Meme und das leben in Netzwerken

Wir brauchen Netzwerke. Netzwerke können uns auffangen, können uns das Gefühl der Sicherheit geben, können uns Anerkennung geben und das Gefühl, gemocht und vielleicht sogar geliebt zu werden. Ohne Netzwerke sind wir nicht lebensfähig.

Wir leben in Netzwerken

Unsere Netzwerke haben es ermöglicht, dass wir jetzt Arbeitsteilung und eine technisierte Gesellschaft, ein Bildungssystem und ein politisches System haben. Netzwerke haben großen Einfluss auf unsere Weltanschauung. Wir haben ein Zugehörigkeitsgefühl zu unserem Netzwerk. Wir wollen das Netzwerk nicht verlieren und passen uns dem Netzwerk an. Wir kleiden uns ähnlich, essen Ähnliches, begrüßen uns ähnlich und vertreten ähnliche Meinungen – wir nutzen dieselben Meme. Das Netzwerk verspricht Schutz, aber es erzeugt auch Grenzen.

Eine Familie ist ein Netzwerk, jede Gruppe, die regelmäßig Kontakt hat, eine Partei, ein Fußballverein, wir deutschen, wir Bayern, wir Menschen, wir Europäer – wohl immer, wenn wir das Wort „wir“ benutzen, beziehen wir uns auf ein Netzwerk, eine Gruppierung, die durch irgendwelche Charakteristika verbunden ist.

Netzwerke unterscheiden sich voneinander durch ihre Meme. Meme sind Gebräuche, Meinungen, unsere Moden, unsere Verhaltensmuster, unsere Riten, unsere Gewohnheiten, wie wir miteinander umgehen.

Auch Glauben, auch verbreitetes Vertrauen oder Misstrauen, ob wir uns gegenseitig helfen, ob und wie wir uns grüßen oder ob wir andere ausnutzen, ob wir Gewalt anwenden oder ob wir nachgeben, ob wir uns freundlich, abweisend, verletzend, herzlich oder altruistisch verhalten, ob wir uns gegenseitig einladen oder unsere Zeit lieber alleine verbringen, ob wir uns fit halten oder zu viel essen, ob wir zum Frühschoppen oder lieber am Wochenende zu einer Sportveranstaltung gehen, ob wir viel Zeit vor dem Fernseher verbringen, ob wir gut zuhören, das sind alles Meme. Es sind von vielen benutzte, von anderen kopierte und uns geläufige Verhaltensweisen.

Meme machen die Stärke und auch die Schwäche unserer Gesellschaft aus.

Meme werden kopiert von unseren Eltern, unseren Freunden, unseren Bekannten oder unseren Lehrern, sie werden imitiert und unsere Spiegelneuronen lassen sie uns nachahmen. Sie werden auswendig gelernt, sie werden aber auch vermieden, bekämpft, beklagt. Sie tragen zum Zugehörigkeitsgefühl bei, sie heben die Stimmung, sie erhöhen die Leistung, sie lassen uns besser einschlafen. Ob ein Mem vererbt, kopiert, gelernt wird, bestimmt der Bürger. Er mag ein Mem nutzen, um anderen zu gefallen, er mag es tun, weil er sieht, dass andere es gerne tun. Er mag es aus Gewohnheit beibehalten. Nach manchen Memen kann man sogar süchtig sein, wie die Zigarette oder das Glas Wein.

Kulturen lernen voneinander

Meme sind die Gene der Gesellschaft, sie werden übernommen/vererbt, sie halten sich hartnäckig, sie werden leicht modifiziert, die besseren/stärkeren setzen sich langfristig durch – für Meme wie für Gene gilt survival of the fittest. Wenn die Meme verschiedener Gesellschaften aufeinandertreffen wird der Kampf ums Überleben besonders intensiv. Das passiert jetzt durch die vielen Flüchtlinge, die mit „Wir schaffen das“ nach Deutschland gekommen sind. Flüchtlinge bringen ihre Kultur, ihre Meme mit.

Viele unserer Meme sind ihnen fremd. Sie müssen sich neu orientieren.

Wenn sie es schaffen, unsere und ihre eigene Kultur kritisch zu betrachten, wenn sie es schaffen, darüber nachzudenken und zu erkennen, welche der Meme ihrer Kultur für sie „günstiger“ sind und welche Meme unserer Kultur sie übernehmen sollten, dann können sie aus ihrer Situation heraus sogar gewinnen und es kann auch passieren, dass wir daraus gewinnen, indem wir einige ihrer Meme übernehmen. Wenn es viele Ausländer gibt, können so die Kulturen voneinander lernen, sie können ihre Meme austauschen. In geringerem Umfang tragen auch unsere Urlaubsreisen zum Austausch von Memen bei.

