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Luisa Neubauer, Joe Kaeser und sizilianische Instrumente

Das ging schnell. Joe Kaeser [1], Chef von Siemens, lud mal schnell die kleine Luisa Neubauer von der Fridays-for-Future-Bewegung zu einem Gespräch ein und bot ihr hinterher gleich einen Vorstandsposten1Korrektur: Kaeser bot einen Posten im Aufsichtsrat der neuen Konzerntochter Siemens Energy an. bei seiner Firma an. Ja, so macht man das.

Pralinen für Luisa Neubauer

Frau Neubauer war wohl etwas überwältigt und musste sich einige Zeit sammeln, bevor sie absagte. Das hat sie gerettet. Hätte sie zugesagt, wäre das einem massiven Schlag gegen die eigene Bewegung gleichgekommen. Die Idee hätte gelitten, der Rest der Bewegung hätte gelitten und Frau Neubauer hätte ihre Seele verkauft. Wie sich damit lebt, haben schon andere bewiesen. Materiell geht es ihnen gut, das Stimmige in der eigenen Psyche ist dahin.

Wer sich dafür bezahlen lässt, eine Idee zu schänden, findet das persönliche Glück nicht mehr.

Signore Kaeser dachte indessen wohl, nichts würde so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Warum sollte plötzlich auch alles anders sein? Da stellst du eine schöne Schachtel Pralinen auf den Tisch und die Damen sind dir zugeneigt. Wenn es sein muss, noch eine Flasche Kognak und ein Paar Seidenstrümpfe. Dann ist aber auch gut!

Sizilianische Instrumente

Ohne Frau Neubauer heroisieren zu wollen, denn sie hat noch viele Prüfungen vor sich, die sie wird bestehen müssen – und in denen sie wird zeigen müssen, dass sie mehr ist als eine Variante des üppigen Mittelstandes –, aber auf diesen Trick aus der Vertreterbranche des Wirtschaftswunders ist sie nicht hereingefallen.

Signore Kaeser hingegen hat, ohne es zu wollen, dokumentiert, wie der fortgeschrittene Teil seiner Branche verhaftet ist in Werten, Verhaltensweisen und bei der Anwendung von Instrumenten, die von Sizilien aus den erfolgreichen Siegeszug in die Industriezentren dieser Welt genommen haben.

Der Ehre wie der Zuversicht halber sollte allerdings nicht übersehen werden, dass aus der Industrie heraus selbst auch einiges an Umdenken entwickelt wird, ohne das eine Veränderung keine Chance haben würde.

Von der Wut bis zur Praxis

Die umworbene Bewegung, die bis heute, was die zeitlichen Aktivitäten betrifft, nur punktuell in Erscheinung tritt und die, was ihre Programmatik anbetrifft, noch vieles klären muss, kann aus der Avance aus dem deutschen Top-Management zumindest lernen, wie schnell es gehen kann, dass politische Relevanz festzustellen ist. Das ist wohl auch das Positive, das aus dem Ereignis spricht. Mehr nicht. Und es wird dabei bleiben, wenn jetzt nicht mehr folgt.

Wut allein im Bauch reicht nicht aus. So etwas muss praktische Folgen haben. Mit diesen Worten Bertolt Brechts ist genau das umschrieben, was die junge Bewegung vor sich hat.

Die praktischen Folgen, sprich gezielte Maßnahmen gegen den Klimawandel, wird es nicht geben, wenn keine breite Front hergestellt werden kann zwischen denen, die mit der Vernichtung und Zerstörung von Ressourcen Geld verdienen und denen, die darunter zu leiden haben. Ökonomie, Ökologie und Frieden gehören zusammen. Und es ist eine schwere Hypothek, die da auf den Schultern vieler lasten. Denn jetzt nur auf die junge Bewegung zu schauen und selbst in der Betrachterrolle zu verharren ist nahezu eine Garantie für deren Scheitern.

Die Spange zwischen Wirtschaftsinteressen, Friedenswunsch und Sphärenschutz ist von verschiedenen Seiten her zu schließen. Die seit den Balkankriegen am Boden liegende Friedensbewegung muss ebenso auferstehen wie die befriedete Gewerkschaftsbewegung, um die neue, nicht von irgendwelchen Think Tanks gesteuerte ökologische Bewegung zu unterstützen.

Nur im Schulterschluss der allseitigen Aktivierung kann auch das verhindert werden, was als eine Spaltung der Generationen bereits inszeniert durch viele Köpfe geistert.

Together we stand, divided we fall. Let’s work together!


Quellen und Anmerkungen

[1] Josef Käser (Jahrgang 1957), auch Joe Kaeser, war zwischen 2006 und 2013 Finanzvorstand der Siemens AG und ist seit dem 1. August 2013 Vorstandsvorsitzender. Er ist bereits seit den 1980er Jahren für den Konzern tätig. Käser ist Mitglied im Aufsichtsrat der Daimler AG als Vertreter der Anteilseigner. Außerdem ist er in der sogenannten Trilateralen Kommission (Gründung 1973), einer privaten Politikberatung die in den 1970ern gegründet wurde und politische Entscheidungsträger mit dem privaten Sektor verbindet. Zbigniew Brzeziński, von 1977 bis 1981 Sicherheitsberater im Kabinett von US-Präsident Jimmy Carter, war der erste Direktor der Trilateralen Kommission. Käser bot Luisa Neubauer im Januar 2020 einen Sitz im Aufsichtsrat der neuen Konzerntochter Siemens Energy an. Die Umweltaktivistin lehnte ab. 


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Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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1 Response

  1. Horst sagt:

    Es ging nicht um einen Vorstandsposten, wie Sie schreiben. Es ging um einen Sitz in einem Aufsichtsrat. Dass „die kleine Luisa Neubauer“ abgesagt hat war ein kluger Zug. Das sehe ich wie viele andere so. Was Sie allerdings dazu ausführen, war so voraussehbar, dass ich lachen musste. Nun, ich bin mir über Kaesers Absichten nicht so sicher wie Sie. Das kann nur daran liegen, dass mein Feindbild nicht so linksgepolt ist wie das Ihre.

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