Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 8)

Dem Krieg als Außenpolitik der primitiven Gesellschaft entspricht eine Innenpolitik, ein unbeugsamer Konservatismus dieser Gesellschaften.

Dieser Konservatismus drückt sich dadurch aus, dass sich die primitive Gemeinschaft unaufhörlich auf ein traditionelles Normensystem bezieht, auf das Gesetz der Ahnen, dem man immer Achtung erweisen muss, dem man keinerlei Veränderung antun kann.

Die primitive Gesellschaft trachtet danach, ihr Sein selbst zu erhalten; sie will in ihrem Sein beharren. Aber woraus besteht dieses Sein, was ist dieses Sein? Es ist ein ungeteiltes Sein. Der gesellschaftliche Körper ist homogen, die Gemeinschaft ist ein WIR. Der Konservatismus primitiver Gesellschaften sucht Neuerungen zu verhindern, er will, dass durch die Achtung des Gesetzes die Unteilbarkeit der Gemeinschaft aufrechterhalten wird, er versucht, die Erscheinung von Teilung in der Gesellschaft zu verhindern.

Dieser Zielrichtung entspricht sowohl die ökonomische Ebene (Reichtum kann nicht akkumuliert werden) als auch die Ebene der Machtverhältnisse (der Häuptling ist nicht dazu da zu befehlen). Daraus besteht also die Innenpolitik der primitiven Gesellschaft: sich als ungeteiltes WIR zu erhalten als ungeteilte Totalität.

Das bedeutet nun andererseits, dass dieser Beharrungswille auf ein ungeteiltes WIR alle Gemeinschaften gleichermaßen erregt: die Position vom SELBST einer jeden Gemeinschaft schließt schon Gegnerschaft, Feindschaft mit anderen ein, der Kriegszustand dauert genauso lange an und ist genauso dauerhaft wie die gegenseitige Aufrechterhaltung der Autonomie. So lange, bis sich eine von ihnen dazu als unfähig erweist und eine von den anderen zerstört wird.

Die beiden Fähigkeiten: Das strukturelle Feindschaftsverhältnis aufrechtzuerhalten und den kriegerischen Unternehmungen der anderen Widerstand zu leisten, kurz: Die kriegerische Fähigkeit einer jeden Gemeinschaft ist die Voraussetzung ihrer Autonomie.

Mit anderen Worten: Der permanente Kriegszustand und der periodisch geführte Krieg erscheinen prinzipiell als die Mittel, um gesellschaftliche Veränderungen in primitiven Gesellschaften zu verhindern. Die Dauerhaftigkeit der primitiven Gesellschaft beruht also auf dem andauernden Kriegszustand, die erfolgreiche Politik nach innen (Aufrechterhaltung des ungeteilten und autonomen WIR) beruht auf dem Funktionieren der Politik nach außen (Bündnisse schließen zur Kriegsführung): Der Krieg ist das Herz des primitiv-gesellschaftlichen Seins, er ist der Motor des gesellschaftlichen Lebens.

Um sich als WIR denken zu können, muss die Gesellschaft zugleich ungeteilt (Eines) und unabhängig (Totalität) sein: die innere Ungeteiltheit und das äußere Gegenüber ergänzen sich, ein jedes ist die Bedingung des anderen. Wenn der Krieg aufhört, dann hört auch das Herz der primitiven Gesellschaft auf zu schlagen. Der Krieg ist ihr Fundament, das eigentliche Leben ihres Seins, er ist ihr Zweck: Die primitive Gesellschaft ist Gesellschaft für den Krieg, sie ist im Wesen kriegerisch [10].

Die Zerstreuung der lokal gebundenen Gruppen, dieser Charakter der primitiven Gesellschaft, der am unmittelbarsten wahrnehmbar ist, ist also nicht Ursache, sondern Ergebnis des Krieges, sein spezifischer Zweck. Welche Funktion hat also der primitive Krieg? Er ist dazu da, diese Zerstreuung abzusichern, dauerhaft zu machen, die Zerstückelung und Atomisierung der einzelnen Gruppen abzusichern.

