Die Sicht eines Kinderpsychiaters auf unsere Schwachstellen

Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Welt. Süchtig nach Macht. Voller Angst. Spielsucht. Gestörtes Sozialverhalten. Diese „Diagnosen“ hatte ich in dem Beitrag „Die Sicht eines Kinderpsychiaters auf das politische Establishment“ eben dem politischen Establishment zugeschrieben und meine Sicht mit der Frage beendet, wieso wir uns von diesem unseren Alltag und unser Leben bestimmen lassen.

Liegt dies etwa auch – so kam es mir eines Tages in den Sinn – an uns selbst? Haben wir, wenn nicht Diagnosen, so doch „Schwachstellen“, die uns beeinflussbar, ja sogar manipulierbar machen? Schwachstellen, die in unserer Vorgeschichte begründet liegen und deren Ausbildung davon abhängt, wie wir als Kinder aufwachsen und als Erwachsene leben?

Einsamkeit

Von Geburt an sind wir alleine nicht lebensfähig. Wir brauchen Mitmenschen – und dies unser ganzes Leben lang. Dabei sind wir grundsätzlich auf ein soziales Miteinander ausgerichtet. Dieses müssen wir aber selbst erfahren, einüben und – von klein auf bis ins höchste Alter – im Alltag leben.

Beim Fehlen wird das urbiologische Verlangen nach Nähe und Gemeinsamkeit so stark, dass unser „sozialer Antrieb“ von „falschen Freunden“ wie von Gruppen, Vereinen oder Parteien ausgenutzt werden kann. Die Angst, alleine zu sein beziehungsweise bleiben zu müssen kann sogar so groß werden, dass wir uns solchen anschließen, deren Inhalte und Ziele wir nicht näher kennen oder gutheißen, die uns aber eine Gemeinschaft, ja „Heimat“ versprechen.

Einsamkeit kann uns Menschen schwer krank, ja „verrückt“ machen und ein Leben in tiefer Verzweiflung und Depression bedeuten. Wir Menschen können an Einsamkeit sogar versterben.

Unsicherheit

Wir Menschen müssen in Sicherheit leben, um uns wohlfühlen zu können. Dafür brauchen wir vertraute Personen sowie geregelte Abläufe. Bei Unbekanntem oder gar Gefahren beruhigt uns im Kleinkindesalter ein „In den Arm nehmen“ und „Es ist gut, wir sind bei Dir“ der Eltern. Später hilft ein „Wir sind für dich da“ der Familienmitglieder und Freund*innen, der Kolleg*innen in Studium, Ausbildung und Beruf sowie ein „Wir kommen sofort“ von Rettungsdiensten, Polizei und Feuerwehr.

Wir benötigen so sehr Sicherheit, dass wir Gefahr laufen, beim Fehlen – oder bei beabsichtigten Verunsicherungen („Die gefährlichen Flüchtlinge“) – getäuscht zu werden und auf „einfache“ Versprechungen oder gar Lügen hereinzufallen. Dabei können wir am Bestehenden und Bekannten festhalten und immer wieder dieselben Verhaltensweisen ausführen, fast wie bei starken Zwängen (oder gar einer Zwangsstörung).

Fremdes

Im Alter von etwa sieben Monaten beginnen Menschenkinder zu „fremdeln“. Sind Mama, Papa oder eine andere vertraute Person anwesend, ist „alles wieder gut“. Diese Wirkung üben Vertrautheit – und abgeschwächt – Bekanntschaft das ganze weitere Leben hinweg aus.

„Die Angst, materiell, emotional und sozial zu kurz zu kommen und nicht beachtet zu werden, kann zu unüberlegten, impulsiven Verhalten führen.“
Kommen wir hingegen mit Ungewohntem oder gar Fremdem in Kontakt, werden wir vorsichtig, unsicher, ja sogar ängstlich. Der oder die andere könnte ja gefährlich sein, die Hunderttausende von Jahren lange Erfahrung unserer Vorfahren – von Raub und Misshandlungen bis hin zu Krieg und Morden.