Ich benutze die Ausdrücke „Ausländer“ und auch „Flüchtling“ – beide Ausdrücke werden heftig diskutiert. Darf man sie noch verwenden? Ich werde hier beide Ausdrücke verwenden, weil es keine Wörter gibt, die diese gleichwertig ersetzen. Da sind die Ausdrücke „Menschen mit Migrationshintergrund“ und „Geflüchtete“. Menschen mit Migrationshintergrund sind wir alle (wie viele Generationen dies zurückliegt ist allerdings verschieden) und wenn ich vor dem Sturm oder aus einem Streit flüchte, bin ich auch ein Geflüchteter.

Aus meiner Sicht sollte man dem Argument „Diesen Ausdruck benutze ich nicht, weil er auch von rechten Gruppen benutzt wird“ nicht folgen, denn dann räumt man denen das Feld – wir sollten stattdessen das Feld verteidigen. In meinem Kreis von Bekannten gibt es viele Gegner von Facebook, die daher auch WhatsApp nicht nutzen wollen. Einige sind auf Telegram umgestiegen, weil dort nicht zensiert wird und es gute Datenverschlüsselung gibt. Aber dann erfuhren wir, dass besonders rechte Gruppen auch Telegram nutzen und wechselten zu Signal.

Was sollen wir machen, wenn rechte Gruppierungen anfangen E-Skooter zu fahren, oder unsere Lieblings Biersorte zu trinken, oder ihren Kindern einen bisher auch von uns benutzten Vornamen geben? Immer auf Alternativen ausweichen? Wem nützt es, wenn wir ausweichen, statt zu verteidigen? Ich hoffe, dass ich ob meiner Entscheidung nicht beschimpft werde.

Den obigen Austausch der Meme hat es immer gegeben und er hat die Entwicklung der Menschheit vorangebracht. Dieser Austausch fand statt als der Neandertaler auf den Homo sapiens traf, später durch die Völkerwanderungen, dann die Seidenstraße und die Hanse. In neuerer Zeit hat der Kolonialismus Kulturen zum Teil zerstört oder wenigstens stark modifiziert. Er hat die Memplexe Sklavenhaltung und weiße Vorherrschaft geschaffen.

Vor allem durch friedliche Kontakte wurden im Laufe der Jahrhunderte die Demokratie, Kochkünste genauso wie die Baukunst und dann die Industrialisierung kopiert, alles Memplexe, die sich weltweit ausgebreitet haben. Flüchtlingsströme haben immer zu solchen positiven Prozessen beigetragen und tun es auch heute.

Dabei gehen auch Teile der Kulturen verloren, während andere Teile überleben, denn für Meme wie für Gene gilt survival of the fittest. Fit in diesem Zusammenhang basiert darauf, wofür sich die Flüchtlinge und Einwanderer entscheiden und was die Menschen in den Einwanderungsländern von den Flüchtlingen übernehmen. Meine Überzeugung ist, dass diese Entscheidungsprozesse eine überwiegend positive Auswahl treffen. Es gehen meist einengende Aspekt der Kultur verloren und werden durch mehr Freiheit ersetzt. So kann man zum Beispiel beobachten, dass sich die Rechte der Frauen muslemischer Flüchtlinge verbessert haben. Unsere Gesellschaften sind stärker geworden.

Memplexe

Der sonntägliche Gang in die Kirche ist ein Mem und so auch die Kirche als Organisation und das kirchliche Gebäude. Die Religion könnte man einen Memplex nennen. So sind auch unser Gang zur Wahlurne, die Parteien, die Ministerien, die Ämter, das Rathaus und vieles mehr Meme, die zum Memplex Staat gehören.

Vielleicht sollte man Meme feiner unterscheiden. Der Gang zur Wahlurne und der Gang zum Gottesdienst sind beides Aktivitäten, während das Rathaus und die Kirche Gebäude sind, die für diese Aktivitäten benötigt werden und die Menschen, die in diesen Gebäuden tätig sind, organisieren den Memplex.

Politiker und Priester sind Berufsstände, die für solche Aktivitäten wie Gottesdienst und Gesetzentwurf benötigt werden. Sie tragen erheblich zur Stabilität der Memplexe bei und sind, wie die Gebäude, wichtige Bestandteile von Memplexen. Wie solche Gebäude gestaltet werden, ist in den verschiedenen Gesellschaften verschieden und ändert sich mit der Zeit. Auch die Regeln, die diesem Memplex zugrunde liegen, entwickeln sich, sie unterliegen den genetischen Algorithmen –  da gibt es die Mutation und auch survival of the fittest.

