie (1892) [1]

Die Revolte grollt überall. Manchmal ist sie Ausdruck einer Idee, manchmal Resultat eines Bedürfnisses, in der Regel beides (bzw. eine Kombination sich wechselseitig bedingender und verstärkender Ideen und Bedürfnisse). Die Revolte richtet sich manchmal gegen die tatsächlichen Gründe unserer Misere und manchmal nicht, sie ist manchmal bewusst und manchmal instinktiv, sie ist manchmal menschlich und manchmal brutal, manchmal großzügig und manchmal egoistisch. In jedem Fall dehnt sie sich ständig aus. Die Geschichte schreitet voran. Es nützt nichts, sich über die Wege zu beschweren, die sie geht. Diese Wege sind das Ergebnis einer langen Evolution. Gleichzeitig wird die Geschichte von Menschen gemacht. Wenn wir den Verlauf der Geschichte nicht gleichgültig und passiv beobachten, sondern die Ereignisse im Sinne unserer Ideale mitbestimmen wollen, müssen wir uns mit den Tatsachen, vor die sie uns stellt, auseinandersetzen und uns in den historischen Konflikten positionieren.

»Das Ziel heiligt die Mittel.« [2] Man hat sich oft gegen diese Maxime ausgesprochen, aber in Wirklichkeit bestimmt sie das Handeln der meisten von uns. Wobei es besser wäre zu sagen: »Jedes Ziel beinhaltet sein Mittel, denn die Moral liegt im Ziel, woraus sich das Mittel zwangsläufig ergibt.«

Wenn wir uns für ein Ziel entschieden haben oder gezwungen wurden, uns für eines zu entscheiden, dann besteht die Herausforderung darin, das Mittel zu finden, das uns den entsprechenden Umständen gemäß am sichersten und effektivsten zu diesem Ziel bringt. Ob wir das Ziel erreichen werden oder stattdessen der Sache des Feindes dienen, hängt neben unserer Willenskraft davon ab, ob wir diese Herausforderung annehmen. Das Geheimnis großer Menschen und Bewegungen ist es, das richtige Mittel zu finden, um Spuren in der Geschichte der Menschheit zu hinterlassen.

Das Ziel der Jesuiten und der Mystiker ist die Herrlichkeit Gottes.Das Ziel anderer ist die Macht ihres Konzerns. Alle Menschen mit solchen Zielen müssen versuchen, die Massen stumpfsinnig zu machen, sie zu terrorisieren, sie zu unterwerfen. Das Ziel der Jakobiner [3] und aller autoritären Parteien, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit glauben, ist es, ihre Ideen den profanen Massen aufzuzwingen. Sie müssen daher versuchen, die Macht zu erobern, die Massen zu unterwerfen und die Menschheit dem Prokrustesbett ihrer Vorstellungen anzupassen [4].

Wir kämpfen nicht darum, den Platz der heutigen Ausbeuter und Unterdrücker einzunehmen. Genauso wenig kämpfen wir für den Triumph einer Abstraktion. Wir sind nicht wie der italienische Patriot, der meinte: „Wenn es Italien groß und glorreich macht, ist es egal, ob alle Italiener vor Hunger sterben.« Wir sind auch nicht wie der Genosse, der meinte, dass es akzeptabel sei, wenn drei Viertel der Menschheit sterben, wenn damit Freiheit und Glück für den Rest geschaffen wird.

Wir wollen das Wohlergehen der Menschen – aller Menschen, ohne Ausnahme. Wir wollen, dass jeder Mensch sich entwickeln und so glücklich wie möglich sein kann. Wir glauben nicht, dass einzelne Menschen oder Gruppen die Freiheit und das Glück anderer garantieren können, sondern dass alle Menschen die Bedingungen ihrer Freiheit selbst entdecken und erobern müssen.

Wir glauben, dass nur kompromisslose Solidarität den Wettbewerb, die Unterdrückung und die Ausbeutung beenden können und dass Solidarität nur das Resultat einer freien Vereinbarung von Menschen, einer spontanen und bewussten Übereinstimmung von Interessen, sein kann.

Alles, was dabei hilft, das moralische und intellektuelle Niveau der Menschheit anzuheben, den Menschen ein Bewusstsein ihrer Rechte und Stärken zu verleihen und sie davon zu überzeugen, ihre Geschäfte selbst in die Hand zu nehmen, alles, was den Hass gegen die Unterdrückung schürt und die Liebe zwischen den Menschen stärkt, bringt uns unserem Ziel näher und ist daher gut. Im Gegensatz dazu ist alles, was dabei hilft, den gegenwärtigen Zustand zu bewahren, alles, was dazu fuhrt, den Menschen gegen seinen Willen für die Realisierung eines Prinzips zu opfern, schlecht, da es unseren Zielen widerspricht. Wir müssen sorgfältig nachdenken, um die uns zur Verfügung stehenden Mittel so effektiv wie möglich einzusetzen.