Die urmenschliche Vorsicht vor dem Anderen und Fremden kann sich bis zu einer Angststörung mit extremem Vermeidungsverhalten ausweiten. Vor allem, wenn man selbst gefährliche Situationen erlebt hat beziehungsweise – ebenfalls wirksam, um diese Urangst zu aktivieren – deren „schlimme Absichten“ oder „Bösartigkeiten“ immer wieder mitgeteilt, in eindrücklichen echten wie gefälschten Bildern aufgezeigt und – sogar ohne Vorliegen von Taten – „eingeredet“ bekommt.

Unser Gehirn kann – einer seiner „Konstruktionsfehler“ – auch etwas für wahr halten, was wir nicht selbst persönlich erlebt haben. Deshalb können Kindererziehung und „Schulbildung“ ebenso wie moderne Medien und Werbung so erfolgreich sein, im Guten, wie aber auch – durch Fälschen, Manipulieren und Lügen – im Schlechten.

Zu kurz kommen

Über ewige Zeiten hinweg mussten unsere Vorfahren tagein tagaus auf Wasser- und Nahrungssuche gehen. Die Angst, verdursten und verhungern zu können, ist deshalb tief in unsere Gehirne eingegeben.

Diese Urangst kann heute noch weiterwirken: nicht rechtzeitig an der Reihe zu sein; übergangen zu werden; nicht zur Gruppe zu gehören; keine Anerkennung zu bekommen; zu den Verlierern zu zählen; nicht genügend finanzielle Mittel für sich und seine Familie zu haben, ja, in Armut leben zu müssen.

Diese Angst, materiell, emotional und sozial zu kurz zu kommen und nicht beachtet zu werden, kann zu einer erhöhten Ablenkbarkeit und Unruhe sowie zu kurzfristigem, unüberlegtem, impulsivem Verhalten führen, selbst bei Menschen, die für gewöhnlich ruhig, gelassen und überlegt handeln. Sie kann sogar so stark das Verhalten bestimmen, dass ein Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom beschreibbar ist.

Die große Urangst „zu verdursten und zu verhungern“ kann uns für Täuschungen und Manipulationen so empfänglich machen, dass wir – ohne dies zu bemerken – auf „populäre“ Maßnahmen, kurzfristige Versprechungen und schnelle „Verheißungen“ von Werbung und Konsum hereinfallen.

Neid

Kinder wollen alles ausprobieren und selber machen. Dazu müssen sie so oft und lange wie möglich spielen. Dann wird aus einem anfangs „Alles haben wollen“ eines Kleinkindes ein „Gemeinsam spielen und teilen können“, die Grundlage jedes sozialen Miteinanders. Wenn sie dabei nicht zu sehr gestört, begrenzt und bevormundet sowie bei neu Erlerntem beachtet und im richtigen Ausmaß gelobt werden, erwerben sie die große Fähigkeit, an sich zu glauben und selbstbewusst zu sein.

Lernen Kinder dazu noch, sich über Erfolge anderer zu freuen, selbst jedoch bescheiden zu bleiben, können sie zufriedene Erwachsene werden. Dann haben Neid, Missgunst und Eifersucht, welche seit Jahrtausenden Geschichte und Schicksal so vieler Menschen, Familien und ganzer Länder bestimmen, keine Chance, einen Platz in ihren „Herzen“ zu finden. Unter falschen Vorbildern, Langeweile, unzureichenden Aufgaben, Zielen und Erfolgen sowie einer Ausrichtung nach Äußerlichkeiten können diese aber heranwachsen, ja das ganze Leben bestimmen.

