Was für ein Tag. Über Hanau, Faschisten, Rassisten und ihre Opfer. (Illustration: Neue Debatte)

Was für ein Tag!

Manchmal reicht die Rekonstruktion eines Tages aus, um die Lage, auch die komplexere, so zu beschreiben, wie sie ist. Und mit etwas Glück kommt dabei auch so etwas wie eine logische Schlussfolgerung heraus.

Hanau

Das Gute und Entlastende dabei ist, sich die Mühe sparen zu können, die unternommen werden muss, um eine bestimmte Botschaft zu suggerieren. Letztendlich kommt es immer auf den Versuch an:

Gestern, am frühen Morgen, als die Nachrichten über die Geschehnisse in Hanau noch sehr nebulös waren, beschäftigte mich der Gedanke an Thüringen. Ich musste zurückdenken an die mühseligen Versuche, im Jahr 2017 nach der Bundestagswahl eine Koalition zustande zu bringen, die Frau Merkel das Schicksal ersparte, mit einer Minderheitsregierung regieren zu müssen.

„Es sind Faschisten und Rassisten, die die Taten begehen und es sind Bürgerinnen und Bürger, die ihre Opfer sind.“
Nach den gescheiterten Verhandlungen zu einer sogenannten Jamaika-Koalition, die den Ruf den Landes in der Karibik nachhaltig beschädigt hätte und wahrscheinlich als Coffee-Shop-Coalition in die Geschichte eingegangen wäre, ließ sich die SPD, die sich ihrerseits bereits für die Opposition entschieden hatte, von einem Bundespräsidenten aus ihren eigenen Reihen dazu erpressen, es noch einmal Frau Merkel und ihrer Partei bequem zu machen.

Verkauft wurde das als Staatsräson. Dieselbe Partei, die damals den Gedanken der Staatsräson vom Präsidenten dankend aufnahm, eben diese CDU, sagt bei einem modifizierten Umstand, wo eine Regierung die Bürde eines Minderheitsmandats auf sich nehmen würde, bei der Mahnung an die Staatsräson schlicht: Nö!

Und so war die Überleitung gegeben für die Meldungen aus Hanau. Der Kontext wie das Setting ist immer dasselbe. Alle sind entsetzt, und es wird von feigem Mord gesprochen, was mich immer zu der Frage veranlasst, ob es mutige Morde gibt. Vielleicht der an Qasem Soleimani? Wer weiß.

Faschisten und Rassisten

Seit den 1990er Jahren kommen rassistisch motivierte Morde vor. Wer zündelt, ist immer bekannt. Und diejenigen, die jetzt aus der CDU auf die AfD zeigen, sehnen sich nach Leuten wie Roland Koch? (Sein Slogan: Kinder statt Inder!). Oder hat hier irgendjemand etwas gelernt? Wie wäre es mit einem zeitgemäßen Staatsbürgerrecht? Jus Soli; schon einmal gehört? Dann könnte man sich auch den kaum noch zu ertragenden Unsinn sparen, in einer Sprache, die alles verrät, von einem mutmaßlichen Täter, der scheinbar geistig verwirrt war und von Opfern mit Migrationshintergrund zu sprechen.

Er schrie: „Wo bleibt eigentlich der bewaffnete Arm der Demokratie?“
Die in den Jahrzehnten vorgenommene Modifikation in der Sprache der Verlautbarung haben nichts geändert. Es sind Faschisten und Rassisten, die die Taten begehen und es sind Bürgerinnen und Bürger, die ihre Opfer sind. Und der Eid der Verantwortlichen, Schaden vom deutschen Volk abzuhalten, trifft immer noch nicht auf sie zu. Gebt endlich allen einen Pass, die hier zur Welt kommen!

Dann traf ich einen langjährigen Kollegen, seinerseits Sozialdemokrat, der bei unserem Spaziergang traurig auf den Fluss blickte und darüber räsonierte, dass man an all dem nicht unschuldig sei, weil man sich von den Menschen und ihren konkreten Lebensbedingungen zu sehr entfernt habe. Ich wusste, was er meinte, und wir mussten uns nicht streiten. Einig waren wir uns auch in der Einschätzung, das harte Zeiten kommen werden, die auch jede Menge Chancen mit sich bringen werden, um den Kurs zu ändern.

Was für ein Tag!

Am Abend, in einem anderen Kreis, zeigte ein Filmemacher sein neuestes Werk. Es war die Betrachtung der Welt aus der kosmischen Perspektive und illustrierte die Nichtigkeit der menschlichen Existenz im großen, interstellaren Kontext. Aber es wurde auch verwiesen auf die Zufälligkeiten der vermeintlichen Unterschiede in der Gattung Mensch. Und es wurde deutlich, wie hirnrissig der Verweis auf den Unterschied ist, im Verhältnis der Existenz in Summe.

Es war eine traurige Nacht. In der Straßenbahn, die spärlich besetzt war, saßen junge Menschen, die andere aufgrund ihres Aussehens vielleicht schon wieder anfeinden würden. Sie starrten vor sich hin. Und hinten im Zug stand ein Mann, der plötzlich aufgebracht schrie: Wo bleibt eigentlich der bewaffnete Arm der Demokratie? Die jungen Fahrgäste zollten ihm Beifall.

Was für ein Tag!


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Illustration: Neue Debatte

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

1 thought on “Was für ein Tag!

  1. gesellschaft und staat, jahrzehntelang auf dem rechten auge blind gewesen, und npd usw., heute afd und entourage, und immer nur politiker als sonntagsredner und gutmenschen-im-nachhinein, da muss man sich nicht wundern, wenn die braunen frech in die offensive gehen, und auch ua.anschläge machen, abgesehen von ganzen netzwerken aus gewalt, hass, menschenverachtung, und schwachsinn, die als hintergrundmusik mitspielen …
    teile der polizei spielen im rechten mileu mit, ebenso bundeswehr, der verfassungsschutz mit all seinen v- und dunkelmännern nicht weniger in teilen rechts – viel spass dabei, mit solcher mannschaft rechtes milieu bekämpfen zu wollen !
    schade um die mitbürger, die dabei abgeschossen oder sonstwie verheizt werden …, aber der elite ist das völlig wurscht, es sei denn, es erwischt sie selbst (siehe raf-zeiten, da gings anders zur sache).

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