Krieg und Lifestyle-Freiheit

Die Welt schaute zu, als das türkische Militär am Mittwoch, dem 9. Oktober 2019, in Nordost-Syrien einmarschierte. Auch ich schaute. Ich schaute verständnislos, erschrocken, schmerzvoll, während ich mich in einem Land befinde, das sich eine Grenze mit Syrien teilt.

Schmerzvoll schaute ich auch deshalb, weil Rojava, der kurdische Name für das Gebiet „West-Kurdistan“, die Hoffnung vieler Linker, die ich kenne, auf ein alternatives System darstellt und auch für mich diese Hoffnung verkörpert.

Die Menschen dort experimentieren mit radikalen Ideen der Selbstorganisation, des Feminismus und Sozialismus, und inspirieren auf diese Weise viele Linke überall auf der Welt. Und jetzt das, der Einmarsch türkischer Truppen. Wird die militärische Offensive der Türkei, die mit Plänen einhergeht, eine Million Syrer*innen umzusiedeln, das Ende für Rojava bedeuten?

Ich lebe gerade in Amman, der Hauptstadt des konservativen und dem Kapitalismus sehr aufgeschlossenen Königreichs Jordanien. Mich trennen 680 Kilometer Luftlinie von Ras al-Ain, die Stadt an der türkisch-syrischen Grenze, die momentan immer wieder in den Nachrichten erwähnt wird. Zum Vergleich: Von meiner Heimatstadt Berlin sind es über 2700 Kilometer bis zu der umkämpften Grenzstadt.

Von den Verbündeten alleine gelassen

Die türkische Regierung will mit ihrer Militäroffensive die kurdischen Kämpfer*innen in der Region loswerden, die dort zusammen mit Einheiten der US-Armee erfolgreich gegen Daesh (in Deutschland bekannt unter dem Namen Islamischer Staat) gekämpft haben. Ihr Ziel ist es, eine 30 Kilometer breite und 440 Kilometer lange Pufferzone zu errichten [1], offiziell um sich gegen die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) zu schützen, die sie als Terrororganisation sieht.

„Sie fliehen ins Landesinnere, manche erreichen Nordirak.“
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan will verhindern, dass die Kurd*innen Rojava als de facto Nation in Nordost-Syrien aufbauen. Sie könnten ein Vorbild für andere sein, auch in der Türkei, wo knapp ein Fünftel der Bevölkerung Kurd*innen sind.

Die Offensive begann erst, nachdem die US-Regierung ihre Truppen aus der türkisch-syrischen Grenzregion zurückgezogen hatte. Die Kurd*innen werden, nachdem sie Daesh soweit erfolgreich zurückgedrängt haben, also von ihrem Verbündeten alleine gelassen.

Seit dem Beginn der Offensive, die die Türkei schamlos „Operation Friedensquelle“ nennt, obwohl sie Tod, Zerstörung und Vertreibung bringt, sind laut Syrian Observatory for Human Rights vom 19. Oktober mehr als 86 Zivilist*innen ums Leben gekommen. 300.000 Menschen sind geflüchtet [2]. Sie fliehen ins Landesinnere, manche erreichen Nordirak [3].

Wohin flüchten die Menschen?

Insgesamt sind nach Angaben der Hilfsorganisation World Vision um die 6,7 Millionen Syrer*innen auf der Flucht, und weitere 6,2 Millionen innerhalb von Syrien Heimatvertriebene [4]. Das Königreich Jordanien, das mit seinen 10 Millionen Einwohner*innen relativ klein ist, hat viele Geflüchtete aufgenommen. Knapp 660.000 syrische Geflüchtete sind hier offiziell registriert [5], inoffiziell leben noch mehr in Jordanien, vor allem in den urbanen Zentren.

Prozentual gesehen hat Jordanien etwa sechs Mal so viele Geflüchtete aufgenommen wie Deutschland. Rund 770.000 syrische Geflüchtete leben laut Mediendienst Integration in der Bundesrepublik mit ihren 83 Millionen Einwohner*innen [6].

Durch seine geografische Lage ist Jordanien den Krisen der Region unmittelbar ausgesetzt. Nicht nur, aber auch durch die Geflüchteten, die ins Land kommen. Doch die Menschen, die aus Nordostsyrien fliehen, fliehen eher in den Irak, weil das näher ist und Jordanien momentan keine weiteren syrischen Flüchtlinge mehr aufnimmt.

They just follow the money

Wie schaut Jordanien, wie schauen Jordanier*innen auf die türkische Militäroffensive? In einem alternativen Zentrum in Amman, das Jadal heißt, was übersetzt Kontroverse bedeutet, diskutieren wir bei einer Abendveranstaltung die Entwicklungen in Nordostsyrien [7]. Die Frage kommt auf, wie die verschiedenen arabischen Länder zu der türkischen Militäroffensive stehen.

„People here respect Erdogan.“
Fadi, der Jadal leitet, antwortet, das hinge davon ab, wie die Verbindungen zur Türkei sind. Saudi Arabien zum Beispiel habe schlechte Beziehungen zur Türkei und wäre deswegen gegen die Offensive. Dagegen hätten Katar und Somalia gute Beziehungen und wären dafür. „They just follow the money“, kommentiert jemand aus dem Publikum. „Sie folgen nur dem Geld.“

Was ist mit dem Königreich? Offiziell hat die Regierung den kriegerischen Akt verurteilt, so wie viele andere Länder auch [8]. Aber Jordanien sitzt zwischen den Stühlen. Es unterhält gute Verbindungen zur Türkei und ist gleichzeitig eng mit den USA verbunden.