Unter diesen Umständen können wir „Spielball“ von Unterstellungen, Intrigen, Lügen und Propaganda werden. Kommen noch große Unsicherheit und starkes Misstrauen hinzu, können sich Neid, Missgunst und Eifersucht sogar bis hin zu einer psychotischen Symptomatik mit Wahnvorstellungen ausweiten.

Gier

Pflanzen brauchen den richtigen „Standort“; bei zu viel wie zu wenig an Sonnenlicht und Niederschlägen sind Wachstum und Überleben in Gefahr. Wir Menschen müssen selbst – durch Vorbilder, Erziehung und Lebensführung der Erwachsenen vermittelt – das richtige Maß finden, damit unser „Gleichgewicht“ nicht verloren geht. Dabei gibt es keine längeren konstanten Zustände – und bei extremen Ausschlägen sogar ein „Umkippen“ in das Gegenteil (zum Beispiel „Fressanfälle“ nach einer Diät mit starker Gewichtsabnahme).

„Man geht mit einem anderen genau so um, wie man selbst behandelt wurde.“
Alles kann bei uns Menschen eine Kehrseite haben und vor allem ein „zu wenig“ in seinen Gegenpol umschlagen. Aus Mangel kann Habgier, aus Minderwertigkeit Geltungssucht, aus Missachtung Machtstreben werden. Dabei können Geld und Macht über andere – vor allem bei fehlender Zufriedenheit und Lebensfreunde – eine so starke Anziehungskraft ausüben, dass sie Menschen süchtig machen. Das Belohnungssystem ihres Gehirns ist dann – wie bei einer Suchterkrankung – ausschließlich auf noch mehr haben und beherrschen müssen „festgestellt“.

Auf Gier, Geltungssucht und Machtstreben zielen Wirtschaft, Politik, Werbung und ihr „Hilfsmittel“, die neuen virtuellen Medien, bewusst ab, um Gewinn, Rendite sowie Konsum und Spielzeit als „Werte an sich“ in immer höhere Dimensionen zu treiben.

Vergeltung

Auge um Auge, Zahn um Zahn. Man geht mit einem anderen genau so um, wie man selbst behandelt wurde. Hat er mich beleidigt, belogen oder bestohlen, mein Haus abgebrannt oder mein Dorf überfallen, geschieht ihm dasselbe – Rache, Sühne, „Heimzahlen“ bis zum „Auslöschen“ ganzer Bevölkerungsgruppen.

Damit soll der Angreifer nicht nur bestraft, sondern darüber hinaus „Kampfunfähig“ gemacht werden. Deshalb muss die Vergeltung so stark sein, dass dieser über keine Mittel mehr zu einem erneuten Angriff verfügt. Fast ewige Zeiten lang galt – und gilt auch heute noch in vielen Regionen, Terror- und Kriegsgebieten – dieser Grundsatz, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Kinder müssen in Schutz und Geborgenheit aufwachsen sowie teilen und gemeinsam handeln lernen, damit Vergeltung nicht zur bestimmenden Verhaltensweise werden kann – und alle Erwachsenen in persönlicher, ökonomischer, kultureller, religiöser und sozialer Sicherheit leben.

Falls dies nicht gelingt – oder in einem Land mit Gewalt, Terror und Krieg gar nicht möglich ist – kann das Streben nach Vergeltung das Leben vollkommen in Besitz nehmen. Zerstörung um jeden Preis ist dann der Lebensinhalt, auch damit einem selbst, seinen Angehörigen, seiner ethnischen Gruppe oder seinem ganzen Land niemals wieder ein erneutes Trauma widerfährt.

Trauma und Dissoziation

Hunderttausende von Jahren waren unsere Vorfahren großen Gefahren ausgesetzt. Hierin gründet unsere Urangst vor gefährlichen Situationen, in die man jederzeit geraten kann. Verluste, Erkrankungen, Trauer und Leid, welche wir und uns Nahestehende im Leben erfahren, halten diese bis heute aufrecht.

