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Freelance Journalists Union: Medienarbeiter organisieren sich

Freiberufliche Journalisten auf der ganzen Welt sehen sich mit den gleichen Ungerechtigkeiten konfrontiert wie alle anderen Arbeitnehmer, doch die Art ihrer Tätigkeit stellt die gewerkschaftliche Organisation vor einzigartige Herausforderungen. Kürzlich haben einige amerikanische Journalisten die Freelance Journalists Union (FJU) gegründet, um zu versuchen, Ungerechtigkeiten in der Branche zu bekämpfen, darunter ausbleibende Zahlungen für erbrachte Dienstleistungen und mangelhafte Gesundheitsvorsorge.

Industrial Worker wandte sich an die FJU und wurde mit Justin Glawe, einem in Dallas, Texas, arbeitenden freien Journalisten in Kontakt gebracht. Justin, ein Veteran der Branche, hat selbst erlebt, welche Missstände bei freiberuflichen Journalisten herrschen. Im Interview sprechen er und ein Mitorganisator, der anonym bleiben möchte, diese Probleme an. Sie erklären, wie freiberufliche Journalisten von großen und kleinen Publikationen ausgenutzt werden und welche Schritte die FJU unternimmt, um überall faire und gleiche Arbeitsbedingungen für Freiberufler zu erreichen.

Freelance Journalist Union (Foto: IWW/FJU)

J. A. Hanrahan: Ich hatte es schon in der E-Mail, die ich geschickt habe, angesprochen, aber könntet ihr mir einfach nur zum Auffrischen einen kurzen Überblick darüber geben, warum die FJU gegründet wurde, und was ihr Zweck und ihr Ziel ist?

Justin Glawe: Ja, klar. Ich meine, es ist wirklich ziemlich einfach. Die FJU wurde gegründet, weil es im Moment nicht wirklich eine solche Organisation für unabhängige Medienmitarbeiter und freie Journalisten gibt. Diese Art von Einrichtung existiert einfach nicht in der Art und Weise, die für Leute, die in diese beiden Kategorien passen, überhaupt nützlich wäre. und dies besonders in einer Zeit, in der es jeden Monat mehr schlechte Nachrichten über große und kleine, nationale und lokale Publikationen zu geben scheint, die Kündigungen und Entlassungen vornehmen. Viele dieser Leute kehren ja als freie Mitarbeiter wieder in die Branche zurück.

Diese beiden Gründe – der erste ist, dass es keine organisierte Vertretung für Freiberufler gibt, und dann auch die Tatsache, dass wir meines Erachtens immer mehr werden, und falls wir nicht immer mehr werden, steigt definitiv unsere kollektive Macht über die Branche durch die Menge an Inhalten, die wir für Veröffentlichungen bereitstellen. Ich denke, das gibt uns eine gewisse Verhandlungsmacht, wodurch diese ganze Organisationssache zu einer wichtigen Aufgabe wird.

JH: Ja, ja, natürlich. Und ihr seid ja noch in der Anfangsphase, richtig? Gab es bisher keine größeren Streitigkeiten?

JG: Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir noch immer Anrufe von der ersten Besprechung Ende März entgegennehmen. Wir finden die Zeit, um mit den Menschen zu reden, die sich bei uns meldeten, nachdem wir uns der Öffentlichkeit angekündigt hatten. Das Resultat war so großartig, dass wir immer noch mit diesem Ansturm zu tun haben. Am Anfang hatten wir das Organisationskomitee, eine Gruppe von, ich weiß nicht genau, etwa sieben oder acht Personen, die im letzten Jahr mit Ideen herumwarfen. Wir organisieren immer noch, aber es ist jetzt eine breitere Koalition von Leuten, wegen all der Menschen, die sich an uns gewandt haben.

JH: Ist das eher eine US-zentrierte Sache oder erreicht ihr Menschen aus der ganzen Welt?

JG: Nun, eigentlich sind sie es, die uns erreichen. Es sind hauptsächlich Amerikaner, aber aus dem Gedächtnis weiß ich, dass es Leute in Großbritannien gibt, die zu uns gekommen sind, und es gibt einen Amerikaner mit Sitz in Paris, der zu zu uns gefunden hat. Der Organisator kann dir wahrscheinlich ein wenig mehr darüber erzählen, es gibt aber ein internationales Kontingent.

