Pathos als Signum: Demokratie in der Identitätsfindung

Leidenschaften dominieren den gesellschaftlichen Diskurs. Sofern diese es schaffen, nicht unverständlich nebeneinander herzudriften, halten sie die Demokratie am Leben.

30 Jahre nach der friedlichen Revolution scheint Deutschland einem Trommelfeuer von Konflikten zu gleichen. Egal ob Großstadt gegen Provinz, Junge gegen Alte, Globalisierungsgewinner gegen -verlierer, Progressive gegen Konservative, Westen gegen Osten, die gefallene Mauer, die einst Kapitalismus und Sozialismus, West- und Ostdeutschland trennte, erwacht dem Anschein nach in neuem Gewand: bunter, vielfältiger, komplexer. Es sind Mauern der Herzen, eigens heraufgezogen und keine realen aus Stacheldraht oder Stein.

Unsichtbare Mauern durchziehen die deutsche Landschaft, erwecken den Eindruck eines zerrissenen Landes und zugleich die Frage, ob die Parole der friedlichen Revolution „Wir sind ein Volk“ noch Geltung trage. Sind wir ein Volk?

Das politische Vakuum der Leidenschaften und die soziale Wirklichkeit

Aus rationaler, organisatorischer Perspektive kann man durchaus von der Staatsnation Deutschland sprechen. Deutschland ist bundesstaatlich und institutionell als  parlamentarische Demokratie organisiert. Betrachtet man Deutschland als emotional aufgeladenes Konstrukt und folgt dem kühnen Satz von John Stuart Mills [1], dass die Nationalität in der „gegenseitigen Sympathie ihrer Angehörigen“ bestehe, so befindet sich die Nation in einem emotional zersetzenden Prozess.

Das Vakuum zwischen „kühlen“ institutionellen Organisationen und dem „heißen“ freischwebenden Individuum will mit (politischer) Leidenschaft gefüllt werden.

Weil die so entstandene Kluft jede rationale Verständigung hindert, schweben die Leidenschaften wie Blasen um sich herum. Gegeneinander, nebeneinander, durcheinander. Und nicht nur darum politisch unberechenbarer. Als Herzenssache schwebt der Nationalismus neben dem Klimaaktivismus vor sich hin. Leidenschaftlich. Pathetisch. Warum?

Die politische Realität und der verlorene Patriotismus

Die Erwerbsarbeit verliert zunehmend ihre Funktion als sozial- und emotional-integrative Kraft, der Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit steigert sich und eine entsprechend parteipolitische Interessenvertretung (der „demokratische Klassenkampf“ nach Seymour Martin Lipset [2]) fehlt (noch).

Obschon horizontale Ungleichheiten fortwährend reduziert werden, die Rechte von Minoritäten in den Mittelpunkt politischen Agierens treten, lassen somit vernachlässigte sozial-vertikale respektive ökonomische Ungleichheiten eine fortschreitende Entfremdung innerhalb der Gesellschaft aufkommen. Mehr und mehr wird das Normalarbeitsverhältnis durch ein Prekariat ersetzt, das Bruttoinlandsprodukt und der Reallohn entwickeln sich nicht parallel, das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Kapital der Herkunftsfamilie gewinnt zunehmend an Bedeutung.

Der Soziologe Oliver Nachtwey [3] konstatiert sogar eine „Abstiegsgesellschaft“, deren Zukunft er in Form einer Klassengesellschaft sieht.

Während eine – mit gleicher Intensität wie die Erwerbsarbeit aufgeladene – Pathosprothese politisch noch nicht gefunden war, lag die Deutschlandfahne verstaubt, aber stets präsent und zum Greifen nahe auf dem emotionalen Dachboden der erhitzten Gemüter.

Das Sommermärchen 2006 mit seinem schwarz-rot-goldenen Meer von Fahnen, als eines von vielen internationalen Sportevents bis hin zu politischen Ereignissen, wie die lange Regierungsbildung 2017, rückten die national-deutschen Angelegenheiten in den Vordergrund. Sie begünstigten einen Rückfall zum Nationalismus all jener, die von den gegenwärtigen Verhältnissen nicht profitieren oder vernachlässigt und politisch nicht vertreten wurden.

