Fantômas des weißen Mannes wütet in Bolivien und Chile. (Illustration: Neue Debatte)

Fantômas: Die Herren des Schreckens wüten in Chile und Bolivien

Die Fantômas [1] zuzuordnende Gattung hat europäische Wurzeln. Die Ur-Ur-Urenkel treiben vom Norden des amerikanischen Kontinents her ihr Unheil und die Wesensverwandten im Süden wollen unter keinen Umständen ihre Macht und ihre Pfründe hergeben.

In ihren Symbolfiguren, Uncle Sam und Donald Trump, stecken zudem noch ein gerütteltes Maß an Rassismus gegen „Schwarze“ und „Latinos“, wie Martin Luther King in unseligen Zeiten über die Mächtigen seines Landes bemerkte und einen guten Traum hatte.

Andere Symbolfiguren tragen die Namen Pinochet, Videla [2], Stroessner und so weiter. Europa brachte die Inquisition nach Lateinamerika und infizierte die dortige Wirtschaftsweise mit dem Geldegoismus, der den Gemeinsinn der Ureinwohner mit gemeinschaftlichem Eigentum und Schutz der Mutter Erde konträr entgegenstand.

Damit soll Europa als Ganzes nicht stigmatisiert werden. Es gab und gibt unzählige Europäer, die humanistisches Gedankengut nach Lateinamerika brachten und wissenschaftliche Aufklärung betrieben. Beispielsweise Simón Bolívar mit der Idee der Patria Grande [3] oder Alexander von Humboldt, dem Mexiko die Ehrenbürgerschaft antrug. Die Familie Castro entstammte Spanien.

Der Schlüssel der desaströsen Widersprüche Lateinamerikas liegt wohl darin, dass die Gattung F. einige Grundwahrheiten aus ihrem Gedächtnis verbannt hat.

Vor 500 Jahren haben sie erstens die Länder Lateinamerikas mit Waffengewalt erobert und zweitens ihr vermeintliches Eigentum mit juristischer List über feudale Grundbücher, Bergbau-, Waldnutzungs- und Fischereiregeln in ihren Besitz gebracht.

Drittens wurden und werden die Früchte der Wertschöpfung seit ihrer Anwesenheit ungerecht zwischen Besitzern der wirtschaftlichen Einrichtungen, der Regierung (Steuern) und den Arbeitenden (Lohn) aufgeteilt. Den Ländern wurde die Rolle eines kostengünstigen Rohstofflieferanten zugewiesen.

Aktuell toben in Bolivien die Ur-Ur-Urenkel. Sie stürzten gewaltsam den Präsidenten Evo Morales. Putscherfahrungen liegen vor. Nach der Unabhängigkeit von Spanien kämpften sie von 1823 bis 1884 als Militärcaudillos um die Macht im Land. Danach stritten die herrschenden Eliten bis 1954 um hohe Gewinnanteile aus den Gold-, Zinn- und Silbervorkommen. Mit einer Landreform 1952 sollte das Elend der Hochlandbauern verbessert werden. Das fruchtbare Flachland aber blieb weiter im Besitz der europäischen Enkelfamilien. 1964 putschte das Militär erneut mit der Hilfe der USA. Es gab nur mit kurzen Unterbrechungen die Macht in Bolivien ab.

Bolivien (und seine indigenen Völker der Aymara, Quechua und Mestizen) zählte noch vor 60 Jahren zu den ärmsten Ländern der Erde. Die internationalen Austauschverhältnisse (Terms of Trades) haben sich über Jahrzehnte für Bolivien stetig verschlechtert.

Erst mit Evo Morales zogen andere Lebensverhältnisse ein; zum Ärger der USA und der alten bolivianischen Machteliten.

Die Regierungsziele des Präsidenten und seiner Partei, der Bewegung zum Sozialismus (Movimiento al Sozialismo, MAS), können aus der Verfassung des plurinationalen Staates [4] von 2009 mit ihren 411 Artikeln herausgelesen werden.