Anonymer Organisator: Als wir im September (Anm.: d. Übers.: 2018) anfingen, konzentrierten wir unsere Bemühungen auf US-Publikationen, da wir hauptsächlich für sie schreiben, aber es ist das Ziel, uns nicht nur auf Freelancer in den Vereinigten Staaten zu beschränken, sondern auch auf andere englischsprachige Länder und Orte, wo die internationale Berichterstattung mit den US-Medien in Verbindung steht.

Von Anfang an war es definitiv international. Als wir im März mit dem Aufruf begannen, bekamen wir Anfragen von Freelancern, die in keiner Weise mit den US-Medien in Verbindung stehen, aber dennoch an der Organisation interessiert sind, und wir wollten diese Leute natürlich nicht abweisen, da sie mit den gleichen Problemen konfrontiert sind, nur in einem internationalen oder regionalen Umfeld. Wir haben probiert, ihnen so gut wie möglich zu helfen und versucht, Kampagnen in ihren Gemeinden zu organisieren. In El Salvador und im Libanon sind wir mit Leuten in Kontakt gekommen, die daran interessiert sind, parallele Aktionen zu organisieren, und wir versuchen, ihnen die Informationen und Ressourcen der IWW zu geben, damit sie das, was wir hier getan haben, in ihrem eigenen nationalen oder regionalen Kontext wiederholen können.

Freelance Journalists Union Logo

JH: Für Leser, die vielleicht nicht wissen, welche Kämpfe ein Freelancer zu bestehen hat, könntet ihr ein paar Beispiele von Publikationen und großen Unternehmen nennen, die Freiberufler ausnutzen?

JG: Die Art und Weise, wie ich es den Leuten oft beschreibe, ist, dass es die einzige Branche ist, in der ein selbständiger Unternehmer, denn das sind wir, losgeht und seine Artikel verkaufen muss, also das Produkt, das wir für sie (Anm. d. Übers.: die Leserschaft) bereitstellen wollen, genehmigen lassen müssen, dann die Arbeitsleistung erbringen, um das Produkt zu erstellt, ohne dafür aber in einem normalen Umfang Kompensation zu erhalten.

Wenn ein Klempner sagt, dass seine Arbeit dies oder das kosten wird, haben sie einen Stundensatz, und man bezahlt ihn, wenn er die Rechnung stellt. So funktioniert das aber nicht bei Freiberuflern. Das ist nur ein kleiner Teil dessen, womit wir es zu tun haben, aber es ist ein logistischer und finanzieller Aspekt.

Ich habe zwei Stories, an denen ich arbeite, an der einen seit vier Monaten und an der anderen seit sechs Monaten. Wir sprechen also über Hunderte von Arbeitsstunden; alle möglichen Arten von Zeit und Ressourcen werden für diese Dinge aufgewendet. Wahrscheinlich werde ich erst in vier bis sechs Monaten dafür bezahlt werden und der Betrag, den ich dafür bekomme, wird keinesfalls repräsentativ sein für die Zeit, die ich investiert habe.

Wir haben es mit Zahlungsverzug und einer rückständigen Zahlungsweise zu tun. Wir haben damit zu tun, dass wir für unsere Zeit nicht angemessen entschädigt werden. Und viele Leute haben Probleme, weil sie überhaupt nicht bezahlt werden, was hoffentlich selten vorkommt.

Außerdem sind Freiberufler für viele Publikationen das unterste Ende des Spektrums, also sind wir auch die letzten, die bezahlt werden, [und] wir sind die letzten, die irgendeine Art von Berücksichtigung hinsichtlich anständiger Arbeitsbedingungen erhalten. Wir sind der Meinung, dass das völlig unfair ist. Denn es ist nicht repräsentativ für die Arbeit, die Freiberufler leisten, und auch nicht für die Menge an Inhalten, die wir für diese Publikationen produzieren. Ohne Freelancer gäbe viele Zeitschriften gar nicht, und es gibt immer mehr von uns, die zu Publikationen beitragen, weil es immer weniger Vollzeitmitarbeiter gibt, so wie es eben in allen möglichen Branchen ist.

