Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 5)

Ist es jetzt so, dass man nur dann alle Dimensionen der Wirklichkeit primitiver Gesellschaften erfassen kann, wenn man die Vorstellung von ihr als Tauschgesellschaft aufgibt? Keineswegs. Das ist in der Tat keine Alternative: entweder Tausch oder Gewalt. Der Tausch als solcher ist kein Widerspruch zum Krieg, sondern der Ansatz, der das gesellschaftliche Sein der primitiven Gesellschaft ausschließlich vom Tausch abhängig macht.

Innerhalb der primitiven Gesellschaft entfaltet sich sowohl der Tausch als auch die Gewalt: der Krieg gehört zu gleichen Teilen zum primitiv-gesellschaftlichen Sein wie der Tausch.

Man kann die primitive Gesellschaft nicht denken, und darum wird es sich im folgenden drehen, ohne gleichzeitig den Krieg zu denken. Für Hobbes1Thomas Hobbes (1588 – 1679) war ein englischer Mathematiker, Staatstheoretiker und Philosoph. In seinem Werk „Leviathan“ entwickelte er eine Theorie des „Absolutismus“. war die primitive Gesellschaft der Ort des Krieges jeder gegen jeden. Der Ansatzpunkt von Lévi-Strauss steht dem von Hobbes umgekehrt symmetrisch gegenüber: für ihn ist die primitive Gesellschaft der Ort des Tausches jeder mit jedem. Bei Hobbes fehlte der Tausch, bei Lévi-Strauss2Claude Lévi-Strauss (1908 – 2009) war ein französischer Ethnologe. Er gilt als Begründer des ethnologischen Strukturalismus. fehlt der Krieg.

Aber geht es eigentlich darum, einfach den Ansatz, der vom Tausch ausgeht neben den Ansatz, der vom Krieg ausgeht, zu stellen? Lässt denn die Rehabilitation des Krieges als wesentliche Dimension der primitiven Gesellschaft die Vorstellung vom Tausch als Wesen der Gesellschaft unberührt? Offensichtlich ist das nicht möglich: sich über den Krieg zu irren, heißt, sich über die Gesellschaft zu irren. Woher kommt nun der Irrtum von Lévi-Strauss? Durch eine Verwechslung der soziologischen Ebenen, auf denen Krieg bzw. Tausch stattfinden. Wenn man sie auf eine Ebene stellen will, dann ist man fatalerweise dazu gezwungen, das eine oder das andere auszuschließen und verstümmelt so die primitiv-gesellschaftliche Wirklichkeit.

Krieg und Tausch sind also nicht als ein Zusammenhang zu denken, innerhalb dessen mit Abstufungen vom einen zu anderen übergegangen werden kann, sondern als eine grundsätzliche Diskontinuität, die allein die Wahrheit über die primitive Gesellschaft vermitteln kann.

Man hat oft geschrieben, dass die extreme Zerstückelung, die überall bei den primitiven Gesellschaften zu beobachten ist, für die häufige Wiederkehr von Kriegen verantwortlich ist. Das hat man in eine mechanische Reihenfolge gebracht und als allgemeinen Entstehungsgrund für den Krieg ausgegeben: Lebensmittelknappheit – lebensnotwendige Konkurrenz – Isolation der Gruppen.

Es gibt nun eine tiefgreifende Beziehung zwischen der Vielfältigkeit der soziopolitischen Einheiten und der Gewalt. Aber die kann man nicht verstehen, wenn man sie mit ihrer gewohnheitsmäßigen Darstellung verwechselt: der Krieg ist nicht das Ergebnis der Zerstückelung, sondern die Zerstückelung ist das Ergebnis des Krieges. Sie ist nicht nur das Ergebnis, sondern der Zweck: der Krieg ist zugleich Ursache und Mittel eines Ergebnisses und eines gesuchten, eines gewollten Zieles: der Zerstückelung der primitiven Gesellschaft.