Auch unser politischer „Umgang“ miteinander, also wie unsere Gesellschaft gelenkt wird, besteht aus Memen; ob wir ein demokratisches, ein kommunistisches System oder ob wir eine Monarchie haben, ob es einen Ombudsmann gibt, welche Parteien sich anbieten, ob wir wählen gehen, ob wir nach utilitaristischen Prinzipien entscheiden, ob wir konsensieren oder Entscheidungen mit Mehrheitsbeschlüssen herbeiführen, ob wir den Kant’schen Imperativ verinnerlicht haben oder an das Recht des Stärkeren glauben, ob wir uns an Demonstrationen beteiligen oder die Politik vor allem vor dem Fernseher beobachten, sind wichtige Charakterzüge einer Gesellschaft – es sind Meme und Memplexe.

Neue Meme

Ständig entwickeln sich neue Meme. Hitler führte einen speziellen deutschen Gruß ein. Ich erinnere mich, dass ich als Junge bei jeder Begrüßung einen Diener machen musste, ein Mem, dass sicher die Hierarchie unterstützt. Später gab man sich die Hand, wobei der, der die Hand zum Gruß reichte meist in der Hierarchie höher gestellt war. Jetzt scheint sich mehr und mehr das Mem durchzusetzen, dass man sich umarmt. Unsere Begrüßung unterstützt die Hierarchie heute weniger und hilft dabei, die Abstände zwischen Menschen zu verringern.

Die Ausländer hier oder in anderen Ländern wundern sich oft über die für sie neuen Meme, sie gewöhnen sich an die neuen Meme, sie modifizieren sie, sie kopieren und ersetzen damit Teile ihrer eigenen Kultur, Teile, die ihnen in ihrer neuen Umgebung besser gefallen. Es ist naheliegend, dass dabei insbesondere Meme kopiert werden, die zu mehr Humanität und mehr Freiheit führen. Denn der Drang nach Freiheit und Humanität ist uns durch Empathie angeboren.

Freiheit und Humanität fühlen sich für uns besser an, als das Gegenteil. Wenn wir das Gegenteil, also Inhumanität und Unfreiheit erkennen, erweckt es in uns die Empathie, unsere Spiegelneuronen werden aktiv und lassen uns mitleiden.

Die Rolle der Frau in Europa oder in Deutschland ist ein Memplex, der von vielen ausländischen Familien jedenfalls teilweise kopiert wird und das trägt zur Verbesserung der ganzen Welt bei. Bei Flüchtlingen ist die Annahme neuer Meme wahrscheinlicher als bei den Bürgern, die in ihr Alltagsleben eingeschlossen sind. Flüchtlinge müssen zwar ihre Gewohnheiten ändern, aber das fällt ihnen nicht so schwer, weil sie Gewohnheiten annehmen, die sie jetzt sowieso in ihrer neuen Umgebung ständig beobachten. Sie müssen sich für veränderte Verhaltensweisen nicht bei traditionellen Nachbarn und Freunden rechtfertigen und die, die alleine gekommen sind, müssen sich auch nicht bei ihrer Familie rechtfertigen, wenn sie ihre Traditionen aufgeben.

Erschwert wird ihre Integration durch Hass, der ihnen vor allem aus politisch rechten Bevölkerungsgruppen entgegenschlägt. Hass macht unsere Gesellschaft inhuman. Hass entsteht durch Neid oder Angst und weil Menschen sich benachteiligt fühlen. Befürchtungen und entsprechende Äußerungen wie „Wir müssen uns wehren“, „die beuten uns aus“, „die sind wie Raubtiere“, „denen kann man nicht trauen“ müssen ersetzt werden mit „wir schaffen das“, „die anderen sind wir“, „die Menschenrechte gelten für uns alle“. Ralf Degen hat in seinem Buch „Das Ende des Bösen“ das Kapitel „Ich könnte du sein – Wie Empathie und Mitleid den Graben zwischen Menschen überbrücken“.

Wir können von den Flüchtlingen neue Meme lernen und übernehmen, insbesondere solche, die zur Humanität der Gesellschaft beitragen. Wir können uns auch selbst neue Verhaltensweisen ausdenken, andere Meinungen erzeugen und sie mit trial and error verbessern.