Alle gehen in Richtung des Modells der unabhängigen Unternehmer, der Gig-Wirtschaft, oder wie auch immer man es nennen will, und es ist nicht anders im Verlagswesen, ob es sich nun um eine nationale oder eine lokale Publikation handelt. Sie alle fangen an, diese Art von Teilzeitarbeit anzuwenden. Wir haben dennoch das Gefühl, dass wir jetzt an einem günstigen Moment angekommen sind, um uns durchzusetzen und zu sagen: ‚Hey, ihr müsst anfangen, uns besser zu behandeln, denn ohne uns existiert ihr nicht.‘

JH: Ihr hattet erwähnt, dass Freiberufler unabhängige Unternehmer sind; als ich das letzte Mal mit dem FJU telefonierte, wurde ich darüber informiert, dass unabhängige Unternehmer in den USA arbeitsrechtlich anders behandelt werden als jemand mit einem Vollzeitjob. Könntet Ihr kurz darauf eingehen, warum es in gewissen Punkten nachteilig sein kann, als unabhängiger Auftragnehmer zu gelten?

JG: Nun, zum einen muss man sich selbst um die Gesundheitsvorsorge kümmern, was durch die Bemühungen, Obamacare zu kürzen, immer problematischer wird.

Ansonsten ist es wie alles andere. Ich habe früher in einer Fabrik in Peoria, Illinois, gearbeitet, wo ich ursprünglich auch herkomme. Es war eine Firma für Traktoren, ein riesiger globaler Traktorenkonzern, und alles war gewerkschaftlich organisiert. Alle, die in der Fabrik arbeiteten, vom Kantinenmitarbeiter bis hin zu dem, der den Motor zusammensetzt, waren in der Gewerkschaft.

Mit der Zeit verloren die Gewerkschaften an Macht, wurden bei den Verhandlungen über den Tisch gezogen und mehr und mehr Mitarbeiter wurden outgesourct. So habe ich dort meinen Job auch bekommen. Ich bekam zehn Dollar pro Stunde dafür bezahlt, einen Gabelstapler zu fahren, Teile zu holen und zur Fertigungslinie zu bringen. Ein Job, der früher, zehn Jahre bevor ich ihn bekam, ein Gewerkschaftsjob gewesen ist mit 20 Dollar pro Stunde und Sozialleistungen.

Man behandelt uns so: ‚Oh, hier ist Ihr kleines Honorar. Es tut uns leid, dass wir sechs Monate gebraucht haben, um es Ihnen zu geben, aber wir werden Ihnen auch nicht so viel zahlen wie den Angestellten, und machen Sie sich keine Gedanken bezüglich der Gesundheitsfürsorge oder so etwas.‘

Publikationen und Schreiber haben versucht, sich zu organisieren; wir haben diese Entwicklung in den letzten Jahren gesehen. Vice in New York, die LA Times, es gab bei Buzzfeed Bestrebungen, sich gewerkschaftlich zu organisieren, zumindest auf nationaler Ebene haben die Leute versucht, das zu tun. Was sie erreichen wollen, ist, sich gegen Typen wie mich zu schützen, die für zehn Dollar pro Stunde den Gabelstapler-Job in Peoria übernehmen. Das versuchen wir auch. Festangestellte haben ein bestimmtes Maß an Sicherheit, Zusatzleistungen und einen relativ sicheren Arbeitsplatz und, ehrlich gesagt, einen regelmäßigen Gehaltsscheck, den Freiberufler nicht haben. Wir wollen davon nur einen kleinen Teil bekommen. Bei unabhängigen Auftragnehmern gibt es nämlich keine Garantie, dass wir wöchentlich einen Scheck erhalten. Wir müssen töten und essen, was wir in der Wildnis finden, verstehst du, was ich meine?

Industrial Workers of the World Logo

AO: Aus einer eher juristischen Perspektive betrachtet, ist das Arbeitsrecht in den Vereinigten Staaten in allen Bereichen erbärmlich, aber es ist besonders schlecht für freie Mitarbeiter, weil wir von den Behörden nicht als Angestellte, sondern als selbständige Unternehmer angesehen werden.

Das wollen wir ändern, und wir können es langfristig schaffen, aber für den Moment sehen wir das IWW-Organisationsmodell, das auf Solidarität und kollektives Handeln setzt, als sofort verfügbar an. Wir denken, dass es ein viel besseres Modell für das Organisieren darstellt, als der traditionelle Weg.