Der Krieg bei den primitiven Völkern ist die Arbeit einer zentrifugalen Logik, einer Logik der Trennung, die sich von Zeit zu Zeit im bewaffneten Konflikt entlädt [11]. Der Krieg dient dazu, jeder Gemeinschaft ihre politische Unabhängigkeit zu erhalten. Solange es Krieg gibt, solange gibt es Autonomie: deswegen kann und darf er nicht aufhören, deswegen ist er permanent existent.

Der Krieg ist die bevorzugte Existenzweise der primitiven Gesellschaft, insofern sie sich auf gleiche freie und unabhängige sozio-politische Einheiten verteilt: Würden die Feinde nicht existieren, dann müsste man sie erfinden.

Die Logik der primitiven Gesellschaft ist also eine zentrifugale, eine Logik des Vielfältigen. Die Wilden streben nach der Vervielfältigung des Vielfältigen. Was hat diese Erhaltung der zentrifugalen Kraft nun für ein Ergebnis? Sie stellt der entgegengesetzten, der zentripetalen Kraft, der Logik des Einen, eine unüberwindbare Barriere, das mächtigste gesellschaftliche Hindernis entgegen. Weil sie eine Gesellschaft des Vielfältigen ist, kann die primitive Gesellschaft keine Gesellschaft des Einen sein: es gibt mehr Zerstreuung als Vereinheitlichung. Man sieht demzufolge, wie die gleiche unerbittliche Logik die Innen- und Außenpolitik der primitiven Gesellschaft bestimmt.

Die Gemeinschaft will einerseits in ihrer Ungeteiltheit verharren und verhindert deswegen, dass sich eine vereinheitlichende Instanz vom gesellschaftlichen Körper abtrennt – die Gestalt des befehlenden Häuptlings – und dass so eine soziale Trennung zwischen Herr und Untertan errichtet wird.

Andererseits will die Gemeinschaft auf ihrem autonomen Sein beharren, das heißt: unter ihrem eigenen Gesetz bleiben. Sie verweigert also alles, was sie zur Unterwerfung unter ein außenstehendes Gesetz führen würde, sie widersetzt sich der Tatsache, dass das vereinheitlichende Gesetz vom Außenstehenden kommen müsste.

Welche ist nun diese legale Macht, die alle Unterschiede vereinigt, indem sie sie unterdrückt? Die dadurch existiert, dass sie die Logik des Vielfältigen abschafft, indem sie sie durch die entgegengesetzte Logik der Vereinheitlichung ersetzt? Welches ist der andere Name für dieses Eine, das die primitive Gesellschaft in ihrem Innersten ablehnt? Das ist der Staat.

Wir wiederholen: Was ist der Staat? Er ist das vollendete Zeichen der Teilung der Gesellschaft, da er das von ihr abgetrennte Organ der politischen Macht ist: von diesem Zeitpunkt an ist die Gesellschaft geteilt zwischen denen, die die Macht ausüben, und denen die sie erleiden. Die Gesellschaft ist kein ungeteiltes WIR mehr, keine ungeteilte Totalität, sondern ein zerstückelter Körper, ein heterogen-gesellschaftliches Sein.

Die gesellschaftliche Teilung, die Entstehung des Staates sind der Untergang der primitiven Gesellschaft. Um die Unterschiedenheit behaupten und leben zu können, muss sie ungeteilt sein. Ihr Wille, eine alle anderen ausschließende Totalität zu sein, beruht auf der Ablehnung der gesellschaftlichen Teilung: Um sich als ein das Andere ausschließendes WIR denken zu können, muss dieses WIR ein homogen-gesellschaftlicher Körper sein.

Die Zerstückelung nach außen, die Unteilbarkeit nach innen – dies sind die beiden Gesichter einer Wirklichkeit, die beiden Seiten einer einzigen soziologischen Funktionsweise der gleichen gesellschaftlichen Logik. Um wirksam die Welt der Feinde angreifen zu können, muss die Gemeinschaft einig, homogen, ungeteilt sein.

Und umgekehrt braucht sie, um in der Ungeteiltheit existieren zu können, den Feind, auf dessen Gesicht sie das Bild ihres eigenen einheitlichen gesellschaftlichen Seins ablesen kann. Sozio-politische Autonomie und soziologische Unteilbarkeit bedingen sich gegenseitig.