Die Verfassung erhielt eine hohe Zustimmung von der Bevölkerung. Sie gibt allen Bolivianern weitgehende Grund- und Bürgerrechte. Würdige Lebensverhältnisse für die Abhängigen war Verfassungsziel: Buen Vivir.

Morales schaffte es in den Jahren seiner Amtszeit, die extreme Armut und die Kindersterblichkeit beachtlich zu senken. Die Überführung der Erdgasindustrie in Gemeineigentum und die gerechtere Verteilung der Staatseinnahmen für soziale Belange brachten das Land mit dem Programm „Plan vida“ voran. Die Weltbank vermeldete, dass Morales die Armut von 63 % auf 35 % in wenigen Jahren gesenkt hat. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs in den letzten Jahren um 4 %. Der geplante Ausbau der Lithiumförderung sollte der künftigen Entwicklung des Landes und den Sozialprogrammen zu Gute kommen.

Zu hoffen bleibt, dass nach dem Putsch vom 9. November 2019 das Militär und die Polizei demokratische Grundregeln einhalten werden, und das sie beachten, dass Proteste gegen Unrecht zur Demokratie gehören. Morales hat von der Regierung Mexikos inzwischen politisches Asyl erhalten. Sein Verteidigungsminister ist zurückgetreten.

Bis zur angekündigten Wahl im ersten Quartal 2020 übernimmt die Vicepräsidentin Jeanine Áñez mit Zustimmung der Putschisten die Regierungskontrolle. Ein Bibelkundiger, Luis Fernandes Camacho, hat als Vorsitzender eines Bürgerkomitees PRO Santa Cruz ebenfalls Führungsansprüche angemeldet.

In Chile erschüttern seit Anfang Oktober 2019 anhaltende Massenproteste die Öffentlichkeit. Der neoliberal regierende Präsident Sebastián Piñera hat den Ausnahmezustand ausgerufen und einen weiteren Militäreinsatz angekündigt. Eine gesellschaftliche Alternative zur Herstellung der Würde der Bevölkerung unter Präsident Allende war bekanntlich brutal mit Hilfe der USA von der Gattung F. zerschlagen worden. Nach Allende vertiefte sich die Teilung des Landes wieder in Arm und Reich.

Die Rechtlosigkeit für die Abhängigen nahm wieder zu. Die Lebenslage der unteren Bevölkerungsschichten und des kleinen Mittelstandes hat sich enorm verschlechtert. Demonstranten trugen Protestbanner mit dem Aufschrei: „Sie haben uns alles genommen, bis auf die Angst“.

Nach letzten Meldungen verhandeln die Kontrahenten über die Veränderung der Landesverfassung. Viele Schritte zur konkreten Verbesserung der Lebenslage der abhängigen Bevölkerung aber sind noch zu gehen. Das tapfere Volk der Mapuche hat Anspruch auf Teilhabe und Gerechtigkeit.

Bis zum 14. November 2019 wurden offiziell 5629 Festnahmen, 2009 Verletzte und 23 Erschossene in Chile registriert.

Lateinamerika braucht die weltweite Solidarität. Es ist ein Kontinent der Hoffnungen. Seine Volkswirtschaften stecken seit den Kolonialzeiten noch zu tief in der Rolle der Rohstofflieferanten. Ihnen fehlt die eigene innere Akkumulationskraft, basierend auf einer Industrialisierung mit internen Wertschöpfungsketten, um von Auslandskrediten mit hohen Zinsen, Verschuldungszwängen und Kapitalabflüssen weg zu gelangen.

