Wolfszeit – Vom Wolf zum Bürger?

Dass Geschichte und ihre Darstellung zumeist das Handwerk derer ist, die die Macht besitzen, ist keine neue Erkenntnis. Erstaunlich ist, dass es immer wieder gelingt. Denn die Fakten liegen oft auf der Hand.

Deutschland

Das Beispiel der Dechiffrierung eines Zeitraumes, der historisch gar nicht so weit weg liegt, und dennoch das Publikum in großem Maße erstaunt wie beglückt, ist der Deutschlands kurz nach der Niederlage am Ende des II. Weltkrieges. In seinem Buch „Wolfszeit – Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955“ hat der Journalist Harald Jähner [1] einen Zeitraum ausgewählt, der für sich meistens exklusiv unter dem Aspekt der Staatsgründungen von DDR und BRD betrachtet wurde.

Was tatsächlich im täglichen Leben geschah, welche informellen Strukturen sich sehr schnell nach dem letzten Schuss herausgebildet hatten und wie sich die Deutschen in den unterschiedlichen Besatzungszonen selbst organisierten, dies blieb lange Zeit das Erzählwerk derer, die dabei waren, es war ein Teil der Oral History [2].

In Wolfszeit greift sich Harald Jähner bestimmte, aus seiner Sicht zentrale Themen heraus, erzählt, was geschehen ist und enthält sich nicht einer Kommentierung, welche Bedeutung das Geschehen für die weitere Entwicklung haben sollte. Dabei sind dann bekannte Narrative, aber auch Phänomene, die in den Überlieferungen der Überlebenden selten eine Rolle spielten und dennoch den späteren Geschichtsverlauf maßgeblich bestimmen sollten.

Wolfszeit

So wird aufgeräumt mit dem Mythos der „Stunde Null“, die es nie gab, denn die spontane Organisation des täglichen Lebens schuf Formen, die später wieder revidiert wurden, weil sie den Vorstellungen der etablierten Macht widersprachen.

So waren die Frauen das alles beherrschende, organisierende und betreibende Geschlecht. Sie hatten de facto die Geschäftsführung inne und standen einer physisch wie psychisch ramponierten Männerwelt gegenüber. Die neu etablierten Verhältnisse wurden später wieder revidiert, vor allem im Westen. Sie gingen in den frühen Tagen allerdings wesentlich weiter, als es sich der in den 1960er Jahren neu entstehende Feminismus vorstellen konnte.

„… wie aus den Werwölfen von gestern blitzartig wieder die Untertanen wurden.“
Ein weiterer hoch interessanter Aspekt ist die Migration von Deutschen von Ost nach West, vor allem aus Ostpreußen und Pommern. Mit dem Vorrücken der Roten Armee und dem Verlust der Ostgebiete flüchteten Hunderttausende immer weiter nach Westen.

Die Friktionen innerhalb der sich gerade formierenden deutschen Gesellschaft waren immens. Die Diskriminierung würde aus heutiger Sicht Aufschreie der Empörung verursachen und ihre Integration, die entscheidend durch die eigene Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft genährt wurde, ist aus heutiger Sicht eine Blaupause für Erfolgsmöglichkeiten wie Grenzen ähnlicher Vorhaben.

Selbstverständlich stellt sich der Autor auch Begriffen, die vielen noch in Erinnerung sind und die unter dem Terminus der Verdrängung zusammenfassbar sind.

Es wird die Frage beleuchtet, wie die Deutschen mit den Traumata umgingen, die sie selbst anderen zugefügt und die sie als Konsequenz auch selbst zu erleiden hatten. Wie sie die Schuld schnell relativierten und aus einem der größten Täter der Weltgeschichte quasi über Nacht ein Opfer machen konnten. Und wie sich die Alliierten – übrigens in der Ost- wie in den Westzonen – die Augen rieben, wie aus den Werwölfen von gestern blitzartig wieder die Untertanen wurden, die als Accessoire des wilhelminischen Kaiserreichs so belächelt worden waren.

Paradoxon

Das Buch bietet zahlreiche Aspekte, die bis heute voller Aktualität sind und die – zurück an ihren historischen Wurzeln – vieles erhellen.

Wunderbar wird die Ökonomie des Schwarzmarktes gezeichnet. Firmengeschichten von VW oder Beate Uhse verraten in ihrer Genese mehr als sich so mancher Analyst aus den heutigen Beraterkonsortien träumen lässt. Bis hin zur Förderung der abstrakten Kunst, selbst durch Einheiten der CIA, die damit bewusst ein Pendant zu dem im Osten propagierten Sozialistischen Realismus [3] etablierten, erhellt sich vieles, was lange im Dunkeln lag.

Jähners Buch ist eine Betrachtung, die lange überfällig war und die das Paradoxon erhält, dass das Defizit erst auffällt, wenn es behoben ist!


Informationen zum Buch

Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955

Autor: Harald Jähner
Seite: 480
Erschienen: 27.03.2019
Verlag: Rowohlt


Quellen und Anmerkungen

[1] Harald Jähner (Jahrgang 1953) war bis 2015 Feuilletonchef der Berliner Zeitung. Bevor er 1997 Berliner Zeitung ging, war er als freier Mitarbeiter für die Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Literaturressort tätig. Seit 2011 ist er Honorarprofessor für Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin. Sein Buch „Wolfszeit – Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955“ wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

[2] Oral History ist eine Methode der Geschichtswissenschaft. Sie basiert auf dem Sprechenlassen von Zeitzeugen, die möglichst nicht oder wenig von dem befragenden Historiker beeinflusst werden. Die befragten Personen aus den unterschiedlichen Milieus sollen auf diese Art ihre Lebenswelt und Sichtweisen für die Nachwelt darstellen können.

[3] Der Sozialistische Realismus war eine ideologisch begründete Stilrichtung der Kunst des 20. Jahrhunderts. Es ist gekennzeichnet durch eine starke Wirklichkeitsnähe und dem Fehlen von Abstraktion und Ästhetisierung.


Illustration: Neue Debatte

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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