Das primitiv-gesellschaftliche Sein will die Zerstreuung, dieser Wille zur Aufteilung gehört zum primitiv-gesellschaftlichen Sein, welches sich als solches in und durch die Verwirklichung dieses soziologischen Willens institutionalisiert. Der Krieg in den primitiven Gesellschaften ist also ein Mittel für ein politisches Ziel. Die Frage nach dem Krieg fragt also letztendlich nach dem Sein ihrer Gesellschaft als solcher.

Jede einzelne primitive Gesellschaft besitzt gleichermaßen und vollständig die wesentlichen Eigentümlichkeiten dieser Gesellschaftsformation. In der primitiven Gemeinschaft findet sie ihren konkreten Ausdruck. Diese wird durch eine Gesamtheit von Einzelwesen gebildet, von denen ein jedes seine Zugehörigkeit zu dieser Gesamtheit genau kennt und beansprucht. Diese Gemeinschaft als Gesamtheit geht über die verschiedenen Einheiten hinaus, aus der sie besteht. Die einzelnen Einheiten nun bestehen hauptsächlich aus Verwandtschaftszusammenhängen: aus umfangreichen Grundfamilien; aus Geschlechterformationen; aus Clans (Stamm, der aus einer gewissen Anzahl Familien besteht oder auch: Stamm, dessen Mitglieder alle unter einem Totem stehen); aus Zusammenschlüssen von Frauen (moities) et cetera, aber zum Beispiel auch militärischen Gemeinschaften, zeremoniellen Brüderschaften, aus dem Stand der Alten et cetera.

Die Gemeinschaft ist also mehr als die Summe der Gruppen, aus denen sie sich zusammengesetzt und dieses Mehr bestimmt sie zur eigentlichen politischen Einheit.

Die Politische Einheit der Gemeinschaft ist unmittelbar räumlich durch die Wohneinheit bestimmt: diejenigen, die derselben Gemeinschaft angehören, leben am selben Ort. Es gibt Vorschriften für den Wohnort. Nach der Eheschließung, muss der Einzelne seine Ursprungsgemeinschaft verlassen, um sich der seines Ehegatten anzuschließen; aber dieser neue Wohnsitz hebt nicht die Zugehörigkeit zum alten auf. Wenn die primitiven Gesellschaften die Regelungen für zu mühsam und zu kompliziert halten, erfinden sie zahlreiche Mittel, um sie umzuändern.

Die primitive Gemeinschaft besteht also aus der örtlich gebundenen Gruppe. Diese Bestimmung ist zentraler und wichtiger als die Mannigfaltigkeit der ökonomischen Produktionsweisen. Diese Mannigfaltigkeit hat nichts zu tun mit dem feststehenden oder unbeständigen Wohnsitz der Gemeinschaft. Die örtlich gebundene Gruppe kann sowohl durch umherziehende Jäger als auch durch sesshafte Ackerbauern gebildet werden; sowohl die Horde umherziehender Jäger-Sammler als auch die im Dorf lebenden Gärtner besitzen die soziologischen Eigentümlichkeiten der primitiven Gemeinschaft.

Diese bezieht sich, insofern sie politische Einheit ist, nicht nur auf den einen homogenen Raum ihres Wohnsitzes, sondern ihre Kontrolle, ihre charakteristischen Zeichen und ihr Recht dehnen sich über ein Gebiet aus – ein Territorium.

Erscheint das bei Jägern selbstverständlich, so gilt das auch für Ackerbauern, die jenseits ihrer Anpflanzungen ein wildes Gebiet benutzen, in dem sie jagen und nützliche Pflanzen sammeln: natürlich hat die Horde umherziehender Jäger mehr Möglichkeiten, ihr Territorium auszudehnen, als die Ackerbauern im Dorf. Die Örtlichkeit der örtlich gebundenen Gruppe besteht also aus ihrem Territorium, welches einmal die natürliche Quelle aller lebensnotwendigen Dinge ist, aber darüber hinaus auch den ausschließlichen und ausschließenden Raum darstellt, in dem die Gemeinschaft ihr Recht ausübt.

