Hacking Back: „Wie man eine Bank ausraubt.“

Phineas Fisher ist ein selbsternannter Hacktivist. Mit einem Hack drang er in die Cayman National Bank and Trust ein. „Ich habe eine Bank ausgeraubt und das Geld verschenkt …“ Fast vier Jahre nach dem Hack wurde ein Manifest ins Internet gestellt, das sich mit der Motivation zum Hacken von Finanzdienstleistern befasst. Im Kern geht es um Enteignung, Umverteilung, Leaks und soziale Kämpfe. Diese werden längst nicht mehr nur auf der Straße oder vor Werkstoren ausgetragen, sondern in der Endlosigkeit des Internets. Eine Depesche aus den digitalen Schützengräben von CrimethInc.

Hacking Back

Mitten in der jüngsten Welle von Kämpfen, von Rojava und Katalonien bis nach Ecuador und Chile, und während der Rauch, der über der verbrannten Erde des Amazonas hängt, uns daran erinnert, dass der Regenwald sich kurz vor seinem Tipping Point befindet, veröffentlicht CrimethInc. Technology Desk die neueste Episode der HackBack Chronik.

Soeben erschien eine Textdatei (Anm. d. Übers.: auf UnicornRiot) , in der der Autor erklärt, wie und warum er eine Bank gehackt und das Geld verschenkt hat. Der Widerstand gegen Unterdrückung erfordert eine Vielfalt an Taktiken, und die digitale Front ist ebenso wichtig wie ein Konfliktszenario auf der Straße.

Eine Ode an die Enteignung

“This is my simple word for recounting my hacks, and to invite other people to hack with joyful rebellion. […] I robbed a bank, and gave away the money…”

„Dies ist mein schlichtes Wort, um meine Hacks zu beschreiben und andere Leute dazu einzuladen, zu hacken mit freudiger Rebellion. Ich habe eine Bank ausgeraubt und das Geld verschenkt …“

So beginnt die jüngste Hacker-Zine, die im Internet veröffentlicht wurde. In der Textdatei beschreibt der anarchistische Hacker, früher bekannt als Phineas Fisher, wie und warum er vor fast vier Jahren die Cayman Bank and Trust Company (Isle of Man) enteignet hat. Niemandem wurde durch die Aktion Schaden zugefügt; sie war so heimlich, dass es gelang, in den folgenden Monaten die Ermittlungen der Bank zu dem Vorfall mitzuverfolgen.

Auf Spanisch veröffentlicht – die Sprache des Hacktivismus? – „A DIY Guide to Robbing Banks“ ist das neueste Kapitel der HackBack! Saga. Es ist zu gleichen Teilen technisches Handbuch und anarchistisches Manifest. Dabei wird darauf Wert gelegt, die Aufmerksamkeit nicht auf die Person zu lenken – sie zeigt lediglich, was sie getan hat.

“… to show others what is possible, to offer help cashing out similar attempts, and to call for a broad collaboration of hackers that want to contribute to radical social change.”

„… um anderen zu zeigen, was möglich ist, um Hilfe anzubieten, bei ähnlichen Versuchen, und zu einer groß angelegten Zusammenarbeit von Hackern aufzurufen, die zu einem radikalen sozialen Wandel beitragen wollen.“

Der Guide geht ausführlich darauf ein, warum Enteignungen von Reichen nicht als Diebstahl angesehen werden können und warum es logisch ist, den Reichtum, der über Jahrhunderte der Ausbeutung angehäuft wurde, neu zu verteilen. Der Text ist mit einem Hauch Humor durchsetzt, der sich auf den neuen Hebel bezieht, der das Dokument signiert: „Subcowmandante Marcos“ – eine Anspielung sowohl auf den ehemaligen Sprecher der EZLN (Anm. d. Übers.: Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung) [1] als auch auf bestimmte ASCII-Kühe aus der Hackerkultur.

Hier können Sie auf die Textdatei zugreifen:

https://docs.google.com/document/d/1oxv2D1OC3DHL2XFD9eL0_TbB78FNBwKgDAv0GDfpD4g/mobilebasic

Die Story beginnt an einem angemessenen Jahrestag. Vor einem Jahrhundert ereignete sich der erste politisch motivierte Raubüberfall in Lateinamerika nach der Semana Trágica in Argentinien, als Polizei, Soldaten und antisemitische Bürgerwehrleute Hunderte von Anarchisten und Juden ermordeten.

