Der Dämon der Anmut ist ein Motiv des Philosophen Prentice Mulford. (Illustration: Neue Debatte)

Dämon der Anmut, Kühnheit und unserer „verschweinzten“ Wirklichkeit

Vor dreißig Jahren fiel mir ein Buch in die Hände, dessen Titel mich auf Anhieb faszinierte. Er lautete: „Unfug des Lebens und des Sterbens“. Den Autor Prentice Mulford kannte ich damals nicht, inzwischen ist er mir durch andere hinzu gekaufte Werke wohl vertraut. Mulford (1834 – 1891) war ein US-amerikanischer Journalist, Philosoph und Schriftsteller. Er starb in einem Segelboot treibend vor Long Island.

Die österreichische Schriftstellerin Bertha Diener (1874 – 1948), besser bekannt unter ihrem Pseudonym Sir Galahad [1], schrieb über Mulford: „Er ist ein Heiliger, ein Durchschiffer spiritueller Ozeane. Seine Weisheit wuchert wild wie ein Dornbusch. Nie wird ihm eine Erkenntnis aus zweiter Hand. Wollte unser Herr Jesus Christus ihn in eine längere Offenbarung verwickeln, er würde vielleicht höflich, jedenfalls entschieden ablehnen und zöge es vor, sich seine Informationen vom lieben Gott direkt zu holen.“

Bertha Diener hat die Schriften Mulfords übersetzt. Sie wurde sein größter Fan. Tatsächlich ist es kaum möglich, sich der unbekümmerten, humorvollen und gleichzeitig radikalen Gedankenwelt dieses Mannes zu entziehen, dessen deutschstämmige Eltern ein Hotel in Sag Harbor besaßen, zu dem ihr Sohn unterwegs war, als er starb.

Der Fischer Verlag schrieb 1977 einleitend über das in seinem Hause verlegte Buch „Unfug des Lebens und des Sterbens“:

„Haben wir es noch nötig zu sterben? Oder sterben wir nur, weil wir glauben, dass wir es müssen? Sollten wir nicht lieber leben lernen – denn richtig leben wird sterben überflüssig machen. Durch eine Vielzahl köstlicher Essays zieht sich wie ein roter Faden diese Aufforderung: doch von unserem Kleinmut und unserer geistigen Enge zu lassen und uns statt dessen aufzuschwingen zu der Freiheit und der Macht des Bewusstseins, das wir in Wirklichkeit sind“.

Die Macht des Bewusstseins. Eine ungeheure Kraft. Unser Geist, so Prentice Mulford, hat die wunderbare Fähigkeit, dieses Leben, diese Kraft an sich zu ziehen. Und was er einmal an sich gezogen hat, bleibt ihm in alle Ewigkeit.

Leider ist die europäische Kultur von dem Gedanken geprägt, dass Kraft dazu da ist, für oder gegen etwas angewendet zu werden. Das ist falsch. Kraft zu haben bedeutet, voll und ganz gegenwärtig zu sein. Wir müssen wieder lernen, die simple Wahrheit der Zusammengehörigkeit allen Lebens zu verstehen. Das kann doch nicht so schwer sein. Zumal es das einzig wirkliche Vergnügen ist, welches das Leben für uns permanent bereit hält.

“Sechzig Sekunden Träumerei sind sechzig Sekunden vollkommene Ruhe für Geist und Körper …”
Schauen wir uns um, schauen wir genau hin, denn bald gibt es uns nicht mehr. Nicht in dieser Form. Unsere Existenz als Menschenwesen ist vor der Folie der Erdgeschichte oder gar der Ewigkeit des Universums nichts als ein kaum zu messender Wimpernschlag. Danach ist die Chance dahin, unsere Seele mit purer irdischer Schönheit zu füttern und damit uns selbst. Denn eines ist klar: wir leben nicht in unseren Körpern, unsere Körper leben in uns. Und was sie an Sinneseindrücken liefern, bestimmt die Leichtigkeit unseres jetzigen und zukünftigen Seins.

Jeder von uns ist zu so einem „Fischfang“ in der Lage. Eine der stärksten Quellen geistiger und körperlicher Macht ist unsere Fähigkeit, alles Denken willentlich auszuschalten, körperlich ganz still zu sitzen und uns, wenn auch nur ein paar Sekunden lang, in einen Zustand der Träumerei versinken zu lassen, während wir bloß die Landschaft, die vor unseren körperlichen Augen liegt, oder sogar nur einen ganz kleinen Ausschnitt davon, betrachten und den Geist ungehindert auf den Bildern verweilen lassen. Sechzig Sekunden Träumerei sind sechzig Sekunden vollkommene Ruhe für Geist und Körper, die es dringend braucht, um unseren Energiehaushalt aufzutanken, bevor wir in der Hektik des Alltags vollends entmenschlicht werden.