PEGIDA und AfD stellen die bürgergesellschaftliche Artikulation dieses politischen Vakuums dar. Diejenigen die von der gegenwärtigen politischen Konstellation profitieren, über anderweitige tiefenkulturelle Bindungen wie etwa Familie, Vereine oder Kirche, oder, um einen terminus technicus Dahrendorfs [4] zu benutzen, über „Ligaturen“ verfügen, oder mit Deutschlands Zielen zufrieden sind, widmen sich hingegen leidenschaftlich der ökologischen Frage.

Das gewachsene Umweltbewusstsein sowie der Erfolg der „Fridays-for-Future“-Bewegung, nicht nur bei jungen Leiten, bezeugen dieses bürgergesellschaftliche Engagement. Sowohl Nationalismus als auch Ökologie füllen infolgedessen, sich innerhalb demokratischer Grenzen abspielend, das leidenschaftlich,  politisch unerfüllte Vakuum des Individuums.

Politische Ignoranz neu aufkeimender Identitätsformen

Ost-West-Differenzen sowie die Schwächung institutioneller Kräfte befeuern – trotz veränderte Bedingungen agieren Institutionen weiterhin in rechtlich veralteten fixierten Kategorien (Ulrich Beck [5]) – gepaart mit einer individuellen Emanzipation, die eine individuelle Identitätsfindung erschweren, ressentimentbehaftete Konflikte. Viele Soziologen und Sozialpsychologen beschreiben die Identität des gegenwärtigen Selbst als „proteisches Selbst“ (R. J. Lifton [6]), „Patchwork-Identität“ (Heiner Keupp [7]) oder „Multiphrenie“ (Kenneth Gergen [8]), die sich aus mehreren „Identitäten“ beziehungsweise sozialen Rollen zusammensetzt; im Gegensatz zu früher können diese gegenwärtig teilweise selbst bestimmt werden.

Diese Identitätsarbeit kann jedoch als Belastung empfunden werden. Einerseits weil die einzelnen Teilidentitäten eigenständig kategorisiert werden müssen (Selbstkategorisierungs-Theorie nach Turner und Kollegen); andererseits, weil viele Identitäten, die sich teils auch widersprechen, miteinander integriert werden müssen.

Solch eine diffuse Identität, die übrigens sowohl West- als auch Ostdeutsche betrifft, da es sich um ein Phänomen westlich-kapitalistischer Gesellschaften handelt, unterstützt die bevorzugte Identifikation über ein Kollektiv. Weil das identifizierende Gruppenmerkmal einen seltenen Aspekt ihrer Identität darstellt, konzentrieren sich besonders Menschen, die zu einer Minoritätengruppe gehören, eher auf ihre Gruppenzugehörigkeit als Mitglieder von Mehrheitengruppen. Sie bewerten ihre Zugehörigkeit als eher negativ, weil sie wegen ihrer Unterlegenheit als von der Norm abweichend oder als schwach und machtlos betrachtet werden.

Weil für sie ihre Zugehörigkeit wichtig ist, definieren sie sich stärker auf kollektiver Ebene über ihre Gruppe, verfügen über eine stärkere kollektive Identifikation. Somit ist diese diffuse Identität anfällig für Ideologien unterschiedlicher Couleur – wie gegenwärtig zu beobachten –, dem Nationalismus am rechten Rand und der Klimahuldigung auf linker Seite; auch weil nach Arnold J. Toynbee [9] ein Merkmal der Hochzivilisation das Schwinden der persönlichen Durchsetzungskraft ist.

Daher übernehmen Kollektive die Aufgabe der Identitätsarbeit im Sinne von „Selbst-Ordnung“ und „Selbst-Klarheit“. Weil für die einen nationale Gefühle dem persönlichen Selbst näher stehen, selbstrelevanter und somit emotional aufgeladener sind, ist ihr Pathos eher durch nationale Themen zu erwärmen; gleiches gilt für die Anhänger der ökologischen Frage. Gruppenbezogene Themen gewinnen folglich an Bedeutung.

