Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 3)

Der ökonomische Ansatz ist insofern anonym, als er nicht das bestimmte Werk eines bestimmbaren Theoretikers ist, sondern viel eher der Ausdruck einer allgemeinen Überzeugung, einer vagen Gewissheit – der Ausdruck des gesunden Menschenverstandes. Dieser „Ansatz“ entstand im 19. Jahrhundert, als man in Europa begann, die Vorstellung von Wildheit und die von Glück voneinander zu trennen, als man, zu Recht oder zu Unrecht, den Glauben verließ, dass das primitive Leben das glückliche sei.

Man verkehrte den alten Ansatz in sein Gegenteil: von da an ist die Welt der Wilden, zu Recht oder zu Unrecht, eine Welt des Elends und des Unglücks gewesen.

Vor nicht allzu langer Zeit erlangte dieses Volks“Wissen“ einen wissenschaftlichen Status innerhalb der sogenannten Geisteswissenschaften, es wurde zur gelehrten Theorie, zur Theorie der Gelehrten: die Begründer der ökonomischen Anthropologie, die diese Gewissheit über das Elend der primitiven Völker für wahr nehmen, sind ganz der großen Aufgabe gewidmet, dieses Elend zu ergründen und seine Folgen zu entschleiern. Diese Übereinstimmung (convergence) zwischen gesundem Menschenverstand und wissenschaftlicher Diskussion gebar noch eine Botschaft, die von den Ethnologen unaufhörlich verkündet wird: die Wirtschaft der primitiven Völker ist eine Subsistenzwirtschaft, die den Wilden nur das bloße Überleben gestattet.

Wenn die Ökonomie dieser Gesellschaften nicht über die erbärmliche Stufe des reinen Überlebens – des Nicht-Sterbens – hinauskommt, dann liegt das, gemäß dem ökonomischen Ansatz, an ihrer technologischen Unterentwicklung und an ihrer Machtlosigkeit einer natürlichen Umwelt gegenüber, die zu beherrschen ihr nicht gelingt. So ist also die Ökonomie der primitiven Völker eine des Elends und auf diesem Boden erwächst der Krieg.

Für den ökonomischen Ansatz ist der Krieg der Schwäche der Produktivkräfte geschuldet: der Mangel verfügbarer Güter zieht Konkurrenz zwischen den Gruppen nach sich, weil sie Not dazu treibt, sie sich anzueignen, und dieser Überlebenskampf führt zum bewaffneten Konflikt: es gibt nicht genug für alle.

Es muss hier festgehalten werden, dass diese Erklärung des primitiven Krieges für so unhinterfragbar und evident gehalten wird, dass es überhaupt keinen Platz und Raum mehr gibt, sie zu überprüfen.

M. Davie erläutert in dem schon zitierten Aufsatz diesen Standpunkt: „Jede Gruppe muss, abgesehen vom Existenzkampf gegen die Natur, eine Konkurrenz mit allen anderen Gruppen, mit denen sie in Kontakt tritt, aufrechterhalten; es entstehen Rivalitäten und Interessenkollisionen und wenn diese durch Gewalt entarten, nennen wir das einen Krieg.“ (S. 28)

Und weiter: „Krieg wurde folgendermassen definiert: er ist ein gewaltsamer Streit zwischen politischen Gemeinschaften unter der Einwirkung lebensnotwendiger Konkurrenz […] Also verändert sich Gewicht und Bedeutung des Krieges für eine gegebene Gruppe in direktem Verhältnis zur Intensität ihrer lebensnotwendigen Konkurrenz.“ (S. 78)

Wie man sieht, stellt der Autor in Anlehnung an die Ergebnisse der Ethnographie die Universalität des Krieges in der primitiven Gesellschaft fest: nur die Eskimos von Grönland machen eine Ausnahme und das liegt, so erklärt Davie, an der in hohem Masse feindlichen Umwelt, in der sie leben und die es ihnen nicht erlaubt, ihre Energie anderen Dingen als der Suche nach Nahrungsmitteln zuzuwenden: „In ihrem Fall ist die Zusammenarbeit im Existenzkampf höchstes Gebot.“ (S. 79)

Aber auch die Australier sind in den heißen Wüsten nicht besser angesiedelt als die Eskimos im Schnee und trotzdem sind sie nicht weniger kriegerisch als die anderen Völker.