Mit dieser Enteignung begann ein Jahrzehnt, in dem Anarchisten trotz extremer staatlicher Repressionen Angriffe auf Banken in der gesamten Region verübten. Heute ist es für Staaten und Repressionskräfte – unter der Prämisse der erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen – schwierig, einen (Anm. d. Übers.: digitalen) Bankraub mit demjenigen in Verbindung zu bringen, der ihn begangen hat.

Privatsphäre für die Schwachen, Enthüllung der Mächtigen

Der Guide erklärt detailliert das anfängliche Eindringen, die Verschärfung von Berechtigungen innerhalb des Banksystems und bietet einen Crashkurs an, wie man durch die internen SWIFT-Netzwerkoperationen navigiert, bis Geld überwiesen, dann abgehoben und anonym in Kryptowährung umgewandelt werden kann. Er verweist auch auf einen Auszug aus internen Daten der Bank und verteidigt deren Offenlegung als Mittel, um diejenigen zu entlarven, die an der Spitze der wirtschaftlichen Hierarchien stehen, geschützt durch die Privilegien eines „Systems, das ihnen zugute kommt“.

“They feel the ‘danger’ about an offshore bank and its clients with much more intensity than they feel the misery of those dispossessed by this unfair and unequal system.”

„Sie spüren die ‚Bedrohung‘ einer Offshore Bank und deren Kunden mit viel größerer Intensität, als sie das Elend derjenigen spüren, die von diesem unfairen und ungleichen System enteignet wurden.“

Diese Darstellung ist nur ein weiteres Beispiel für die Strategien, die wir in diesem ungleichen, anhaltenden Konflikt verfolgen können. Derselbe Krieg, den Präsident Sebastián Piñera (Anm. d. Übers.: Präsident Chiles) vor einigen Wochen im Namen von Staat und Kapital öffentlich als Kampf eingestuft hat.

Lerne zu hacken, hacke um zu heilen

Nach Ansicht des „Subcowmandante“ muss Hacking nicht so ausgeklügelt sein, wie es die Sicherheitsindustrie und die Nachrichtendienste möchten, dass wir es glauben. Der Guide zeigt, dass Social Engineering und Phishing, kombiniert mit einigen operativen Kenntnissen über Windows Hacking, ausreichen sollten, um in die Netzwerke der meisten Unternehmen einzudringen.

Um dies noch zu verstärken, entmystifiziert die Publikation das Verfahren, mit dem der berühmte Hack in die Gewölbe des Hacking-Teams gelang (Anm. d. Übers.: Hacking Team war ein Unternehmen, das sich auf die Entwicklung von Malware spezialisiert hatte, die häufig verwendet wurde, um Journalisten und Aktivisten im Namen repressiver Regierungen anzugreifen. Phineas Fisher hackte das Hacking Team und veröffentlicht ihren Code.) „Du musst kein Genie sein, das bin ich ganz sicher nicht.“ Hartnäckigkeit und Entschlossenheit sind viel wertvoller, wird betont.

Die Publikation hebt auch die Bedeutung der Selbstfürsorge hervor, ein Schwerpunkt, der in der bisher vorherrschenden Hackerkultur selten war, die eher von männlicher Tapferkeit, Prahlerei, Zwanghaftigkeit und Selbstzerstörung geprägt ist.

“Hacking made me feel alive. It started as a way of self-medication for depression. Later I realised that, in fact, it could be used to do something positive […] but if you feel it is feeding your isolation, depression, or any other conflicts related to your mental health, make a pause.”

„Durch das Hacken fühlte ich mich lebendig. Es begann als eine Methode der Selbstmedikation bei Depressionen. Später wurde mir klar, dass es tatsächlich dazu benutzt werden könnte, etwas Positives zu tun, […] aber, wenn du das Gefühl hast, dass es deine Isolation, Depression oder andere Konflikte im Zusammenhang mit deiner psychischen Gesundheit nährt, leg eine Pause ein.“

Es ist sehr ermutigend, eine hackende Person zu sehen, die ihre Sorgen über das geistige Wohlbefinden und die Bedeutung der Pflege einer echten persönlichen Verbindung zu anderen Menschen zum Ausdruck bringt.