Die Ausschließlichkeit, mit der dieser Raum genutzt wird, impliziert eine Handlung des Ausschließens, und in dieser erscheint die eigentlich politische Dimension der primitiven Gemeinschaft, die sich im wesentlichen auf das Territorium bezieht: die Existenz des Anderen ist in dem es ausschließenden Akt schon von Anfang an vorausgesetzt.

Jede Gemeinschaft sichert ihr exklusives Recht auf ein bestimmtes Territorium und auf diese Weise sind die politischen Beziehungen mit den benachbarten Gruppen schon unmittelbar gegeben. Diese Beziehungen entstehen auf der politischen und nicht auf der ökonomischen Ebene.

Wiederholen wir: die Hauswirtschaftliche Produktionsweise enthält in dem, was sie ist, für keine örtlich gebundene Gruppe die Notwendigkeit, in das Territorium einer benachbarten Gruppe einzudringen, um sich dort zu versorgen.

Die Territorialherrschaft erlaubt es der Gemeinschaft, ihr autarkes Ideal zu verwirklichen, denn sie garantiert die Selbstversorgung mit Lebensmitteln: so sind die primitiven Gemeinschaften von niemandem abhängig, sie sind unabhängig. Demnach müsste doch, unter der Voraussetzung, dass dies für alle örtlich gebundenen Gruppen gleichermaßen zutrifft, Gewalt allgemein nicht vorhanden sein: nur in den seltenen Fällen von Gebietsüberschreitungen dürfte sie auftauchen und sie müsste nur defensiver Natur sein – im Grunde also niemals in Erscheinung treten: denn jede Gruppe verlässt sich auf ihr eigenes Territorium und hat keinen Grund, es zu verlassen. Aber wir wissen, dass der Krieg allgemein verbreitet und sehr offensiv ist.

Die Verteidigung des Territoriums kann also nicht der Grund für den Krieg sein; der Zusammenhang zwischen Krieg und Gesellschaft ist noch immer nicht erhellt.

Woraus besteht das Sein der primitiven Gesellschaft, insofern sie gleichbedeutend ist mit der unendlichen Anzahl von Gemeinschaften, Horden, Dörfern oder lokal gebundenen Gruppen? Seitdem sich das Abendland für die Welt der Wilden interessiert, ist die Antwort schon wie auf einem Tablett in der gesamten ethnographischen Literatur serviert. Das Sein der primitiven Gesellschaft wurde schon immer als ein vollkommen unterschiedenes im Vergleich mit dem Sein der abendländischen Gesellschaft aufgefasst, als der fremde und in seiner Entrückung undenkbare Ort – entrückt von allem, was das sozio-kulturelle Universum der Beobachter ausmacht und bestimmt: Welt ohne Hierarchie, Untertanen, die niemandem gehorchen, Gesellschaften, gleichgültig gegenüber Besitz und Reichtum, Häuptlinge, die nicht zu befehlen haben, Kulturen ohne Moral, denn sie kennen die Sünde nicht, Gesellschaften ohne Klassen, ohne Staat et cetera.

Kurzum: das, was in den Schriften der alten Reisenden und der modernen Gelehrten unaufhörlich hinausgeschrien wird, ohne dass es ausgesprochen wird, ist folgendes: die primitive Gesellschaft ist in ihrem Sein ungeteilt.

Sie kennt – weil sie diese Erscheinungen verhindert – nicht den Unterschied zwischen reich und arm, den Widerspruch zwischen Ausbeuter und Ausgebeutetem, die Herrschaft des Häuptlings über die Gesellschaft. Die Hauswirtschaftliche Produktionsweise, die der primitiven Gemeinschaft als solche Autarkie sichert, erlaubt auch die Autonomie der Verwandtschaftsgruppen, aus denen sich die soziale Gesamtheit zusammensetzt, sie erlaubt selbst die Unabhängigkeit des Einzelnen.

Außer der Arbeitsteilung, die durch den Geschlechtsunterschied hervorgerufen wird, gibt es in der primitiven Gesellschaft keinerlei Arbeitsteilung: jeder ist gewissermaßen vielwertig. Die Männer können alles machen, was Männer machen müssen, alle Frauen können alle Arbeiten machen, die alle Frauen machen müssen.