Die zentrifugale Logik der Zerbröselung ist die Verweigerung des vereinheitlichenden Einen. Das bedeutet, dass die primitiven Gesellschaften niemals große sozio-demographische Dimensionen erreichen können, da ihre Grundtendenz in Richtung Zerstreuung geht und nicht in Richtung Konzentration; in Richtung Atomisierung und nicht hin zur Zusammenfassung.

Beobachtet man innerhalb einer primitiven Gesellschaft zentripetale Kräfte, die in Richtung Groß-Einheiten wirken und die Gesellschaft umschichten, dann bedeutet das, dass diese Gesellschaft im Begriff ist, ihre primitive Logik der zentrifugalen Kraft zu verlieren, dann bedeutet das, dass die Gesellschaft Totalität und Einheit verliert, dann heißt das, dass sie dabei ist keine primitive Gesellschaft mehr zu sein [12].

Die Ablehnung der Vereinheitlichung, die Ablehnung eines abgetrennten Einen bedeutet: Gesellschaft gegen den Staat.

Jede primitive Gesellschaft will unter dem Zeichen ihres eigenen Gesetzes bleiben (Autonomie, politische Unabhängigkeit), welches gesellschaftliche Veränderungen ausschließt (die Gesellschaft will das bleiben, was sie ist: ungeteiltes Sein). Die Ablehnung des Staates ist die Ablehnung der Exogamie, des Gesetzes von außen; das bedeutet ganz einfach die Weigerung, sich zu unterwerfen, die in der Struktur der primitiven Gesellschaft schon als solche verankert ist.

Nur Dummköpfe können glauben, dass man Entfremdung zuerst erleiden und durchstehen muss, um sie dann ablehnen zu können: Die Ablehnung von Entfremdung (ökonomische und politische) gehört zum Sein dieser Gesellschaft, in ihr drückt sich ihr Konservatismus aus, ihr fest entschlossener Wille, ungeteiltes WIR zu bleiben. Das ist ein fest verankerter Wille und nicht nur das Ergebnis einer funktionierenden gesellschaftlichen Maschine: Die Wilden wissen sehr wohl, dass jede Veränderung ihres gesellschaftlichen Lebens (jede gesellschaftliche Neuerung) für sie nur den Verlust ihrer Freiheit zur Folge haben könnte.

Was ist nun die primitive Gesellschaft? Eine Vielfältigkeit verschiedener Gemeinschaften, die alle ein und derselben zentrifugalen Logik gehorchen.

Welche Institution garantiert die Dauerhaftigkeit dieser Logik und drückt sie zugleich aus? Der Krieg. Er ist das Wahrhaftige in den Beziehungen zwischen den Gemeinschaften, das soziologische Hauptmittel, um die zentrifugale Kraft der Vereinheitlichung durchzusetzen und zu stärken.

Die Kriegsmaschine ist der Motor für die Sozialmaschine, das primitiv-gesellschaftliche Sein beruht gänzlich auf dem Krieg, die primitive Gesellschaft kann ohne den Krieg nicht bestehen. Es gibt viel mehr Krieg als Vereinheitlichung. Der beste Feind des Staates ist der Krieg. Die primitive Gesellschaft ist eine Gesellschaft gegen den Staat, in dem Maße und solange sie eine Gesellschaft-für-den-Krieg ist.

Wir kommen hier erneut auf den Gedanken von Thomas Hobbes zurück. Mit einer nach ihm verloren gegangenen Klarheit vermochte es dieser englische Denker, die tiefliegende Verbindung zwischen Krieg und Staat zu enthüllen, das enge, nachbarschaftliche Verhältnis zwischen diesen beiden Polen aufzudecken.

Er sah, dass Krieg und Staat sich widersprechende Ausdrücke sind, dass sie nicht miteinander existieren können, dass ein jeder von beiden die Negation des anderen beinhaltet: der Krieg verhindert den Staat, der Staat verhindert den Krieg.

Der enorme aber für einen Mann seiner Zeit fast unvermeidliche Irrtum bestand darin, dass er annahm, dass diejenige Gesellschaft, die auf dem Krieg aller gegen alle basiert, eben gerade deswegen keine Gesellschaft sei; dass also die Welt der Wilden keine gesellschaftliche Welt sei; dass infolgedessen die Institution Gesellschaft aus der Beendigung des Krieges hervorgeht, dass Gesellschaft durch die Erscheinung des Staates gebildet würde, dass der Staat eine anti-kriegerische Maschine par excellence sei.