Erdogan wird in Jordanien von vielen bewundert als starker Mann und Muslim. „People here respect Erdogan, because he is good to his people, even if he is only good for Turkish people and not for the minorities“, erklärt mir mein Freund Hassan. „Die Menschen hier respektieren Erdogan, weil er gut zu seinem Volk ist, auch wenn er nur gut für das türkische Volk und nicht für die Minderheiten ist.“

Ein weiterer Diktator

Aber natürlich sind nicht alle Jordanier*innen Fans von Erdogan oder befürworten die militärische Aggression. „I see Erdogan just as another leader in this region with a dictatorship mentality who expanded his authorities when he came into power“, sagt Ala, ein anderer Freund von mir, der sozial sehr engagiert. „Ich sehe Erdogan als einen weiteren Führer in dieser Region mit einer diktatorischen Mentalität, der seine Autoritäten erweiterte, als er an die Macht kam.“

„I really hope the Kurds can have a self-ruling entity where they can practice their language and culture peacefully“, sagt er weiter. „Ich hoffe wirklich, dass die Kurden eine selbstbestimmte Struktur haben werden, in der sie ihre Sprache und Kultur friedlich ausüben können.“

Ein Freund von Ala, Suleiman, erzählt mir, dass er als Palästinenser mit persönlichen Erfahrungen von Vertreibung und Besatzung die Kurd*innen unterstütze und allgemein gegen jegliche Militärinvasionen sei.

„For example, I am against the British and French colonization, against the Israeli occupation of Palestine, against the American invasion of Iraq and against a military intervention in Syria by the US, European countries, Russia and Iran. So for sure I am also against the invasion of Syria by Turkey“, sagt er. „Ich bin zum Beispiel gegen die britische und französische Kolonisation, gegen die israelische Besetzung Palästinas, gegen die amerikanische Invasion im Irak und gegen eine militärische Intervention der USA, europäischer Länder, Russlands und des Iran in Syrien. Sicherlich bin ich auch gegen die Invasion Syriens durch die Türkei.“

Und er merkt an: „Each of these countries try justify these wars, for example the reason used very commonly lately is to fight terrorism.“ „Jedes dieser Länder versucht, diese Kriege zu rechtfertigen, zum Beispiel mit der Begründung der Terrorismusbekämpfung, die sehr häufig verwendet wird.“

Suleiman vergleicht also die Kriege gegen Daesh oder Al-Qaida mit dem Krieg der Türkei, die gegen die PKK vorgeht.

Der Wert eines Gebiets, in dem linke Ideale gelebt werden, wie dies in Rojava geschieht, spielt in Jordanien keine große Rolle. Viele kennen sich mit der Thematik gar nicht aus. Die Linke im Land ist schwach und eher in der Zivilbevölkerung als in offiziellen Institutionen präsent.

Ein Palast mit 1100 Zimmern

Hassan erzählt mir, Erdogan habe wirtschaftlichen Aufschwung ins Land gebracht und damit den Türk*innen Freiheit gegeben. „The freedom of the daily life, of a certain life style.“ „Die Freiheit des täglichen Lebens, eines gewissen Lebensstils.“

„Unsere Freiheit ist nicht nur für uns, sondern für die ganze Welt.“
Während Hassan sagt, dass das nicht bedeuten würde, dass er die Militäroffensive gut heiße, kann ich nicht aufhören, mich darüber zu wundern, wie ein autoritärer Herrscher, der sein Land weiter und weiter von einer Demokratie wegführt, Journalist*innen inhaftiert und selbst in einem Palast mit 1100 Zimmern lebt, „Freiheit“ geben kann: dadurch, dass ihm wirtschaftlicher Aufschwung zugeschrieben wird? Also Freiheit als etwas, was ich mir leisten können muss?

Die wenigen Linken, die es in Amman gibt, treffen sich unter anderem bei Abendveranstaltungen wie der bei Jadal. An diesem Abend gucken wir noch einen Dokumentarfilm [9] über Rojava, in dem eine kurdische Kämpferin sagt: „You know our struggle is not a military struggle. It’s a battle of mentalities.“ „Du weißt, dass unser Kampf kein militärischer Kampf ist. Es ist ein Kampf der Mentalitäten.“

Sie meint die radikalen Ideen, die Rojava verkörpert. Eine andere Frau sagt: „Our freedom is not just for us, but for the whole world.“ „Unsere Freiheit ist nicht nur für uns, sondern für die ganze Welt.“

Und noch eine andere zitiert Abdullah Öcalan, den in der Türkei inhaftierten ideologischen Führer der Bewegung: „When women are free, the whole society is free.“ „Wenn die Frauen frei sind, ist die ganze Gesellschaft frei.“

Eine andere Freiheit. Kein Lifestyle, eine Bedingung. Eine Freiheit, die nicht von Reichtum abhängig ist, weil sie aus den Beziehungen der Menschen untereinander entsteht.



Foto: Kurdishstruggle (Flickr.com), Lizenz Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0); cropped.

Autorin und Journalistin

Johanna Montanari (Jahrgang 1987) arbeitet als Autorin und Journalistin und schreibt ihre Doktorarbeit in Europäischer Ethnologie an der HU Berlin. Momentan forscht sie in Amman, Jordanien.

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