JG: Richtig, aber lass mich da kurz einhaken, denn ich denke, das ist ein interessanter Punkt. Wenn du ein freiberuflicher Auftragnehmer bist, dann solltest du an den Verhandlungstisch gehen können, so wie es bei den Filmgewerkschaften beschrieben wurde, und sagen können: ‚Hört zu, Leute, ihr behandelt mich als unabhängigen Auftragnehmer, als Freiberufler, ich verdiene nicht so viel Kohle, ihr habt viele Mitarbeiter, aber die Arbeit, die ich mache, ist unerlässlich.‘

Nicht nur in den Medien, sondern in der gesamten Wirtschaft passiert es immer häufiger, dass die Menschen dieses Prinzip ignorieren und die Tatsache vergessen, dass wir für das finanzielle Gedeihen dieser Publikationen und der Unternehmen wichtige Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Aber wir werden nicht so behandelt, als ob wir unverzichtbar wären. Man behandelt uns so: ‚Oh, hier ist Ihr kleines Honorar. Es tut uns leid, dass wir sechs Monate gebraucht haben, um es Ihnen zu geben, aber wir werden Ihnen auch nicht so viel zahlen wie den Angestellten, und machen Sie sich keine Gedanken bezüglich der Gesundheitsfürsorge oder so etwas.‘

AO: Ja, das Phänomen, das Justin beschreibt, wird manchmal als „Fehlklassifikation“ bezeichnet. Dahinter steckt die Tatsache, dass Freiberufler eher wie „Permalancer“ behandelt werden, das heißt, sie füllen die Rolle eines Vollzeitbeschäftigten aus, erhalten aber weder den Schutz noch die Vorteile. Das ist etwas, das häufig vorkommt und viele der Freiberufler betrifft, die wir anzusprechen versuchen.

JH: Ja, ich weiß. So eine Gewerkschaft, zum Beispiel in einem Kaufhaus, kann ihre Forderungen durchsetzen, indem sie einen Streik auslöst. Es liegt aber in der Natur der freiberuflichen Arbeit, dass man sich zerstreut, auch weil man vor allem in virtuellen Bereichen tätig ist. Welche Strategien setzt ihr ein, um die Arbeitskräfte zu organisieren und um eure Forderungen durchzusetzen?

JG: Nun, ich denke, es ist weniger im Sinne von: ‚Hey, wir streiken einen Tag lang und deshalb beantwortet keiner von uns seine E-Mails.‘ Ich glaube nicht, dass das eine effektive Methode wäre.

Ich gehe zurück zu den Daten, der wachsenden Zahl der [Freiberufler], die es gibt. Ich sehe es eher als „Druck ausüben“, richtig? Druck in einzelnen Fällen und als Kollektiv auf Verlage und Zeitungen auszuüben und zu sagen: ‚Seht mal, hier ist, was wir verlangen, hier ist, was wir von euch wollen. Wir wollen fairer behandelt werden, so wie die Mitarbeiter behandelt werden.‘ Besonders für die Leute, die der Organisator als ‚Permalancer‘ bezeichnet hat. Ich denke, dass wir hier die Möglichkeit haben, bessere Arbeitsbedingungen für die Menschen zu erreichen, die von der traditionellen Art und Weise, wie alle die Arbeit unterbrechen und draußen auf einer Streikpostenkette stehen, getrennt ist. Ich denke, das ist es, worum es hier geht.

AO: Ja, also als nicht-traditionelle Arbeitnehmer, und als solche, die so dezentralisiert und atomisiert sind, gibt es Herausforderungen an die traditionelle Arbeiterorganisation, die wir auf ganz besondere Weise angehen müssen. Ich denke, eine Möglichkeit, wie wir es bereits getan haben, ist, uns zu fragen, wie wir die Öffentlichkeit erreichen können. Wie erreichen wir die Leute, die unsere Freunde und Kollegen sind, wenn es kein Büro, keine Fabrik, kein Geschäft gibt, in dem wir uns alle versammeln, also müssen wir unseren gemeinsamen Arbeitsraum, nämlich das Internet, nutzen …

Dort haben wir die Werkzeuge, um uns gegenseitig zu erreichen und über soziale Netzwerke, über soziale Medien, durch Videokonferenzen und Anrufe und ähnliches miteinander zu sprechen, um die Verbindungen herzustellen und die Solidarität aufzubauen, die das Herzstück jeder Gewerkschaft ist. Wir werden fast sicher ähnliche Taktiken anwenden müssen, wenn es darum geht, für unsere Forderungen zu kämpfen. Ob das nun öffentliche Bloßstellung, Meme oder ein Hashtag ist, das sind definitiv Wege, die wir nutzen müssen, denn unser Arbeitsplatz ist das Internet. Wenn wir einen Arbeitskampf haben, bringen wir ihn online.