Wir können versuchen durch Vorleben oder durch Worte andere zu überzeugen, ihr eigenes Verhalten oder ihre Meinungen auch entsprechend zu verändern. Und wenn tatsächlich viele diese Verhaltensweisen oder Gedankengänge kopieren, können sie sich zu neuen Memen entwickeln.

Die neuen Verhaltensweisen oder Meinungen müssen den „Tipping Point“, den Kipppunkt erreichen, den Moment, wo sie so stark sind, dass sie im Schneeballsystem so viele erreichen, dass damit die Gesellschaft merklich verändert wird, so dass diese Verhaltensweisen oder Meinungen als zur Gesellschaft zugehörig angesehen werden, dass sie die Gesellschaft charakterisieren. Dazu müssen sie aber nicht von einer Mehrheit der Gesellschaft kopiert werden, es reicht, wenn sie charakteristisch für eine Untergruppe der Gesellschaft werden.

So hupen Menschen in manchen Städten und Ländern mehr als in anderen. Junge Menschen fahren freihändig mit dem Fahrrad. Viele Menschen fahren im Urlaub an den Strand. Bettler stellen einen Becher vor sich auf die Straße. In Hotels wird das Ende des Toilettenpapiers gefaltet. Alles Gewohnheiten, Sitten, eben Meme. In der Universität klopft man als Beifall auf den Tisch. Wenn der Organist in der Kirche besonders gut gespielt hat, gibt es keinen Beifall. Zum Valentinstag schenkt er seiner Frau und seiner Mutter je 12 rote Rosen – alles Meme.

Meme, die die Familie stärken

Im Bereich der Familie, sollte vielleicht ein regelmäßiges Familientreffen dazu dienen, Entscheidungen gemeinsam zu treffen oder andere Kommunikationsformen, die sicherstellen, dass jedem zugehört wird und dass Aufgaben fair verteilt werden. Vielleicht kann es jeden Morgen und jeden Abend einen Moment geben, wo man sich umarmt. Solch ein Mem wird ja schon in manchen Familien oder Gruppen praktiziert; es ist zwar nicht charakteristisch für unsere Gesellschaft, aber als Begrüßung wird das Umarmen langsam häufiger. Bis sich diese Verhaltensweise zu einem Charakterzug unserer Gesellschaft entwickelt, ist es noch ein weiter Weg.

Ab und zu sehen Menschen, dass das in einer Familie geschieht, findet es vielleicht auch gut, aber dann müsste diese Person es in ihrer eigenen Familie einführen. Das ist nicht leicht und erfordert Mut.

Sie müsste in ihrer Familie darüber sprechen, ihre Familie dazu bringen, es auch mal auszuprobieren. Die Familie müsste es einige Male ausprobieren und spüren, dass es allen gut tut. Vielleicht kann sich diese Verhaltensweise zu einem neuen Mem entwickeln. Die Chancen, dass sich eine Familie umstellt, sind sicher nicht groß.

Hingegen lässt es sich von einem jungen Elternpaar einführen – in ihrer neuen Familie. Beide Eltern haben es vielleicht nicht nur bei Freunden beobachtet, sondern auch schon öfter in einem Film gesehen oder in einer Fernsehserie. Das könnte sie zum Nachahmen animieren – und wenn viele junge Paare sich dazu entschließen, dann können es viele andere auch beobachten und auch kopieren. Umarmungen sind ja in unserer Gesellschaft in den letzten 50 Jahren schon häufiger geworden. Und mehr gemeinsame Mahlzeiten könnten das Klima in der Familie verbessern.

Zwischen Freunden und Bekannten könnte aktives Zuhören zu weniger Konflikten führen. Die feste Einstellung, dass man sich, wenn man irgend kann, gegenseitig hilft. Dass die Tür (fast) immer offensteht, dass man sich gegenseitig einlädt, dass man viele Dinge zusammen macht. Je mehr sich solche Meme durchsetzen umso stärker wird die Familie.

Meinungen können sich ändern

Welche Meinungen in einer Gesellschaft vorherrschen, sagt viel über ihre Stärke aus. Auch Meinungen sind Meme, denn sie werden übernommen/vererbt, sie erhalten sich oft hartnäckig, sie werden vielleicht etwas modifiziert, die besseren/stärkeren setzen sich langfristig durch – es gilt survival of the fittest.

