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Achtsame Kommunikation

Pauline ist 15 Jahre alt und Schülerin. Sie hat einen jüngeren Bruder, er heißt Frederik. In ihrem Essay beschreibt Pauline, warum achtsame Kommunikation so wichtig ist – für Kinder und für Erwachsene sowieso.

Wir kommunizieren ständig, mit uns selbst, mit anderen Menschen und auch mit der Natur

Mein Bruder Frederik, wie er kommuniziert und warum es ihm Spaß macht

Ich war schon bei der Geburt meines kleinen Bruders Frederik dabei und hielt ihn auf dem Arm, als er nur wenige Sekunden alt war. Ab der ersten Sekunde an, haben ich und meine Familie mit ihm kommuniziert. Frederik ist von seinem Wesen her ein sehr glücklicher und liebevoller Junge. Dies hat viel damit zu tun, dass wir ihm jeden Tag sagen, wie sehr wir ihn lieben.

Das Wesen eines Kindes wird durch Zuneigung und liebevolles Umgehen geprägt. Frederik erhielt schon von Anfang an die größte Aufmerksamkeit von meiner Familie und mir. Wir haben ihm jedes Mal erklärt, was wir mit ihm gerade machen, ob wir ihn hochnehmen, ob wir ihn hinlegen oder zu einer anderen Person geben. Wir haben ihn sich an unsere Stimmen gewöhnen lassen und das er keine Angst vor dem haben braucht, was wir gerade mit ihm machen.

Ein Kind muss in das Vertrauen haben, was du mit ihm machst, und das erlangst du durch Kommunikation.

Durch liebevolles Sprechen zu deinem Kind zeigst du ihm, dass es keine Angst haben braucht. Wenn du ruhig und vertrauenswürdig mit Kindern sprichst, dann wird sich das in ihrem Wesen widerspiegeln. Man sieht deutliche Unterschiede zwischen Kindern, die mit achtsamer Kommunikation aufgewachsen sind und Kindern, die leider nicht die Chancen hatten, diese zu erleben.

Es gibt ein Sprichwort: Wie viele Menschen braucht ein Kind zur Entwicklung oder zum Erwachsen werden? Ein ganzes Dorf.

Damit ist gemeint, dass das Dorf als Gemeinschaft und als Erweiterung der Familie dient. Das Dorf hat aber nicht die Anonymität einer großen Stadt. Kinder brauchen viele Menschen für die unterschiedlichsten Sachen im Leben.

Die Art und Weise wie wir mit ihnen kommunizieren, hat nicht nur Auswirkung auf die Beziehung zu ihnen, sondern es prägt ihr eigenes Selbstbild und Selbstgefühl. Wie wir uns dem Kind zuwenden, wie wir es ansehen, es berühren und sogar unsere eigenen Gefühle und Gedanken haben eine Auswirkung auf das Kind und auf seine Entwicklung – wie wir also mit dem Kind kommunizieren.

Kommunikation kann auf wunderschöne Weise eine Verbindung erschaffen, aber auch eine Abgrenzung erzeugen.

Dabei spielen meine eigenen Gefühle eine ganz wichtige Rolle. Wenn ich zum Beispiel genervt oder geärgert von etwas oder jemandem bin, dann geht die Kommunikation eher in eine negative Richtung, als wenn ich mich ausgelassen und glücklich mit jemandem unterhalte.

Nicht nur die Stimme, ihr Klang oder das Gesagte ist wichtig. Wir kommunizieren mit unserem ganzen Körper. Die Haltung, die Mimik, die Gestik, der Gesichtsausdruck und unsere Augen sind wichtige Bestandteile der achtsamen Kommunikation. An mir selbst merke ich zum Beispiel, dass ich umso gerader stehe oder sitze, umso interessierter ich bin, und ich schenke dem Gespräch dann auch mehr Aufmerksamkeit.

Qualität ist für ein aufmerksames Gespräch wichtiger als die Quantität. Aber was sind Qualitäten der achtsamen Kommunikation?

Eine Qualität ist die Akzeptanz von weiteren Perspektiven oder Meinungen. Keiner sollte oder niemand darf nur auf seine eigenen Bedürfnisse schauen. Ich muss das Bedürfnis oder Anliegen meines Gegenübers oder der Gemeinschaft im Blick behalten.