Davon abgesehen gibt es traditionelle Taktiken, die uns offen stehen und sehr effektiv sein können. Ein Streikposten in der Zentrale einer Zeitung zum Beispiel ist sehr effektiv und eine ziemlich mächtige Sache, unabhängig davon, ob Freiberufler oder Angestellte dies tun. Ich denke, es würde auch eine Menge Publikationen überraschen, dass wir in der Lage sind, etwas im echten Leben zu organisieren, weil sie uns nicht wirklich als eine Klasse von Arbeitern ansehen, wie sie ihre festen Mitarbeiter aber sehen; wenn wir wie eine Arbeiterklasse handeln können, die etwas von der Macht, die wir haben, demonstriert.

Darüber hinaus denke ich, dass wir eine Taktik wie einen Streik anwenden könnten, nur dass es für uns eher ein Boykott wäre. Das ist nicht wirklich eine Schwäche; es kann eine Stärke sein, denn wenn man in einem traditionellen Umfeld arbeitet und streikt, gibt es wirklich keine andere Möglichkeit, Geld zu verdienen, wenn man nicht sehr schnell einen Teilzeitjob findet. Auf unserer Seite können wir aber fast einen unbefristeten Boykott durchführen, wenn wir versuchen, die Linie zu halten und unseren Mitgliedern und der Öffentlichkeit zu empfehlen, nicht für eine bestimmte Zeitschrift zu schreiben.

Unsere Mitglieder, die das Gefühl haben, dass sie aus finanziellen Gründen nicht das Privileg besitzen, ihre Arbeit einzustellen, können wir mit anderen Veröffentlichungsmöglichkeiten oder etwas Traditionellem wie einem Streikfonds unterstützen, um sie über Wasser zu halten.

Wir denken, dass in gewisser Weise unsere Flexibilität unser Vorteil und nicht unsere Schwäche ist. Wir können Arbeitskampfmaßnahmen durchführen, die viel vielfältiger sind als das, was traditionelle Gewerkschaften zustande bringen könnten.

JG: Es liegt in der Natur der Sache, dass wir uns organisieren, dass wir miteinander reden und dass wir einen Namen haben; das ist das Organisieren von Aktionen an sich. Ich denke, es ist eine mächtige Idee, die bereits jetzt Fortschritte bringt.

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JH: Wir sprachen vorhin über andere unabhängige Dienstleister, die sich erfolgreich organisiert haben, und das erste, was mir einfällt, wenn ich daran denke, ist die Writers Guild of America (Anm. d. Übers.: Die gemeinsame Gewerkschaft der Autoren in der Film- und Fernsehindustrie der Vereinigten Staaten.) und die Screen Actors Guild (Anm. d. Übers.: Eine 1933 gegründete Gewerkschaft für Schauspieler.), die in ihren jeweiligen Branchen sehr viel Einfluss haben. Die [Writers Guild of America] haben einen Mindestrahmenvertrag, und wenn die Produktionsstudios diesen nicht erfüllen, ist es fast unmöglich, Leute zu finden, die für sie Inhalte produzieren. Hat das FJU Pläne, etwas in dieser Richtung zu tun?

AO: Wir lassen uns auf jeden Fall von ihnen inspirieren, weil sie meiner Meinung nach zeigen, dass freie Auftragnehmer sich organisieren können, und ich denke, dass sie derzeit eine der stärksten Gewerkschaften des Landes sind, weil sie eine Branche buchstäblich stilllegen können, wenn das Management nicht mit ihnen zusammenarbeitet.

Wir wollen definitiv daran arbeiten, bis zu einem Punkt zu kommen, an dem wir auch so mächtig sind, aber ich denke, es lohnt sich auf jeden Fall, deren Bemühungen und ihren historischen Hintergrund zu verstehen. Die beiden Gewerkschaften im Bereich des Fernsehens und des Films haben sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts so richtig ins Zeug gelegt, als die Gewerkschaften in diesem Land auf einem viel höheren Niveau waren als heute. Sie waren in der Lage, eine Verhandlungseinheit zu bilden und Wahlen zu gewinnen und konnten die Unternehmensleitung auf einer stärkeren Basis herausfordern, als wir es aktuell können.

Das soll nicht heißen, dass diese Dinge nicht wichtig sind, und sie sind die Herausforderungen, die wir in der Zukunft angehen wollen, aber wir denken, dass wir nicht unbedingt dieses Maß an Macht haben, diese solide Basis an Unterstützung, die nötig wäre, um so etwas zu erreichen. Wenn wir dies jetzt zum Beispiel vor dem National Labor Relations Board (Anm. d. Übers.: Das NLRB ist eine unabhängige Behörde der Bundesregierung der Vereinigten Staaten, die für die Durchsetzung des US-Arbeitsrechts in Bezug auf Tarifverhandlungen und unlautere Arbeitspraktiken zuständig ist.) tun würden, riskieren wir nicht nur, den Kampf selbst zu verlieren, sondern wir könnten alle Arten der Arbeitsorganisation für die nächsten Jahrzehnte behindern, weil wir unsere Stärke überschätzt haben.