Es muss hier eben noch vermerkt werden, dass diese gelehrte Diskussion, die einfach die volkstümlichen Ansichten über das Elend der primitiven Völker „wissenschaftlich“ ausdrückt, volens nolens mit den jüngsten Wandlungen der „marxistischen“ Anschauungen über die Gesellschaft übereinstimmt, dem Wissen der marxistischen „Anthropologie“ angepasst ist.

Den nordamerikanischen Anthropologen ist die marxistische Interpretation über den Krieg bei primitiven Völkern zu verdanken. Schneller als ihre französischen Mitgläubigen sind sie bereit und begierig, die marxistische Wahrheit über Themen wie: die Klassen im afrikanischen Zeitalter, oder: das amerikanische Potlach (Indianerwort/religiöses Fest der nordamerikanischen Indianer und der Melanesen, bei dem Geschenke getauscht werden, (Die Soziologen sehen in diesem Fest eine der primitiven Formen des Vertrags.)), oder: das Verhältnis zwischen Männern und Frauen wo auch immer, zu verbreiten.

Solche Forscher wie M. Harris oder D. Gross machen sich nun daran, die Gründe für den Krieg unter den Amazonas-Indianern, insbesondere den Yanomami [4], zu erforschen.

Wer von diesen Marxisten eine unvorhergesehene Erleuchtung erwartet hat, wird enttäuscht sein: diese Neuerer sagen nicht mehr aus (und sie denken ohne Zweifel weniger nach) als alle ihre nicht-marxistischen Vorgänger. Wenn bei den südamerikanischen Indianern der Krieg besonders intensiv geführt wird, dann liegt das nach Gross und Harris daran, dass es in ihrer Nahrung zu wenig Proteine gibt, dass es demnach für sie notwendig ist, neue Jagdgründe zu erobern und dass so der bewaffnete Konflikt mit den Besitzern dieser Gebiete unvermeidlich ist.

Kurz, hier haben wir wieder die äußerst ältliche These vor uns, die unter anderem von Davie formuliert wurde und die besagt, dass die Wirtschaft der primitiven Völker eine adäquate Versorgung der Gesellschaft nicht ermöglicht [5].

Jetzt kann auf einen Punkt hingewiesen werden, der vorher noch nicht entwickelt werden konnte. Wenn der „marxistische“ Ansatz (er wurde auch ökonomischer Ansatz genannt) derartig leicht die gesammelten Vorstellungen des gesunden Menschenverstandes aufgenommen hat, dann entweder deswegen, weil dieser gesunde Menschenverstand schon auf seine eigene Art und Weise, aus eigenem Antrieb und spontan marxistisch ist (o heiliger Mao!) oder weil sich dieser Marxismus vom gesunden Menschenverstand durch nichts anderes als diesen recht seltsamen wissenschaftlichen Anspruch unterscheidet.

Aber da ist noch mehr. Der Marxismus ist, insofern er sowohl allgemeine Theorie der Gesellschaft als auch allgemeine Theorie der Geschichte ist, dazu verpflichtet, das Elend der primitiven Wirtschaft, d. h. einen sehr schwachen Ertrag der Produktionstätigkeit, zu postulieren. Warum? Weil die marxistische Geschichtstheorie (und hierbei geht es sogar um die Theorie von Karl Marx) das Gesetz historischer Bewegungen und gesellschaftlicher Veränderung in der unaufhörlichen Entwicklungstendenz der Produktivkräfte entdeckt.