Die Wissenschaft, die Schule und auch die Medien helfen viel dabei, dass tatsächlich die besseren, richtigen oder richtigeren Meinungen überleben. Das gilt nicht nur dafür, dass die Erde nicht mehr flach ist. Das gilt dafür, dass der Kapitalismus nicht automatisch zu Gerechtigkeit führt. Das gilt auch dafür, dass der CO2 Ausstoß für die Klimaerwärmung verantwortlich ist und auch dafür, dass man Kinder nicht schlagen sollte und dass Kriege wenig geeignet sind, Zustände zu verbessern.

Es gab zu den Zeiten von Ronald Reagan und Margaret Thatcher die Meinung, dass Steuersenkungen für die Reichen die Wirtschaft ankurbeln und dass der Wohlstand der Reichen durch deren Konsum auch an die ärmeren Schichten durchgereicht wird (Trickle-down-Effekt) und deshalb der Kapitalismus aus unserem Staat automatisch einen Sozialstaat macht.

In den letzten Jahrzehnten hat sich gezeigt, dass diese Annahme schlicht falsch ist. Hier muss der Staat regulierend einwirken.

Meinungen werden weitergegeben, am Stammtisch, unter Kollegen, in der Schule vom Lehrer zum Schüler oder vom Schüler zu anderen Schülern, von Eltern zu Kindern, von Kindern zu Eltern, vom Journalisten in der Zeitung, im Fernsehen, im Internet zu den Lesern, Zuhörern und Zuschauern, vom Blogger zu den Followern.

Meinungen werden modifiziert. Der Lehrer erklärt es nicht genauso, wie das Textbuch es erklärt, der Vater ergänzt zur Geschichte seine eigene Erfahrung. Über Julius Caesar erinnere ich aus dem Schulunterricht nicht, dass er auch ein brutaler Führer war. Die Frauen aus der Umgebung Jesu wurden weitgehend wegretuschiert, Karl der Große wird als Held und nicht als brutaler Mörder dargestellt, über Mutter Teresa wird verschwiegen, was sie mit dem vielen Geld gemacht hat, welches für ihre Aktionen gespendet wurde. In diesen Beispielen wird die Wahrheit verzerrt, indem wichtige Aspekte weggelassen werden.

Aber auch ganz falsche Meinungen können in einigen Blasen lange überleben. Es gibt Fake News, Irrtümer und Verschwörungstheorien: 9/11 wurde vom CIA begangen, KZs hat es nie gegeben. Die Erde ist flach. Der CO2 Ausstoß schadet dem Klima nicht, es ist gut für Kinder, ab und zu geschlagen zu werden, und Kriege sind geeignet, Verhältnisse zu verbessern. Manche solcher Meinungen halten sich lange. Ich habe mal gehört: „Meinungen ändern sich nicht – sie sterben aus“.

Hans Rossling gibt viele Beispiele, wo die meisten von uns ganz falsche Vorstellung von der Wirklichkeit haben, weil unser Wissen aus Schulbüchern von vor 30 Jahren stammt und die Welt sich inzwischen recht rasant weiterentwickelt hat. Es ist eine Aufgabe der Medien und des Bildungssystems, falschen Meinungen Fakten entgegenzusetzen.

Es gab eine hitzige Diskussion, als Sicherheitsgurte für Autos vorgeschrieben wurden. Hier haben offensichtlich viele Menschen ihre Meinung in wenigen Jahren geändert. Auch daran, dass der Klang von Schallplatten besser ist, als der von CDs oder neuerer digitaler Datenträger, glauben nur noch wenige – und digitale Datenträger stehen uns noch nicht einmal 40 Jahre zur Verfügung.

Die soziale Marktwirtschaft im Gegensatz zum Kapitalismus, oder der freien Marktwirtschaft, hat Ludwig Erhard nach dem zweiten Weltkrieg propagiert – jetzt werden ihre wesentlichen Bestandteile von Linken wie von Rechten kaum noch in Frage gestellt –, aber verwirklicht sind die sozialen Aspekte der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland nie gewesen. All solche Meinungen sind Meme, die sich zwar oft hartnäckig halten, aber mutieren und sogar aussterben.

Vieles wird besser und produziert neue Meme

Wir können wohl nicht bestreiten, dass die Gesellschaften Europas seit dem Zweiten Weltkrieg beständig Fortschritte gemacht haben. Wir haben für viele unserer Probleme Lösungen gefunden. Länder der EU im Osten und Süden sind demokratischer geworden. Der Wohlstand ist in allen Ländern der EU gestiegen. Der kulturelle Austausch wurde gefördert durch das Öffnen der Grenzen.