Es ist wichtig, zu betonen, dass der Grund dafür, dass es keine harten und schnellen Schritte eins, zwei und drei gibt, darin liegt, dass wir per Definition ein Kollektiv sind. Es gibt keinen ernannten Führer, es gibt keine hierarchische Führungsstruktur. Wir treffen Entscheidungen auf der Grundlage der Anregungen aus dem Kreis der Mitglieder.

JH: Sicher, natürlich, und was das politische Thema im Bereich des Journalismus betrifft, so wird es in den USA immer offensichtlicher, dass die Nachrichtenquellen zunehmend politische Positionen einnehmen. Einige Nachrichtenanbieter sind klar auf der Seite des politischen Systems. Glaubt ihr, dass das Auswirkungen darauf hat, welche Medien bereit sind, euch zuzuhören?

JG: Es könnte, es könnte sein, aber schau mal – es gibt auch Rechtsradikale, die freiberuflich tätig sind. Aber wenn du jemand bist, der für den Daily Caller oder den Washington Free Beacon oder etwas in der Art schreibt, und du steckst Monate und Monate in eine Geschichte und sie bezahlen dich nicht oder sie bezahlen dir weniger als das, was sie gesagt haben, sie würden dir bezahlen, kann ich fast garantieren, dass deine politischen Überzeugungen keinen Einfluss darauf haben, dass du unglücklich darüber bist, dass du nicht für deine Arbeit bezahlt wirst.

Also ja, die Leute werden eine Meinung haben, aber ich denke, der Kampf wird nicht darin bestehen, dass sich die Leute auf der rechten Seite das ansehen und sagen: ‚Oh, noch so eine gewerkschaftliche Sache, diese Leute jammern‘, ich denke, der wichtigste Aspekt ist die Haltung gegenüber der Presse im Allgemeinen. Ich denke, etwas, das wir überwinden müssen, ist diese Hürde, die in den letzten Jahren aufgebaut wurde, dass die Presse der Feind ist, dass wir unamerikanisch sind, dass wir darauf aus sind, Trump zu bekommen. Meiner Meinung nach ist genau das der springende Punkt.

AO: Ich denke, es ist es wert, darauf hinzuweisen, dass die IWW selbst nicht politisch ausgerichtet ist. Wir haben Mitglieder aus dem gesamten politischen Spektrum, aber laut unserer Satzung ist es uns verboten, Allianzen mit politischen Parteien einzugehen. In diesem Sinne können wir niemals von den Demokraten oder Republikanern oder etwas ähnlichem vereinnahmt werden. Die Mitglieder sind frei, alles zu tun, was sie wollen. Justin hat es gut ausgedrückt, selbst wenn man für ein rechtes Medium schreibt, wenn man nicht bezahlt wird, macht die Ideologie keinen Unterschied, denn man braucht das Geld. Sogar Rechte denken, dass ihre Chefs scheiße sind. Deshalb glauben wir, dass gewerkschaftliche Organisierung wichtig ist, nicht aus einer ideologischen Perspektive, sondern aus der reinen Sicht eines Menschen der Arbeiterklasse.

JG: Ich will diese Leute auch miteinbeziehen. Ich will Leute, die über verschiedene politische Überzeugungen schreiben und unterschiedliche politische Hintergründe haben. Ich will die Leute, die mit der Gewerkschaft zu tun haben, und ich will, dass klar ist, dass dies keine parteipolitische Sache ist, und ja, viele von uns neigen dazu, eher liberal zu sein, weil viele Leute, die in den Medien arbeiten, dazu neigen. Aber sieh mal, wenn du ein Schriftsteller und ein freier Journalist bist und du von einer Publikation fertig gemacht wirst, unterstützen wir deinen Kampf, wir unterstützen deine Sache. Wir heißen dich willkommen und du solltest dich uns anschließen. Wir können zusammen arbeiten; es spielt keine Rolle, ob du völlig entgegengesetzte politische Überzeugungen hast, hier geht es darum, bessere Arbeitsbedingungen für unsere Arbeit zu erreichen. Es spielt keine Rolle, woher du kommst. Wir wollen, dass das eine neue Entwicklung in der gesamten Branche ist, um allen möglichen Leuten zu helfen.