Nicht fähig, die Welt der Wilden als gesellschaftliche zu denken, hat Hobbes dennoch als erster gesehen, dass man Krieg nicht ohne Staat denken kann, dass man sie in einer sich gegenseitig ausschließenden Beziehung denken muss. Für ihn bildet sich das gesellschaftliche Band zwischen den Menschen dank dieser „allgemeinen Macht, die alle in Schach hält“: durch den Staat der gegen den Krieg ist.

Was antwortet ihm die primitive Gesellschaft, in der der permanente Krieg stattfindet? Sie dreht den Ansatz von Hobbes um und verkündet, dass die Maschine der Zerstreuung gegen die Maschine der Vereinheitlichung funktioniert, sie sagt uns, dass der Krieg gegen den Staat arbeitet [13].


Weitere Teile

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 1)

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 2)

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 3)

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 4)

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 5)

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 6)

Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt (Teil 7)


Quellen und Anmerkungen

[10] Erinnern wir uns hier mal nicht an die Diskussion der Abendländer über den primitiven Krieger, sondern an eine weniger beachtete aber aus der gleichen Logik stammende Diskussion: die der Inkas. Von den Stämmen, die sich an den Grenzen ihres Reiches aufhielten sagten die Inkas, dass diese Wilden immer im Kriegszustand wären: deswegen haben sie versucht, sie über den Weg der Eroberung in die pax inciana zu integrieren.

[11] Diese Logik betrifft nicht nur die Beziehungen innerhalb der Gemeinschaften, sondern die Art und Weise ihres Funktionierens als solche. In Süd-Amerika geht ein Teil des Volkes weit weg, um ein anderes Dorf zu gründen, wenn das Bevölkerungswachstum die für optimal gehaltene Marke überschreitet.

[12] Die Tupi-Guarani aus Süd-Amerika sind solch ein Fall, bei dem die Gesellschaft zerstört wurde, als die Neue Welt entdeckt wurde. Und zwar durch die zentripedalen Kräfte, durch eine Logik der Vereinheitlichung.

[13] Bei diesem archäologischen Versuch über die Gewalt stellen sich verschiedene ethnologische Probleme: Welches Schicksal würde diejenigen primitiven Gesellschaften erwarten, die sich durch die Kriegsmaschine hinreißen lassen würden? Würde es nicht die Gefahr gesellschaftlicher Teilung heraufbeschwören, wenn man einer Gruppe – den Kriegern – Autonomie gewähren würde? Wie reagieren primitive Gesellschaften, wenn dieser Fall eintritt? Wesentliche Fragen, da sich hinter ihnen die übergreifende Frage verbirgt: Unter welchen Bedingungen kann gesellschaftliche Teilung in der ungeteilten Gesellschaft entstehen? – Diese und andere Fragen müssen noch durch Untersuchungen beantwortet werden, dieser Text ist nur ein Anfang.


Über den Autor: Pierre Clastres (1934 – 1977) war ein französischer Ethnologe der durch seine Arbeiten zur politischen Anthropologie, sein anarchistisches Engagement und für seine Monographie über die Guayaki (auch Aché genannt), eine indigene Gruppe, die heute im Osten Paraguays lebt und die aufgrund ihrer Lebensweise zu den Jägern und Sammlern gezählt werden, bekannt wurde.


Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Pierre Clastres erschien im französischen Original 1977 unter dem Titel Archéologie de la violence. La guerre dans les sociétés primitives in der Zeitschrift Libre. Es wurde als Übersetzung mit dem Titel Archäologie der Gewalt, Die Rolle des Krieges in primitiven Gesellschaften in Autonomie (Nr. 8, August 1977, S. 25–42) veröffentlicht. Der Beitrag wurde von der Anarchistischen Bibliothek archiviert und von Neue Debatte übernommen, um eine kritische Diskussion über die Bedeutung und Hintergründe von Gewalt und Krieg in den Zivilisationen und Massengesellschaften der Gegenwart zu ermöglichen. Der Text wurde redaktionell überarbeitet. Einzelne Absätze wurden eingefügt und Abschnitte zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.

Illustration: Neue Debatte

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