Das Erleiden von Bedrohungen, Katastrophen oder anhaltenden schwer belastenden Lebenssituationen hat eine so starke Wirkung auf unser Gehirn, dass eine Trauma-Störung entstehen kann. Dann machen (oft schlagartig) aufdrängende Erinnerungen an die Verletzungen, Erniedrigungen, Gewalt und Zerstörung, körperlichen und seelischen Misshandlungen sowie Albträume, Reizbarkeit, erhöhte Wachsamkeit, Schreckhaftigkeit und die Vermeidung von allem, was nur irgendwie Rückerinnerungen wachrufen könnte, das Leben zum Gefängnis und Hölle.

Die Angst, Furchtbares, Grauenhaftes oder Böses erneut erleben zu müssen beziehungsweise solchem hilflos ausgeliefert zu sein kann zudem zu Dissoziationen führen. Hier gehen Bewegen, Wahrnehmen, Fühlen, Denken und / oder Bewusstsein in voneinander abgetrennte Zustände verloren, in denen man ohne Zeit, Ortung, Ansprache und Reaktion Minuten bis Stunden lang „lebendig“ erstarrt – ein verzweifelter Versuch unseres Gehirns, schlimmsten Erinnerungen und Traumatisierungen – wenigstens teil- beziehungsweise zeitweise – zu entkommen.

Vermeidung

Täglich berichten die Medien von schweren Unfällen, Hungersnöten, Anschlägen und Kriegsgräueln – und die großen Ungerechtigkeiten, Armut und Betrug sowie die Folgen der zunehmenden Zerstörung unseres Planeten, seiner Artenvielfalt und Klimasysteme sind – auch wenn wir nicht darüber nachdenken – in unseren Gehirnen präsent. Eine Möglichkeit, mit diesem Wissen und Bewusstsein ebenso wie mit dem „schlechten Gewissen“ gegenüber Kindern und Enkeln umzugehen, ist – als eine „Alltagsform“ der Dissoziation – die Gefahr zu verdrängen, „Augen und Ohren zu verschließen“, die durch Werbung, Medien oder Alkohol und andere Drogen erzeugten Vortäuschungen einer heilen Welt „aufzusaugen“ und – ähnlich einem süchtigen Spieler – darauf zu setzen, dass alles doch noch gut gehen wird.

Wir Menschen können alles versuchen, um nicht mit Gefährlichem, Unheimlichem, Schrecklichem und Bösem in Berührung zu kommen. Dann kann eine „Dissoziation“ im Alltag dazu führen, dass wir – aktuell bei der Zerstörung der Lebensgrundlagen auf unserem Planeten – diesen weiter „gegen die Wand“ fahren lassen. Denn wir können „Weltmeister“ im Vermeiden und Dissoziieren und damit unfähig sein, Probleme anzugehen und mit konkreten Maßnahmen zu lösen, selbst wenn wir auf einen Abgrund zusteuern.

Scham

Von klein an sind wir aufnahmebereit und empfänglich für Reaktionen, Lob oder Tadel, Zustimmung, Ablehnung oder gar Zurückweisung unserer Mitmenschen. Mit dieser sensorisch-emotionalen Empfindlichkeit steuern und regulieren wir das einem anderen, zuerst noch unbekannten Menschen „ganz nahekommen“ können, auch um nicht in der Seele verletzt zu werden. So schämen wir uns, wenn wir uns verlegen und vor anderen „nackt“ und bloßgestellt fühlen. Besonders wenn es um unsere innersten Sehnsüchte und Wünsche geht und diese gar noch den moralischen Erwartungen der Gesellschaft widersprechen.

„Schuldgefühle können nicht nur einem Einzelnen sein Leben schwer bis unerträglich machen.“
Solche höchst unangenehmen, peinlichen Zustände versuchen wir um jeden Preis zu vermeiden, da wir sonst die Achtung und Stellung in der Gruppe verlieren könnten. Deshalb übernehmen wir familiäre, gesellschaftliche oder kulturelle Normen und Rollen, um ja nicht in „missliche Lagen“ zu kommen: „Wie kannst Du nur!“; „Oh wie peinlich!“; „Schämst Du dich nicht?“; „Du bist die Schande unserer Familie!“.