AO: Ich denke auch, dass sich diese Art von Vorgehen für eine realistischere und wertvollere Form der Politik eignet, bei der es nicht darum geht, Republikaner oder ein Demokrat zu sein: Es geht darum, dass die Arbeiter gemeinsam an dem Strang ziehen, um das zu bekommen, was wir brauchen. In vielerlei Hinsicht durchbricht das diese Art von politischer Spaltung.

JH: Ihr habt erwähnt, dass ihr euch noch in einem frühen Stadium befindet, aber wisst ihr schon, welche erste Aktion ihr als Gewerkschaft unternehmen wollt?

JG: Eine der ersten Maßnahmen, die wir ergreifen müssen, ist, eine Liste von Anliegen aufzustellen, sozusagen unsere Beschwerden zu äußern. Das machen wir auf unserer Website, würde ich sagen. Nachdem wir die Reaktion darauf ausgewertet haben, können wir herausfinden, was Schritt zwei ist.

Es ist wichtig, zu betonen, dass der Grund dafür, dass es keine harten und schnellen Schritte eins, zwei und drei gibt, darin liegt, dass wir per Definition ein Kollektiv sind. Es gibt keinen ernannten Führer, es gibt keine hierarchische Führungsstruktur. Wir treffen Entscheidungen auf der Grundlage der Anregungen aus dem Kreis der Mitglieder. Die Dinge brauchen ein wenig Zeit, denn es gibt nicht nur eine Person, die das Sagen hat. Es ist wichtig, dass die Leute verstehen, dass wir wirklich eine kollektive Organisation sind und dass es keine Führungsstruktur von oben nach unten gibt, die andere Gewerkschaften und andere organisatorische Bemühungen in der Vergangenheit gehabt haben.

AO: Absolut. Ich denke, dass Justin zu 100 % Recht hat, dass es keinen „Masterplan“ gibt. Wir sind eine wirklich demokratische Organisation, und das bedeutet, dass man sich, wenn man beitreten will, nicht an einen Plan halten muss, den wir uns bereits ausgedacht haben.

Wir konzentrieren uns auf die Öffentlichkeitsarbeit; wir konzentrieren uns auf den Aufbau einer demokratischen Struktur, damit die Menschen ihre Interessen in unserer Organisation vertreten können. Dies kann viele verschiedene Formen annehmen: eine Liste von Missständen, eine „Bill of Rights“.

Wenn es um mehr geht – also um die Durchführung von direkten Aktionen, wie du gefragt hast, machen wir unsere ersten Schritte in diese Richtung [indem wir] eine Umfrage durchführen, die unseren Mitgliedern die Möglichkeit gibt, uns mitzuteilen, welche Probleme mit bestimmten Publikationen bestehen. Wir wollen herausfinden, welche Verlage ihnen Geld schulden, welche Redakteure sie betreut haben; sehr konkrete Themen, die wir dann gemeinsam betrachten und sagen können: ‚Hier haben wir Probleme, hier brauchen wir einen Hebel. Wie können wir diese Informationen nutzen, um unsere nächsten Schritte zu planen?‘

Von dort aus ist es vielleicht eine Aufzählung von Forderungen, oder vielleicht ist es etwas Spezifischeres wie: ‚OK, es gibt eine beträchtliche Anzahl von uns, denen diese spezielle Publikation noch Geld schuldet, vielleicht sollten wir dem zuerst nachgehen‘.

Was auch immer dabei herauskommt, wird ein kollektiver Entscheidungsprozess sein, daher ist es wirklich schwierig zu sagen: ‚Das ist es, was wir als nächstes tun‘, denn das würde bedeuten, einen konkreten Plan zu haben, den wir allen aufzwingen, anstelle eines organischen Plans, der von unten nach oben sprudelt.

JG: Auf jeden Fall, auch wenn wir irgendwann einmal eine Bill of Rights haben werden. Das ist geplant, und das wird auch geschehen. Der Grund dafür, dass das ein wenig Zeit in Anspruch nehmen wird, ist, dass wir einen breiten Querschnitt der Branche befragen wollen und dass wir eine große Gruppe von Menschen mit ihren Anliegen einbeziehen wollen. Es gibt viele verschiedene Publikationen und es gibt viele verschiedene Autoren. Das wird am Ende eine ziemlich facettenreiche Liste sein, also wollen wir eine darauf abgestimmte Bill of Rights erstellen.