Bevor du aber überhaupt mit jemandem achtsam kommunizieren kannst, und da ist es irrelevant, ob mit dir selbst oder mit jemand anderem, musst du dein Selbstmitgefühl aufbauen.

Nur wenn du dich selbst annimmst, mit all deinen Gefühlen, Bedürfnissen und Empfindungen, kannst du für dich selbst einstehen und kommunizieren. Jeder muss auch für seine Worte Verantwortung übernehmen. Jeder ist für sein Gesagtes, für seine Taten und Reaktionen verantwortlich und muss entsprechend dazu handeln.

Das achtsame Zuhören und das liebevolle Sprechen kann jeder erlernen. Ich kann zu jedem Zeitpunkt mir selbst gewisse Fragen stellen, um im Alltag kurz inne zu halten und zu bemerken, was gerade wirklich geschieht.

Du kannst dich jederzeit fragen, ob du präsent bist, was gerade passiert, was du denkst oder fühlst, ob du gerade in der Gegenwart bist oder, ob deine Gedanken gerade in der Zukunft und Vergangenheit kreisen.

Überprüfe oft, wie deine Haltung ist. Ob du gerade sitzt oder wie dein Gang gerade auf andere wirken kann. Vergiss nie deinen Gesichtsausdruck, denn die Menschen schauen ihrem Gegenüber zuerst in das Gesicht. Ich frage mich oft, wie mein Aussehen auf andere wirkt, wenn ich mit ihnen rede oder was mein Gegenüber von mir und meinem Gesagten denkt.

Meine Mama ist Kindergärtnerin und betreut auch Kinder, deren Eltern mit ihnen von ihrem Zuhause fliehen mussten

Nach dem Studium lebte eine Schulfreundin meiner Mutter ein Jahr in Afrika. Nachdem sie wieder zu Hause war, kam sie manchmal zu uns und erzählte von ihrer Arbeit in Ghana. Sie sagte, dass die meisten jungen Leute dort „keine Chance haben, ihr Leben selbst zu gestalten, so wie sie’s gerne hätten“. Und weiter sagte sie: „Seither kann ich gut verstehen, warum von dort so viele Menschen flüchten.“

Und meine Mama antwortete darauf: „Weil demnächst Flüchtlingskinder hierher zu uns kommen, bat man mich, mit den Kolleginnen darüber zu reden, was dabei zu bedenken ist.Man muss sich vorstellen, was diese Kinder alles schon erlebt haben. Viele wurden in einen Krieg hineingeboren, sie litten an Hunger, Krankheit und Zerstörung. Und der Weg hierher zu uns ist wahrhaftig kein Zuckerlecken. Sie brauchen unser Mitgefühl. Wird ein Kind geschlagen und gestraft, missbraucht oder betrogen, so wird es nachhaltig verletzt. Die Reaktionen darauf sind meistens Zorn und Hass und später Apathie. Doch da der Zorn dem Kind in der verletzenden Umgebung stets verboten bleibt und das Erlebnis, Schmerzen zu ertragen, in der Einsamkeit ganz unerträglich wird, muss das Kind seine Gefühle unterdrücken und die Erinnerung daran verdrängen. Später weiß es kaum, was ihm geschehen ist. Aber die verdrängte Angst, die Ohnmacht, die Verzweiflung lassen häufig Hass aufkommen, der durch Gewalt und Terror gegen andere zum Ausdruck kommt. Und auch der Zorn, der auf sich selbst gerichtet wird und später meist mit Alkoholmissbrauch und Drogensucht oder gar mit Suizid verbunden ist, ist plötzlich wieder da.“

Oft sagen wir Menschen etwas, worüber wir nicht nachgedacht haben oder was wir nicht so meinten. Bei der achtsamen Kommunikation wird genau auf diese „Fehler“ aufmerksam gemacht. Denn wenn es erst mal zu Missverständnissen gekommen ist, ist es oft nicht leicht, sie wieder aus der Welt zu schaffen.

Missverständnisse entstehen oft, wenn man seinem Gegenüber nicht ansieht oder überhaupt nicht sieht – zum Beispiel über das Handy. Ich verbringe sehr viel Zeit damit, über alles nachzudenken, was mir andere an diesem Tag gesagt haben und wie ich darauf reagiert habe. Oftmals fehlt uns erst im Nachhinein auf, was wir besser gemacht haben könnten. Die achtsame Kommunikation ist eine der wichtigsten Dinge im und für das Leben. Wenn jeder so aufmerksam gegenüber sich selbst, denjenigen, mit dem er kommuniziert oder der Natur sein würde, wie es vernünftig wäre, würden nicht so viele Konflikte, Streitereien oder Missverständnisse entstehen.