Das tiefe und intime Empfinden von Scham kann uns hilflos und verletzbar machen und – von der persönlichen wie gesellschaftlichen Verhaltensnormierung und Begrenzung bis zur Abhängigkeit – ausgenutzt werden. Diese „gesellschaftliche Waffe“ ist, wie die schon seit Jahrhunderten bestehende Verleugnung der weiblichen Sexualität aufzeigt, unglaublich stark. Auch heute noch.

Schuld

Schon als Kinder können wir uns nicht nur beschämt, sondern darüber hinaus auch für etwas schuldig fühlen; selbst wenn es offensichtlich ist, dass wir für ein Unglück oder Fehlverhalten gar nichts können.

Dieses bedrückend-einengende Gefühl entsteht, wenn wir aus eigener Unsicherheit heraus glauben, die an uns gestellten Erwartungen sowie die vom gesellschaftlichen „Man“ („Man tut dies nicht!“) geforderten Verhaltensnormen nicht zu erfüllen.

Ein sich schuldig fühlen kann sogar „eingeimpft“ werden: Durch immer wieder gehörte Aussagen wie: „Hast Du nicht aufpassen können …“; „Nur wegen Dir …“; „Du alleine bist Schuld daran …“. Dies kann einen Menschen – ebenso wie die religiöse Steigerung, eine Sünde begangen zu haben – bis in höchste Selbstzweifel, Ängste, Zwänge, Selbstverletzungen sowie in eine schwere Depression treiben.

Schuldgefühle können nicht nur einem Einzelnen sein Leben schwer bis unerträglich machen, sondern als Schuldzuschreibung gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch auf ganze Gruppen und Länder ausgeweitet werden. Dies führt zur Meinung bis schließlich sogar Überzeugung, dass Missstände nicht an einem selbst, sondern nur an „den Anderen“ liegen.

An ganz bestimmten anderen, die den „Sündenbock“ hergeben müssen. Diese Rolle kann von Institutionen, Parteien oder Regierungen bis ganzen Staaten, sozialen Gruppen sowie ethnischen, kulturellen oder religiösen Gemeinschaften zugeschrieben werden, um von eigenen Fehlern, Unzulänglichkeiten, Defiziten bis hin zu Betrug und Verbrechen abzulenken. Dann ist der Weg zu Hass auf die Anderen und Fremden nur noch ein kurzer. Unsere Menschheitsgeschichte ist voll davon.

Gewissen

Wir spüren „instinktiv“, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Zuerst ein unbestimmtes „komisch“ sein, später ein fast schon Gewisses „da stimmt etwas nicht“. So können wir das Verhalten anderer Menschen, die „Stimmung“ in einem Raum oder einer Situation gefühlsmäßig erfahren und einschätzen. Dasselbe gilt für uns selbst. Wir haben ein tief verwurzeltes Gespür dafür, dass oder wenn wir etwas falsch machen beziehungsweise mit uns und unserer Umgebung falsch gemacht wird.

Dieses „hautnah“ spüren, wenn wir andere schlecht behandeln oder anderen Schlimmes zufügen ist der Weg zu unserem Gewissen mit seinen inneren Überzeugungen und Werten. Dieses hatte sich durch das immer stärkere Zusammenleben in sozialen Gruppen über Jahrtausende hinweg ausgebildet und das auf Erfahrung und Wissen beruhende Denken und Verhalten eines Menschen mit geprägt und geleitet.

