Aggression als kulturelle Praxis

Strukturelle Gewalt ist eine gängige Beschreibung, aber strukturelle Aggression nicht. Warum ist das so? Vielleicht, weil es dem Menschen schwer fällt, sich das aggressive Verhalten von Institutionen zu verdeutlichen. Die subtilen Formen der Bedrohung durch Behörden zum Beispiel, ausgedrückt in Wort und Schrift.

Gewalt und Aggression

So oder so sind Gewalt und Aggression scheinbar feste Bestandteile menschlicher Kulturen. Aggressives Verhalten – und die sie latent oder manifest flankierende Gewalt – wandelte sich im Laufe der Zivilisationsgeschichte, wurde unsichtbar und fällt immer weniger auf. Dennoch ist sie allgegenwärtig, wird erlitten oder gegen andere gerichtet. Dabei ist sie leicht zu erkennen. Sie begegnet den Menschen im Alltag, auf der Straße und am deutlichsten in der Arbeitswelt.

In den hierarchischen Strukturen von Unternehmen, deren Leistungsfähigkeit auf festen Abläufen basiert, sind Befehl und Gehorsam, ausgedrückt als Befehlsketten, substanziell.  Dort existiert kein Miteinander, keine Demokratie, sondern die Ausübung von Macht gegenüber Ohnmächtigen, die sich per Unterschrift unter einen Arbeitsvertrag der Herrschaft unterwerfen. Das Subjekt wird zum Objekt transformiert, wird zu Humankapital entmenschlicht.

Dies ist nicht zu verwechseln mit festen Abläufen eingespielter Teams, deren harmonisches Zusammenwirken über den gemeinsamen Erfolg oder Misserfolg entscheidet.

Ist jede Kultur aggressiv?

„Macht“, „Gewalt“ oder „Herrschaft“ sind Begriffe, mit denen „Unterdrückung“ unmittelbar assoziiert wird, die mit gesellschaftlichen Hierarchien und Ungleichheiten verknüpft werden und die auch in Beziehung zur „Aggression“ stehen. Wird auf verschiedene Erzeugnisse und Verhaltensweisen von Menschengruppen geblickt, gegenwärtig wie auch in der Vergangenheit, so ist das Moment der Aggression ein ständiger Begleiter der Menschen. Ist also Kultur per se „aggressiv“?

Welchen Umgang pflegen unterschiedliche Kulturen mit dem Phänomen der Aggressivität? Und in welcher Hinsicht sind Menschen in den neoliberal wirtschaftenden Gesellschaften bereits in einem solchen Maße an Aggressivität gewöhnt, dass sie diese nicht mehr als solche erkennen?

Andreas Gehrlach, Kulturwissenschaftler an der Humboldt Universität Berlin, beantwortete diese und weitere Fragen zur Aggression als kulturelle Praxis.


Informationen zum Interview

Aggression als kulturelle Praxis?

Moderation: Jolande Fleck
Gast: Andreas Gehrlach
Sprache: Deutsch
Länge: 00:17:49
Produktion: Radio Corax (Halle)



Redaktioneller Hinweis: Das Radiointerview mit Andreas Gehrlach erschien bei Radio Corax und wurde auf freie-radios.net, dem Audioportal Freier Radios, veröffentlicht. Die Aufnahme steht unter der Creative Commones Licence CC BY-NC-SA 2.0 DE (Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Deutschland). Wir danken Radio Corax und Jolande Fleck.


Unabhängige Medien zur Verbreitung von Fakten. (Illustration: Neue Debatte)


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