Um schnell von A nach B zu gelangen, gibt es den ICE, schnelle Autos und gute Straßen. Mein Navi und Google Earth zeigen mir, in welche Richtung ich fahren oder gehen muss. Die Krebserkrankungen können wir heute mit größerer Wahrscheinlichkeit überleben. Der Airbag hat die Überlebenschance bei Verkehrsunfällen deutlich verbessert. Das autonome Auto wird recht bald unser Leben weiter verbessern und Autofahren sicherer machen. Elektrischer Antrieb wird die öffentlichen Verkehrsmittel und das Auto viel leiser und sauberer machen. Die ganze Stadt wird sauber und leise sein. Die Arbeitszeiten haben sich schon etwas verkürzt und werden sich weiter verkürzen. Deutsche Schüler schneiden heute besser bei dem PISA-Test ab als noch vor 10 Jahren.

Software verbessert meine Rechtschreibefehler und lässt mich Texte diktieren und auch in andere Sprachen übersetzen. Musik und Videos stehen mir ständig zur Verfügung und Google hilft mir beim Schreiben dieses Aufsatzes. Mein Handy weckt mich sanft und zuverlässig. Mit ständig besser werdender Software kann ich versuchen meinen Lebenspartner zu finden.

Auch unsere Verhaltensmuster, unsere Meme, haben sich angepasst. Wir nutzen die neuen Technologien. Wo immer man hinguckt, sieht man Menschen mit meist freundlichen Gesichtern in ihr Handy sprechen oder spielen oder lesen oder tippen.

Das ist sicher besser für unser Wohlbefinden, als schweigend nebeneinander zu sitzen. Doch manchmal erscheint es auch befremdlich, wenn zwei Menschen nebeneinander sitzen und beide übers Handy kommunizieren, statt miteinander zu reden. Aber oft dient die Kommunikation übers Handy dazu, dass Menschen sich zu einem persönlichen Treffen verabreden. Den Kontakt zu meinen Kindern in Australien macht die Videotelefonie sehr viel direkter möglich als der lange Brief, den ich noch vor 30 Jahren schrieb. Heute wird viel gegoogelt. Bei größeren Anschaffungen möchte ich auf Google auch nicht verzichten, damit ich weiß, wo ich was am preiswertesten bestellen kann.

Wir lernen, bessere Entscheidungen zu treffen

Überall werden Entscheidungen getroffen und Entscheidungen bedeuten Veränderung unserer Verhaltensweisen, unserer Meme. Wir alle wollen Veränderung hin zum Besseren. Also wird alles gut. Na ja, ganz so einfach ist es nicht, denn wir haben sehr verschiedene Vorstellungen davon, was besser ist. Und was für den einen besser ist, mag für den anderen ja schlechter sein. Jetzt wird Überzeugungskraft wichtig.

Aber leider hat manchmal derjenige mit der größeren Überzeugungskraft nicht die besseren Argumente. Und viel Geld kann eingesetzt werden, um uns zu manipulieren. Deshalb brauchen wir kritisches Denken und dafür brauchen wir bessere Schulen. Auf bessere Schulen können wir uns alle einigen. Aber wie genau bessere Schulen aussehen sollen, darüber gibt es sehr verschiedene Meinungen.

Zurzeit verlangt die Industrie, dass die Schulen bessere technische Ausbildung liefern, aber sie braucht auch Teamwork und damit Menschen, die frei und kritisch denken können.

Teamwork ist ein Memplex. Durch kritisches Denken werden sich die besseren Argumente langsam durchsetzen. Der Kant’sche Imperativ (ein Mem) wird auch von fast allen als Grundlage unseres Handelns akzeptiert. Win-win-Lösungen (ein Mem) sollten wir anstreben – das würde Herr Kant sicher auch loben. Aber es gibt sie bestimmt nicht immer.

Dann kann der Utilitarismus (ein Memplex) und Konsensieren (ein Mem) helfen, was dazu führt, dass der Schaden, der durch unsere Entscheidung angerichtet wird, möglichst klein gehalten wird.

Wir haben uns ja schon auf das Prinzip Demokratie geeinigt, also entscheidet die Mehrheit. Utilitarismus hilft Minderheiten zu schützen. Konsensieren bietet noch einen besseren Schutz von Minderheiten. Und sicher wäre es großartig, wenn wir unser Mehrheitswahlrecht auf Konsensieren umstellen würden. In einem System mit Mehrheitswahlrecht müsste alles als fit bezeichnet werden, was von der Mehrheit getragen wird. Da hilft wohl Herr Kant ein bisschen, so dass wir die Minderheiten nicht schlecht behandeln und Konsensieren hat einen ähnlichen Effekt. Dabei unterstützt uns unsere angeborene Empathie.