Ein „schlechtes Gewissen“ kann so – im Umgang mit Menschen („Armut“), Tieren („Massentierhaltung“) oder der Umwelt („Vermüllung“) – eine Verhaltensänderung zum Besseren bewirken. Oder aber, das schlechte Gewissen kann auf vielfältigste Weisen beruhigt werden. Durch Ablenkung, Konsum, Internet und Computerspiele, falsche Informationen („so schlimm ist es doch gar nicht“), durch „Wegsehen“, Aggressivität gegen sich selbst wie andere sowie Alkohol, Tabletten und Drogen. Oder es kann – wie Scham, Schuld und Sünde – manipuliert werden, indem ein „schlechtes Gewissen“ eingeredet und gemacht wird.

Virtuelle Welten

Leben ist Rhythmus, Aktivität und Ruhe, Wachsein und Schlaf, eingebunden in den Tag-Nacht-Zyklus unseres Planeten. „Quelle“ des Aktivseins sind unser Urantrieb und unsere Neugierde.

Wenn sich diese nicht „ausleben“ dürfen, können sie – so über in Krippe, Kindergarten, Schule, Ausbildung und Berufswelt immer wieder erlebtem warten müssen, nicht an die Reihe kommen und von „Routinearbeiten“ gelangweilt sein – mehr und mehr verloren gehen. Ganz „modern“ in unserer Menschheitsgeschichte finden diese aber schnell neue Betätigungsfelder: Sie können über Handy, Konsole und Computer fast jederzeit in abenteuerliche und interaktive virtuelle Welten „entfliehen“ und in diesen die Belohnungssysteme des Gehirns zum „Feuern“ bringen.

Fehlen im echten Leben Beziehungen, die Geborgenheit und Freude schenken und Tätigkeiten, die Erfolg und Zufriedenheit bringen, werden die Medien- und Computerzeiten bald länger und länger. Dem Gehirn wird dabei immer stärker vorgespielt, wir nehmen am Leben teil, kommunizieren mit anderen und treffen eigene Entscheidungen. Die Folge kann eine Spielsucht sein, eine Suchterkrankung mit vollständigem Verlust von Freiheit und Selbstbestimmung.

Raum und Zeit

Eines Tages begannen unsere Vorfahren, die Urzeiten lang im Hier und Jetzt lebten, sich aus der Abhängigkeit der Gegenwart zu befreien und in die Zukunft hinein zu planen und zu handeln. So war es ihnen, unter vielem anderen, möglich geworden, auch die längsten und kältesten Winter zu überleben.

„Wir Menschen kommen nicht fertig auf die Welt. Wir müssen alles erfahren und erlernen.“
Diese große Fähigkeit kann aber „ins Leere“ laufen, wenn es sich um sehr langfristige und komplexe, vor allem nicht lineare Prozesse handelt. So haben wir für die in wenigen Jahrzehnten bedrohlich werdenden Vorgänge wie Erderwärmung oder Artensterben kein „körperlich“ spürbares Raum-Zeit-Empfinden.

Die fehlende Wahrnehmungsfähigkeit für über lange Zeiträume global ablaufende Prozesse macht uns für falsche Informationen („ganz normale Warmphase“; „es gab schon immer Artensterben, siehe Dinosaurier“) wie falsche Versprechungen („alles gar nicht so schlimm“; „alles reparierbar“) empfänglich und manipulierbar. Besonders, wenn wir in einer „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Welt“ gar nicht mehr zum Nachdenken und zum Einsatz unserer Vernunft kommen.

Schlussfolgerung

Wir Menschen kommen nicht fertig auf die Welt. Wir müssen alles erfahren und erlernen. Durch ein Aufwachsen in Sicherheit, Liebe, festen familiären Bindungen und vertrauensvollen sozialen Beziehungen sowie durch vorbildliche Vermittlung der Inhalte und Haltungen, welche die Vereinten Nationen in ihren Menschenrechtserklärungen vorgeben, kann verhindert werden, dass aus unserer Vorgeschichte herrührende Reaktionsweisen und Verhaltensprogramme zu „Schwachstellen“ werden.