Wir wollen den Triumph der Freiheit und der Liebe. Entsagen wir deshalb gewaltsamen Mitteln? Nein. Unsere Mittel sind die, die uns von den Umständen auferlegt und erlaubt werden. An sich wollen wir niemandem auch nur ein Haar ausreißen. Wir wollen alle Tränen trocknen und keine verursachen. Doch wir müssen in der Welt kämpfen, in der wir uns befinden. Ansonsten bleiben wir unproduktive Träumer.

Wir glauben fest daran, dass es eines Tages möglich sein wird, Gutes zu tun, ohne Böses tun zu müssen. Doch dieser Tag ist noch nicht gekommen. Selbst die reinsten und vorsichtigsten der Märtyrer, die sich aufgrund ihres Kampfes für das Gute auf dem Schafott wiederfinden, tun Böses, obwohl sie keinen aktiven Widerstand leisten und ihre Feinde selig sprechen wie der Christus der Legende [5]. Nicht nur tun sie sich selbst Böses an, sondern sie verursachen auch bittere Tränen unter all jenen, die sie lieben.

Es geht in jeder Lebenssituation darum, die Handlung zu wählen, die so wenig Böses wie möglich impliziert; es geht darum, so wenig Böses und so viel Gutes wie möglich zu tun. Die Menschheit schleppt sich unter dem Gewicht der politischen und ökonomischen Unterdrückung dahin. Das ist beschwerlich. Sie wurde abgestumpft, degeneriert und taub gemacht; und nicht auf schonende Weise, sondern durch Armut, Sklaverei und Ignoranz.

Um diesen Zustand aufrechtzuerhalten, wurden ungeheure polizeiliche und militärische Apparate geschaffen, die allen Versuchen gesellschaftlicher Veränderung mit Gefängnisstrafen, Hinrichtungen und Massakern begegnen. Es gibt keine pazifistischen bzw. legalen Mittel, um dieser Situation zu entkommen. Das überrascht nicht, da das Gesetz der Ausdruck von Privilegien ist, die sich selbst schützen. Auf die physische Kraft, die uns im Wege steht, lässt sich nur mit physischer Kraft, das heißt, nur mit gewaltsamer Revolution, antworten.

Eine Revolution produziert viel Unglück und Leid. Das ist offensichtlich. Aber selbst wenn sie hundert Mal mehr Unglück und Leid produzieren würde, als sie es tut, wäre sie immer noch ein Segen im Vergleich zu dem, was wir heute durchmachen müssen.

Wir wissen, dass in einer einzigen großen Schlacht mehr Menschen getötet werden als in der blutigsten Revolution. Wir wissen, dass jedes Jahr Millionen junger Kinder sterben, weil ihnen der Zugang zu nötiger Versorgung und Pflege fehlt. Wir wissen,dass Millionen von Proletariern aufgrund der Leiden, die ihnen auferlegt werden, einen frühen Tod finden. Wir wissen, dass die meisten Menschen ohne Freude und Hoffnung leben. Wir wissen, dass selbst die reichsten und mächtigsten Menschen weniger glücklich sind, als sie es in einer Gesellschaft von Gleichen wären.Wir wissen, dass all dies seit undenklicher Zeit so ist. Und wir wissen auch, dass es ohne Revolution noch viel länger so sein wird.

Gleichzeitig kann eine einzige Revolution, die sich resolut den Gründen unserer Misere annimmt, der Menschheit für immer den Weg zum Glück öffnen. Möge diese Revolution kommen! Jeder Tag, mit dem sie sich verspätet, bedeutet enormes Leiden. Daher müssen wir alles tun, was in unserer Kraft steht, damit die Revolution so schnell wie möglich kommt und jede Form der Unterdrückung und Ausbeutung ihr Ende findet. Wir sind Revolutionäre, weil wir die Menschheit lieben. Es ist nicht unsere Schuld, wenn die Geschichte uns zu schmerzlichen Notwendigkeiten drängt.

Für uns Anarchisten – oder zumindest für die Anarchisten, die die Dinge so sehen wie wir (Wörter sind schließlich nur Konventionen) – ist jede individuelle oder kollektive Handlung, jeder Akt der Propaganda (in Wort oder Tat) gut, die uns der Revolution näher bringt und sicherstellt, dass die Revolution vom Bewusstsein der Massen getragen wird und damit zu universeller Befreiung führt. Es kann Revolutionen geben, die keinen solchen Charakter haben, aber das sind nicht die Revolutionen, die wir anstreben. Besonders wichtig ist, dass die Revolution ihre Mittel sorgfältig wählt; schließlich wird hier mit menschlichem Leben bezahlt.

Wir kennen die schrecklichen materiellen und moralischen Bedingungen, unter denen das Proletariat zu leben hat, gut genug, um die Handlungen des Hasses und der Rache, ja sogar der Verrücktheit zu verstehen, die sie produzieren. Wir verstehen, dass es Unterdrückte gibt, die nie etwas anderes kennengelernt haben als die Brutalität, mit der sie von den Bürgern behandelt wurden, nie etwas anderes als das Recht des Stärkeren, und die daher eines Tages, wenn sie sich stark genug fühlen, sagen: »Gut, machen wir es so wie sie!« Wir verstehen, dass Menschen, die an sich großzügig, aber moralisch nicht vorbereitet sind (was unter den gegenwärtigen Umständen kein Wunder ist), im Eifer des Kampfes das eigentliche Ziel aus den Augen verlieren, die Gewalt selbst als Ziel betrachten und sich zu grausamen Handlungen hinreißen lassen.