Das Netzwerk und die Blase

Wir sind in Blasen gefangen. Es ist nicht leicht zu sagen, dass in der DDR auch vieles sehr gut war und dass die Grundidee des Kommunismus in der Humanität begründet ist, wenn man gerade von Menschen umgeben ist, die unter dem Mangel an Freiheit in der DDR gelitten haben.

Oder dass wir keine Demokratie haben, weil die tatsächliche Herrschaft eben nicht vom Volk ausgeht, wenn die Menschen um mich herum so stolz auf unser System sind. Dass die chinesische Regierung durch ihre Wirtschaftspolitik Millionen von Menschen vor dem Verhungern bewahrt hat, wenn ich von Menschen umgeben bin, die die Verletzung der Menschenrechte in China beklagen. Wenn ich behaupte, dass sich langfristig Gerechtigkeit durchsetzen wird, kommt es bei Menschen auch nicht gut an, denen ständig bewusst ist, dass die Mächtigen die Wähler manipulieren und die Welt regieren.

Also ist es für mich bequemer, meine eigene Blase zu suchen. Dort ist es für mich einfacher, meine Meinung zu äußern – aber in meiner Blase bewirke ich auch kaum etwas –, ich erhalte überwiegend Zustimmung, die mir ein gutes Gefühl verleiht. Wenn ich aber wirklich etwas bewirken will, sollte ich meine Blase verlassen.

Noam Chomsky wird vermutlich nicht von vielen Menschen der beiden großen Parteien in den USA gelesen, weil er dokumentiert, dass die USA viele Aspekte eines gescheiterten Staates haben. Er versucht aber, Auswirkungen außerhalb seiner Blase zu haben, indem er Bücher schreibt und Vorträge hält.

Unsere großen Parteien wollen ja auch nicht so gerne hören, dass sie die Wünsche der Wähler in den letzten Jahren nicht erfüllt haben und dass sie sich stattdessen darin geübt haben, ihre Wahlversprechen so zu formulieren, dass sie sich zwar gut anhören, aber nichts genaues aussagen. Gerade das scheint ihnen jetzt erheblich zu schaden, und ihnen das klar zu machen, sollten sich die Medien und die Wissenschaft zur Aufgabe machen (tun sie teilweise auch).

Hilfsbereitschaft macht begehrenswert

Unter den Spartanern wurden Kinder zu Kriegern erzogen. Das brutale spartanische System hat sich über 500 Jahre gehalten. Jetzt ist das Wissen über Sparta aber Teil unseres Allgemeinwissens geworden und es hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass wir ein solches System nicht wollen. Wir haben daraus gelernt. Unter Hitler wurden 6 Millionen Juden umgebracht. Wir haben daraus gelernt, dass wir nie wieder Nationalsozialismus wollen. Wir haben uns auch vom König und vom Kaiserreich verabschiedet und würden wohl kaum mehrheitlich eine Partei wählen, die das Rad der Geschichte wieder dorthin zurückdrehen will.

Die Menschheit befindet sich in einem ständigen Überlebenskampf. Was macht uns in diesem Kampf fit? Was heißt „survival of the fittest“? Wenn er sich mit unfairen Methoden durchsetzt, macht es ihn langfristig wohl eher nicht besonders fit.

Adam Grant schrieb das Buch „Geben und Nehmen: Warum Egoisten nicht immer gewinnen und hilfsbereite Menschen weiterkommen“. Und Dan Ariely, Autor von “Predictably Irrational” schreibt über dieses Buch “Give and Take dispels commonly held beliefs that equate givers with weakness and takers with strength.” Das Hilfsbereitschaft zum Erfolg führen kann, ist eine Weisheit (auch ein Mem), die sich langsam verbreitet.

Wir sind fit, wenn wir begehrenswert sind und einen Partner finden – und Hilfsbereitschaft macht uns begehrenswert. Unsere Meme, also unsere Verhaltensweisen sind fit, wenn sie von anderen oft kopiert werden. Geld und Macht gilt zwar immer noch als begehrenswert, wenn wir einen Lebenspartner oder auch einen Geschäftspartner suchen.

Was bei der Partnersuche dem Mann oder der Frau als besonders fit und also attraktiv gilt, verschiebt sich mit der Zeit, denn heute ist auch beim Mann Empathie gefragt.