Der Vordenker gegen feudale und geldegoistische Enge, Jean-Jacques Rousseau, hat Worte mit fundamentaler Weisheit bei der Formulierung seines „Gesellschaftsvertrages“ geschrieben:

  • „Die Früchte der Erde gehören allen, doch die Erde selbst niemanden“
  • „Der Mensch sei frei und ohne Ketten geboren“
  • „Derjenige, der als erster ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: „dieses Stück Land gehört mir“, und der Leute fand, die einfältig genug waren, es ihm zu glauben, sei der eigentliche Gründer der herrschaftssüchtig organisierten Gesellschaft von Not und Elend“

Quellen und Anmerkungen

[1] Fantômas ist ein Roman der französischen Autoren Pierre Souvestre und Marcel Allain. Der eigentlich dunkle Stoff lieferte Motive für die gleichnamige französische Kriminalkomödie des Regisseurs André Hunebelle aus dem Jahr 1964. Fantômas ist ein brutaler, aber auch intelligenter Verbrecher. Wie er aussieht, weiß niemand, da er sich mittels lebensecht wirkender Masken für jeden Coup eine andere Identität zulegt.

[2] Jorge Rafael Videla (1925 – 2013) war von 1976 bis 1981 Oberbefehlshaber der Argentinischen Armee und Diktator von Argentinien.

[3] Simón Bolívar (1783 – 1830), genannt „El Libertador“, war ein südamerikanischer Unabhängigkeitskämpfer. Er ist der Nationalheld mehrerer südamerikanischer und karibischer Länder. Bolívar führte die Unabhängigkeitskriege gegen die spanische Kolonialherrschaft in Venezuela, Kolumbien, Panama und Ecuador und griff entscheidend in die Unabhängigkeitsprozesse in Peru und Bolivien ein. Die Patria Grande (Großes Vaterland) ist das Konzept einer gemeinsamen Heimat beziehungsweise Gemeinschaft, die ganz Lateinamerika und die Karibik umfasst. Der Begriff ist mit politischen Ideen der iberoamerikanischen Integration verbunden. Er lehnt die Balkanisierung des Spanischen Reiches in Amerika nach den spanisch-amerikanischen Unabhängigkeitskriegen ab.

[4] Plurinationalität, Plurinationalität oder Plurinationalismus ist definiert als die Koexistenz von zwei oder mehr nationalen Gruppen innerhalb eines Gemeinwesens.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag von Günter Buhlke erschien erstmals bei unserem Kooperationspartner Pressenza unter der Headline „Fantomas des weißen Mannes wütet in Bolivien und Chile„.


Illustration: Neue Debatte

Volkswirtschaftler und Publizist bei | Webseite

Günter Buhlke ist Jahrgang 1934 und Dipl. Volkswirtschaftler. Er studierte an der Humboldt Universität und der Hochschule für Ökonomie Berlin. In den 1960er und 70er-Jahren war Buhlke international als Handelsrat in Mexiko und Venezuela tätig und Koordinator für die Wirtschaftsbeziehungen der DDR zu Lateinamerika. Später Vorstand einer Wohnungsgenossenschaft, Referent im Haushaltsausschuss der Volkskammer und des Bundestages und von 1990 bis 1999 Leiter der Berliner Niederlassung des Schweizerischen Instituts für Betriebsökonomie. Günter Buhlke ist verheiratet, lebt in Berlin und engagiert sich ehrenamtlich.

1 thought on “Fantômas: Die Herren des Schreckens wüten in Chile und Bolivien

  1. Ich frage mich ja schon immer, worauf die Europäer in ihrer Geschichte eigentlich so endlos stolz sind??? Auf die Völkermorde, den endlosen Diebstahl der natürlichen Bodenschätze, der Vergewaltigungen, Morde, Geschichtsfälschung??? Und was an der “ geschichtlichen Kultur“ ist eigentlich „erstrebenswert“ für andere Völker??? Die Nachfahren der Europäer sind in anderen aussereuropäischen Ländern und Kontinenten immernoch die Kolonialherren= die Mörder und Vergewaltiger der Ureinwohner und Diebe ihrer Bodenschätze!!! Ich denke, es ist an der Zeit, die wahre Geschichte der europäischen Landdiebe, Völermörder, Folterknechte, der christlichen Religion ( sowohl als auch) und der endlosen grausamen unmenschlichen Verbrechen der Vergangenheit und der Gegenwart neu zu schreiben und endlich die Lügen und Märchen der Sieger als das zu benennen, was sie sind: Lügen und Märchen!!!

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