JH: Denkst du, dass es als Journalistenkollektiv relativ einfach sein wird, diese Dinge an die Öffentlichkeit zu bringen, weil man vielfältige Kontakte in der Branche hat und jeder in der FJU von Natur aus ein Autor ist?

JG: Absolut. Ich gehe immer wieder auf die Zahlen zurück, die wir tatsächlich haben. Für die beiden wichtigsten Publikationen, für die ich schreibe, arbeite ich schon seit fünf Jahren. Wenn ich auf Leute treffe oder wenn Leute mich kontaktieren, nehmen sie an, dass ich ein Mitarbeiter dieser Publikation bin. Die Leute sehen eine Verfasserangabe bei einer Veröffentlichung und nehmen an, dass diese Person ein Mitarbeiter ist. Es gibt nicht viele Menschen in den USA, die Journalisten sind. Wir sind nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, aber viele von uns haben eine ziemlich große Plattform und ein ziemlich großes Publikum. Das ist definitiv ein Vorteil, wenn diese „Bill of Rights“ und die Liste der Missstände herauskommt. Wir werden daher in der Lage sein, sie sehr effektiv zu verbreiten.

AO: [Freiberufler] könnten tatsächlich die größte Gruppe von Leuten sein, die zu den Nachrichten beitragen. Es ist zwar unklar, weil die Zahlen nicht sehr genau sind, aber das Büro für Arbeitsstatistik hat Daten über selbständige Schriftsteller und vollzeitbeschäftigte Medienarbeiter. Wenn man sich das ansieht, sind wir ihnen zahlenmäßig weit überlegen. Es deutet auch darauf hin, dass parallel zum Abbau von Angestelltenjobs die Zahl der Freelancer wächst.

JG: Wenn wir nicht in der Mehrheit sind, werden wir es bald sein. Genau wie bei allem anderen. Wählt man eine beliebige Branche aus, dann sieht man ein massives Anwachsen von freien Auftragnehmern, die über das gesamte wirtschaftliche Spektrum hinweg tätig sind. Ich bin sicher, dass es auch andere Beschäftigte in anderen Branchen gibt, die diese Gespräche führen. Wir werden immer mehr selbständige Unternehmer bekommen, so wie es im Moment aussieht. Man kann das als eine schlechte Entwicklung betrachten, ich aber sehe es als eine positive Sache an, denn wenn wir alle anfangen, miteinander zu reden, können wir der Katalysator für bessere Arbeitsbedingungen sein.


Freelance Journalists Union LogoRedaktioneller Hinweis: Das Interview von J. A. Hanrahan mit Justin Glawe erschien unter dem Titel Media Workers Organize bei Industrial Worker, der offiziellen Publikation der Industrial Workers of the World (IWW). Die IWW, zu der die Freelance Journalists Union (FJU) gehört, gründete sich am 27. Juni 1905 in Chicago als Gewerkschaft, die marxistische, syndikalistische und anarchistische Elemente in sich vereinte. Bei zahlreichen bedeutenden Arbeitskämpfen trat die IWW in Erscheinung. Bei den Revolutionen in Mexiko, Russland und Spanien kämpften IWW-Mitglieder gegen Faschismus, Ausbeutung und Unterdrückung. Die IWW ist vor allem in den USA, Großbritannien, Kanada und Australien aktiv, hat aber seit 2006 auch in Deutschland und seit 2009 in Österreich eigene Strukturen. Die Mitglieder der IWW werden Wobblies genannt. Ihr Motto: Ein Angriff auf eine(n) ist ein Angriff auf alle! In Vergangenheit wie Gegenwart schlossen sich bekannte Persönlichkeiten der IWW an, darunter zum Beispiel Noam Chomsky, David Graeber oder der Mixed-Martial-Arts-Kämpfer Jeffrey William „The Snowman“ Monson. Neue Debatte hat das Interview von Industrial Worker übernommen und sinngemäß übersetzt, um eine kritische Diskussion über Formen der internationalen Organisation, Mobilisierung und des gemeinsamen Kampfes von Lohnabhängigen und Freiberuflern der Medienbranche gegen ausbeuterische Beschäftigungsverhältnisse im 21. Jahrhundert zu ermöglichen. Wir danken Industrial Worker für die Zustimmung der Veröffentlichung auf Neue Debatte.


Illustration: Neue Debatte, IWW, Industrial Worker und FJU (Freelance Journalists Union).

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