Aufruf an alle Hacker

Einige Punkte in dem Zine können kontrovers sein. Zum Beispiel der pragmatische Ansatz bei Kryptowährungen: „… sie sind einer hyperkapitalistischen Dystopie näher als der sozialen Ökonomie, von der wir träumen“, aber dennoch gelten diese heute als wirksames Instrument, um Kontrollen zu umgehen und enteignetes Geld zu verteilen.

Der Text schließt mit einer Ankündigung über ein „Bug-Bounty-Programm für Hacktivisten„, in dem ein Teil der enteigneten Mittel angeboten wird im Austausch gegen effektive Leaks im öffentlichen Interesse.

Es folgt eine Liste von vorgeschlagenen Zielen: Bergbau-, Holz- und Viehzuchtbetriebe; Firmen, die Rojava angreifen (Anm. d. Übers.: Damit dürften Firmen gemeint sein, die Kriegsgerät an die türkische Armee liefern); Überwachungsunternehmen, militärische und private Gefängnisgesellschaften; Unternehmenslobbyisten …

Nicht nur vollständige Hacks kommen für eine Belohnung in Frage, da ebenfalls technisches Mentoring angeboten wird und nicht nur traditionelles Computer-Hacking zum Tragen kommen muss:

Physischer Zugang, das Anzapfen von Mikrofonanlagen und Netzwerken gehören zu den vorgeschlagenen Möglichkeiten, um bösartige Unternehmen auszuspionieren und dabei alle Mittel zu nutzen, die anderen dabei helfen können, die volle Kontrolle über eine breite Palette von Unternehmen zu erlangen, die den „Menschen und dem Planeten schaden“.

Dieses andere Ego des Sub Marcos (oder, warum nicht, das revolutionäre Snowden Spiel bei Nacht) will eine Multi-Millionen-Industrie untergraben, die heute Überwachung, Repression und Ausbeutung unterstützt. Was wir lesen, ist ein echter Appell an die Hacker der Welt, zu ihren (Anm. d. Übers.: digitalen) Waffen zu greifen. Sie werden aufgefordert, ihre Sympathie für eine alternative Zukunft zum Ausdruck zu bringen, aus den Reihen derjenigen zu desertieren, die Schaden anrichten, und eine koordinierte Offensive gegen das Kapital zu forcieren.

Wir sind uns sicher, dass die Mainstream-Medien versuchen werden, dieses anarchistische Hackerprojekt verzerrt darzustellen. Aber wir wissen auch, wie viel Kraft aus der Vielfalt unserer Kämpfe entstehen kann. In Anlehnung an die Gesänge, die während der Revolte in den Straßen von Santiago zu hören waren, erwarten wird, dass von nun an „Hackear, Expropiar, otra forma de luchar“ (Hack, Enteignung, eine andere Form des Kampfes) auch in vielen Ecken des Netzes zu hören sein wird.


Quellen und Anmerkungen

[1] Subcomandante Marcos wurde 1994 als politische Kunstfigur erschaffen. Beim zapatistischen Aufstand in San Cristobal de las Casas (Chiapas/Mexico) trat Marcos erstmals auf und bezeichnete sich als Sprecher der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (Ejército Zapatista de Liberación Nacional; EZLN). Im Mai 2014 erklärte die EZLN, die Figur Marcos würde nicht mehr existieren. Seine Identität wurde nie eindeutig geklärt.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag erschien in Englisch auf CrimethInc unter dem Titel Hacking Back: “How to Rob a Bank”. Er wurde vom ehrenamtlichen Team von Neue Debatte übersetzt und veröffentlicht, um unabhängig von der juristischen oder moralischen Bewertung des Hackertums eine umfassende und kritische Diskussion über die zunehmenden sozialen Kämpfe in der Welt zu ermöglichen, die auf allen gesellschaftlichen und technologischen Ebenen ausgetragen werden.


Illustration: Marcos

Dezentrales Netzwerk bei | Webseite

CrimethInc.com versteht sich als Allianz von Rebellen und als dezentrales Netzwerk, das sich zu anonymen kollektiven Aktionen verpflichtet hat. CrimethInc.com will das Leben und die Welt nach den Prinzipien der Selbstbestimmung und der gegenseitigen Hilfe neu erfinden.

You may also like...

Wie ist Deine Meinung?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.