WDR-Kinderchor: Der neueste Kniff der Empörungsindustrie

1000-mal wird sich empört, 1000-mal ist nichts passiert. So oder ähnlich kann der Modus beschrieben werden, in dem hierzulande Themen abgearbeitet werden, die symbolisch durchaus gehaltvoll sind, essenziell jedoch wenig zu bieten haben.

Allerdings ist die Funktion des Empörungsmodus überragend. Er dient dazu, vor allem von den wichtigen Fragen abzulenken, und er spaltet diejenigen, die als politische Einheit als eine Gefahr für die bestehenden Verhältnisse angesehen werden müssen.

Die Frequenz der Aufreger-Themen steigt, denn die Zeit ist reif für Veränderungen. Da muss schon einiges auf dem Empörungsmarkt angeboten werden, um den Nebel, der über dem Land liegt, noch dichter zu machen.

Der WDR-Kinderchor

Neuestes Thema ist ein Kinderchor aus dem Ruhrpott, der vom Sender WDR engagiert wurde, nach einer alten Weise die eigene Oma als „Umweltsau“ zu beschimpfen. Der Text ist insgesamt flach, wie das so ist bei einem Sauflied. In älteren Versionen hieß es noch, dass das Häuschen der Oma versoffen würde. Respekt, der jetzt allenthalben verlangt wird, war auch da nicht vorhanden. Ist wohl auch in Saufliedern nicht unbedingt eine essenzielle Konstitutionsgrundlage.

Die Wirkung, die die Inszenierung des Liedes erzielte, ist jedoch bemerkenswert. Sie zeigt, dass es gelungen ist, einen Keil zwischen die Generationen zu treiben.

Abgesehen von den beleidigten Mienen derer, die altersmäßig wohl zur angesprochenen Oma-Generation gehören könnten, wird nun vice versa so richtig aufgetischt: die Wohlstandsverwahrlosung der heutigen Jugend, ihre von Kinderhand hergestellten Smartphones und Tablets, ihre E-Roller, für die Kinder in den Kobalt-Abbau getrieben werden, ihre Chauffage mit SUVs zum Fechtunterricht, ihre Abhängigkeit von Mamas Haushalt, ihre Weltreisen, ihre Sprachaufenthalte in Australien, um das schlechteste Englisch zu lernen, das auf dem Planeten gesprochen wird, et cetera, et cetera.

Wären alle cooler, so könnte die Schlussfolgerung lauten: Touché! Gingen jetzt alle gemeinsam ein Eis essen, so wäre alles in Ordnung.

Das scheint in der symbolträchtigen Atmosphäre, auf die die selbst ernannte Wertegemeinschaft so eingeschworen ist, nicht möglich zu sein. Was bleibt, ist der Stachel, der jetzt zwischen den Generationen steckt. Man kann sicher sein, dass das Thema von den Ideologieschmieden des öffentlich-rechtlichen Apparates am Köcheln gehalten wird.

Da lecken sich die Edelkomparsen der Empörung bereits die Lippen, wenn sie bei Will, Maischberger, Illner, Lanz und Konsorten wieder aufschlagen können, um ihre Plattitüden feilzubieten, die dann in den Wohnzimmern des abgleitenden Mittelstandes repliziert werden. Herauskommen wird dabei nichts, zumindest nichts Substanzielles. Und damit ist der Zweck der Empörungsindustrie einmal wieder erfüllt.

Das Serum gegen die Spaltung

Wir sollten reden! Reden über den Antagonismus von Wachstumsideologie und der durch strukturelle Überproduktion und die Flutung der Märkte mit Waren, die Ressourcen verschwendend und Menschen vernichtend hergestellt werden. Wir sollten reden über Lohnarbeit, die existenziell nicht auskömmlich ist und von Ansprüchen, die nie erfüllt werden können, weil die bestehenden Möglichkeiten lediglich darin bestehen, von dem Immergleichen noch mehr anzubieten. Wir sollten reden über ein Schulwesen, das zerfällt in immer exklusivere private Enklaven und erodierende öffentliche Lernplätze.

Diese Entwicklung wird die Spaltung weiter treiben, und zwar die innerhalb einer Generation. Die optimal gespaltene und partikulare Gesellschaft ist das Ziel dieser Manöver. Insofern ist es klug, nicht einzufallen in den Chor der Empörten, auch wenn es schwer fallen mag.

Einheit ist das Serum, welches dazu führen kann, dass die Reaktion für die Brandstifter sehr unangenehm wird. Redet nicht von Petitessen wie Silvesterknallern, wenn das größte NATO-Manöver der Geschichte bevorsteht. Schwärzt nicht die Oma für ihre Kreuzfahrt an, wenn die Waffenexporte aus diesem Land einen neuen Allzeit-Rekord erzielen. Und haut nicht die Kids mit ihren E-Rollern in die Pfanne, wenn zugelassen wird, dass amerikanisches Fracking-Gas gekauft wird.

Schluss mit dem Quatsch!


Illustration: Neue Debatte

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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6 Responses

  1. almabu sagt:

    S’iss so, wie du schreibst!

  2. Klaus Fürst sagt:

    Gute Worte zum Jahresende! Doch wer hört diese Worte, wer will sie verstehen, in einer Zeit, da jedem der eigene „Quatsch“ zehnmal wichtiger ist als das große Ganze?
    Ich wünsche allen Trotzoptimisten ein gutes neues Jahr.

  3. alphachamber sagt:

    „Das grosse Ganze“ besteht aus vielen kleineren Teilen. Das sähe man wohl erst, wenn eines dieser „kleinen Teilen“ ein WDR-gesendetes Kinderlied z.B. „10-kleine -Negerlein“, oder (Aufschrei! – etwa jüdische Spottverse) enthielt. Dann hiesse es plötzlich beschwörend: „wehret den Anfangen.“
    Am „grossen Ganzen“ kann nur begonnen werden, wenn man sich über die Bauteile einig ist – darüber sollte niemand hinwegtäuschen.

  4. Morgentau sagt:

    Ups, es gibt noch Menschen, die WDR gucken und/oder einen Facebook-Account haben? Das reicht für 2 neue Vorsätze im kommenden Jahr. In diesem Sinne, einen Guten Rutsch! Und danke für die vielen bissigen Kommentare, Herr Mersmann und an das „Neue Debatte Team“.

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