Und eine ähnliche Verschiebung findet auch in der Geschäftswelt statt. Heute sucht man Win-win-Lösungen, man will den Geschäftspartner nicht besiegen, sondern man will ihn als guten Geschäftspartner erhalten. All das hat unsere Gesellschaft gestärkt.

„Buy-in“ in der Familie, der Schule, der Industrie und der Regierung

In der Literatur und auch in der Realität unserer Wirtschaftssysteme beginnen sich neue Memplexe zu entwickeln. Neue Führungsstile setzen sich durch. Die flache Struktur wird populärer, „buy-in“ wird angestrebt und ein kooperativer Führungsstil.

John Kotter schrieb ein Buch mit dem Titel „Buy-In“. Der disziplinarische Vorgesetzte hat ausgedient. Derselbe Prozess geschieht auch in der Familie – vielleicht hat die Familie schon etwas vorher mit diesem Wandel angefangen. Auch die Schulen sind dabei sich entsprechend zu wandeln. Und in allen drei Bereichen Familie, Schule und Beruf gibt es noch Unsicherheiten, noch nicht alle alten Verhaltensweisen sind vollständig gewichen, aber es gibt dieselbe Richtung der Entwicklung hin zu mehr Mitbestimmung und Mündigkeit.

Auch Peter Siegel schreibt in „WeQ – More than IQ“ dass drei Viertel der deutschen Spitzenmanager erkannt haben, dass eine radikale Kulturwende von der Ich- zu einer Wir-Kultur nicht nur für unsere Gesellschaft überlebensnotwendig ist, sondern genauso für die Zukunft ihres eigenen und letztlich jeden Unternehmens.

Selbstverständlich hat diese Entwicklung auch im politischen Bereich Auswirkungen. Auf der politischen Ebene ist die Existenz der Piratenpartei ein gutes Beispiel.

Die Piraten haben versucht den Bürgern mehr Mitbestimmung zu ermöglichen. Die größeren Parteien haben sicher einige Ideen der Piraten übernommen und nutzen nun zum Beispiel Mitgliederbefragung häufiger. So wählte die SPD jetzt ihre Parteivorsitzenden. Auch wie sich Politiker den Talkshows stellen, ist ein Zeichen von mehr Offenheit und mehr Beteiligung der Bürger am Regierungsgeschehen. Genauso haben sich jetzt Meinungsumfragen durchgesetzt, wie das Politbarometer. Auch diese erhöhen den Einfluss des Bürgers auf die Regierung und die Parteien.

Auch international gibt es die gleichen Trends, die gleichen Entwicklungen – aber in vielen Ländern verzögert und in wenigen schon etwas früher. Das gilt für mehr Schulbildung, mehr Zugang zu Universitäten, Gleichberechtigung der Frauen, Menschenrechte, Einfluss der Bürger auf das politische Geschehen, Wahlrecht, technologische Entwicklung, Zugang zu Information und Mobilität.

Das Mem „buy-in“ hat sich in der Wirtschaft entwickelt, etwa gleichzeitig aber auch unter anderem Namen in der Familie, im Bildungssystem und in den Regierungen. Die Idee der Mitverantwortung hat sich also über die Grenzen zwischen Familie, Beruf und Regierung verbreitet.

In der Familie hat es dazu geführt, dass der Teenager heute weniger Grund zum Rebellieren findet. Im Bildungssystem können die Lernenden heute mehr mitbestimmen, was sie in welchem Tempo lernen. In der Regierung führt es zu Wählerbefragungen und Befragung der Parteimitglieder. In der Industrie und Bürokratie führt es zu flacheren Strukturen und mehr Mitbestimmung. Es scheint, dass auch die Grenzen zwischen den Generationen so aufgeweicht wurden. Zusätzlich ist diese Idee dabei, sich auch über Ländergrenzen zu verbreiten.

Ich bin davon überzeugt, dass dasselbe auch mit Utilitarismus, Konsensieren und kritischem Denken passiert – jetzt, und wie all solche Vorgänge viel zu langsam, aber über alle Grenzen hinweg.


Redaktioneller Hinweis: Der Beirag von Heiko Schröder erschien erstmals auf Peira – Gesellschaft für politisches Wagnis und wurde von Neue Debatte übernommen. Wir danken Peira für die Unterstützung.


Unabhängige Medien aufbauen. Neue Debatte


Illustration: Neue Debatte

Professor der Informations- und Kommunikationstechnologie

Heiko Schröder ist Professor der Informations- und Kommunikationstechnologie. Er hat in Deutschland, USA, Großbritannien, Australien, Singapur, Äthiopien, Indonesien und Botswana geforscht und gelehrt.

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