Kosmopolitismus: Das Auge des Tigers und der globalisierte Warenmarkt

Es gab Zeiten, da wurde die Bezeichnung Kosmopolitismus [1] sehr ehrfürchtig ausgesprochen. Sie galt dem Phänomen, dass es bestimmten Menschen gelungen war, in verschiedenen Regionen der Welt – mit unterschiedlichen Kulturen – Fuß gefasst zu haben und sich dort jeweils sicher bewegen zu können.

Kosmopolitismus ohne Qualität

Ein Kosmopolit kannte die Welt, er oder sie sprach verschiedene Sprachen, wusste um die kulturellen Gegebenheiten. Kosmopoliten hatten aufgrund dieser Kenntnisse und Fähigkeiten auch einen Horizont erworben, der sehr weit gefasst war. Ich erinnere mich im Kontext dieses Themas an zwei Begebenheiten, die illustrieren, wie die Mutation von einer tiefen, auf Fähigkeiten und Erfahrungen erworbenen Exklusivität zu einer Massenware vonstattenging, die nichts mehr mit der ursprünglichen Qualität zu tun hat.

Da war einerseits ein heftiger Disput meinerseits vor mehreren Jahrzehnten mit einem Bekannten, als wir am südlichen Rand Europas weilten. Ich hatte ihn kritisiert, weil er sich nicht auf landesübliches Essen einließ, sondern immer nach Gerichten suchte, die für den teutonischen Tourismus angeboten wurden. Ich misstraute dieser damals schon zu beobachtenden, anschwellenden Tendenz, er verteidigte sie als Erleichterung des Reisens und der Orientierung in der Welt.

„Die Uniformität hat die Herrschaft übernommen. Der Kosmopolitismus ist nahezu tot.“
Eine andere Begebenheit war der circa 15 Jahre später stattgefundene Dialog mit einem anderen Bekannten, der als Consultant gut im Geschäft und international unterwegs war. Eines Tages teilte er mir mit, dass er damit aufhöre und sich einen weitaus schlechter bezahlten Job in der Provinz gesucht hätte.

Er begründete mir die Entscheidung mit zweierlei: einerseits führe sein isoliertes Nomadenleben, das übrigens zwischen Tokio, Mailand und Sydney stattfand, zu einer dramatischen sozialen Entwurzelung. Er habe alle Freunde verloren und eine Partnerin kennenzulernen und mit ihr zu leben, dazu habe er keine Zeit. Und zweitens beklagte er sich über die Uniformität und Ödnis seiner Behausungen in den verschiedenen Ländern.

5-Sterne-Hotels, die alle gleich aussähen und in denen es das gleiche Essen gebe. Am besten, so seine Worte, du schreibst in deiner Hotel-Suite mit einem Textmarker an den Spiegel, wo du dich gerade befindest, dann verlierst du die Orientierung nicht.

Die Herrschaft der Uniformität

Die beiden kleinen Episoden beschreiben eine Seite der zeitgenössischen Globalisierung, die zumindest in den kulturell uniformen Strukturen des Westens kaum noch als problematisch empfunden werden. Die Hegemonie des für den Weltmarkt bestimmten Warenkorbes blickt mittlerweile auf ein kulturelles Massaker zurück, das historisch einzigartig ist.

Die Globalisierung, die unter der Regie früherer Imperien stattfand, hatte, wie beim Römischen Reich, lediglich die Integration der Streitkräfte und die Erhebung von Steuern zur Folge – sie ließ die kulturellen Eigenheiten ausdrücklich unberührt. Der kapitalistische Weltmarkt hat dagegen ganze Arbeit geleistet. Die Uniformität hat die Herrschaft übernommen. Der Kosmopolitismus ist nahezu tot.

War der Kosmopolitismus historisch eher ein Privileg für wenige Menschen, so ist die globale Mobilität heute eine Massenerscheinung. Das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Rund-um-die Welt-Reisen kaum noch zu den Erkenntnissen und Erfahrungen früherer Zeiten führen.

Das Auge des Tigers

Das Exotischste vieler Orte ist zumeist der Name, Unbekanntes lässt sich in standardisierten Hotels vermeiden und notfalls helfen Apps, um auf keinen Fall auf Irrwege zu kommen. Das reisende Individuum wird sicher geführt durch das Delirium eines weltumspannenden Konsumtempels, der jede Exotik auf ihren profanen Warenwert komprimiert. Mata macam bisa melihat hanya di film. Das Auge des Tigers sieht man nur noch im Film.

Schöne neue Welt!


Quellen und Anmerkungen

[1] Kosmopolitismus (auch Weltbürgertum) ist eine philosophisch-politische Weltanschauung, deren Wurzeln in der Antike liegen. Im Gegensatz zum Nationalismus und Provinzialismus betrachtet der Kosmopolitismus den ganzen Erdkreis als Heimat.


Illustration: Neue Debatte

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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1 Response

  1. Norbert Voß sagt:

    Ich hänge wie Sie, Herr Mersmann, auch noch an der vielfältigen und bunten Welt. Ich empfinde den Verlust als tragisch. Wenn ich früher Gutachten zum „Erfüllungsfaktor“ bei seismischen Einwirkungen von Botschaften Konsulaten und Goethe Instituten gemacht habe, habe ich mich doch an den regionalen Unterschieden in der Ausstattung der Hotels (Tiflis oder Damaskus oder Kuwait) erfreut, der Standard war immer höher als notwendig. Was mich heute zunehmend beunruhigt ist, dass die nächste Generation immer mehr mit schwarz-weiß konfrontiert sein wird, das Bunte aber verschwindet. Gut und Böse, Oben und Unten, Westen und der Rest.
    Danke für Ihre Gedanken! Vielleicht können wir Geld gegen Würde, Machtstreben gegen Gemeinwohl und Märkte gegen Solidarität tauschen?

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