Die Identitätsfrage Deutschlands als Dilemma westlicher Demokratien

Dass solche von kollektiver Verve getragenen Überzeugungen ein emotionales Pulverfass evozieren, dass unterschiedliche, ja, konträre Stimmen lauter werden, ist in diesem Zusammenhang nicht verwunderlich. Als Gesellschaft gilt es nun, diese auszutragen, auszuhalten, auszubalancieren. Denn es zeigt: Geregelte Konflikte sind Freiheit, sie verdeutlichen, dass niemand seine eigene Position zur herrschenden Ideologie emporheben kann.

Proponenten wie auch Opponenten treffen sich zum – mal mehr, mal weniger – gepflegten Schlagabtausch, mal gewinnt die eine, mal die andere Seite. Obschon dieses Konfliktpotential Gefahren der Zerrissenheit, der Spaltung mit sich bringt, bietet es die einmalige Möglichkeit, an diesen Konflikten zusammenzuwachsen, womöglich bindender denn je.

Verlust und Gewinn, Risiko und Chance liegen nahe bei aneinander. Dass Deutschland nach 30 Jahren seine Ost-West-Geschichte im kollektiven Gedächtnis nicht wirklich verarbeitet hat, unterstützt mitnichten den nationalen Selbstfindungsprozess.

Wie denn auch? Statt Willy Brandts „Wandel durch Annäherung“ nach dem Mauerfall unterlag der Osten Deutschlands der westlichen Vormachtstellung, wurde als Staat zweiter Klasse betrachtet. Und diese Nachwirkungen sind noch bis heute zu spüren, sowohl kulturell als auch ökonomisch, und sie reichen von der Feier der Jugendweihe im Osten Deutschlands über unterschiedliche Einkommen bis hin zu verschiedenen Rentenniveaus zwischen Ost und West.

Ebenfalls pathetisch formuliert: Zwei Herzen schlagen in der Brust Deutschlands und beide pochen auf eine politische Vertretung; ein grün-ökologisches und ein blau-nationalistisches. Obschon diese Anteile gegensätzliche Momente beinhalten, vertreten beide einerseits Interessen der Bürger, andererseits sorgen sie – in Anlehnung an wirtschaftliche Entwicklungen – für eine politisch notwendige Dynamik.

Offensichtlich stellt die grün-blaue thematische Neujustierung „Volkes Wille“ dar, der auf ein reales politisches Vakuum trifft. Voraussetzung jedoch für eine demokratische Umsetzung dieses bürgerlichen Willens ist, dass weder das blaue Herz in die Gefilde von Hass, Fortschrittsaversion und Ausländerfeindlichkeit sowie das grüne Herz in Klimaapodiktik, Fortschrittsgutgläubigkeit und einen Anti-Nationalismus rutschen. Das erfordert die (politische) Berücksichtigung inner-nationaler „Bedürfnisse“, die seit Jahrzehnten allzu oft den internationalen weichen mussten, wie etwa den europäischen.

Aber gerade diese politische Gegensätzlichkeit des Wandels und der Kristallisierung der deutschen Identität kennzeichnet eine gelebte Demokratie.

Sie fungiert als gemeinsamkeitsstiftendes Momentum, als sozialer Klebstoff. Sie ist das Pathos für eine gemeinsame Sache zwischen Großstädtern und Provinzlern, Jungen und Alten, Globalisierungsgewinnern und -verlierern, Progressiven und Konservativen, West- und Ostdeutschen.

Was für die Amerikaner ihre Bill of Rights, was für die Franzosen ihr Sturm auf die Bastille war, könnte für uns Deutsche womöglich eine gewaltfrei, nach Willen der Vielen, erstellte Charta der Demokratie werden. Wir alle sind Hüter der Demokratie, wir alle sind das Volk. Oder zumindest die, die sich beteiligen möchten – und sofern die Leidenschaften nicht rücksichtslos und unverständlich auseinanderdriften. In einem Wort: Die Bürgergesellschaft.


Quellen und Anmerkungen

[1] John Stuart Mill (1806-1873) war ein britischer Philosoph, Politiker und Ökonom. Dem meisten bekannt, ist er als Anhänger des Utilitarismus, der Nutzethik.