Aber damit die Geschichte sich in Marsch setzen kann, damit die Produktivkräfte ihren Aufschwung nehmen können, müssen am Ausgangspunkt dieses Prozesses die gleichen Produktivkräfte nur extrem schwach entwickelt sein, am Beginn in totaler Unterentwicklung existieren: bei diesem Modell liegt der einzige Fehler darin, dass es nicht den geringsten Grund für eine Entwicklung geben würde und dass man so gesellschaftliche Veränderung und Entwicklung der Produktivkräfte nicht bestimmen könnte.

Deswegen muss der Marxismus als Geschichtstheorie, die auf der Entwicklungstendenz der Produktivkräfte aufbaut, sich als Ausgangspunkt eine Art Stufe Null der Produktivkraftentwicklung geben: und die findet er in der Ökonomie der primitiven Gesellschaften, die seitdem als eine des Elends gedacht wird, als eine Ökonomie, die sich aus dem Elend losreißen will und dabei sich anstrengt, ihre Produktivkräfte zu entwickeln.

Für viele wäre es eine große Befriedigung, wenn sie da durchblicken könnten, wenn sie ihn erreichen könnten, diesen Standpunkt der marxistischen Anthropologen: äußerst erfindungsreich, was Ausbeutungsformen in primitiven Gesellschaften anbelangt (Alter/Jugend; Mann/Frau etc.), sind sie weniger redselig, wenn es darum geht, die Lehre die sie verkünden, auch zu begründen.

Denn die primitive Gesellschaft stellt an die marxistische Theorie eine höchst entscheidende Frage: wenn nun die Ökonomie nicht den Unterbau bildet, durch den das gesellschaftliche Sein durchschaubar, transparent wird; wenn die Produktivkräfte nun nicht dahin tendieren, sich zu entwickeln, nicht als der bestimmende Faktor der gesellschaftlichen Veränderung fungieren – welches ist dann der Motor, der die Bewegung der Geschichte in Gang setzt, auf den Weg bringt?

Kommen wir wieder auf die Ökonomie der primitiven Völker zurück. Ist sie, ja oder nein, eine Ökonomie des Elends? Stellen ihre Produktivkräfte das mögliche Minimum der Produktivkraftentwicklung dar – oder nicht? Die neuesten und gewissenhaftesten Untersuchungen der ökonomischen Anthropologie haben erwiesen, dass die Ökonomie der Wilden, oder auch die Hauswirtschaftliche Produktionsweise, in Wirklichkeit eine vollkommene Befriedigung der materiellen Bedürfnisse der Gesellschaft ermöglicht. Und zwar mittels zeitlich begrenzter und nur wenig intensiver Produktionstätigkeit.

Mit anderen Worten: weit davon entfernt, sich ohne Unterlass im Überlebenskampf zu erschöpfen, verfügt die primitive Gesellschaft, die sehr wählerisch in ihren Bedürfnissen ist, über eine Produktions“maschine“, die dazu fähig ist, sie alle zu befriedigen und die nach dem Prinzip funktioniert: jedem nach seinen Bedürfnissen. Deswegen sprach M. Sahlins von der primitiven Gesellschaft zu Recht wie von einer Überflussgesellschaft.

Die Analysen von Sahlins und Lizot über die notwendige Lebensmittelmenge einer Gemeinschaft und über die Zeit, die zu ihrer Beschaffung gebraucht wird, lassen erkennen, dass die primitiven Gesellschaften, ob es sich um nomadisierende Jäger oder sesshafte Ackerbauern handelt, unter dem Gesichtspunkt der kurzen, der Produktion gewidmeten Zeit, in Wirklichkeit wahrhafte Gesellschaften der Muße sind. Sahlins und Lizot entdecken in ihren Arbeiten das ethnographische Material, welches die alten Reisenden und Chronisten geliefert hatten, wieder neu und bestätigen es [6].