Denn diese können bewusst ausgenutzt werden, um Einfluss und Macht über Menschen zu gewinnen und ihr Erleben, Denken und Handeln – einschließlich Konsum und Wahlentscheidung – zu bestimmen. Von bösen Menschen werden unsere Schwachstellen sogar bewusst verstärkt und aufrechterhalten. So werden Gewalt und Terror ausgeübt, um Menschen zu traumatisieren, zu zerstören sowie in Abhängigkeit und „Schockstarre“ zu halten. Dabei führt Gewalt zu Gewalt, Terror zu Terror und Krieg zu Krieg

Uns Erwachsenen muss deshalb bewusst sein,

  • mit welchem Einsatz und welcher vorbildlichen Haltung wir Kinder großziehen und welche Umgebung wir ihnen bieten müssen, damit sie gegen Manipulation, Fremdbestimmung, Unterdrückung, Ausbeutung und das Schlechte und Böse immun werden.
  • auf welche Art und Weise wir selbst leben sowie mit unseren Mitmenschen umgehen müssen – und welche Bedeutung und Auswirkungen dies für unser Wohlbefinden, unsere Gesundheit, unsere Menschlichkeit und den Zustand unseres Planeten hat.

Behandlung

Nach der Sicht eines Kinderpsychiaters auf das politische Establishment sowie auf unsere Schwachstellen lassen sich drei „Entzugsbehandlungen“ ableiten:

  1. Weg vom abhängig und bestimmt sein vom politischen Establishment mit seiner Machtsucht und Lobbypolitik hin zu selbstbewussten, nur ihrem Gewissen, dem Grundgesetz unseres Landes und den Erklärungen der Vereinten Nationen verpflichteten Abgeordneten ohne Fraktions- und Koalitionszwang.
  2. Weg vom verlieren und gefangen sein in „Zeiträubern“ wie Äußerlichkeiten, Vergleich mit „den anderen“, Werbung, Konsum und virtuellen Welten hin zu Achtsamkeit mit uns selbst, unseren Mitmenschen und unserer Umwelt sowie „Investition“ der eigenen Lebenszeit in Partnerschaft beziehungsweise Kinder und Familie sowie soziale Kontakte, Aktivitäten und Beziehungen.
  3. Weg vom manipuliert und ausgenutzt werden vom neoliberalen Wirtschaftssystem mit seiner zerstörerischen Ausrichtung nach Profit und Wachstum um jeden Preis hin zum sozialen und ökologischen Wirtschaftsmodell der Gemeinwohl-Ökonomie mit einem Wirtschaften zum Wohle aller für ein gutes Leben auf einem lebenswerten Planeten.

Bücher um Thema

Gunther Moll & Benjamin Moll: Hin und her gerückt (Der erste Teil); Papeto Verlag 2017.
Gunther Moll & Benjamin Moll: Der Umbruch: Wie Kinder, Eltern und Großeltern unser Land veränderten; Papeto Verlag 2016.
Gunther Moll, Sarah Benecke, Günter Grzega: Die Vorstufe zum Paradies für uns alle; Papeto Verlag 2018.


Illustration: Neue Debatte

Leiter der Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit bei Universitätsklinikum Erlangen | Webseite

Professor Dr. Gunther Moll ist Leiter der Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit am Universitätsklinikum Erlangen. Er setzt sich für die Rechte der Kinder ein. Gemeinsam mit seinem Sohn Benjamin veröffentlichte er 2012 im Papeto Verlag das Buch "DieKinderwagenRevolution" und 2016 "Der Umbruch: Wie Kinder, Eltern und Großeltern unser Land veränderten". 2018 publizierte er zusammen mit Sarah Benecke und Günter Grzega "Die Vorstufe zum Paradies für uns alle". Gunther Moll ist politisch aktiv. Für die Freie Wählergemeinschaft Erlangen ist er im Stadtrat.