Innerhalb der Rangordnung von Wissen und Geschicklichkeit hat kein Einzelner eine untergeordnete Stellung, die es notwendig machen würde, seine Fähigkeiten einem Begabteren oder Glücklicheren anzubieten: die Verwandtschaft des „Opfers“ Handwerk legen.

Schon immer haben die Ethnologen die Gleichgültigkeit der Wilden ihren Gütern und Reichtümern gegenüber (die sie auf leichte Art und Weise wieder herstellen, sobald sie verbraucht oder zerbrochen sind) mit Eifer hervorgehoben. Ebenso, dass jeglicher Wunsch nach Akkumulation zu fehlen scheint.

Warum sollte ein solcher Wunsch entstehen? Die Produktionstätigkeit ist genau an der Befriedigung der Bedürfnisse bemessen und geht nicht darüber hinaus: die Produktion eines Überschusses ist in der Ökonomie der primitiven Gemeinschaften ganz und gar unmöglich. Sie ist auch ganz und gar unnütz: was sollte man damit machen?

Und dann wäre die Akkumulationstätigkeit (einen unnützen Überschuss produzieren) in diesem Gesellschaftstyp ein vollständig individuelles Unterfangen: der „Unternehmer“ könnte auf nichts als auf seine eigenen Kräfte bauen, denn die Ausbeutung anderer ist gemäß der Logik dieser Gesellschaften unmöglich.

Stellen wir uns nichtsdestotrotz vor, dass es, obwohl er mit seinen Bemühungen allein steht, dem wilden Unternehmer gelingt, im Schweiße seines Angesichts einen Vorratsbestand an Lebensmitteln aufzubauen, mit dem er, rufen wir es uns nochmals ins Gedächtnis, nichts anzufangen weiß, weil es ein Überschuss ist. Das heißt: eine nicht notwendige Gütermenge, da diese nicht mehr der Befriedigung der Bedürfnisse dient. Was wird passieren? Die Gemeinschaft wird ihm einfach dabei helfen, diese unnützen Lebensmittel zu verbrauchen: dem Mann, der durch die Kraft seiner eigenen Hände „reich“ wurde, wird sein Reichtum im Nu zwischen den Händen zerrinnen oder in die Magen seiner Nachbarn wandern. So würde der Wunsch nach Akkumulation auf das Phänomen der Selbstausbeutung hinauslaufen. Und auf die Ausbeutung des Reichen durch die Gemeinschaft.

Die Wilden sind klug genug, um sich nicht auf solch eine Torheit einzulassen. Die primitive Gesellschaft funktioniert in solch einer Art und Weise, dass in ihr Ungleichheit, Ausbeutung und Teilung nicht möglich sind. […]


Weitere Teile

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 1)

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 2)

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 3)

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 4)

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 6)

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 7)

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 8)


Über den Autor: Pierre Clastres (1934 – 1977) war ein französischer Ethnologe der durch seine Arbeiten zur politischen Anthropologie, sein anarchistisches Engagement und für seine Monographie über die Guayaki (auch Aché genannt), eine indigene Gruppe, die heute im Osten Paraguays lebt und die aufgrund ihrer Lebensweise zu den Jägern und Sammlern gezählt werden, bekannt wurde.


Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Pierre Clastres erschien im französischen Original 1977 unter dem Titel Archéologie de la violence. La guerre dans les sociétés primitives in der Zeitschrift Libre. Es wurde als Übersetzung mit dem Titel Archäologie der Gewalt, Die Rolle des Krieges in primitiven Gesellschaften in Autonomie (Nr. 8, August 1977, S. 25–42) veröffentlicht. Der Beitrag wurde von der Anarchistischen Bibliothek archiviert und von Neue Debatte übernommen, um eine kritische Diskussion über die Bedeutung und Hintergründe von Gewalt und Krieg in den Zivilisationen und Massengesellschaften der Gegenwart zu ermöglichen. Der Text wurde redaktionell überarbeitet. Einzelne Absätze wurden eingefügt und Abschnitte zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.

Illustration: Neue Debatte

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