Aber es ist eine Sache, diese Handlungen zu verstehen und zu entschuldigen; eine andere ist es, sie zu propagieren. Es handelt sich nicht um Handlungen, die wir gutheißen oder empfehlen.

Wir müssen bestimmt und energisch sein, aber wir müssen auch versuchen, die Grenze der Notwendigkeit niemals zu überschreiten. Unser Vorbild ist der Chirurg, der die Haut durchschneidet, wenn es sein muss, aber immer darauf bedacht ist, unnötiges Leid zu vermeiden. Unser Handeln muss immer von der Liebe zu den Menschen, allen Menschen, geleitet werden.

Wir denken, dass dieses Gefühl der Liebe die moralische Basis bzw. die Seele unseres Handelns sein muss. Wir denken, dass wir unser Ziel nur erreichen können, wenn wir die Revolution als großes Fest der Menschlichkeit, als Moment der Befreiung und Verbrüderung aller Menschen – egal welcher Klasse oder sozialen Gruppe – begreifen.

Die gewaltsame Revolte kommt bestimmt, und sie kann dem gegenwärtigen System den Todesstoß geben; aber wenn es keine Revolutionäre gibt, die in diesem Prozess unseren Idealen gemäß handeln und damit ein Gleichgewicht schaffen, wird die Revolte sich selbst zerstören.

Hass produziert nicht Liebe und schafft keine neue Welt. Eine Revolution des Hasses wird entweder vollständig scheitern oder in neuer Unterdrückung enden. Diese mag sich »anarchistisch« nennen, aber sie wird genauso anarchistisch sein wie die gegenwärtigen Regierungen »liberal« sind.

Unterdrückung bleibt Unterdrückung und reproduziert immer die Bedingungen weiterer Unterdrückung.


Quellen und Anmerkungen

[1] Ursprünglich veröffentlicht unter dem Titel „Un peu de théorie“ in der Zeitschrift L’Endehors (Paris, 21.August 1892). Der vorliegenden Übersetzung liegt die gleichnamige Broschüre von 1899 zugrunde, die in der von Elisée Reclus verantworteten Bibliothèque des »Temps Nouveaux« erschien. Aus dem Französischen übersetzt von Gabriel Kuhn.

[2] Taktischer Grundsatz, der gemeinhin dem Jesuitenorden (gegründet 1534) zugesprochen wird.

[3] Die aus dem Jakobinerclub hervorgegangenen Akteure der Französischen Revolution. Assoziiert mit staatlichem Zentralismus und Terrorherrschaft stehen sie im Anarchismus paradigmatisch für das Gegenmodell zur eigenen, anarchistischen Revolutionsvorstellung.

[4] Prokrustes ist eine Gestalt der Mythologie, der Reisenden ein Bett anbot, auf das er sie legte: Waren sie zu groß für das Bett, hackte er ihnen die Füße bzw. überschüssigen Gliedmaßen ab; waren sie zu klein, hämmerte und reckte er ihnen die Glieder auseinander. Als Redewendung meint »in ein Prokrustesbett zwingen«, jemanden/etwas gewaltsam in ein vorgefertigtes Schema zu pressen.

[5] Anspielung auf die »Bergpredigt«, wo es unter anderem heißt: »Ihr wisst, dass es heißt: >Auge um Auge, Zahn um Zahn.< Ich aber sage euch: Verzichtet auf Gegenwehr, wenn euch jemand Böses tut! Mehr noch: Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halte auch die linke hin.« (Matthäus 5, 38–39) Sowie: »Ihr wisst, dass es heißt: >Liebe deinen Mitmenschen; hasse deinen Feind.< Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für alle, die euch verfolgen.« (Matthäus 5, 4344).


Über den Autor: Errico Malatesta (1853 – 1932) war ein italienischer Anarchist. Er gilt als einer der wichtigsten Aktivisten der anarchistischen Bewegung in Italien und Europa Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Malatesta stand der Theorie des Kollektivistischen Anarchismus nach Michail Alexandrowitsch Bakunin nahe. Der Kollektivistische Anarchismus (oder auch Anarchokollektivismus) ist eine sozialistische Strömung des Anarchismus. Die Kerninhalte sind die Abschaffung des Staates und des Privateigentums an Produktionsmitteln.


Redaktioneller Hinweis: Der Text von Errico Malatesta wurde von der Anarchistischen Bibliothek archiviert und von Neue Debatte übernommen, um eine kritische Diskussion über das Zeitgeschehen und die Zunahme von Protesten, Aufständen und Revolten zu ermöglichen. Der Text wurde redaktionell überarbeitet. Einzelne Absätze wurden eingefügt und Abschnitte zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.


Grafik: Neue Debatte (Foto aus Wikipedia, gemeinfrei)

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