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8 Responses

  1. Cource sagt:

    Diese sachlich neutrale/unpolitische Argumentation impliziert ein stillhalten gegenüber dem agressor und ist deshalb für den schwachen keine Hilfe, da hatte Rio Reiser mit dem Slogan „macht kaputt was euch kaputt macht“ deutlich Stellung bezogen

    • Cource sagt:

      Die pervertierung des Systems hat einen Punkt erreicht wo es kein zurück mehr gibt sondern nur noch eine andere Qualität z.b. Bürgerkrieg

      • Cource sagt:

        Den sozialen Frieden so wie z.b. in der ehemaligen DDR kann man nicht ohne einen Systemwechsel herstellen-die Aufklärung/Befreiung der Menschheit durch die 68er Bewegung muss durch eine neue Generation siehe fridaysforfuture fortgesetzt werden

        • Cource sagt:

          Die Psychologie/neurobiologie hat die Rolle der Kirche übernommen und versucht festzulegen welches Verhalten als normal bzw. als krankhaft gilt, Sie betreibt damit genauso eine Hexenjagd/Sozialdarwinismus wie die Kirche/Religionen

  2. Rene Nagel sagt:

    Die evolutionsbiologie hat viele Menschen von der Last der selbstverantwortung befreit, weil der Mensch:
    1. nach der Fortpflanzung nicht mehr auf Selbsterhaltung programmiert ist sondern eher auf Selbstzerstörung/todestrieb
    2. diese natürliche selbstausbeutung/Selbstaufopferung kann nur durch ein konsequentes gegensteuern durch Yoga/Meditation/Entzug bzw. Entwöhnung von den anerzogenen Süchten usw. Reduziert werden
    3. Entzug von der süchtig machenden Gesellschaft/Familie/Arbeit usw. Durch eine Teilzeitarbeit/Statusverzicht/Konsumverzicht usw. Und einer Hinwendung zu den „noch“ kostenlosen Freuden in der Natur so wie es die ursprünglichen Nomadenvölker leben durften

  3. Cource sagt:

    Die wesentliche Schwachstelle ist die gehirneigene Belohnung von sozialen Kontakten/Herdentrieb d.h. Dieses natürliche Belohnungssystem bringt das Individium in Situationen wo es gegen seine ureigene Interessen Entscheidungen trifft nur weil das Gehirn süchtig nach den glückshormonen ist welche durch soziale Kontakte ausgelöst werden mit anderen Worten Gemeinwohl hat Vorrang vor dem Selbsterhaltungstrieb und um sich von diesem Herdentrieb zu befreien, wird ein Entzug von den anerzogen sozialen Freuden erforderlich indem man das Belohnungssystem schrittweise an die Vorteile der Freuden in der noch kostenlosen Natur gewöhnt

  4. Johann sagt:

    Toll! Die Ausführungen erinnern an den hippokratischen Eid, worin sinngemäß zum Ausdruck kommt – von Beginn bis zum Ende die Würde des Menschen zu wahren.

  5. Sibylle Hörtz sagt:

    Sehr geehrter Herr Moll !! Ich ziehe meinen Hut vor Ihnen und zolle Ihnen damit meinen höchsten Respekt. Das Fass ist schon lange übergelaufen und die Politik erkennt es nicht mal. Traurig aber wahr. Sie will es anscheinend wegen dem Profit nicht erkennen. Ein Himmelreich hier auf Erden besteht nicht nur aus Materialismus. Eigentlich haben Sie mich hier beschrieben. Kein Neid keine Missgunst kein Machtstreben. Nun meinBuch kommt nächstes Jahr raus und es ist meinem Enkelsohn gewidmet. Versuchen wir gemeinsam etwas in den Kindern zu verändern und auch in der Politik. Bin schon stark dabei. Wünsche Ihnen alles Gute. Mit freundlichen Grüßen Sibylle Hörtz

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