Ohne Kommunikation können wir nicht leben

Wenn nur die achtsame Kommunikation so leicht wäre, wie ich es hier aufgeschrieben habe. Das liebevolle Sprechen und das achtsame Zuhören, muss im Laufe des Lebens eines Menschen erlernt werden. Wir lernen durch unsere Vorbilder, die in den jungen Jahren hauptsächlich die Eltern sind. Eltern kommunizieren in jeder Begegnung mit ihren Kindern, ob es bewusst oder unbewusst ist. Größere Geschwister oder generell die ganze Familie, sind auch ein Vorbild für das kleine Kind.

Zu der achtsamen Kommunikation gehört daher natürlich auch, dass man keine Unwahrheiten erzählt oder verbreitet.

Da es aber viele Menschen gibt, die etwas Falsches und Unwahres über andere erzählen, glaube ich nicht alles, was mir erzählt wird. Wenn mir etwas erzählt wird, was von Anfang an unrealistisch klingt, dann versuche ich, mich so schnell wie möglich zu informieren oder herauszufinden, ob es die Wahrheit ist.

Ein guter Vorteil der achtsamen Kommunikation ist daher, dass du durch das aufmerksame Zuhören und durch das liebevolle Sprechen herausfinden kannst, welche Personen dir die Wahrheit sagen oder welche dir die Unwahrheit sagen. Wenn man mit jemanden liebevoll sprechen möchte, dann spielen die eigenen Gefühle und die des anderen eine große Rolle.

Die Art und Weise, wie wir uns selbst heute sehen und wie wir mit uns umgehen, wurde maßgeblich davon geprägt, wie wir gesehen wurden und wie mit uns umgegangen wurde. Wenn man sich diese vielfältigen Qualitäten und Ebenen der Kommunikation aneignen möchte, ist es nicht ausgeschlossen, dass die Kommunikation oft auch misslingen kann.

Dies ist der Bereich im Leben, in dem wir heutzutage den größten und meisten Stress erleben. Misslungene Kommunikation führt häufig zu negativen Emotionen, die wiederum negativen Stress auf die Menschen auswirken. Dies kann zu negativen psychischen Gesundheitszustände bzw. Krankheiten führen wie zum Beispiel Niedergeschlagenheit, Isolationen und Depressionen.

Es ist also immer wichtig, ein achtsames und offenes Ohr für dich selbst und für deine Mitmenschen zu haben. Mir wird immer bewusster, dass nur achtsame Kommunikation ein liebevolles und respektvolles Miteinander der Menschen wirklich macht.

Ich selber versuche immer mehr, positiv mit anderen Lebewesen zu kommunizieren und die Teile der achtsamen Kommunikation anzuwenden und mich auf andere einzustellen. In meinem Bekannten- und Freundeskreis fungiere ich oft als kommunikative Vermittlerin, da sie mich als kompetent ansehen, ihre Probleme über mich kommunikativ mit anderen Menschen zu lösen.

Mir ist bewusst, dass ich noch nicht am Ende des Lernprozesses bin, da dieser Prozess einen das ganze Leben lang begleiten sollte. Und ich möchte auch weiterhin anderen Menschen das schöne Gefühl von aufmerksamer Kommunikation vermitteln.

 


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Illustration: Neue Debatte

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3 Responses

  1. Ute Plass sagt:

    Es braucht ganz viele Schüler_innen wie Pauline, damit die ältere Generation die Chance zum Mitwachsen erkennen und ergreifen kann. :-)

    • Ulrike Nöthlich sagt:

      Ich habe Pauline von Baby an begleitet. Ich weiß wieviel sie in Sachen achtsame Kommunikation gelernt hat. Ich bin ihre Mutti und trotzdem bin ich ergriffen, wenn sie sich so tiefgründig ausdrücken kann und ihre Emotionen offenbart und die Welt auf diese wundervolle Weise begriffen hat. Ich wünsche ganz vielen Kindern und Jugendlichen dieses Glück ihr Leben so zu gestalten.

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