In den letzten dreißig Jahren, die mich immer mal wieder zu den Schriften von Prentice Mulford haben greifen lassen, ist mir kein Mensch begegnet, der diesen Mann kannte. Das hat sich nun geändert.

Auf Facebook fand ich vor kurzem eine Seite, die seinen Namen trägt, und auf der ich folgenden großartigen Text fand, den ich hier gerne in gekürzter Form wiedergeben möchte:

Alle wilden Geschöpfe haben in ihren natürlichen Lebensbedingungen eine Art Seligkeit, denn sie sind wahre Ausdrucksformen des großen Unbekannten, das wir in Ermangelung eines besseren Wortes das unendliche Bewusstsein nennen wollen. In der wahnsinnigen, jubelnden Ekstase des Liebesschreis, mit der der große Vogel einsam in der Morgendämmerung über die Tannen hin nach einer Unbekannten ruft, ist seines Lebens Schönheit, Wahrheit und Glück, wie es gleichermaßen der unvergleichliche Sprung für die Wildkatze ist, mit dem sie, ein Dämon der Anmut, ihm den Jubelruf in der Kehle durchbeißt. Wo aber ist diese Wahrheit und Anmut, wenn der Mensch sein Geselchtes mit Bier hinunter schwemmt? Dann nähert sich sein Ausdruck in ganz verdächtigem Maße dem Geschöpf, in das er den starken, mutigen Eber verzüchtet – verschweinzt hat (…), denn das Schwein ist Menschenwerk und zeigt so recht, was aus einer „Wahrheit“ wird, die er in seine Finger bekommt. Die ebenmäßige, starkbeschwingte, sich selbst erhaltende Wildgans ist eine Wahrheit: ist einer der Ausdrücke des unendlichen Bewusstseins. Die watschelnde, hilflose, flügellahme, leberkranke, geschoppte Gans ist das, was von einer Wahrheit übrig bleibt, wenn der Mensch dazukommt.

Der britische Sozialphilosoph John Ruskin (1819 – 1900) sagt: „Die Ruhe und Bereitwilligkeit, mit der wir es alle zulassen, daß etwas, weil es lange verkehrt gewesen, niemals richtig werden soll, ist eine der verhängnisvollen Quellen des Elends und Verbrechens, darunter die Welt leidet. Wann immer dir einer aus dem Grunde abrät, das Gute zu versuchen, weil Vollkommenheit „utopisch“ sei, so hüte dich vor dem Mann, denn „utopisch“ ist eins von des Teufels Lieblingswörtern.”

Goethe wusste, wie man den Teufel austrickst: „In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer du tun kannst oder wovon du träumst, fang es an. In der Kühnheit liegt Genie, Macht und Magie.“

Wie recht er hat, jeder von uns hat das irgendwann schon einmal erfahren. Wir zucken nur häufig zurück, weil uns das Sicherheitsnetz unter den Füßen abhanden zu kommen scheint. Aber in Sicherheit zu investieren ist das falsche Investment. Wir müssen ins Urvertrauen zurück, um wirklich sicher zu sein. Dumm nur, dass man dafür keine Policen abschließen kann, nicht wahr?

Anyway, danke Prentice Mulford für den oben zitierten wunderbaren Text, in dem vom Dämon der Anmut die Rede ist. Man sieht ihn überall in der freien Natur, übrigens auch im Menschen. Vorausgesetzt er verfügt über einen freien Geist, der ihn gelegentlich zur Kühnheit befähigt …


Quellen und Anmerkungen

[1] Bertha Eckstein-Diener (1874 – 1948), auch bekannt unter ihrem Pseudonym Sir Galahad, war eine österreichische Schriftstellerin und Reisejournalistin. Ihr 1932 publiziertes Werk “Mütter und Amazonen. Ein Umriß weiblicher Reiche” gilt als Klassiker der Matriarchatsforschung.


Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Dirk C. Fleck erschien unter dem Titel “Vom Dämon der Anmut, der Kühnheit und unserer „verschweinzten“ Wirklichkeit” bei Kenfm.de und wurde von Neue Debatte übernommen.


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Illustration: Neue Debatte

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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