Digitale Religion: Vater unser im Datenhimmel?

Egal ob auf der Arbeit, beim Laufen oder in der Schule, überall geben wir Daten von uns preis und glauben an ihre Aussagekraft. Wie genau diese Datengläubigkeit aussieht und was sie für die Gesellschaft bedeutet, darüber sprach Deborah Ryszka mit dem Soziologen Steffen Mau, Professor an der Berliner Humboldt-Universität.

Deborah Ryszka: Herr Mau, tragen Sie eine Smartwatch? Wenn ja, dann wissen Sie doch bestimmt, wie viele Schritte Sie schon heute zurückgelegt haben, oder …?

Steffen Mau: Ich vermute, dass das nicht so viele sind. Ich fahre nämlich normalerweise Fahrrad. Eine Smartwatch habe ich nicht, schaue aber hin und wieder auf den Schrittzähler im Mobiltelefon. Bei Fahrradfahren misst das aber nichts.

Also wissen Sie nicht wie viele Schritte es gewesen sind?

Das müsste ich mal nachschauen. (Pause). Ich habe jetzt 2600 Schritte zurückgelegt.

Inwiefern sehen Sie sich selbst als Gläubigen in der Kirche der Zahlen, wie Sie es 2017 in Ihrem Buch „Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen“ formulierten?

Ich bin kein „Gläubiger in der Kirche der Zahlen“. Ich bin ein Skeptiker, aber ich bin auch jemand der einsieht, dass er sich der magischen Kraft der Zahlen nicht vollständig entziehen kann: im Alltag, in der wissenschaftlichen Arbeit, bei der Verwendung von Informationen. Zahlen sind unsere ständigen Begleiter, geben uns Orientierung. Trotzdem versuche ich einen kritischen Blick auf Zahlen beizubehalten.

Wie machen Sie das konkret?

Wissenschaftler sind beispielsweise stark vermessene Personen. Wir operieren mit Zitationszahlen, wie dem sogenannten Hirsch-Index. Er misst die Anzahl von Publikationen und Zitationen, gilt als Indikator für die Forschungsstärke. Aber auf solche Daten sollten wir uns nicht allzu stark verlassen.

Wie äußert sich das in Ihrer wissenschaftlichen Praxis?

Indem man mit quantitativen Daten kritisch umgeht und andere Formen der Bewertung hinzuzieht. Dass man etwa Argumente austauscht, dass man stärker auf Inhalte und dialogische Formen eingeht und dass man eine nicht so starke Zahlengläubigkeit an den Tag legt. Diese Zahlenskepsis versuche ich tagtäglich in der Wissenschaft und in der Lehre zu vermitteln. Also zu hinterfragen: Was liegt tatsächlich hinter der Zahl? Wie wird gemessen? Wie kommt eine Zahl zustande? Wenn man sich damit beschäftigt, dann sieht man, wie voraussetzungsreich viele Zahlen sind.

Sind diese Voraussetzungen der Zahlen seit der Veröffentlichung Ihres Buches stärker geworden?

Es gibt Leute, die in Reaktion auf mein Buch gesagt haben, ich sähe vieles zu dunkel und womöglich zu einseitig. Doch wenn man sich die Vernetzung von unterschiedlichen Datentypen, die Datenskandale oder die Nutzung von Gesichtserkennungsdaten im öffentlichen Raum anschaut, dann geht es noch wesentlich weiter, als ich es in meinem Buch angedeutet habe. Aber es gibt auch Gegenbewegungen. Wie zum Beispiel die Datenschutzgrundverordnung der Europäischen Union. Sie versucht in gewisser Weise ein Gegengewicht zu schaffen und Leute wieder stärker als Rechteinhaber ihrer eigenen Daten zu definieren.

Welche genauen Gegentendenzen sehen Sie?

Grundsätzlich herrscht ein stärkeres öffentliches Interesse. Die Leute sehen nicht nur, dass ihnen die Daten genommen werden, sondern dass diese auch wieder auf sie angewandt werden. Und wenn diese Informationen beeinflussen, ob man zum Beispiel Zugang zum Gesundheitsdienst bekommt oder nicht, hat das erheblichen Einfluss auf Lebenschancen. Dafür gibt es heute eine größere politische Aufmerksamkeit und erste Regulierungsversuche. Wenn bestimmte politische Entwicklungen nicht stattgefunden hätten, würde diese Entwicklung der Datafizierung wesentlich forcierter ablaufen. Es gibt sozusagen eine Entschleunigung, aber keine Umkehrung.

Welche Konsequenzen hat eine solche Verwendung von persönlichen Daten für die Demokratie und für die individuelle Autonomie?

Das ist schwer zu beurteilen. Die datenmäßige Erfassung der Bevölkerung über politische Orientierung, politisches Verhalten und die Verknüpfung von unterschiedlichen Personenmerkmalen kann für die demokratische Willensbildung ein Problem sein. Deswegen braucht man institutionelle Möglichkeiten, so etwas abzuwehren. Daneben nimmt auch die individuelle Manipulierbarkeit stark zu, wenn Sie beispielsweise Informationen aus der Vergangenheit erhalten, um zukünftiges Verhalten vorherzusagen. Oder bestimmte Wege in Ihrer Biografie nicht mehr korrigierbar sind, weil es eine fast vollständige Protokollierung Ihres Lebens gibt. Bestimmte Narben Ihres Lebens schränken Ihre Zukunftschancen ein. Und diese digitale Vernarbung kann dazu führen, dass sie zukünftig weniger Marktchancen haben.