Der ökonomische Ansatz erklärt, in seiner volkstümlichen, gelehrten oder auch marxistischen Variante, den Krieg aus der Konkurrenz um die Aneignung der gering vorhandenen Güter. Es wäre schon nicht leicht zu verstehen, woher die Wilden die zusätzliche Energie und Zeit nehmen, um gegen ihre Nachbarn Krieg zu führen, da sie doch andauernd mit der erschöpfenden Suche nach Nahrungsmitteln beschäftigt sind.

Ferner zeigen die gegenwärtigen Forschungen, dass die Ökonomie der primitiven Völker eine des Überflusses und nicht des Mangels ist: die Gewalt entspringt folglich nicht dem Elend und die volkswirtschaftliche Erklärungsweise des Krieges bei primitiven Völkern muss dem Zusammensturz ihrer Hauptstütze ins Auge sehen.

Gerade die Universalität des Überflusses primitiver Gemeinschaften verbietet es, damit die Universalität des Krieges zu begründen. Warum befinden sich die Stämme im Krieg? Wenigstens wissen wir schon, wofür die „materialistische“ Antwort plädiert. Und wenn die Ökonomie nichts mit dem Krieg zu tun hat, dann könnte es wohl nötig sein, den Blick auf die Politik zu lenken [7]. […]


Weitere Teile

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 1)

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 2)

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 4)

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 5)

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 6)


Quellen und Anmerkungen

[4] D. R. Gross, Proteine Capture and Cultural deveolopement in the Amazon Basinì, in: American Anthropologist, Nr. 77, 1975, S. 526 – 549.

[5] J. Lizot, der zwar über die Yanomami nicht Bedeutendes zu sagen hat, zeigt dennoch sehr deutlich, dass in den Werken von Gross und Harris eine große Ignoranz herrscht.

[6] vgl. M. Sahlins, Age de pierre, age d‘ abondance. L‘ Économie des societés primitives, Gallimard, 1976.

[7] Naturkatastrophen (Trockenheit, Überschwemmungen, Erdbeben, Aussterben einer Tierart etc.) können lokale Mangelerscheinungen von Lebensmitteln nach sich ziehen. Aber sie müssen sehr lange andauern, um einen Konflikt heraufzubeschwören. Aber noch eine andere Situation kann eine Gesellschaft mit Mangel konfrontieren, für den aber die Natur nicht verantwortlich ist: kann die Verbindung zwischen einem absolut begrenzten Raum und einem absolut ansteigenden Bevölkerungswachstum zu einer sozialen Pathologie führen, die dann im Krieg endet? Das ist nicht eindeutig geklärt; dieses Problem muss von Spezialisten für Polynesien und Melanesien (Inseln, also begrenzte Räume) angegangen und geklärt werden.


Über den Autor: Pierre Clastres (1934 – 1977) war ein französischer Ethnologe der durch seine Arbeiten zur politischen Anthropologie, sein anarchistisches Engagement und für seine Monographie über die Guayaki (auch Aché genannt), eine indigene Gruppe, die heute im Osten Paraguays lebt und die aufgrund ihrer Lebensweise zu den Jägern und Sammlern gezählt werden, bekannt wurde.


Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Pierre Clastres erschien im französischen Original 1977 unter dem Titel Archéologie de la violence. La guerre dans les sociétés primitives in der Zeitschrift Libre. Es wurde als Übersetzung mit dem Titel Archäologie der Gewalt, Die Rolle des Krieges in primitiven Gesellschaften in Autonomie (Nr. 8, August 1977, S. 25–42) veröffentlicht. Der Beitrag wurde von der Anarchistischen Bibliothek archiviert und von Neue Debatte übernommen, um eine kritische Diskussion über die Bedeutung und Hintergründe von Gewalt und Krieg in den Zivilisationen und Massengesellschaften der Gegenwart zu ermöglichen. Der Text wurde redaktionell überarbeitet. Einzelne Absätze wurden eingefügt und Abschnitte zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.


Foto: Neue Debatte

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