[2] Seymour Martin Lipset (1922-2006) war ein US-amerikanischer Soziologe und gehört zu den ersten Intellektuellen, die als Neokonservative bezeichnet wurden.

[3] Oliver Nachtwey (*1975) ist ein deutscher Soziologe, der sich mit der Analyse gegenwärtiger sozialer Strukturen auseinandersetzt.

[4] Ralf Gustav Dahrendorf (1929-2009) war ein deutsch-britischer Soziologe, der zu den renommiertesten Soziologen gehörte.

[5] Ulrich Beck (1944-2015) war ein deutscher Soziologe, der Bekanntheit durch sein Werk „Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne“ (1986) erlangte.

[6] Robert Jay Lifton (*1926) ist ein US-amerikanischer Psychiater.

[7] Heiner Keupp (*1943) ist ein deutscher Sozialpsychologe, der durch seinen Begriff der „Patchwork-Identität“ einem breiteren Publikum bekannt wurde.

[8] Kenneth Gergen (*1934/1935) ist ein US-amerikanischer Sozialpsychologe, der sich zum Sozialen Konstruktivismus bekennt.

[9] Arnold Joseph Toynbee (1889-1975) war ein bekannter britischer Kulturtheoretiker.


Foto: Sarah Richter (Pixabay.com; Lizenz)

You may also like...

1 Response

  1. h. f. sagt:

    Da macht sich ein Westdeutscher Gedanken darüber, dass die Welt, speziell „sein Deutschland“, gar nicht mehr schön ist. Wobei ich nicht weiß, was der Autor eigentlich vom Leben in einem kapitalistischen Staat erwartet. Die Gesellschaft ist sowieso grundsätzlich gespalten in Ausbeuter und Ausgebeutete (für Westdeutsche: Unternehmer und Arbeitnehmer), zusätzlich gibt es zwei Deutschlands, eines im Westen und eines im Osten, welchem man wohl eher den Kolonialstatus zuerkennen muss. Ich komme aus der DDR und habe das Gefühl, dieses Westdeutschland ist geistig in der vermoosten Adenauerzeit stehengeblieben. Das betrifft alle Gebiete des Lebens, egal, welches man vergleicht mit dem Leben in der DDR, sei es der Antikommunismus als Staatsräson, Bildung, Behördenwillkür, Angst davor, sich überhaupt noch politisch zu äußern, sei es im Freundeskreis oder im Internet, Gesundheitsversorgung, Verkehrspolitik, Lebensmittelsicherheit, Mietwucher, Tariferhöhungen, Einkommen, Frauenpolitik usw. Nun rühmt sich der Westen für seine „Freiheit“ – frei nach Gauck. Ich bin der Ansicht, solange ich sozial nicht frei bin, ist mir jeder Zugang sogar zu dem Abklatsch von Freiheit à la Westen verwehrt. Ganz zu schweigen von wirklicher Freiheit. Ich habe im Gegensatz das Gefühl, dass ich noch nie so unterdrückt war wie seit 30 Jahren.

    Übrigens, heute feiert die Obrigkeit 30 Jahre Mauerfall. Was ich von den Rednern im Bundestag hören musste, ließ mir die Haare zu Berge stehen. Wenn es nach ihnen ginge, lebten wir Ostdeutschen jetzt im Paradies. Die „friedliche Revolution“ wabert durch sämtliche Reden.
    Wenn man die Redner aus dem Osten gehört hat, dann haben sie bis aufs Blut gelitten – mit einem Wort: Stasi, Mauer, Bautzen.

    Ich habe mir die Mühe gemacht und mir das Gesabber von Anfang bis Ende angesehen, und ich bin zu der Überzeugung gekommen: Armes Deutschland! Es wird von Idioten regiert.

    Nun müsste der Autor mir nur noch sagen, mit wem ich hier „einig“ sein soll, „um die Spaltung zu überwinden“. Ich wäre sehr dankbar, wenn er mir da einen Tipp geben könnte.

Wie ist Deine Meinung?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.