Diese Daten beruhen aber auf Durchschnittswerten: Sind die überhaupt aussagekräftig?

Das ist immer so eine Sache mit Durchschnittswerten. Sie sind eine Art von Pauschalisierung, führend zu einer Standardisierung, die individuelle Unterschiede nicht mehr gut abbilden kann. Zugleich gibt es einen Kontrollüberschuss, der die individuelle Freiheit einschränkt. Aber andererseits können diese Durchschnittswerte Leistungen auch erst sichtbar machen, die vorher unsichtbar geblieben sind. Es gibt somit einen emanzipatorischen Charakter von Zahlen. So weiß man etwa, dass im Bereich des Sports viele Gruppen ausgeschlossen wurden; sei es wegen der Hautfarbe oder wegen des Geschlechtes. Aber wenn man durch die Vermessung zeigen kann, dass bestimmte Gruppen genauso viel leisten wie andere, ist ein Ausschluss von ihnen nicht mehr zu legitimieren.

Und wo liegt gegenwärtig der Schwerpunkt?: Auf der Kontrolle oder der Emanzipierung durch Daten?

Die Monopolisierung der Daten durch einige wenige Konzerne sehe ich als Asymmetrie bei den Transparenzverhältnissen. Wir werden immer gläserner, erfassbarer und damit manipulierbarer, diejenigen, die die Daten auswerten, tun dies oft im Verborgenen.

Weil die Grundannahmen der Daten nicht immer richtig sein müssen: Werden wir deshalb tatsächlich manipulierbarer?

Man kann auch mit falschen Grundannahmen manipulieren. Es gibt im Prinzip eine ‚Verdoppelung der Welt‘, wie es Armin Nassehi bezeichnet. Das heißt, diese Daten generieren eine Sicht der Welt, auf die Bezug genommen wird, als ob es die wirkliche Welt wäre. Dann ist es irrelevant, ob Sie Ihre Smartwatch tatsächlich tragen oder Ihrem Hund umbinden.

Zum Abschluss würde ich gerne wissen, ob sich die Gesellschaft noch stärker auf die Zahl fokussieren wird. Wie ist Ihre Prognose?

Ich bin da etwas unentschieden. Von den technologischen Möglichkeiten wird das so sein. Es könnte aber so etwas wie einen Umschlagpunkt geben. Also irgendwann generieren wir so viele Daten, dass wir sie nur als weißes Rauschen wahrnehmen. Es gibt sie zwar, aber sie beeinflussen uns nicht mehr so stark. Oder zumindest nur in bestimmten Feldern, wie etwa in den Bereichen Gesundheit, Mobilität, Tracking und Wirtschaft. Andererseits gibt es gute Gründe anzunehmen, dass die Rolle der Quantifizierung eher noch zunehmen wird. Wir erleben das im Bereich der Mobilität. Dort findet die Bewertung von Risiken und Bedrohungen über Scoringsysteme statt. Wenn zum Beispiel Leute an die Grenze kommen und dort kontrolliert werden, werden ihre Daten mit Risikoscores abgeglichen. Das gibt es auch beim Zugang zu Sozialleistungen oder im Gesundheitsbereich. Wahrscheinlich werden sie hier noch an Gewicht gewinnen und diese Felder restrukturieren.

Ich bedanke mich für das Interview.


Zur Person

Steffen Mau (Jahrgang 1968) ist Lehrstuhlinhaber für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem soziale Ungleichheit, Migration und Integration sowie Digitalisierung. Mau ist Autor zahlreicher Schriften wie zum Beispiel „Lebenschancen. Wohin driftet die Mittelschicht?“ (Suhrkamp 2012), „Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen“ (Suhrkamp 2017) und vor Kurzem erschienen „Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“ (Suhrkamp 2019). Zudem ist Steffen Mau Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft sowie Mitherausgeber von Leviathan, der Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft.


Unabhängige Medien unterstützen. Neue Debatte


Illustration und Foto: Neue Debatte

Deborah Ryszka (Jahrgang 1989), M. Sc. Psychologie. Nach universitär-berufspsychologischen Irrwegen in den Neurowissenschaften und Erziehungswissenschaften nun mit aktuellem Lager in der universitären Philosophie. Sie versucht sich so weit wie möglich der gesellschaftlichen Direktive einer hemmungslosen öffentlichen Selbstdarstellung bis hin zur Selbstaufgabe zu entziehen. Mit Epikur ausgedrückt: „Lebe im Verborgenen. Entziehe dich den Vergewaltigungen durch die Gesellschaft – ihrer Bewunderung, wie ihrer Verurteilung. Lass ihre Irrtümer und Dummheiten und gemeinen Lügen nicht einmal in der Form von Büchern zu dir dringen.“

You may also like...

Wie ist Deine Meinung?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.